# taz.de -- Manifest für DIY-Hormontherapie: Lasst uns Hormone tauschen!
       
       > Anti-Trans*-Gesetze sind auf dem Vormarsch, die „offizielle“
       > Gesundheitsversorgung wird schwieriger. Zeit für selbstverantwortete
       > Behandlungen.
       
 (IMG) Bild: Anti-Trans*-Gesetze sind auf dem Vormarsch, besonders in den USA: Protest beim Trans Day of Visibility 2025 in Washington
       
       Die Hormone denen, die sie wollen! Denn für immer mehr Trans*-Menschen
       stellt die selbstverantwortete Hormontherapie eine Alternative zur
       offiziellen Gesundheitsbürokratie dar. Nicht aus Spaß an der Freude,
       sondern aus Überlebenswillen. Es ist eine stille Revolution. Und dieses
       Manifest will ihr eine Stimme verleihen.
       
       Wenn Menschen ihr Geschlecht durch medizinische Maßnahmen anpassen möchten,
       ist der erste Schritt oft der Austausch der Geschlechtshormone. Diese
       Therapieform kann bei vielen Gynäkolog*innen oder
       Endokrinolog*innen durchgeführt werden. Doch neben dem „offiziellen“
       Weg finden viele Behandlungen auch ohne anerkannte Ärzt*innen im Privaten
       statt. In diesen Fällen spricht man von Do-it-yourself-Hormontherapie.
       
       International ist diese selbstverantwortete Hormontherapie extrem
       verbreitet. Denn Anti-Trans*-Gesetze sind seit Jahren auf dem Vormarsch und
       die „offizielle“ Versorgung wird an vielen Orten schwieriger.
       Internationale Hilfswerke haben Trans*-Menschen, auch unter dem Druck der
       USA, teils fallengelassen. Wesentliche [1][Projektmittel wurden gekürzt]
       oder an die Auflage geknüpft, Trans*-Menschen von der geförderten
       Gesundheitsversorgung auszunehmen.
       
       In vielen Ländern gab es noch nie einen „offiziellen“ Weg. In Uganda etwa,
       in Kenia, Litauen oder der Ukraine. Die Versorgung von Trans*-Menschen
       findet dort über kleine Vereine und Hilfswerke statt, oder direkt über ein
       privates Labor. Es ist schließlich nicht besonders schwierig, Hormone
       privat herzustellen, alle dafür nötigen Stoffe lassen sich leicht und
       günstig aus China importieren.
       
       Auch für die Qualitätssicherung benötigt man nicht unbedingt Ärzt*innen
       oder eine Klinik. Trotzdem ist natürlich Vorsicht geboten und nicht alle
       Anbieter arbeiten professionell. Seriöse Statistiken zur
       selbstverantworteten Hormontherapie existieren kaum, aber es ist nicht
       unwahrscheinlich, dass sie global bereits verbreiteter ist, als die
       „offizielle“ Versorgung.
       
       ## Hoch die intramuskuläre Testo-Injektion!
       
       Und in Deutschland? Zwar ist die Hormontherapie hierzulande offiziell
       anerkannt, die konkrete Versorgung war bislang aber im besten Fall
       lückenhaft. Die Hürden waren schon immer hoch. So braucht man etwa eine
       deutsche Krankenversicherung, die vielen Neuangekommenen fehlt. Die
       Versicherung muss zudem die Notwendigkeit geschlechtsangleichender
       Maßnahmen anerkennen und auch bereit sein, dafür zu zahlen.
       
       Wenn all dies klappt, benötigen Trans*-Menschen noch immer zahlreiche
       Gutachten und Schreiben von verschiedenen medizinischen Spezialist*innen,
       für die sie teilweise quer durch Deutschland fahren müssen, hinzu kommen
       endlose Wartezeiten. Große Teile der Community werde so vom „offiziellen“
       System ferngehalten.
       
