# taz.de -- Aktivismus im Krieg: „Wir schauen auf unser Ziel, nicht auf unsere Unterschiede“
       
       > Angela Scharf und Lana Alsharif arbeiten als Friedensaktivistinnen in
       > Israel und Palästina zusammen. Wie gelingt ihnen das nach allem, was war?
       
 (IMG) Bild: Demonstrationszug von israelischen und palästinensischen Frauen am 8. Oktober 2017
       
       taz: Angela Scharf, Lana Alsharif, Sie sind Friedensaktivistinnen von Women
       Wage Peace aus Israel und Women of the Sun aus Palästina. Ihre
       Organisationen arbeiten zusammen. Wie sehr wurde diese Kooperation durch
       das Massaker der Hamas am [1][7. Oktober] und den [2][Krieg in Gaza] auf
       die Probe gestellt?
       
       Lana Alsharif: Es wurde natürlich schwieriger. Aber wir wussten, dass wir
       weitermachen müssen. Nur drei Tage vor dem 7. Oktober demonstrierten 1.500
       israelische und palästinensische Frauen gemeinsam in Jerusalem. Unsere
       beiden Organisationen haben unter dem Krieg sehr gelitten. Wir haben 43
       unserer Koordinatorinnen in Gaza verloren. Und Women Wage Peace hat Vivian
       und zwei weitere Mitglieder verloren.
       
       taz: Vivian Silver, eine der Gründerinnen, die in ihrem Haus im Kibbuz Be’
       eri getötet wurde … 
       
       Alsharif: Richtig. Aber in den ersten Wochen wussten wir nicht, was mit ihr
       passiert war. War sie entführt worden, war sie getötet worden? Wir
       versuchten zu helfen, wir überlegten: Wie können wir weiterhin zusammen
       sein, auch wenn wir uns physisch nicht mehr treffen können, weil niemand
       die Grenze überqueren darf? Wie können wir in Verbindung bleiben?
       
       Angela Scharf: In den ersten Wochen waren wir alle zutiefst traumatisiert.
       Beide Seiten. Wir wussten nicht, was kommen würde. Aber eines war
       entscheidend: Am Nachmittag des 7. Oktobers rief Reem al-Hajajreh an. Sie
       ist die Gründerin von Women of the Sun. Sie fragte: Was ist mit Vivian? Sie
       wusste, dass Vivian in der Nähe der Grenze zu Gaza lebte. Ihr Mitgefühl und
       ihre Angst um Vivians Schicksal waren so echt und so wichtig. Und genau an
       diesem Tag sagte sie: Wir müssen unsere Arbeit fortsetzen – jetzt mehr denn
       je.
       
       taz: Also haben Sie einfach weitergemacht? 
       
       Scharf: In den ersten Wochen protestierte Women Wage Peace nur für die
       Freilassung der Geiseln. Wir hielten Bilder von den Entführten hoch und
       standen jeden Tag an der Seite der Familien. Wir dachten: Während eines
       Krieges protestiert man nicht gegen die Regierung. Aber nach zwei, drei
       Monaten wurde uns klar, dass dieser Krieg nicht enden wird. Er musste
       gestoppt werden. Also protestierten wir gegen den Krieg und die Regierung.
       
       Alsharif: Unsere Arbeit ist anders, weil unsere Herausforderungen anders
       sind, und auch unsere Möglichkeiten. Als Palästinenser:innen dürfen wir
       nicht für unsere Rechte demonstrieren. Wir können nicht einmal einen
       Facebook-Post über unsere Situation veröffentlichen. Wenn man auf der
       Straße protestiert, wird man entweder von der Palästinensischen
       Autonomiebehörde verhaftet oder von israelischen Soldaten erschossen.
       Unsere Arbeit konzentriert sich mehr auf die Arbeit mit Frauen. Wir wollen
       sie stärken, ihnen ihre Rechte bewusst machen und sie dabei unterstützen,
       sich gegenseitig zu helfen.
       
       taz: Wie sieht das konkret aus? 
       
