# taz.de -- Schwangerschaftsabbrüche: Grenzenlose Solidarität
> Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sicheren
> Schwangerschaftsabbrüchen. Mehrere internationale zivilgesellschaftliche
> Netzwerke haben da Ideen.
(IMG) Bild: Women on Waves ermöglicht Abtreibungen auf offener See, in internationalen Gewässern, hier 2017 im Pazifik vor der Küste Mexikos
Einen eigenen Fonds gibt es nicht, Unterstützung für die Initiative von My
Voice My Choice hat die EU-Kommission aber zugesagt. Über 1,2 Millionen
Unterschriften hatte die Bürgerinitiative gesammelt, für einen sicheren
Zugang zu Abtreibungen in der gesamten EU. Im Dezember hatte das
EU-Parlament beschlossen, die Forderung zu unterstützen.
Die Mitgliedsstaaten sollten finanzielle Mittel bekommen, um sichere
Abtreibungsbehandlungen für alle zu gewährleisten. Doch die EU-Kommission
hat Ende Februar entschieden, keine Extragelder zur Verfügung zu stellen.
Die Mitgliedstaaten dürfen aber Gelder aus bestehenden Sozialfonds dafür
verwenden. Für die Initiatorinnen von My Voice My Choice ist das schon ein
Erfolg.
Frankreich, Schweden und die Niederlande haben die liberalsten
Abtreibungsgesetze in der EU. In Deutschland sind Schwangerschaftsabbrüche
zwar illegal, aber unter bestimmten Voraussetzungen in den ersten drei
Monaten straffrei. Vor allem Polen und Malta haben sehr restriktive
Abtreibungsregelungen. Das will My Voice My Choice nicht länger hinnehmen –
als Teil eines internationalen Netzwerks an Initiativen.
## Von Behandlungen auf offener See …
Weltweit sind laut dem [1][UN-Bevölkerungsfonds etwa die Hälfte aller rund
240 Millionen Schwangerschaften ungewollt]. Über 60 Prozent der ungewollten
Schwangerschaften enden mit einem Abbruch, und schätzungsweise 45 Prozent
aller Abtreibungen sind unsicher. Bei diesen Eingriffen sterben jährlich
zwischen 30.000 und 40.000 Schwangere. In den 27 EU-Ländern haben etwa 20
Millionen Menschen keinen Zugang zu sicheren Abtreibungen.
Hier kommen die solidarischen Netzwerke ins Spiel. Neben My Voice My Choice
zum Beispiel die Organisation Women on Waves. Die Gruppe wurde 1999 von der
niederländischen Ärztin Rebecca Gomperts gegründet. Anfangs – daher der
Name – ermöglichte Women on Waves Abtreibungen auf offener See. Menschen
aus Ländern, in denen Abbrüche illegal waren, [2][wurden auf
internationalen Gewässern behandelt]. Denn an Bord des niederländischen
Schiffes galt niederländisches Recht, das Abtreibungen erlaubte.
Bis zu ihrem Ende 2017 dienten die Schiffstouren nicht nur der praktischen
Hilfe, sondern auch als öffentlichkeitswirksame Aktionen, um das Thema in
die Medien zu bringen und Druck auf Regierungen zu machen. „Wir schauen
immer, welche Maßnahmen die größten Veränderungen bewirken können“, sagt
Gomperts der taz.
Denn Women on Waves versteht sich in erster Linie als Advocacy-Gruppe,
versucht also, politisch Einfluss zu nehmen. Zum Beispiel gegen die
restriktiven Abtreibungsregelungen, die seit Donald Trumps erster
Amtsperiode Einzug in den USA halten. Im Juni 2022 hatte der dank Trump von
Konservativen dominierte Oberste Gerichtshof das 50 Jahre alte
Grundsatzurteil Roe v. Wade kassiert. Die Entscheidung von 1973 hatte bis
dahin in den gesamten USA das Recht auf Abtreibungen gesichert, in etwa bis
zur 24. Schwangerschaftswoche. Die Abschaffung von Roe v. Wade bedeutet,
dass die einzelnen US-Bundesstaaten seitdem Schwangerschaftsabbrüche
einschränken oder gar verbieten können.
## … bis zu Forschung und Onlineversand
Seit 2018 setzt Women on Waves auch auf Forschung. Ziel ist es etwa, zu
zeigen, dass die Abtreibungspille Mifepriston auch als Verhütungsmittel
genutzt werden kann. Anders als die Pille muss man Mifepristone nicht
dauerhaft nehmen, das Medikament greift nicht in den Hormonhaushalt ein.
Für die Finanzierung von klinischen Tests läuft derzeit ein
[3][Crowdfunding auf der Plattform Gofundme]. „Vielleicht“, heißt es dort,
„werden nicht Pharmaunternehmen, sondern Frauen – und diejenigen, die sie
lieben – den Wandel herbeiführen.“
Auch wenn genug Geld zusammenkommen sollte, auch wenn die Tests das
erhoffte Ergebnis liefern sollten, wird es wohl auch in Zukunft
nichtstaatliche Unterstützung für Schwangerschaftsabbrüche brauchen – so
lange, wie Konservative Parlamente und Regierungen dominieren.
Unterstützung, wie sie zum Beispiel die Online-Organisation Women on Web
mit Sitz in Kanada leistet. Oder die polnisch-deutsche Initiative Ciocia
Basia mit Sitz in Berlin. Ciocia Basia bedeutet auf Deutsch so viel wie
„Tante Barbara“, die Organisation wendet sich vor allem an Menschen in
Polen. Das „intersektionelle feministische Kollektiv“, wie es sich selbst
nennt, vermittelt ungewollt Schwangere an Ärzt*innen in Deutschland. „Uns
eint die Überzeugung, dass jede schwangere Person das Recht auf
Selbstbestimmung haben sollte. Deshalb helfen wir allen Menschen,
unabhängig von ihren Ansichten und Überzeugungen“, schreibt die Gruppe auf
ihrer Webseite.
Das Angebot von Women on Web funktioniert ganz einfach: In einer von 14
Sprachen klickt man auf der Webseite der Organisation den Button
„Abtreibungspille bestellen“ und wird dann durch ein Konsultationsformular
geführt. Nach Angabe der Adresse kommt das Medikament per Post. Women on
Web hat nach eigenen Angaben über 165.000 Menschen die Abtreibungspille
geschickt.
Rebecca Gomperts, die auch Women on Web gegründet hat und vom Time Magazine
als eine der 100 einflussreichsten Menschen des Jahres 2020 ausgezeichnet
worden ist, sagt der taz: „Die Zivilgesellschaft wird immer gebraucht
werden, um Menschenrechte voranzubringen und die Rechte, die wir errungen
haben, zu schützen“.
Nach dem Jein der EU-Kommission zu zusätzlichen Geldern für einen sicheren
Zugang zu Abtreibungen in der gesamten EU gilt das umso mehr.
7 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.unfpa.org/sites/default/files/pub-pdf/EN_SWP22%20report_0.pdf
(DIR) [2] /Abtreibungsschiff-aus-den-Niederlanden/!5082461
(DIR) [3] https://www.gofundme.com/f/zxmvd-mifepristone-a-new-ondemand-contraceptive
## AUTOREN
(DIR) Johanna Treblin
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