       Über die Hormontherapie hinaus steht seit einem [2][Urteil des
       Bundessozialgerichts vom Oktober 2023] die Versorgung von Trans*-Menschen
       in Deutschland ganz grundsätzlich infrage. Eine nicht-binäre Person hatte
       damals auf die Übernahme für die Kosten ihrer Brustentfernung geklagt. Das
       Gericht wies die Klage zurück und begründete dies damit, dass die
       Behandlung von Geschlechtsinkongruenz durch „irreversible“ chirurgische
       Eingriffe als Behandlungsmethode „neu“ sei.
       
       Die Krankenkassen entwickelten in der Folge eine sehr weite Interpretation
       des Urteils, die das Stigma des „Neuartigen“ und „Experimentellen“ auf jede
       Form geschlechtsaffirmierender Maßnahmen ausdehnte. Mutmaßlich, um nicht
       dafür zahlen zu müssen.
       
       Neu war aber nicht die Behandlung, sondern die Diagnose. Der Begriff
       „Geschlechtsinkongruenz“ hat in der Medizin die abwertende und
       pathologisierende Diagnose „Transsexualismus“ ersetzt. Er bedeutet, dass
       das zugewiesene Geschlecht einer Person nicht übereinstimmt mit dem
       empfundenen Geschlecht.
       
       In ihrem Versuch, Behandlungen im Rahmen der neuen Diagnose zu beurteilen,
       stellen das Gericht und die Kassen nicht nur die Verfahren, sondern ganz
       allgemein Trans*-Menschen als irreversibel, neuartig oder experimentell dar
       und beschwören damit ein altes Stigma.
       
       ## Ein solcher Kampf wurde schon einmal gewonnen
       
       Die trans*feministische Autorin Susan Stryker beschrieb dieses Stigma
       einmal durch das Bild von Frankensteins Monster. Schon in frühen
       trans*feindlichen Texten findet sich der Vergleich der Trans*-Medizin
       mit den düsteren Experimenten aus Mary Shelleys Roman. Stryker wendet diese
       diffamierende Perspektive, indem sie sich mit dem Monster identifiziert.
       Besonders mit einer Szene, in der der experimentierende Doktor erkennen
       muss, dass seine Kreatur nicht nach seinen Regeln spielt und beginnt, ihm
       zu antworten und ihm zu widersprechen. Selbstverantwortete medizinische
       Praktiken geschehen im Geiste dieses Widerstands.
       
       Wenn die Gesundheitsversorgung unter dem Vorwand der Neuartigkeit zu Fall
       gebracht wird, gehen wir einen neuen Weg. Er beginnt damit,
       freundschaftlich auszuhelfen, wenn ein Mensch die Hormontabletten zu Hause
       vergessen hat. Er wird beschritten, wenn ein Mensch nach einem
       Präparatewechsel nicht verwendete Hormone weitergibt. Oder wenn eine Mutter
       in der Menopause, ihrer Tochter das Estradiol-Gel weitergibt. Unser Weg
       führt bis hin zum privaten Labor, inklusive selbst organisierter
       Qualitätskontrolle und Bluttests. Zum Selbstschutz sprechen Trans*-Menschen
       außerhalb der Community kaum über diesen Weg. Darauf möchten wir Rücksicht
       nehmen.
       
       Doch ein Kampf wie dieser wurde in der Breite der Gesellschaft schon einmal
       geführt – und auch schon einmal gewonnen. Damals nannte man eine Mischung
       aus Östrogen und Gestagen „Antibabypille“. Diese „neuartige und
       experimentelle“ Behandlungsmethode spielte eine zentrale Rolle darin, die
       Weichen für eine selbstbestimmte weibliche (Hetero-)Sexualität zu stellen,
       ohne die wir uns die Gegenwart kaum mehr vorstellen können.
       
       Auch die Pille wurde anfangs kontrovers diskutiert. 1964 sprach die
       Bundesregierung in einer Fragestunde von der Bezeichnung „Antibabypille“
       als „grob anstößig“ und nannte sie etwas pathetisch „sprachlichen
       Missbrauch“. Viele Ärzte, wenige *innen, lehnten es aus moralischen Gründen
       ab, sie zu verschreiben. Der Papst klagte über die „[3][allgemeine
       Aufweichung der sittlichen Zucht]“ und [4][Alice Schwarzer riet statt zur
       Pille zum Nachdenken über Penetration]. Doch Menschen fanden Mittel und
       Wege, das Medikament zu nutzen.
       
