# taz.de -- Medien in Ungarn: „Orbáns Leute werden den Wind der Veränderung spüren“
> Viktor Orbán hat die ungarische Medienlandschaft umgebaut. Der Journalist
> Ákos Tóth verrät, was sein Herausforderer Péter Magyar daran ändern
> könnte.
(IMG) Bild: Viktor Orbán umringt von Journalist*innen
taz: In Ihrem neuen Buch „Nach der Eroberung“ schildern Sie detailliert,
wie [1][Premier Viktor Orbán] schon ab 2010 die ungarischen Medien umbaute
– mit neuen Gesetzen, finanziellem Druck, aufgekauften Medienhäusern.
Welche Rolle spielten dabei die Journalisten selbst?
Ákos Tóth: Ihren Kardinalfehler sehe ich darin, dass sie die Veränderungen
nicht rechtzeitig wahrgenommen haben. Nach der desaströsen
Gyurcsány-Regierung von 2006 bis 2010 waren die Erwartungen an Orbán enorm
hoch. Die Gesellschaft war durchdrungen von Enttäuschung. Spätestens 2011,
ein Jahr nach Orbáns Wahlsieg, hätten die Warnsignale sichtbar sein müssen:
Die Umgestaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen des öffentlichen
Rundfunks. Die Tatsache, dass Orbán die ungarische Verfassung ohne
gesellschaftlichen Konsens umschreiben ließ. Doch die Journalisten haben zu
spät gemerkt, dass es auch ihnen an den Kragen geht.
taz: Sie beschreiben im Buch, dass sich manche Kollegen sehr bereitwillig
auf Regierungslinie haben bringen lassen.
Tóth: Es gab tiefe Risse innerhalb des Journalismus. Konservative
Journalisten hatten sich bis dahin in der Minderheit gefühlt – was nicht
völlig aus der Luft gegriffen war, aber auch nicht so schlimm, wie es
dargestellt wurde. Mit Orbáns Machtübernahme 2010 überrollte diesen Kreis
ein überwältigendes Gefühl: „Jetzt kommt unsere Zeit.“ Und wer von diesem
Gefühl mitgerissen wird, verliert leicht seinen journalistischen Ethos.
Dass plötzlich massenhaft Werbeanzeigen geschaltet wurden und Subventionen
flossen, haben diese Kollegen akzeptiert, ohne zu reflektieren. Sie sind zu
Parteischreibern geworden.
taz: Welche Rolle hat dabei Selbstzensur gespielt?
Tóth: Eine entscheidende, und das schon sehr früh. Wenn thematische
Vorgaben aus der Partei ankommen, spüren Journalisten sehr schnell, was von
ihnen erwartet wird und handeln präventiv. Zuerst darf man über eine
bestimmte Firma nicht schreiben, dann lässt man bestimmte Sachverhalte zu
einem Politiker unter den Tisch fallen. Das ist heute in Ungarn gang und
gäbe.
taz: Wie wurden die unabhängigen Redaktionen geschwächt?
Tóth: Durch wirtschaftliche Aushungerung: Regierungsanzeigen wurden
komplett gestrichen. Und die großen Werbetreibenden kündigten ihre
Kooperationen, um Orbáns Fidesz einen Gefallen zu tun und sich selbst in
Sicherheit zu bringen. Das führte zu existenziellen Krisen bei den
unabhängigen Medien. Viele reihten sich ein und wurden auf der anderen
Seite mit offenen Armen empfangen. Sie haben ihren Ethos verloren und jedes
Interesse an Weiterentwicklung. Die unabhängigen Redaktionen, die auf
Abonnenten angewiesen sind, mussten sich hingegen weiterentwickeln. Der
Qualitätsunterschied ist enorm.
taz: Der neue Hoffnungsträger Ungarns heißt [2][Péter Magyar]. Er gibt
jedoch nur ausgewählten Medien Interviews, vermeidet heikle Themen. Wie
beurteilen Sie seine Haltung zur Presse?
