# taz.de -- Parlamentswahlen in Ungarn: „Wir haben Ungarn befreit“
> Viktor Orbáns Herausforderer Péter Magyar gewinnt deutlich– Budapest
> feiert. Eindrücke aus der Nacht.
(IMG) Bild: Péter Magyar, der Kandidat der Oppositionspartei Tisza, bei einer Kundgebung vor der Wahl
Bereits kurz nach 19 Uhr brandet bei der Tisza-Wahlparty am Donauufer in
der ungarischen Hauptstadt Budapest erstmals Jubel auf. Schon als über die
Lautsprecher die höchste Wahlbeteiligung seit 1989 verkündet wird,
klatschen Tausende auf dem prall gefüllten Batthyány-Platz. Als sich im
Verlauf des Abends ein Tisza-Sieg abzeichnet, kennt die Freude kein Halten
mehr.
Die [1][Bewegung um Péter Magyar] kommt nach Auszählung von gut drei
Viertel der Stimmen auf 136 von 199 Mandaten – und damit auf eine knappe
Zweidrittelmehrheit. Ministerpräsident Viktor Orbán trat noch vor
Bekanntgabe des Endergebnisses vor seine Anhänger und räumte die Niederlage
seines Fidesz ein.
Das Ergebnis sei eindeutig, auch wenn es wehtue. Orbáns Partei, auch er
selbst, werde die Rolle der Opposition annehmen und dem Land weiter dienen.
Péter Magyar hat seinen Sieg mittlerweile als eine Befreiung des Landes
gefeiert. „Gemeinsam haben wir das Orbán-Regime gestürzt – gemeinsam. Wir
haben Ungarn befreit, wir haben uns unsere Heimat zurückgeholt“, sagte der
konservative Oppositionsführer am späten Sonntagabend vor zehntausenden
jubelnden Anhängern in Budapest. Der 45-Jährige sprach von einem
„historischen Regierungsmandat“.
Mittlerweile haben auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und
EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen Magyar zum Wahlsieg
gratuliert. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hofft auf Zusammenarbeit für
ein „geeintes Europa“.
## Historische Wahl
Klar ist schon jetzt: Diese Wahl ist historisch. Die Wahlbeteiligung dürfte
am Ende bei rund 80 Prozent liegen, höher als je zuvor im demokratischen
Ungarn. Der bisherige Rekord stammte aus dem Jahr 2002, als rund 73,5
Prozent der Ungarn zur Wahl gingen – damals ebenfalls bei einer
Richtungswahl, bei der es um Orbáns erste Abwahl ging.
„Für Tisza, natürlich“ habe er gestimmt, sagt Ferencz Kovacz, der auch
unter den Tisza-Anhängern steht. Der 18 Jahre alte IT-Student durfte zum
ersten Mal wählen. Die Regierung sei immer repressiver geworden, sagt er,
als plötzlich lautes Pfeifen und „Russkij Posor“ Rufe aufbranden,
„russische Schande“. Der Grund: Auf der Leinwand läuft eine Pressekonferenz
des Regierungslagers. Die Stimmung ist insgesamt verhalten, die
Unsicherheit noch zu groß.
„Wir hoffen, dass es am Ende reicht für die Wende“, sagt Hanna, 29, die als
Kellnerin nach Österreich pendelt. Grund seien die dort doppelt so hohen
Löhne. „Ich habe Magyar gewählt, weil Orbán korrupt ist und Ungarn kaputt
macht“, ergänzt ihre Freundin Krisztina, die sogar in Österreich einkauft
und tankt, obwohl es dort teurer ist. Doch sie wolle keinen Cent zugunsten
der korrupten Orbán-Regierung ausgeben. Mit Magyar an der Spitze werde sich
hoffentlich alles zum Besseren ändern.
Am frühen Abend werden bereits erste Europafahnen geschwenkt. Und richtig
laut wird der Jubel um kurz nach halb acht, als Magyar auf der Leinwand
eingeblendet wird: „Noch nie sind so viele Menschen wählen gegangen. Und
ich bin sehr optimistisch, dass es für uns reicht.“ Der Oppositionsführer
bedankt sich via Video bei den Zehntausenden Freiwilligen und kündigt an,
jeden bekannten Fall des massenhaften Stimmenkaufs seitens des
Regierungslagers zur Anzeige zu bringen.
## Orbán erkennt Wahlniederlage an
Experten zufolge war Orbán viel zuzutrauen, um an der Macht zu bleiben –
etwa die Inszenierung eines Sicherheitsvorfalls. Seit Monaten zeichnet
Orbán das Bild einer feindseligen Ukraine, die es auf Ungarn abgesehen
habe. Magyar nimmt in seiner ersten Pressekonferenz nach Wahlschluss auf
mögliche Verzweiflungstaten Orbáns Bezug: „Wir müssen ruhig bleiben und uns
vor Provokationen schützen“, sagt Magyar.
Die Sorgen teilen auch viele, die zur Wahlfeier gekommen sind.
Ausgeschlossen ist dieser Tage nichts mehr. „Jetzt darf nichts mehr
passieren, sonst wird es da drüben brennen“, meint Krisztina und zeigt
hinüber auf das inzwischen hell angestrahlte Parlament.
Doch fürs Erste überwiegt die Erleichterung unter den Tisza-Anhängern.
Magyars versöhnliche Worte vom Nachmittag – „Lasst uns mit Ruhe und Würde
Abschied nehmen“ – scheinen sich zu bewahrheiten. Die Wahlnacht ist noch
nicht vorbei, doch Ungarn steht allem Anschein nach vor einer historischen
Wende.
12 Apr 2026
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(DIR) Florian Bayer
(DIR) Mathias Brüggmann
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