       Alsharif: Wir bieten Traumatherapiesitzungen an und organisieren humanitäre
       Hilfe, insbesondere für die Menschen in Gaza. Wir haben dort auch ein
       Lernprogramm für Kinder ins Leben gerufen, die wegen des Krieges ihre
       Häuser nicht verlassen konnten. Derzeit versuchen wir, eine Förderung zu
       finden, um ein Zentrum für Women of the Sun in Gaza einzurichten. Wir
       müssen Frauen politisch, aber auch wirtschaftlich stärken: Wenn sie sich
       nicht um ihre Familien und ihre Kinder kümmern können, können sie sich auch
       nicht um ihre Rechte kümmern.
       
       taz: Sie sagten, Sie können sich nicht mehr treffen. Wie arbeiten Sie
       weiterhin zusammen? 
       
       Scharf: Wir wussten, dass es mit Zoom-Meetings allein nicht funktionieren
       würde. Also beschlossen wir, ins Ausland zu gehen. Bei Women Wage Peace bin
       ich für unsere Beziehungen zu Diplomat:innen zuständig. Ich fragte die
       Botschafter:innen: Können Ihre Länder uns nicht einladen? Der erste, der
       reagierte, war der schwedische Botschafter. Er lud uns in seine Residenz
       ein. Am 5. Februar 2024 trafen wir uns zum ersten Mal seit dem 7. Oktober
       wieder. Eine unserer Gründerinnen, Yael Admi, und Najla Fathi saßen
       nebeneinander am Tisch, hielten sich an den Händen und weinten. Plötzlich
       fragte der Botschafter, was los sei. Also erklärten wir: Yael hat ihren
       Bruder in den 70er Jahren in der Armee verloren. Najla hat vor drei Wochen
       30 Mitglieder ihrer Familie in Gaza verloren. Und dennoch halten sie
       zusammen. Da wurde uns klar: Wir haben keine andere Wahl, als für den
       Frieden zu kämpfen.
       
       Alsharif: Und wir bitten um internationale Unterstützung. Am 24. März
       werden wir in Rom sein. Mütter und Verbündete werden barfuß marschieren, um
       zu zeigen, dass wir nicht schweigen werden über den Tod unserer Kinder, und
       dass dieses Land nicht mit ihrem Blut getränkt werden darf. Women of the
       Sun und Women Wage Peace werden diesen Marsch anführen – aber derzeit
       kämpfen wir noch um unsere Visa, es ist sehr kompliziert. Und das, obwohl
       wir vom Papst eingeladen sind, den wir am Ende des Marsches treffen werden.
       
       taz: Die humanitäre Lage in Gaza ist katastrophal. Ist es derzeit überhaupt
       möglich, an Friedensaktivismus zu denken? 
       
       Alsharif: Es ist schwierig, aber wir tun es. Unsere Arbeit konzentriert
       sich auf die UN-Resolution 1325: Frauen sind besonders von Konflikten und
       Kriegen betroffen. Sie spielen auch eine entscheidende Rolle bei der
       Prävention und Lösung von Konflikten. Die Frauen in Gaza müssen das Recht
       haben, sich zu äußern und an politischen Entscheidungen teilzuhaben.
       
       Scharf: Women of the Sun arbeitet vor Ort mit den Frauen. Wir von Women
       Wage Peace versuchen, Einfluss auf die öffentliche Debatte, die Medien und
       die Politik zu nehmen. Aber das Wichtigste ist, einander als Menschen zu
       sehen. Für viele Palästinenser:innen sind Israelis nur das Militär oder
       Besatzer. Für viele Israelis sind Palästinenser:innen Terroristen. Das
       stellen wir infrage. Und wenn die Zeit für echte Friedensverhandlungen
       gekommen ist, werden wir den Boden dafür bereitet haben. Schauen Sie sich
       Irland an: Frauen von beiden Seiten haben 20 Jahre lang heimlich
       zusammengearbeitet. Als das Karfreitagsabkommen ausgehandelt wurde,
       forderten sie, mit am Tisch zu sitzen. Das ist unser Vorbild.
       
       taz: Was bedeutet weibliche Solidarität für Sie? 
       
       Alsharif: Für mich bedeutet es, sich für die Verbindung zu entscheiden.
       Auch wenn es Herausforderungen gibt, wenn wir unterschiedliche Meinungen zu
       bestimmten Dingen haben, entscheiden wir uns dafür, zusammenzuarbeiten.
       Solidarität bedeutet, dass wir zuerst Vertrauen untereinander aufbauen
       müssen – und das wird uns Kraft geben.
       
