# taz.de -- Grüne und Linke nach Mercosur-Abstimmung: Brandmauer für Anfänger*innen
> Vielleicht haben Grüne und Linke im EU-Parlament nur aus Versehen mit der
> AfD gestimmt. Die Folgen für die Zukunft der Brandmauer sind trotzdem
> enorm.
(IMG) Bild: Äußert sich zerknirscht über das Abstimmungs-Debakel zum Mercosur-Abkommen im Europaparlament: die Grünen-Abgeordnete Anna Cavazzini
Für Grüne und Linke ist das eine neue Erfahrung. Für gewöhnlich bringen
Brandmauer-Debatten nur das Mitte-Rechts-Lager ins Hadern – durch die
größere inhaltliche Nähe zur AfD sind Union und FDP schließlich viel
häufiger versucht, mit den Rechten zu stimmen. [1][Das Abstimmungs-Debakel
zum Mercosur-Abkommen im Europaparlament] bietet nun zur Abwechslung dem
linken Lager die Gelegenheit, sich Zweck und Funktionsweise der Brandmauer
zu vergegenwärtigen. Offenbar ist das auch dringend nötig.
Das zeigt sich an [2][Erklärungsversuchen wie dem der Grünen-Abgeordneten
Anna Cavazzini.] Sie äußert sich zerknirscht, legt aber gleichzeitig Wert
darauf, dass die enorm heterogene Parlamentsmehrheit zu Mercosur –
inklusive deutschen Grünen, Linken und der AfD – ein Zufallsergebnis
gewesen sei. Keine „strukturierte Zusammenarbeit“, anders als bei
„Konservativen mit den Rechtsextremen“ vor ein paar Monaten an gleicher
Stelle zum Lieferkettengesetzen.
Das kann gut sein. Allerdings ist der Unterschied irrelevant. Tatsächlich
gibt es verschiedene Formen der Kooperation zwischen AfD und demokratischen
Parteien. Die direkteste und seltenste Variante ist die Zustimmung zu
Anträgen der AfD oder gemeinsam vereinbarte Mehrheiten. Knapp unter diesem
Level bewegt sich das, [3][was Friedrich Merz vor einem Jahr im Bundestag
mit seinen Abschiebe-Anträgen gemacht hat]: Er griff AfD-Inhalte auf,
verpackte sie in eigene Anträge und brachte sie zur Abstimmung – wohl
wissend, dass sie nur mit AfD-Stimmen eine Mehrheit finden würden.
Bei Mercosur ließen sich Grüne und Linke zwar nicht inhaltlich von der AfD
treiben. Beide Seiten kamen aus gegensätzlichen Motiven zu einer
einheitlichen Position. Mit etwas Wohlwollen kann man Cavazzini und anderen
auch abnehmen, dass sie nicht damit kalkuliert haben, ihren Antrag nur dank
AfD-Stimmen durchzubekommen. Mit acht Fraktionen und ohne Fraktionszwang
ist das EU-Parlament so unübersichtlich, dass Fahrlässigkeit zumindest
plausibel erscheint.
Doch für die Folgen des Abstimmungsverhaltens spielt das keine Rolle. Ein
zentraler Sinn der Brandmauer ist es, die AfD nicht zum Machtfaktor in
Parlamenten werden zu lassen. Schlimm genug, dass es der Partei seit Jahren
gelingt, den Diskurs zu verschieben und ihren Wähler*innen dadurch
glaubhaft zu vermitteln, einen Unterschied zu machen. Die
Demokrat*innen sollten ihr nicht auch noch die Möglichkeit schenken,
Abstimmungen direkt zu entscheiden – völlig egal, ob es um Abschiebungen im
Bundestag, Freihandel im EU-Parlament oder den Abhol-Kalender der
Müllabfuhr im Stadtrat geht.
Selbst eine vermeintlich harmlose Abstimmung kann eine Kettenreaktion
auslösen. [4][In einem Papier aus dem Jahr 2025] unterschieden
Politikwissenschaftler um Wolfgang Schroeder ebenfalls zwischen
unterschiedlichen Formen der Kooperation mit der AfD und entsprechend
zwischen Brandmauern erster und zweiter Ordnung. Beide hängen ihnen zufolge
jedoch eng zusammen: „Metaphorisch gesehen stehen beide Brandmauern
hintereinander – wird die erste Mauer durchbrochen, ist es daraufhin
einfacher, auch die zweite Mauer zu durchbrechen.“
Nun ist es unwahrscheinlich, dass Grüne und Linke im zweiten Schritt
gemeinsam mit der AfD weitere Verschärfungen des Asylrechts durchboxen
werden. Auf die Zukunft der Brandmauer bei CDU und CSU kann sich die
Mercosur-Abstimmung vom Mittwoch aber durchaus auswirken.
Den deutschen Konservativen muss man bei allen Ausreißern zugutehalten: In
der weit überwiegenden Zahl der Fälle verzichten sie bislang auf gemeinsame
Abstimmung mit der AfD und damit auf taktische Vorteile und die
Durchsetzung eigener Positionen. Diese noch einigermaßen stabile Haltung
könnte die Union jetzt verstärkt infrage stellen: Warum sollte sie
weiterhin auf Mehrheiten verzichten, wenn die Gegenseite bei der ersten
Gelegenheit die Stimmen der AfD mitnimmt? Verbunden womöglich mit dem
Verdacht: Geht es den Mitte-Links-Parteien mit ihren Brandmauer-Predigten
gar nicht so sehr um den Schutz des demokratischen Systems – sondern viel
mehr um den eigenen Vorteil gegenüber den demokratischen Mitbewerbern?
Es ist daher richtig, dass die grünen EU-Abgeordneten nach Kritik aus den
eigenen Reihen [5][Besserung geloben]. Tatsächlich ginge es ja selbst im
unübersichtlichen EU-Parlament anders: Vor Abstimmungen systematisch
Gespräche mit allen Demokrat*innen führen, Stimmen durchzählen, und,
wenn eine Mehrheit ohne Rechtsextreme nicht sicher ist, eigene Anträge zur
Not zurückziehen, statt zur Abstimmung zu stellen. Das ist mühsam und
unbefriedigend, aber so funktioniert die Brandmauer. Im Mitte-Rechts-Lager
weiß man das längst.
23 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Freihandelsabkommen-mit-Mercosur/!6147421
(DIR) [2] https://www.instagram.com/p/DT0tgnFjWPD/?igsh=a3UweHZ4cGR1b3d3
(DIR) [3] /Merz-Anbiederung-an-die-AfD/!6061889
(DIR) [4] https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2025/v25-501.pdf
(DIR) [5] /EU-Abstimmung-zum-Mercosur-Abkommen/!6148028
## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
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