# taz.de -- Ungarn wählt neues Parlament: Orbán muss zittern
> In Ungarn hat die Parlamentswahl begonnen. Orbáns Amtszeit könnte nach 16
> Jahren enden, denn in Umfragen führt die Tisza-Partei von Herausforderer
> Péter Magyar.
(IMG) Bild: Ein Wahlhelfer gibt einen Stimmzettel für die Parlamentswahl in einem Wahllokal an einen Wähler aus
afp/rtr/dpa | In Ungarn hat die [1][international mit großer Spannung
verfolgte Parlamentswahl] begonnen, bei der Ministerpräsident Viktor Orbán
nach 16 Jahren abgewählt werden könnte. Die Wahllokale in dem
mitteleuropäischen Land öffneten am Sonntagmorgen. Sie sollen um 19.00 Uhr
schließen, erste vorläufige Ergebnisse werden gegen 20.00 Uhr erwartet. In
Umfragen liegt die Fidesz-Partei des Rechtsnationalisten Orbán deutlich
hinter der Partei Tisza des konservativen Oppositionspolitikers Péter
Magyar. Die 7,5 Millionen Wähler in Ungarn und die mehr als 500.000
Auslandswähler haben die Wahl zwischen fünf Parteien. Erwartet wird eine
hohe Wahlbeteiligung von bis zu 80 Prozent.
## Orbán vs. Magyar
Orbán regiert Ungarn seit 2010 ununterbrochen, nachdem er das Land bereits
zwischen 1998 bis 2002 geführt hatte. Kritiker werfen dem 62-jährigen
Langzeit-Regierungschef vor, Ungarn mit einem autoritären Kurs in eine
„illiberale Demokratie“ zu verwandeln. Sein Ansehen bei der Bevölkerung
leidet zudem unter Korruption und wirtschaftlicher Stagnation.
Der [2][45-jährige Magyar, früher selbst Fidesz-Mitglied], verspricht den
Ungarn einen politischen Wandel, Verbesserungen im Gesundheitswesen und bei
der Bildung sowie einen entschlossenen Kampf gegen Korruption. Er steht für
einen pro-westlichen Kurs und will Ungarn nach eigenen Angaben zu einem
verlässlichen Nato- und EU-Partner machen.
## Wahl zwischen Ost und West
An den Wahllokalen trafen am Morgen nach und nach immer mehr Wähler ein.
Der 18-jährige David Banhegyi gab in Budapest seine Stimme für Tisza ab.
„Jetzt ist unsere letzte Chance, uns endgültig für den Osten oder den
Westen zu entscheiden“, sagte der Erstwähler der Nachrichtenagentur AFP.
„Wollen wir eine normale Demokratie sein oder uns nach Osten wenden, und
zwar ohne Möglichkeit zur Umkehr?“
Aus Sicht der Wählerin Maria Toth ist es dagegen wichtig, dass Orbán an der
Macht bleibt. Sie habe „das Gefühl, dass Ungarn von so vielen Seiten unter
Beschuss steht und Großmächte wie Brüssel versuchen, uns vorzuschreiben,
wie wir zu leben haben“, sagte die zweifache Mutter AFP. „Wenn er verliert,
mache ich mir Sorgen um die Zukunft meiner Kinder.“
Die Parlamentswahl in Ungarn gilt auch für die EU als richtungsweisend:
Orbán liegt bei vielen Themen mit der EU-Kommission und den anderen
EU-Staaten über Kreuz. So blockiert Ungarn weiter EU-Hilfen für die
Ukraine. Orbán pflegt gute Beziehungen sowohl zum russischen Staatschef
Wladimir Putin als auch zu US-Präsident Donald Trump.
## Russland und USA für Orbán
Experten zufolge versuchte Russland, den Wahlkampf zu Gunsten von Orbán zu
beeinflussen. Orbán seinerseits bezeichnete seinen Rivalen Magyar als
„Marionette“ der EU – und warf der Ukraine vor, Ungarn in den Krieg gegen
Russland hineinziehen zu wollen.
Gleichzeitig erhielt Orbán im Wahlkampf massive Unterstützung von der
US-Regierung. So reiste [3][US-Vizepräsident J. D. Vance kurz vor der Wahl
nach Budapest und trat gemeinsam mit Orbán auf]. Trump selbst warb offen
für eine Wiederwahl Orbáns und versprach dem Land im Falle eines
Orbán-Siegs wirtschaftliche Unterstützung.
## Magyar optimistisch
Der ungarische Oppositionsführer Péter Magyar hat die Parlamentswahl als
historische Richtungsentscheidung für das Land bezeichnet. Es sei eine Wahl
„zwischen Ost und West“, sagte der Chef der Tisza-Partei nach seiner
Stimmabgabe am Sonntag in Budapest. Seine Partei werde die Wahl gewinnen.
„Die einzige Frage ist, ob mit einer einfachen oder einer
Zwei-Drittel-Mehrheit“. Auch der amtierende Ministerpräsident Viktor Orbán
gab sich zuversichtlich. „Ich bin hier, um zu gewinnen“, sagte er nach
seiner Stimmabgabe.