       Scharf: Weibliche Solidarität ist für mich nicht nur ein Slogan. Es ist
       etwas, das ich jeden Tag in unserer Arbeit erlebe. Auch wenn wir nicht
       immer die gleichen Ideen und Meinungen haben, haben wir doch ein
       gemeinsames Ziel: Wir fordern eine Zukunft für unsere Kinder und
       Enkelkinder. Das bedeutet, die jeweils andere ebenfalls als Mutter, als
       Tochter, als jemanden anzuerkennen, die sich um die Zukunft ihrer Kinder
       sorgt.
       
       Alsharif: Wir pflanzen Ideen in die Köpfe der Menschen um uns herum. Nicht
       jeder findet es gut, dass ich mit israelischen Frauen zusammenarbeite.
       Nicht einmal in meiner eigenen Familie. Und auch nicht alle Frauen, mit
       denen wir arbeiten, um sie als Women of the Sun zu stärken. Sie fragen: Wie
       kannst du sie normalisieren, nach all den Morden, der Besatzung, dem Land,
       das sie uns gestohlen haben? Wir normalisieren nichts. Aber Angela hat mir
       mein Land nicht gestohlen. Sie ist eine Frau wie ich und sie will Frieden,
       genau wie ich. Wir schauen auf unser Ziel und nicht auf unsere
       Unterschiede.
       
       Scharf: Wir schauen nicht zurück, wer wem 1948, 1967 oder bei diesem oder
       jenem Terroranschlag was angetan hat. Sicher, jede Organisation hat ihre
       eigene Erzählung, aber gemeinsam bauen wir eine Zukunft auf.
       
       Alsharif: Darum geht es bei unserem „Aufruf der Mütter“.
       
       taz: Was ist der [3][„Aufruf der Mütter“]? 
       
       Scharf: Das ist unsere gemeinsame Vision. Women Wage Peace wurde 2014 nach
       dem letzten Gazakrieg von jüdischen und arabischen Bürgerinnen Israels
       gegründet. Seit 2018 war uns klar, dass wir eine Partnerin auf der anderen
       Seite brauchen. Deshalb haben wir Kontakt zu palästinensischen Frauen aus
       dem Westjordanland aufgenommen. Mithilfe unserer palästinensischen
       Mitglieder kamen wir in Kontakt und begannen, uns einmal im Monat an einem
       Ort in Bait Dschala zu treffen. Das ist in Gebiet C im Westjordanland,
       einem der wenigen Orte, an den sowohl israelische als auch palästinensische
       Frauen reisen können. Am Anfang war es sehr emotional, all die Frustration
       und Wut in uns kamen hoch. Unser Ziel war es, unsere gemeinsame Vision
       aufzuschreiben. Das hat letztendlich neun Monate gedauert. Während Covid
       konnten wir uns überhaupt nicht treffen, und danach haben die
       palästinensischen Frauen beschlossen, 2021 ihre eigene Organisation Women
       of the Sun zu gründen. 2022 wurden wir Schwesterorganisationen.
       
       taz: Warum war es so schwierig, die Vision zu Papier zu bringen? 
       
       Scharf: Wir haben jedes einzelne Wort diskutiert. Nicht nur wegen der
       Unterschiede zwischen Hebräisch und Arabisch, sondern wegen der tieferen
       Bedeutung jedes Wortes. Sicherheit – was bedeutet das für israelische
       Frauen? Und was für palästinensische? Das Ergebnis ist unser Aufruf der
       Mütter. Der erste Satz lautet: „Wir, palästinensische und israelische
       Frauen aus allen Gesellschaftsschichten, sind vereint in dem menschlichen
       Wunsch nach einer Zukunft in Frieden, Freiheit, Gleichheit, Rechten und
       Sicherheit für unsere Kinder und die nächste Generation.“
       
       Kurz vor Redaktionsschluss wurde das Büro von Women Wage Peace in Tel Aviv
       in Teilen zerstört. Eine iranische Rakete schlug in der Nähe ein. Von der
       Organisation wurde niemand verletzt.
       
       8 Mar 2026
       
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