# taz.de -- Zu Besuch bei der Booty-Therapie: Therapeutisches Twerken
> Maïmouna Coulibaly erlebte sexualisierte Gewalt, das Tanzen gab ihr Halt.
> Jetzt schreit und tanzt sie mit anderen. Es hilft, gemeinsam wütend zu
> sein.
(IMG) Bild: 15 Frauen schreien, stampfen, schütteln ihren Körper und wackeln mit ihrem Booty – in der „Booty Therapy“
Die Musik setzt ein. Afrikanische Musik, ein urbaner, rhythmischer Sound.
Sofort beginnen 15 Frauen im Raum zu schreien, zu stampfen, mit dem Hintern
zu wackeln, den Körper zu schütteln wie in Trance. Sie schlagen auf den
Boden. Sie rennen und kriechen. Sie gehen auf die Knie, robben und brüllen
sich die Seele aus dem Leib. Wer hier gehemmt ist und sich verbietet, laut
zu sein, wer Angst hat, etwas falsch zu machen, wer sich für Unperfektes
schämt, wird mitgerissen, springt über den eigenen Schatten, reiht sich
ein. Die Gruppe, geübt in Ekstase, feuert die Springende an und fängt sie
auf. Es ist ein Mittwoch im Februar 2026. Ich springe.
Und meine erste Therapiestunde beginnt. Offiziell ist es ein Tanzkurs, er
heißt „Booty Therapy“. Booty von Hintern, von Gesäß, von Po. Und Therapy,
Therapie – wie kommt die ins Spiel? „Das ist von den Teilnehmerinnen
gekommen“, sagt Maïmouna Coulibaly, die solche Kurse seit mehr als 30
Jahren anbietet. „Angefangen habe ich mit extrovertiertem, befreiendem
Tanz, basierend auf afrikanischen Tänzen.“ Man habe sie gesehen, damals in
Paris, und sie gefragt, ob sie unterrichten kann. So habe sich das
entwickelt. Weil sie immer schon getanzt hat.
Im Grunde hat das Leben die Booty-Therapie entwickelt. Denn das Tanzen half
Maïmouna Coulibaly, sich zu spüren. Tanzend fühlte sie sich akzeptiert,
bewundert sogar. [1][Tanzend konnte sie den Schmerz ihres Lebens ertragen].
Und als sie ihr Können weitergab, sagten die Teilnehmerinnen ihrer Kurse,
es sei wie Therapie. Mit der Zeit verselbständigte sich der Begriff. Seit
etwa 15 Jahren heißen die Kurse auch offiziell „Booty Therapy“. Im Laufe
der Jahre haben sich die Kursabläufe stetig verändert. „Es geht dabei nicht
um die richtige Technik, den richtigen Hüftschwung, den richtigen
Tanzschritt. Vielmehr sollen Gefühle freigesetzt werden. Unterdrückte
Gefühle“, sagt Maïmouna Coulibaly.
Der Booty-Therapie-Kurs findet in einem Theaterraum im [2][Hotel
Continental] statt, einem selbstverwalteten interkulturellen Projekt in der
Nähe des Treptower Parks in Berlin. Mein Einstieg ist hart. Jede soll
allein in den Kreis hinein tanzen und mit dem Gesäß wackeln, egal ob zum
ersten Mal da oder nicht. Im anfeuernden Geschrei der anderen wird das
Ungelenke mit Zuspruch belohnt.
## Befreit. Leicht. Erschöpft.
So geht es in rasendem Tempo weiter. Den Körper durchschütteln im Stehen,
im Lauf, im Knien, im Liegen. Die Hüften, der Hintern müssen locker werden,
wenn sie locker sind, wird aller Stress, alle Trauer, alles Unglück, all
die traumatischen Situationen, die jemand erlebt hat, herausgeschüttelt.
Das ist die Idee. Als Empirie dient, was Teilnehmerinnen im Laufe der 30
Jahre, die Maïmouna Coulibaly ihre [3][Booty Therapy] schon anbietet,
berichtet haben. Oder was sie am Ende des Kurses an diesem Mittwoch sagen
werden, gefragt, wie sie sich fühlen: Befreit. Leicht. Erschöpft. Voller
Energie. Angeregt. Ruhig. Mit den anderen verbunden.