Magyar kündigte für den Fall eines Wahlsiegs an, als Erstes gegen die
Korruption vorzugehen und die von der EU eingefrorenen Gelder für Ungarn
freizugeben. Zudem werde seine Regierung die Position Ungarns in der EU und
der Nato stärken. Er rief die Wähler dazu auf, alle Unregelmäßigkeiten bei
der Stimmabgabe zu melden. „Wahlbetrug ist ein sehr schweres Verbrechen“,
sagte er. Orbán erklärte seinerseits, Europa steuere auf eine große Krise
zu. Es brauche eine starke nationale Einheit, um dieser zu widerstehen.
## Letzte Wahlkampfauftritte Orbáns und Magyars
Am Samstagabend hielten die beiden Hauptkontrahenten ihre
Schlusskundgebungen ab. Orbán warb auf der Burg von Buda vor gut 2.000
Anhängern mit seiner langen Regierungserfahrung. Er empfahl sich als „die
sichere Wahl“ und als Garant dafür, dass das Land nicht in den Krieg in der
benachbarten Ukraine hineingezogen werde. Magyar wiederum versprach in der
ostungarischen Stadt Debrecen einen Neuanfang nach Jahrzehnten schlechten
und oft korrupten Regierens. Ihm hörten mehr als 10.000 begeisterte
Menschen zu.
Den Umfragen zufolge könnte nur eine einzige weitere Partei die für den
Einzug ins Parlament maßgebende Fünf-Prozent-Hürde überspringen. Die
rechtsextreme Partei Unsere Heimat (Mi Hazank) gilt als potenzieller
Bündnispartner des Fidesz für den Fall, dass Magyars Tisza keine
Parlamentsmehrheit erringt. Linke, grüne und liberale Parteien haben
diesmal keine Chance auf einen Parlamentseinzug oder treten erst gar nicht
zur Wahl an, um dem Orbán-Herausforderer Magyar nicht Stimmen wegzunehmen.
## Wahlsystem begünstigt die Regierungspartei
Ungarns Wahlsystem ist sehr komplex. Orbán und seine Juristen haben es so
ausgestaltet, dass die Fidesz-Partei unverhältnismäßige Vorteile genießt.
106 der 199 Mandate werden in Einzelwahlkreisen vergeben. Das Mandat
gewinnt der Kandidat, der die relativ meisten Stimmen hat. Die Wahlkreise
sind so zugeschnitten, dass größere Städte auf mehrere Kreise aufgeteilt
sind, denen ländliche Gebiete zugeschlagen sind.
In den kleineren Dörfern verfügt Fidesz über eine starke Wählerbasis,
während die Bürger in den Städten mehrheitlich der Tisza zuneigen.
Wahlforschern zufolge kann der Fall eintreten, dass Tisza mit ein bis drei
Prozentpunkten Vorsprung vor dem Fidesz gewinnt und die Orbán-Partei am
Ende dennoch eine Parlamentsmehrheit hat. Rund acht Millionen Bürger sind
wahlberechtigt. Die Wahllokale öffnen um 6 Uhr und schließen um 19 Uhr. Es
gibt keine Wahltagsumfragen und keine Hochrechnungen. Mit aussagekräftigen
Teilergebnissen wird am späten Sonntagabend gerechnet.
Die Wahlkommission gibt nach der Schließung der Wahllokale fortlaufend
Teilergebnisse auf der Grundlage des jeweiligen Auszählungsstandes bekannt.
Bei einem knappen Ergebnis könnte der Fall eintreten, dass jene Stimmen,
die ungarische Wahlberechtigte an Botschaften und Konsulaten im Ausland
abgeben, das Ergebnis noch verändern könnten. Diese Stimmen werden erst bis
zum nächsten Samstag ausgezählt. Am diesem Sonntag würde dann noch kein
definitives Ergebnis vorliegen.
## In den Umfragen führt Magyars Tisza-Partei
Die meisten Umfragen gehen aber von einem klaren Wahlsieg Magyars aus, mit
einem Vorsprung von rund zehn Prozentpunkten oder mehr. Offen wäre die
Frage, ob Magyars Tisza eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit im
neuen Parlament haben wird. Dies würde dem Oppositionellen das Regieren
erheblich erleichtern. Orbán hatte über diese Super-Mehrheit nach allen
Wahlen seit 2010 verfügt. Aufgrund der Unausgewogenheit des Wahlsystems und
der Zersplitterung der damaligen Opposition reichten ihm dafür Stimmanteile
zwischen 45 und 54 Prozent.
Auf diese Weise besetzte er wichtige Institutionen wie das
Verfassungsgericht, den Obersten Gerichtshof oder die
Medienaufsichtsbehörde mit treuen Gefolgsleuten. Sie könnten zahlreiche
politische Vorhaben Magyars wie etwa die Bekämpfung der Korruption
blockieren. Den meisten Umfragen zufolge ist eine Zweidrittelmehrheit für
Magyar nicht ausgeschlossen, zugleich aber auch eher unwahrscheinlich.
12 Apr 2026
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