# taz.de -- Solidarität im Internet: Vom Netz auf die Straße und zurück
> Das Internet kann ein wunderbarer Ort für feministische Solidarität sein.
> Eine Handlungsanweisung für den Kampftag.
(IMG) Bild: Das Internet kann ein solidarischer, aber auch ein grausamer Ort sein. Ein feministischer Internet-Spa-Day könnte Abhilfe schaffen
„Hi, ich wollte dich fragen, ob du Lust auf ein Treffen hast, wo du mir in
die Eier trittst und ich dir Geld dafür gebe.“ Diese Nachricht schickt mir
ein fremder Mann. Als ich sie anonymisiert auf meinem Social-Media-Profil
teile, erhalte ich einen ganzen Schwall von Solidaritätsbekundungen. Es
sind unterstützende Nachrichten, die meine Wut, meinen Ekel und die fast
zur Floskel verkommene Erkenntnis teilen: Einem Mann wäre das nicht
passiert. Der Rückhalt, die feministische Solidarität, die ich bekomme,
hilft. Das Internet kann ein wunderbarer Ort für feministische Gemeinschaft
sein.
Doch wo feministische Solidarität das Ziel ist, ist sie nicht zwingend auch
das Ergebnis – oder das einzige Ergebnis.
Wer kann sich schon die Kommentarspalte eines Beitrags – sagen wir mal –
zum feministischen Kampftag vorstellen, in die sich nicht haufenweise
Männer selbst einladen, um zu fragen, wann denn endlich ein Männertag
eingeführt wird. Wer kann sich eine Kommentarspalte vorstellen, in der sich
nicht sofort ungefragt Menschen einfinden, die Solidarität zeigen, sondern
die Debatte sabotieren.
Es gibt natürlich einen Männertag und die Opferrolle von
Nicht-Feminist:innen ist selbst kreiert. Für diese Opferrolle findet man in
der digitalen Welt allerdings leicht Unterstützung. Wo sich
Feminist:innen organisieren können, um gemeinsam gegen Sexismus auf die
Straße zu gehen, können sich auch Sexist:innen finden. Sie können sich
gegenseitig den letzten Zweifel nehmen, ob ihre Ansichten falsch sind und
sich gegenseitig noch tiefer in den Hass gegen alles Nicht-Männliche
hineinziehen.
## Gewaltspiralen ins Reale hinein
Das könnte uns egal sein, wenn es Gewaltspiralen ins Reale hinein nicht
geben würde. Denn Hasskommentare sind ja nur die Spitze des Eisbergs und
sie allein sind für die meisten FLINTA* wahrscheinlich nicht mehr das, was
sie nachts wach hält.
Der Austausch über Gewaltfantasien gegen Frauen und Queers bis hin zu
Tipps, wie man diese am besten umsetzen kann, ist kinderleicht im Netz. Die
Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh zum Beispiel deckten in einer
[1][Investigativ-Reportage] ein Vergewaltiger-Netzwerk auf der
Messaging-Plattform Telegram auf. Im entsprechenden Chat sprachen Männer
darüber, welche Betäubungsmittel sich eignen, um Frauen zu missbrauchen,
und planten gemeinsam schwerste sexualisierte Straftaten.
Auch die Vergewaltigungen der Französin [2][Gisèle Pelicot] durch
mindestens fünfzig verschiedene Männer wurden vom Haupttäter, ihrem
mittlerweile geschiedenen Ehemann, über das Internet organisiert.
Wie kann man sich darüber freuen, dass man im Netz leicht und wunderbar
feministische Gemeinschaft erfahren kann, wenn die männliche
Gewaltbereitschaft das Ruder in gleichem Maße wieder herumreißt?
## Klingt radikal, weil es das ist
Zum Glück gibt es konstruktivere Arten des Umgangs damit, als zu
verzweifeln und dem Internet für immer zu entsagen. Zum Beispiel einen
feministischen Internet-Spa-Day.
Als 1910 auf der Internationalen Konferenz Sozialistischer Frauen der
i[3][nternationale feministische Kampftag] eingeführt wurde, war die Idee,
Frauen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen. Sie sollten mehr
Autonomie über das eigene Leben gewinnen. In einem System zu leben, das
insgesamt nach rechts rückt, macht feministisches Sein und feministische
Räume auch im Internet verwundbar. Also müssen wir dort gleichzeitig
Lautstärke und Selbstfürsorge üben, so wie wir es auch auf der Straße tun.
Deshalb sage ich dir jetzt, was du am feministischen Kampftag machst:
1. Du schaust dir keine Videos von Männern an. Jeder Typ, egal worüber er
spricht, wird heute weggescrollt. Männer hören ständig nur ihresgleichen
zu. Davon können FLINTA* sich inspirieren lassen.
2. Keine Musik, keine Podcasts, keine Bücher von Männern. Klingt radikal,
weil es das ist.
3. Beiträge von FLINTA*, die dir in deine Social-Media-Kanäle gespült
werden, bekommen von dir Likes und Kommentare. Egal, ob explizit politisch
oder nicht.
4. Am Kampftag bekommen deine Lieblingspodcasterinnen eine positive
Rezension.
5. Beim kleinsten Anzeichen, dass dir dein Medienkonsum gerade nicht
guttut, machst du dein Handy aus. Am feministischen Kampftag musst du dich
nicht mit News beschäftigen, bis dein Nervensystem Alarm schlägt.
7 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.ardmediathek.de/video/ndr-info/vergewaltiger-netzwerk-auf-telegram-aufgedeckt/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS83M2ZiOTE5Ni02OTc5LTQ0YTktOWQ5MS0zMTFlNDYzOGJiMGQ
(DIR) [2] /Memoiren-von-Gisele-Pelicot/!6155045
(DIR) [3] /Hundert-Jahre-Frauentag/!5125422
## AUTOREN
(DIR) Annika Reiß
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