# taz.de -- Der Körper im Patriarchat: Willst du meine Freund*in sein?
       
       > Körper stehen im Zentrum feministischer Solidarität. Damit die gelingen
       > kann, müssen Flinta* Freundschaft mit ihm schließen.
       
 (IMG) Bild: Unsere Körper sind politisch: FEMEN-Aktivistinnen demonstrieren im November 2022 in Spanien
       
       Lieber Bauch, 
       
       was brauchst du, dass ich dir noch nicht gebe? Mache ich immer noch zu
       wenig Pausen? Esse ich zu wenig? Ich probiere so sehr, mich zu bessern und
       bin dir so dankbar, dass du mich durch die Schmerzen auf die Missstände in
       meinem Umgang mit mir selbst aufmerksam gemacht hast. Wer weiß, vielleicht
       hätte ich sonst eine Karriere als neurotische Leistungsoptimiererin
       eingeschlagen – und eine der Magersucht. Danke, dass du mich davon
       abgehalten hast. 
       
       Ich war nicht fair zu dir: Zehn Jahre lang hast du nur gegeben und ich nur
       genommen. Es ist völlig in Ordnung, dass du rebellierst und mir Schmerzen
       zufügst. Du sollst genügend Zeit haben, all die Verletzungen aus den
       letzten Jahren aufzuarbeiten und mich weiter plagen, bis du dir sicher
       bist, dass du dich auf mich verlassen kannst. Dass du dafür Zeit brauchst,
       verstehe ich. Aber ich versichere dir: ab jetzt kannst du mir vertrauen.
       Wir schaffen das zusammen. Ich liebe dich.
       
       Zehn Jahre lang musste ich meinen Körper gewaltsam disziplinieren, bevor
       ich gelernt habe, so mit ihm zu sprechen. Bevor ich ihm in Briefen meine
       bedingungslose Dankbarkeit aussprechen und ihn wertschätzen konnte – wenn
       er funktioniert, genauso, wie wenn nicht.
       
       Der neoliberale Spätkapitalismus lehrt uns, unsere Körper nur dann
       wahrzunehmen, wenn sie stören. In einer Gesellschaft, in der
       Leistungsfähigkeit als wichtigster Maßstab gilt, trainieren wir uns an, die
       Streiksymptome unserer Körper zu unterdrücken, Erschöpfung und Schmerz zu
       ignorieren. Der kranke Körper wird als wertlos erachtet, denn er arbeitet
       nicht, er verweigert sich der Verwertungslogik.
       
       ## „Mein Körper ist meine Waffe“
       
       Nicht nur der kranke Körper wird abgewertet – auch der dicke Körper,
       trans*, alte, kranke, Schwarze Körper oder jene mit Behinderung werden
       markiert, normiert und stigmatisiert. Was bleibt ist eine Gesellschaft der
       „Hardbodys“. So bezeichnet der Philosoph Björn Vedders die Körper unserer
       Instagram-Gegenwart in seinem Essay „Solidarische Körper“. In der
       „Hardbody“-Gesellschaft sind Körper und Beziehungen undurchlässig, den
       Menschen entweicht alles Weiche und Verletzliche. Solidarität und Empathie
       haben nur wenig Raum.
       
       Dabei stehen Körper im Zentrum jeder Solidarität. Weltweit setzen Menschen
       ihre Hände, Finger, Füße, Brüste, Haare, Vulven, Lippen, Stimmen, Augen,
       Seelen, Herz und Blut ein, um Missstände anzuprangern und Widerstand zu
       leisten. „Mein Körper ist meine Waffe“, schreiben sich Aktivistinnen auf
       ihre nackten Oberkörper, etwa, um gegen den russischen Angriffskrieg auf
       die Ukraine oder für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen zu
       demonstrieren. Umweltaktivist*innen kleben sich bei Minusgraden auf
       die Straße, nehmen erfrorene und verletzte Körperteile in Kauf, um die
       Dringlichkeit der Klimakrise sichtbar zu machen. Andere gehen noch weiter,
       sie treten in den Hungerstreik und riskieren ihr Leben, etwa aus Protest
       gegen unzureichende Klimapläne oder in Solidarität mit [1][der in Ungarn
       inhaftierten Antifaschist*in Maja T]. Weltweit flechten sich Flinta*
       die Haare, schneiden oder rasieren sie sich ab, um auf
       geschlechtsspezifische Gewalt aufmerksam zu machen.
       