Aber so weit ist es noch nicht. Der Kurs hat gerade erst angefangen. Für
die Neuen erklärt Coulibaly ein paar Dinge. Dass Frauen vielfach
sexualisierte Gewalt erlebt haben. „Ich wurde mit drei Jahren genital
verstümmelt, ich wurde geschlagen, ich wurde vergewaltigt“, sagt sie. „Als
Schwarze Frau habe ich vielfach Rassismus erlebt.“ Es sind auch diese
traumatischen Erfahrungen, die im Körper angesammelten Verletzungen, von
denen die Booty-Therapie befreien soll. Es geht darum, loszulassen.
Körperliche Reaktionen inbegriffen. Es sei schon vorgekommen, dass Frauen
in ihren Kursen kotzen mussten, sagt Coulibaly. Damit sich die
Teilnehmerinnen auch in solchen Situation getragen fühlen, sei es wichtig,
dass ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Dass keine Störungen von außen
kommen.
Und dann sagt Coulibaly: „Das hier ist ein Safe Space für FLINTA und
BIPoC“. Sie schreit F in den Raum. Die Teilnehmerinnen antworten: „female“.
„L“ schreit Coulibaly. „Lesbian“, antwortet der Chor.
„I“ – „inter“
„N“ – „non-binär“
„T“ – „trans“
„A“ – „a-sexuell“
„BIPoC“ – „Black, Indigenous and People of Color“
Es ist eine Selbstvergewisserung.
Später wird Maïmouna Coulibaly erzählen, dass sie früher auch Männer,
wenngleich wenige, in den Kursen hatte. Aber die Teilnehmerinnen sagten
ihr, dass sie sich unwohl fühlen, wenn Männer dabei sind. „Wir setzen uns
hier mit sexualisierter Gewalt auseinander und da sind Männer, die schauen
uns so an.“ Das hätte bei ihr zum Umdenken geführt. Wie sie überhaupt sehr
viel von den Frauen gelernt habe, die an ihren Tanzkursen teilnahmen.
## Die Scham muss die Seite wechseln
Teilnehmerinnen nämlich hätten sie einmal mitgenommen zu einem
Selbsthilfetreffen von Frauen mit Gewalterfahrung. „Da erzählte dann eine
Frau, sie sei vergewaltigt worden“, sagt Coulibaly. Eine andere, sie sei
geschlagen worden von einem Mann, wieder eine andere habe Mobbingerfahrung,
und eine Vierte sei genital verstümmelt worden. „In meinem Leben habe ich
all das selber erlebt“, sagt Coulibaly.
Lange habe sie gedacht, diese Art der Gewalterfahrung sei normal. Alle
Frauen erleben das. Sie erzählt auch, was viele, vor allem missbrauchte
Kinder, die sexualisierte Gewalt erfahren, sagen. Dass es sich so anfühle,
als ob etwas in ihnen ist, das die Übergriffe auslöst. Dass die Schuld also
bei ihnen liege. „Dabei muss die Scham doch die Seite wechseln“, denke ich
in diesem Moment. Es sind die Worte von [4][Gisèle Pelicot], die jahrelang
von ihrem Mann unter Drogen gesetzt und missbraucht wurde.
Das Einzige, was Maïmouna Coulibaly schon als junger Frau half, sich frei
zu fühlen, war der Tanz. Er verschaffte ihr Luft, in ihm fühlte sie sich
geborgen, in der Bewegung konnte sie auch schlimme Erfahrungen verarbeiten.
Coulibalys muslimische Eltern waren aus Mali nach Frankreich migriert. Sie
wuchs als vierte von neun Schwestern und einem Bruder auf, in Grigny, einer
Vorstadt von Paris. Sie ist der laute Typ, der extrovertierte. Mit drei
Jahren wird sie nach Mali geschickt zu ihren Verwandten. Ein Jahr lebt sie
dort. Zurück in Frankreich, wählt sie schon in der Schule das Fach Drama,
später studiert sie es, inszeniert Stücke. Ihr liebstes: Eine Adaption von
Toni Morrisons Roman „Sula“. „Weil es um Gewalt, Stigmatisierung,
Freundschaft und Schuld geht“, sagt Coulibaly.