       ## Hoch die intergeschlechtliche Solidarität!
       
       Aus der Geschichte der Pille lässt sich lernen. Die Hormontherapien der
       Trans*-Medizin unterscheiden sich nicht wesentlich von der Pille und gar
       nicht von den Hormonpräparaten, die Frauen ab der Perimenopause
       verschrieben werden. Es braucht neue Solidaritäten zwischen diesen Gruppen,
       um sich einer patriarchalen Biopolitik entgegenzustellen, die uns heute wie
       damals das Recht auf körperliche Selbstbestimmung verwehrt. Das Patriarchat
       lebt davon, unsere Körper zu beherrschen.
       
       Dagegen braucht es die Solidarität zwischen Menschen, die – aus welchem
       Grund auch immer – Hormone einnehmen. Ganz gleich, ob ihre Transitionen der
       Verhütung dienen, Alterserscheinungen behandeln oder ein Gender Hacking
       sind, das die uns aufgezwungenen Systeme geschlechtlicher Positionierung
       ausdribbelt und kreativ umgeht.
       
       Hormonnutzende aller Länder, vereinigt euch, ihr habt nicht mehr zu
       verlieren, als die Kontrolle, die das Patriarchat über eure Körper besitzt.
       Sie sehen uns als Abtrünnige der gott- und naturgegebenen
       Geschlechterordnung. Jede Nebenwirkung, unter der wir leiden, seien es
       Brustschmerzen, Stimmungsschwankungen oder moralische Stigmata, werden zum
       Erhalt dieser Ordnung mobilisiert. Man gibt vor, uns vor den eigenen
       Entscheidungen zu schützen. Man kann sich nie sicher sein, dass man eine
       getroffene Entscheidung niemals bereuen wird. Niemand aber würde auf
       solchen Unsicherheiten herumreiten, wenn es darum ginge, sich für mehr
       Arbeit, mehr Kinder und mehr Wehrdienst zu entscheiden.
       
       Das Ancien Régime dieser Geschlechterordnung ist längst gefallen. Zunehmend
       ziehen die Menschen ihre Konsequenzen und werden zu den Expert*innen, die
       sie selbst nie gefunden haben. Die selbstverantwortete Hormontherapie
       findet statt, nicht mehr bloß im Kleinen. Und ihre Nutzer*innen und
       Produzent*innen sind besser informiert, als der „offizielle“
       Gesundheitsapparat. Doch diese Expertise wird nicht anerkannt. Wir werden
       wissenschaftlich ignoriert und medial dämonisiert.
       
       Lasst uns diesen Kampf nicht mehr alleine führen, nicht mehr aus dem
       geheimen Labor oder aus der Anonymität des Netzes. Lasst uns Seite an Seite
       für ein selbstbestimmtes Leben kämpfen. Gemeinsam sind wir stärker als
       christliche Lobbyorganisationen, trans*feindliche und rechte
       Frauenbewegungen. Lasst uns über unser Wissen sprechen. Lasst uns Hormone
       tauschen. Nieder mit dem Papst und Alice Schwarzer! Hoch die intramuskuläre
       Testo-Injektion! Hoch die intergeschlechtliche Solidarität!
       
       9 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://gate.ngo/knowledge-portal/article/impact-us-foreign-aid-freeze-on-trans-and-gender-diverse-communities/
 (DIR) [2] https://datenbank.nwb.de/Dokument/1039186/
 (DIR) [3] /-Antibabypille-wird-65/!6104897
 (DIR) [4] https://www.emma.de/artikel/sexualitaet-und-identitaet-penetration-264913
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jyn Rimmele
 (DIR) Zoe Luginsland
       
       ## TAGS
       
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