# taz.de -- Unsolidarische Mogelpackung: Sorry, aber FLINTA ist gescheitert
       
       > Wir müssen die Frage nach sicheren Räumen neu beantworten. Es gibt
       > Alternativen. Lasst es uns gemeinsam ausprobieren und wieder scheitern!
       
 (IMG) Bild: Darauf erst mal einen FLINTA-Kaffee: Aktivist*innen haben die Frauenstraße in Münster zur „FLINTA*-Straße“ gemacht
       
       Du öffnest langsam die Tür, an der ein Stück Papier mit der Aufschrift
       „FLINTA*“ klebt. Ein paar Köpfe drehen sich zu dir, einen Moment lang ist
       es mucksmäuschenstill. Jemand sagt: „Sorry. Der Raum ist nur für FLINTA.“
       „Ja“, sagst du. „Deshalb bin ich hier.“ – „Wir wollen hier heute unter uns
       sein.“
       
       Die Idee FLINTA ist gescheitert. Sie ist eine unsolidarische Mogelpackung
       geworden. Eine Tür, auf der steht, dass Frauen, Lesben, inter, nichtbinäre,
       trans und agender Personen sich wohlfühlen dürfen, die aber in einen Raum
       führt, in dem oft vor allem Wohlfühlen für cis Frauen drin ist. Einer, in
       dem die anderen dann häufig doch nicht so sicher sind. Wer hat Lust auf die
       FLINTA-Date-Night mit Alice Schwarzer und J. K. Rowling? Wir nicht. Grrrls,
       Boys, Theys – let’s do better.
       
       Das deutsche Akronym FLINTA (oder FLINTA*) soll all jene Personen benennen,
       die aufgrund ihrer Identität patriarchal diskriminiert werden. Da
       patriarchale Gewalt von cis endo Männern ausgeht – so die Theorie –, soll
       das Akronym sie ausschließen und so Räume von patriarchaler struktureller
       Gewalt befreien. Solche Schutzräume braucht es, aber nur wenige sind
       wirklich sicher.
       
       Ableismus, Rassismus, Fettfeindlichkeit und Zweigeschlechtlichkeit, mit
       denen viele Menschen im FLINTA-Akronym täglich zu kämpfen haben, werden oft
       vernachlässigt. Und nein, das war keine vollständige Aufzählung.
       
       ## FLINTA ist zum generischen Feminimum geworden
       
       Die heutigen FLINTA-Räume sind Nachfolger*innen der Frauen- und
       FrauenLesbenräume der 1970er, die während der 1990er und 2000er Jahre zu
       FLIT-Räumen wurden. Notwendig als Schutz vor patriarchaler Gewalt, beerben
       sie die deutsche feministische Bewegung, die lange eine reine cis
       Frauenbewegung war, und schreiben gleichzeitig ihre Prinzipien des
       Ausschlusses fort.
       
       Denn anders als die queere Progress Flag, der explizit braune und Schwarze
       Streifen hinzugefügt wurden, um Erfahrungen von Schwarzen Menschen und
       Persons of Color sichtbar zu machen, hat FLINTA nie eine vergleichbare
       Einladung ausgesprochen.
       
       Angenommen, wir einigen uns trotzdem darauf, dass es für FLINTA-Menschen
       empowernd ist, gemeinsam in einen Topf geworfen zu werden: Die Probleme
       fangen spätestens da an, wo der Topf zur Party wird und dir jemand die
       FLINTA-Tür vor der Nase zuschlägt.
       
       Denn FLINTA ist zum generischen Femininum geworden. Für viele Menschen
       steht es mittlerweile eher für „irgendwie weiblich“ oder „ohne (cis)
       Männer“, obwohl das ein Widerspruch in sich ist. Denn inter und trans
       Männer existieren, manche inter Männer sind cis und keiner von ihnen ist
       „irgendwie weiblich“.
       
       Aber alles, was als „irgendwie männlich“ wahrgenommen wird, führt in der
       Praxis von FLINTA-Räumen gerne mal zu Misstrauen, komischen Blicken,
       vielleicht sogar zur Aufforderung, die Party – oder den Demoblock – zu
       verlassen.
       
