# taz.de -- Internationaler Frauentag: Wir haften gemeinsam für feministische Solidarität
       
       > Der 8. März begann als Appell: Frauen sollen sich zusammenschließen, um
       > für ihre Rechte zu kämpfen – auch wenn sie nicht einer Meinung sind.
       
 (IMG) Bild: Frauen demonstrieren gegen Vergewaltigung. Barcelona, 17. September 1977
       
       Bei der [1][#MeToo-Bewegung] machten Frauen weltweit ihre Erfahrungen mit
       sexualisierter Gewalt öffentlich – als Ausdruck von Solidarität
       untereinander. Als während der [2][Covid-19-Pandemie] Nachbar*innen
       älteren Menschen und Erkrankten Lebensmittel brachten, feierten Medien das
       als solidarischen Einsatz. Soziale Sicherungssysteme werden in der Regel
       auch als Solidargemeinschaften bezeichnet. Individuen, Gruppen,
       Organisationen und staatliche Institutionen handeln und argumentieren
       ständig im Namen der Solidarität – doch was bedeutet dieser Begriff
       eigentlich?
       
       Vielleicht hilft ein Blick darauf, was diese Fälle gemeinsam haben. In
       allen geht es um eine Beziehung, die von den Beteiligten verlangt, aktiv zu
       werden: die Bereitschaft, sich mit anderen zusammenzutun, um Unterstützung
       zu sichern, Widerstand zu leisten oder Formen gegenseitiger Verpflichtung
       zu praktizieren. Die historischen Wurzeln dieses Konzepts liegen im Prinzip
       kollektiver Haftung – also der Vorstellung, dass eine Gruppe gemeinsam für
       Schulden oder Versäumnisse ihrer Mitglieder verantwortlich gemacht werden
       kann. In den revolutionären Kämpfen des 18. Jahrhunderts, den
       Arbeitskämpfen des 19. Jahrhunderts und den sozialen Bewegungen des 20.
       Jahrhunderts wurde Solidarität schließlich zur Parole bewegungsbasierter
       Politik.
       
       Heute bezeichnet Solidarität im Allgemeinen ein Verhältnis zwischen
       Individuen, Gruppen oder Organisationen, die sich gemeinsam verpflichtet
       fühlen, auf ein Ziel hinzuarbeiten. Der Begriff kann sowohl die Beziehung
       innerhalb einer sozial kohärenten Gruppe beschreiben – etwa in einer
       Gewerkschaft – als auch Beziehungen zwischen Menschen, die ein gemeinsames
       Ziel verfolgen, obwohl sie aus unterschiedlichen sozialen Positionen heraus
       handeln. Gerade im Kontext sozialer Bewegungen ist Solidarität eine
       freiwillig eingegangene Verpflichtung. Ein Ruf nach Solidarität ist daher
       immer auch ein dringender Appell an andere, sich ebenfalls zu verpflichten:
       die Aufforderung, Prioritäten neu zu setzen, und sich gegenseitig zu
       unterstützen. Selbst dann, wenn man in einzelnen Punkten unterschiedlicher
       Meinung ist.
       
       Der Internationale Frauentag entstand aus genau einem solchen Appell. Auf
       der Zweiten Internationalen Konferenz sozialistischer Frauen 1910 in
       Kopenhagen schlugen Clara Zetkin, Käte Duncker und andere Vertreterinnen
       der deutschen Sozialdemokratie erstmals einen Frauentag vor, der der
       Agitation für das Frauenwahlrecht dienen sollte. Ein solcher Tag, so ihre
       Hoffnung, würde die Hindernisse sichtbar machen, die Frauen von
       gleichberechtigter Teilhabe ausschlossen. Ziel war es, weltweit die
       soziale, politische und ökonomische Emanzipation von Frauen voranzubringen.
       
       ## Frauen teilen nicht alle die gleichen Erfahrungen
       
       Das Anliegen wurde von Aktivist:innen bis weit ins späte 20.
       Jahrhundert weitergetragen. Häufig beriefen sie sich dabei auf die Idee
       einer „Schwesternschaft“ aller Frauen – begründet durch gemeinsame
       Erfahrungen von Sexismus, Gewalt, Belästigung, Missbrauch oder
       Machtlosigkeit. Dieser Ansatz wird heute kritisch gesehen. Der Begriff der
       Schwesternschaft verdeckt die Unterschiede und Vorurteile, die zwischen
       Frauen bestehen – etwa entlang von Rassismus, Klassenunterschieden oder
       nationalen Zugehörigkeiten.
       