       Körperlicher Protest kehrt Machtverhältnisse um: Wenn Flinta* sich die
       Haare abrasieren, entziehen sie sich normativen Vorstellungen von
       weiblicher Schönheit. Oberkörperfreie Aktionen setzen ein Zeichen gegen
       patriarchale Kontrolle über den weiblichen Körper – und die ist
       allgegenwärtig. Staaten regulieren Körper: durch Gesetze zu Nacktheit,
       Reproduktion, Geschlechtsidentität ebenso wie durch Normen von Schönheit,
       Anstand und Geschlechterrollen. Das Ziel: Disziplinierung. Das gilt vor
       allem für den weiblichen Körper. Narben, Dehnungsstreifen, Menstruation,
       Schwangerschaft, Alter – alles, was nicht makellos ist, wird abgewertet.
       
       Weibliche und queere Körper stehen unter Dauerbeobachtung. Sie werden
       verglichen, bewertet, kommentiert und öffentlich diskutiert. Die Devise:
       anpassen, gefallen, wenig Raum einnehmen. Im Patriarchat wird
       Flinta*-Personen von klein auf beigebracht, sich durch den „male gaze“ zu
       betrachten, den männlichen Blick, sich auf Abweichungen und Fehler zu
       prüfen – und auf Sexualisierbarkeit.
       
       ## Entfremdung ist die Regel
       
       Das Spiel ist nicht zu gewinnen. Was Flinta* Vorteile verspricht, wird
       ihnen zugleich zum Nachteil. [2][Als attraktiv gelesene Flinta* profitieren
       nachweislich in bestimmten Bereichen, etwa auf dem Arbeitsmarkt oder im
       Gesundheitswesen.] Gleichzeitig wird ihnen mehr Irrationalität,
       Emotionalität und Schwäche zugeschrieben. Von Flinta* wird erwartet, Kinder
       zu bekommen – nur um sie im Anschluss für ihre „imperfekten“ Körper zu
       beschämen.
       
       Die Folge sind Flinta* mit brüchigem Selbstwert, die allzu oft
       gesellschaftliche Erwartungen über das körperliche Wohlbefinden stellen –
       und dafür einen hohen Preis zahlen. Ein liebevolles Verhältnis zum eigenen
       Körper ist eher die Ausnahme, Entfremdung oder Dissoziation vielmehr die
       Regel. Die Schauspielerin Caroline Herfurth brachte diesen Verlust an
       Selbstwahrnehmung auf den Punkt, als sie fragte: „Woher soll ich nach
       zwanzig Jahren in einem von dieser Kultur geprägten Frauenkörper noch
       wissen, wo meine Grenze ist?“
       
       Solidarität beginnt dort, wo diese strukturelle Dauerbewertung und
       Kontrolle über den weiblichen Körper offen thematisiert wird, die Spuren
       nicht individualisiert werden und Flinta* aufhören, sich für das zu
       schämen, was ihnen widerfährt. Die Gewaltgeschichten weiblicher Körper
       dürfen nicht verschwiegen oder weggelasert werden. Die Geschichten, die
       diese Körper tragen, sind politisch. Die Abwertung „unproduktiver“ oder als
       defizitär gebrandmarkter Körper ist kein Zufall, sie ist ein elementarer
       Baustein patriarchaler, faschistischer Ideologie – von den Nazis bis zur
       AfD.
       
       Doch Björn Vedder gibt Hoffnung. Der Philosoph zeigt, dass nicht nur
       Gesellschaft und Normen Körper formen, sondern ebenso Körper die
       Gesellschaft gestalten. Wenn wir es also schaffen, unser Körperbild zu
       verändern – Stichwort [3][Body Neutrality] – öffnen wir Raum für mehr
       Solidarität. Feministische Schwesternschaft entsteht jedoch erst, wenn
       Flinta* ihre Daseinsberechtigung nicht länger primär ihrer Attraktivität zu
       verdanken haben, wenn sie dem Druck, wenig Raum einzunehmen, widerstehen
       und wenn unsere Mütter ohne Scham über ihre eigenen Verletzungen sprechen.
       Solidarität wird schließlich erst dann gelingen, wenn wir solidarisch sind
       mit dem eigenen Körper. Wenn wir ihn als Freund*in wahrnehmen, seine
       Signale erkennen und ernstnehmen.
       
       Also, Schwestern, fragt doch mal eure Hände und Herzen, wie es ihnen heute
       geht.
       
       7 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Urteil-gegen-Maja-T/!6147127
 (DIR) [2] https://www.uni-wuppertal.de/de/news/detail/attraktivitaet-im-job-zahlt-sich-aus-unabhaengig-von-der-berufswahl/
 (DIR) [3] /Fettaktivistin-ueber-Stereotype/!5990184
       
       ## AUTOREN
       
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