       Wie groß muss die Kreole sein, damit die Schwelle zwischen „Typ“ und
       „FLINTA“ als überschritten gilt? Wie groß muss der Tunnel eines trans Typs
       sein, damit ihm beim Eintritt in die Bar nicht laut „Das hier ist eine
       FLINTA-Party!“ zugerufen wird? Wie dicht muss der Schnauzer einer
       nichtbinären Person sein, damit gefragt wird: „Was sind eigentlich deine
       Pronomen?“
       
       Wie viele Marker von Weiblichkeit braucht eine Frau an der Tür, damit sie
       sich nicht zwangsouten oder bei der Demo im Supporter-Block mitlaufen muss?
       Und muss ein inter Mann sich fragen, ob er eigentlich als Mann oder „nur“
       als Mann light wahrgenommen wird, wenn von der Bühne „endlich ein Abend
       ohne Menners!“ gerufen wird?
       
       Wer dauernd die Erfahrung macht, das eigene Geschlecht beweisen zu müssen,
       geht entweder einfach gar nicht zur Party oder beugt sich dem Druck, einer
       engen Vorstellung von Geschlecht zu entsprechen. Gar nicht mal so
       feministisch, oder?
       
       ## FLINTA-Only als drohendes Outing
       
       Für viele Menschen bedeutet FLINTA-Only ein automatisches Outing als
       agender, inter, nichtbinär oder trans. Das kann okay sein und sich selbst
       sichtbar zu machen auch mal empowernd. Gleichzeitig bedeutet ein drohendes
       Outing, ein Stück weit die Kontrolle zu verlieren. Und das in Räumen, in
       denen Menschen sich eigentlich von dem ganzen normativen Mist da draußen
       erholen sollten.
       
       Zur Erinnerung: Geschlecht lässt sich weder bei trans noch bei cis
       Menschen, weder bei inter noch bei endo Menschen verlässlich von
       Äußerlichkeiten ableiten. And don’t even get us started mit „weiblich
       gelesen“. Der Begriff wird oft und analog mit FLINTA verwendet, wenn
       Menschen eigentlich „Frau“ sagen wollen.
       
       Menschen oder ganze Gruppen pauschal und kontextlos als „weiblich gelesen“
       zu beschreiben, als wäre es eine Identität, bleibt aber eine
       Fremdzuschreibung und damit gewaltvoll. Es gibt nun mal Menschen, die mit
       deiner Vorstellung ihrer Geschlechtlichkeit lieber nicht konfrontiert
       werden wollen.
       
       Die Vorstellung, dass nur Frauen unter dem Patriarchat leiden (ernsthaft,
       wer leidet da eigentlich nicht drunter?) und es mit einem Feminismus, der
       nur auf Geschlecht fokussiert ist, getan ist, ist weit verbreitet. Auch in
       der taz, wo bis ins Jahr 2025(!) am feministischen Kampftag eine
       „frauentaz“ erschienen ist, keine „feministaz“.
       
       ## Nicht cis Frauen sind das Problem
       
       So kann es nicht weitergehen. Wir müssen FLINTA als Konzept aussortieren
       und die Frage nach sichereren Räumen neu beantworten. Denn es gibt
       Alternativen. Wer jetzt aber glaubt, hier werden Lösungen serviert, die
       top-down umgesetzt werden können, geht bitte zurück ins Patriarchat.
       
       Lasst uns gemeinsam ausprobieren, scheitern, neu probieren, wieder
       scheitern und die Inklusionsarbeit machen, die bisher zu sehr
       vernachlässigt wird. Nicht cis Frauen sind das Problem, sondern eine
       feministische Bewegung, die keine Lust hat, sich selbst infrage zu stellen.
       
       Es kann sich gut anfühlen, sich als Teil einer progressiven Avantgarde zu
       sehen. Wer aber die eigenen Annahmen nicht infrage stellen und einreißen
       kann, verbaut sich viele tolle kämpferische und euphorisierende Momente der
       Solidarität und des Verbundenseins (Looking at you J. K. Rowling und Alice
       Schwarzer).
       
       Und wer cis endo Männern immer nur auf biologistische Art zuschreibt, dass
       sie die einzig wahren Unterdrücker seien, nimmt sie aus der Verantwortung,
       ihr eigenes Handeln zu hinterfragen.
       