## Schreien für die Schwestern
Im Booty-Therapie-Kurs gibt es einen Moment, in dem die Gruppe geteilt
wird. Die eine Hälfte steht mit dem Rücken zur Bühnenwand. „Denkt an eine
Erfahrung, die euch verletzt hat“, sagt Maïmouna Coulibaly. „Etwas, das
nicht gut war.“ Es folgt der einzige Moment der Stille. Er dauert nicht
lang. Denn kurz danach beginnt die andere Hälfte der Gruppe zu schreien.
Laut. Wirklich laut. Sie schreien den Schmerz der anderen Gruppe heraus.
Sie schreien für die Frauen, die an schmerzhafte Erinnerungen denken. In
ihrer Vorstellung schreien sie die, die die Schmerzen verursacht haben, die
Täter, nieder. Minutenlang schreien sie für ihre Schwestern.
Und dann wechselt die Gruppe. Jetzt bin ich bei den Schreienden. Ich gebe
alles. Um den Schmerz der anderen in Wut, Kraft und Widerstand zu
verwandeln. Es fühlt sich magisch an.
Später beim einem Gespräch im Café sage ich Maïmouna Coulibaly, dass mich
dieser Moment am stärksten berührt hat. Dass mir das Schreien gefallen hat.
„Schreien, laut sein, Gefühle herauslassen in aller Öffentlichkeit, das
wird nicht gerne gesehen“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Wären da nicht all
die Normen und Einschränkungen, ich würde vielleicht hier im Café zur Musik
tanzen, ich würde auf die Menschen zugehen, mit ihnen ins Gespräch kommen.
Aber ich tue es nicht.“ Wolle man wirklich aus sich herausgehen, müsse man
sich ständig die Frage stellen, wie man auf andere wirke.
In den Booty-Therapie-Klassen stellt sich diese Frage nicht. Im besten Fall
gibt es die Gemeinschaft. Coulibaly tut einiges, damit Zusammenhalt
entsteht. Sie organisiert Flashmobs, wie am diesjährigen Frauentag in
Berlin.
## „Das Unaussprechbare aussprechen“
2018 ist sie mit ihren Töchtern hergezogen. Der Liebe wegen. Einer Liebe,
die nicht hielt. Beim [5][Karneval der Kulturen] in Berlin sind ihre
Kursteilnehmerinnen regelmäßig dabei. In jedem Kurs wird auch die
Choreografie dafür geübt. Auf der Straße ist Booty Therapy mehr Show.
Anders als im geschützten Raum, wenn die Frauen unter sich sind. Trotzdem
wurde die Gruppe beim Karneval der Kulturen letztes Jahr ausgezeichnet:
„Booty Therapy hat uns gezeigt, wie Tanz zu einem Ausdruck von Empowerment
und politischem Bewusstsein werden kann“, [6][heißt es in der Begründung]
der Jury.
Fragt man Coulibaly, warum sie in ihren Kursen ausspricht, dass sie
Traumata und sexualisierte Gewalt erlebt hat, antwortet sie: „Ich will das
Unaussprechbare aussprechen, um den Frauen, die in meine Kurse kommen, Mut
zu machen.“ Denn: „Es ist nicht normal, dass wir Gewalt erleben, weil wir
Frauen sind.“
Meist bleiben Frauen, die Feuer gefangen haben, zwei bis drei Jahre bei der
Booty-Therapie. Es gehe ihr nicht darum, die Teilnehmerinnen an sich zu
binden, sagt Coulibaly, „sie müssen ihre eigenen Wege finden“. Manche
werden selbst Kursleiterinnen.
„Wie war es“, fragt mich eine Teilnehmerin am Ende der Stunde.
„Anstrengend“, sage ich. Ich bin doppelt so alt wie die anderen
Teilnehmerinnen. Und trotzdem fühle ich mit ihnen verbunden. „Das liegt
daran, dass wir eine Gemeinschaft sind“, antwortet sie. Bei der
Booty-Therapie habe sie echte Freundinnen gefunden.
7 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://cinedans.filmchief.com/shop/tickets?v=807
(DIR) [2] https://artspaceinexile.org/
(DIR) [3] https://www.eversports.de/s/booty-therapy-twerk-afro-dancehall-with-maimouna-the-conceptor
(DIR) [4] /Memoiren-von-Gisele-Pelicot/!6155045
(DIR) [5] /Karneval-der-Kulturen-in-Berlin/!6089984
(DIR) [6] https://www.karneval.berlin/de/archiv/wuerdigungen-der-jury.html
## AUTOREN
(DIR) Waltraud Schwab
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