       Wird eine politische Beziehung allein auf geteilte
       Unterdrückungserfahrungen gegründet, besteht die Gefahr, dass bestimmte
       Perspektiven unsichtbar bleiben oder Menschen ausgeschlossen werden. Frauen
       teilen eben nicht alle die gleichen Erfahrungen. Die Geschichte ist voll
       von Beispielen, in denen Frauen anderen Frauen Gewalt angetan haben. Selbst
       gut gemeinte Appelle an eine universelle Schwesternschaft, ausgesprochen
       von privilegierten westlichen Frauen, können kulturelle Unterschiede
       fetischisieren – und damit die Vielfalt weiblicher Bedürfnisse verdecken
       oder koloniale und imperialistische Machtverhältnisse reproduzieren.
       
       Feministische Solidarität ist daher nicht einfach Solidarität unter Frauen.
       Gemeint ist vielmehr eine Solidarität zwischen Feministinnen
       unterschiedlicher politischer Richtungen und sozialer Hintergründe, die
       gemeinsam die Verhältnisse untersuchen und verändern wollen, unter denen
       geschlechterbasierte Ungerechtigkeit entsteht. Anders als in der
       Parteipolitik gibt es im Feminismus keine einheitliche Organisationsform,
       auf die sich alle einigen, und auch keinen Konsens darüber, welche
       Strategien verfolgt werden sollten.
       
       Nicht selten sind sich Feministinnen, die grundsätzlich solidarisch
       miteinander sind, uneinig darüber, welchen Aspekt sexistischer
       Unterdrückung sie mit welchen Mitteln bekämpfen sollten. Gerade weil der
       Kampf gegen tief verankerte Systeme von Gewalt und Ausgrenzung erschöpfend
       ist, gehört es zur feministischen Solidarität, zentrifugalen Kräften
       innerhalb der Bewegung zu widerstehen.
       
       ## Konflikte aushalten
       
       Solidarität bedeutet nicht nur ein gemeinsames Engagement für feministische
       Ziele, sondern auch eine Verpflichtung gegenüber den Beziehungen von
       Feministinnen untereinander. Wie in allen Beziehungen erfordert dies Zeit,
       Aufmerksamkeit und Energie sowie die Bereitschaft, Differenzen und
       Konflikte auszuhalten.
       
       Natürlich werden nicht alle Menschen, die geschlechterbasierte
       Unterdrückung ablehnen, das Etikett „Feminist*in“ für sich annehmen. Andere
       wiederum, die sich als Feministinnen verstehen, lehnen die Vorstellung
       einer „feministischen Solidarität“ ab, weil sie darin den Versuch sehen,
       unterschiedliche Perspektiven von Frauen sowie von trans, inter oder
       nichtbinären Personen zu überdecken. Neue Konfliktfelder, neue Beziehungen
       und neue Bedürfnisse bringen neue Perspektiven – all das braucht es, um
       gemeinsam eine Zukunft frei von geschlechterbasierter Gewalt zu gestalten.
       
       Die Rechte, Körper, Freiheiten und Stimmen von Frauen und geschlechtlichen
       Minderheiten werden gerade massiv angegriffen. [3][Misogynie] ist in
       sozialen Medien allgegenwärtig. Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe
       gehören in den aktuellen Kriegen weiterhin zur Realität. In den USA wird
       [4][das Wahlrecht attackiert], in Afghanistan ist die gesellschaftliche
       Teilhabe von Frauen nahezu verschwunden. Politische und wirtschaftliche
       Eliten setzen vielerorts auf Spaltung statt auf Zusammenhalt, auf
       Konkurrenz statt Kooperation, auf Isolation statt Bündnisse. Doch während
       all das geschieht, formiert sich etwas: Zetkins Vision von Solidarität
       nimmt Gestalt an. Trotz unterschiedlicher Perspektiven, Erfahrungen und
       Identitäten verpflichten sich Aktivist*innen weltweit zur Kooperation –
       getragen vom Geist gegenseitiger Unterstützung, Reziprozität und
       gemeinsamer Verantwortung.
       
       Übersetzung: Thomas Salter
       
       7 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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