# taz.de -- Wahltag in Ungarn: Schlangen vor den Wahllokalen
> In Ungarn sind viele Menschen unterwegs, eine Rekordwahlbeteiligung
> deutet sich an. Bis mittags haben schon 54 Prozent der Berechtigten
> abgestimmt.
(IMG) Bild: Vor Dutzenden Fotograf*innen gibt Herausforderer Peter Magyar seine Stimme ab. Er hofft auf eine klare Mehrheit
In Budapest kommt man am Wahlkampf nicht vorbei – auch an diesem
möglicherweise historischen Wahltag nicht. „Lasst uns zusammenhalten gegen
den Krieg“, prangt auf dem Gesicht von Viktor Orbán auf einem Plakat,
gleich beim Kelenföld-Bahnhof. Überklebt ist sein Gesicht mit einem Sticker
von Tisza, jener Partei, die ihn herausfordert. „Denk an das Vaterland.
Wähle den Sauberen“, steht darauf. Gemeint ist [1][Tisza-Vorsitzender Péter
Magyar], zu dessen größten Versprechen ein Aufräumen mit der grassierenden
Korruption zählt.
Womit die Fronten der heutigen Parlamentswahl umrissen sind. Nach 16 Jahren
an der Macht und seinem beispiellosen illiberalen Umbau Ungarns könnten
Ministerpräsident Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei heute abgewählt
werden. Die [2][Umfragen] deuten ganz darauf hin und bescheinigen Magyar
und seiner Tisza eine deutliche Mehrheit. Gar eine Zweidrittelmehrheit
erscheint möglich.
In Budapest sind viele Menschen auf den Straßen unterwegs, vor manchen
Wahllokalen bilden sich Schlangen. Der Eindruck täuscht nicht: Die
vorläufigen Auszählungsstände weisen auf eine Rekord-Wahlbeteiligung hin:
54,1 Prozent der Wahlberechtigten haben bis 13 Uhr bereits abgestimmt. Am
Ende des Wahltages könnte gar eine Beteiligung von 75 bis 80 Prozent
stehen, etwa zehn Prozent höher als sonst.
Am Batthyány-Platz, direkt gegenüber vom ungarischen Parlament auf der
anderen Donauseite, stehen schon die Bierbänke, Leinwände und Lautsprecher.
Abgesehen von letzten Arbeiten der Tisza-Freiwilligen und Eventfirmen ist
es noch ruhig. Bis zum Abend werden auch die Zapfanlagen aufgestellt sein,
wenn Péter Magyar auf diesem eher kleinen und eingezwängten Platz zur
Wahlfeier lädt. Erwartet werden Tausende Anhänger. Orbáns Fidesz begeht den
Wahlabend, wie immer, abseits der Öffentlichkeit in einem Kongresszentrum.
## Rund 90 Prozent werden wohl Fidesz oder Tisza wählen
Ob das Regierungslager eine Niederlage anerkennen würde, ist völlig offen.
Am Wahltag legte Regierungssprecher Zoltan Kovacs mit einem [3][Posting]
bereits die Grundlage für eine Wahlanfechtung. Er berichtet von knapp 700
Beispielen von „Wahlverletzungen“ und spricht gar von „Wahlbetrug“ durch
Tisza. Tatsächlich ist es Orbáns Fidesz-Partei, die seit Jahren tausendfach
Stimmen in ärmlichen Gemeinden kauft – auch diese Wahl dürfte keine
Ausnahme sein.
Den Wahlkampf-Abschluss begingen Orbán und Magyar am Samstagabend. Orbán
hielt seine Schlusskundgebung vor rund 2.000 Menschen in Budapest ab, der
traditionell oppositionellen Hauptstadt. Seine Kernbotschaft war einmal
mehr Stabilität – nur er, Orbán, könne ein Ausweiten des Ukrainekriegs auf
Ungarn verhindern.
Magyar trat vor etwa 10.000 Menschen in Ungarns zweitgrößter Stadt Debrecen
auf, tendenziell einer Fidesz-Hochburg. „Der Platz Ungarns ist, war und
wird in Europa sein“, rief Magyar von der Bühne.
Voraussichtlich werden Fidesz und Tisza etwa 90 Prozent der Mandate auf
sich vereinen. Von den antretenden Kleinparteien werden einzig der
rechtsextremen Mi Hazánk gute Chancen auf den Einzug in die
Nationalversammlung eingeräumt. Viele Parteien aus dem linken und liberalen
Spektrum waren angesichts der Ausgangslage gar nicht erst angetreten.
## Aussagekräftige Ergebnisse erst gegen Mitternacht
Bei allen Vorhersagen gibt es jedoch wichtige Einschränkungen: Ungarn wählt
nach einem gemischten System. Von den 199 Parlamentssitzen werden 106 in
Wahlkreisen nach einfacher Mehrheit vergeben, die übrigen 93 über
landesweite Parteilisten. Orbán hat die Wahlkreisgrenzen in den vergangenen
Jahren mehrfach zu seinen Gunsten neu gezogen – wie man es vom
„Gerrymandering“ in den USA kennt.
Hinzu kommt ein Bonusmechanismus: Überschüssige Stimmen, die ein Kandidat
über das zum Sieg nötige Maß hinaus erhält, werden auf die nationale
Parteiliste der siegreichen Partei übertragen – ein struktureller Vorteil
für starke Parteien. In der Praxis hat dieses System dazu geführt, dass
Fidesz bei den Wahlen 2014, 2018 und 2022 mit jeweils rund 45 bis 52
Prozent der Listenstimmen stets eine Zweidrittelmehrheit im Parlament
errang. Von demselben Mechanismus könnte nun Magyars Tisza profitieren.
Die Wahllokale schließen um 19 Uhr, dann wird ausgezählt. Es gibt, anders
als in Deutschland, keine Nachwahlbefragungen (Exit Polls) und keine
Hochrechnungen. Die ersten eintreffenden Zahlen sind also noch mit Vorsicht
zu genießen. Voraussichtlich erst gegen Mitternacht wird es verlässliche
Ergebnisse geben.
Nicht berücksichtigt sind bei den heutigen Ergebnissen die Stimmen einiger
Hunderttausend Ungarinnen und Ungarn im Ausland. Das Endergebnis der Wahl
wird erst kommenden Samstag bekanntgegeben.
12 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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