Tóth: Magyar ordnet alles seinem Ziel unter, die Wahl zu gewinnen. Das ist
verständlich, denn ihm gegenüber steht eine Propagandamaschinerie, die aus
einem halben Satz eine riesige Story machen kann. [3][Die
Regierungspropaganda hat sogar gefälschte Unterlagen veröffentlicht, ein
600-seitiges Papier mit den angeblichen Wahlvorhaben der von Magyars Partei
Tisza im Bereich Wirtschaft]. Aber es stimmt: Magyars Umgang mit Medien ist
widersprüchlich. Und auch er kommt aus dem Fidesz-Umfeld und benutzt
ähnliche Techniken. Wobei er sich in den letzten zwei Jahren spürbar
weiterentwickelt hat. Er redet mittlerweile mit jedem, der ihn direkt
anspricht.
taz: Was ist von ihm in der Medienpolitik zu erwarten?
Tóth: Es gibt kein verschriftlichtes Programm dazu. Das sehe ich kritisch,
bin damit aber weitgehend allein. Eines von Magyars Hauptversprechen ist
die Wiederherstellung des freien öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Dafür
will er die dortige Berichterstattung in den ersten Wochen aussetzen, bis
die Voraussetzungen dafür gegeben sind. Wenn der Werbemarkt sich wieder
nach Reichweite und nicht nach politischer Gunst orientiert, wird die
aufgeblähte Fidesz-Medienmaschinerie schlicht nicht überleben. Sie wurde
auf staatliche Gelder gebaut und ist von Grund auf unwirtschaftlich. Das
ist nur eine Frage von Monaten.
taz: Braucht Magyar eine Zweidrittelmehrheit, um die Medienpolitik zu
ändern und etwa gegen die übermächtige, mit Orbáns Leuten besetzte
Medienbehörde vorzugehen?
Tóth: Nicht unbedingt. Man sollte auch die Menschen in diesen Institutionen
nicht unterschätzen. Selbst Orbán-Loyale werden den Wind der Veränderung
spüren. Und dann entscheidet der Charakter: Macht man seinen Job aus
fachlichen Gründen, oder hatte man andere Motivationen?
taz: In den letzten Wochen liefern die verbliebenen unabhängigen Medien
fast täglich neue Enthüllungen, etwa zu Ungarns Naheverhältnis mit
Russland. Ist der investigative Journalismus neu aufgeblüht?
Tóth: Diese Art von Onlinejournalismus ist die Zukunft, der Wandel ein
Ergebnis von 16 Jahren investigativer Arbeit. Magyar verstärkt die
Bekanntheit dieser Recherchen und nutzt sie in seinem Wahlkampf, ob beim
Thema Korruption, Armut oder dysfunktionalen Dienstleistungen. Immer mehr
Menschen treten aus der Fidesz heraus und reden öffentlich. Das System
zerfällt von innen.
taz: Sie selbst wurden Opfer des Orbánschen Medienumbaus, veloren 2015 Ihre
Stelle als stellvertretender Chefredakteur bei Népszabadság, Ungarns damals
auflagenstärkster Zeitung. [4][Ein Jahr später wurde sie vom Verlag
eingestellt]. Haben Sie je überlegt, den Journalismus sein zu lassen?
Tóth: Nein. Das Schreiben ist für mich eine Berufung. Ich bin grundsätzlich
jemand, der genau beobachtet und seine Beobachtungen teilen will. Momente
der Verzweiflung gab es natürlich. Aber so ist das Leben. Man geht seinen
Weg weiter.
taz: Seit einigen Jahren gehen Sie ihn beim von Ihnen gegründeten Medium
„Jelen“.
Tóth: Wir sind ein kleines, überwiegend spendenfinanziertes Onlineportal.
Wir machen keine Nachrichten, dafür haben wir weder die Mittel noch den
Anspruch. Wir bringen vielmehr Menschen aus verschiedenen Disziplinen
zusammen, die in ihrem Fach führend sind. Ich selbst schreibe überwiegend
Meinungskolumnen. Bei uns bekommen die Leser Hintergrund und
Interpretation, statt sich in der Nachrichtenflut zu verlieren.
10 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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