       Neue Konzepte abseits von „FLINTA-Only“ können grob in zwei Richtungen
       gehen und sind an vielen Orten auch schon gelebte Praxis: Einerseits den
       Kreis der Eingeladenen verändern. Und sich andererseits über gemeinsame
       Werte zu definieren und sie zu hinterfragen, statt Orte nur umzubenennen.
       
       ## Entweder: Anders einladen als bisher
       
       • Manchmal sind Schutzräume für bestimmte Themen notwendig, aber dann lasst
       sie uns präziser machen: Zum Beispiel der „Yogakurs für queere BIPoC
       Personen“, der „TIAN Empowerment Workshop für Umgang mit trans- und
       interfeindlicher Gewalt“, oder die „Saunazeit für Menschen, die von
       Fatshaming betroffen sind“. So ist allen klar, wer eingeladen ist und
       warum.
       
       • Ehrlich sein: Wenn ihr wirklich einen Motorsägen-Kurs nur für cis Frauen
       wollt, dann macht das doch einfach, nennt ihn so und habt Spaß dabei.
       
       • Marginalisierte Leute voranstellen: Das Akronym TINFLAQ zeigt Menschen,
       dass ihr euch Gedanken gemacht habt. Besonders jenen, die euren
       „FLINTA“-Flyer ansonsten seufzend aus der Hand gelegt hätten, weil sie
       immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dabei mitbenannt aber nicht
       mitgemeint zu sein. Der „queerfeministische Basketballtreff“, der sich als
       „cis-friendly“, „endo-friendly“ und „hetero-friendly“ labelt, dreht den
       Vibe um, ebenso wie die Frage, wer sich selbstverständlich sicher fühlen
       darf.
       
       ## Oder: Gemeinsame Werte und Inklusion
       
       • Kreise weiten: Die Einladung an „Frauen und Queers“ oder auch „Queers und
       Friends“ – und ja, das heißt, cis endo Männer sind dann auch dabei – bietet
       mehr Menschen den Raum teilzunehmen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Sie
       definiert aber Sicherheit trotzdem nur über Geschlecht und Sexualität und
       gibt beispielsweise von Rassismus betroffenen Menschen keine Infos darüber,
       ob der Ort nicht total von weißen Menschen dominiert ist.
       
       • Marginalisierte Perspektiven ernst nehmen: Wie viele
       Organisator*innen einer FLINTA-8.-März-Demo haben sich schon mal
       gefragt, was inter Personen brauchen, um sich sicher zu fühlen? Das gilt
       übrigens auch für TIAN-Aktivismus, wo die Perspektiven und Erfahrungen von
       inter Personen oft von nichtbinären endo Menschen vereinnahmt und manchmal
       auch instrumentalisiert werden. Etwa wenn Personen die Variationen von
       biologischem Geschlecht argumentativ nutzen, um Rechte für nichtbinäre
       Menschen (auf dem Rücken von inter Personen) zu erkämpfen, ohne inter
       Perspektiven und Forderungen ernsthaft zu zentrieren.
       
       • Alle Menschen einladen, aber marginalisierte Erfahrungen zentrieren, egal
       ob bei allen oder nur einigen Veranstaltungen des Lesekreises: zum Beispiel
       die von Schwarzen Queers oder von Sexarbeiter*innen. Das tut allen gut. Und
       wer das nicht gut findet, soll nicht dazukommen.
       
       • Klarmachen, welches Verhalten cool ist und welches nicht: „Bei diesem
       Brunch haben wir keine Lust darauf, dass Körper und Essverhalten
       kommentiert oder bewertet werden oder das Essen in Gut und Böse eingeteilt
       wird.“
       
       •Gewaltvolles Verhalten nicht an Geschlecht festmachen, aber trotzdem was
       dagegen sagen: „Fiese Macker*innen aller Geschlechter sind nicht
       willkommen.“
       
       • Einen Vertrauensvorschub geben: Erst mal sind alle Menschen willkommen,
       aber wer sich übergriffig oder gewaltvoll benimmt, muss gehen.
       
       8 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Bouché
 (DIR) Pauli Höffner
       
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