# taz.de -- Wieder wackelt die Brandmauer: Interne Chats belegen Kooperation von EVP mit Rechten
> Die Brandmauer stehe im Europaparlament, beteuerte CSU-Politiker Manfred
> Weber kürzlich. Eine WhatsApp-Gruppe und ein Treffen lassen daran Zweifel
> aufkommen.
(IMG) Bild: In Erklärungnot: Manfred Weber (CSU)
dpa | Die Fraktion von CDU und CSU im Europaparlament kooperiert deutlich
enger mit der AfD und anderen rechten Parteien [1][als bislang bekannt].
Recherchen der Deutschen Presse-Agentur belegen, dass die EVP jüngst
gemeinsam mit dem rechten Flügel in einer Chatgruppe und bei einem
persönlichen Treffen von Abgeordneten an einem Gesetzesvorschlag zur
Verschärfung der Migrationspolitik arbeitete.
Zur Frage, ob der EVP-Fraktionsvorsitzende Manfred Weber von der
WhatsApp-Gruppe und dem Treffen von Vertretern seiner Fraktion mit
Rechtsaußen-Politikern wusste, wollte sich ein Sprecher zunächst nicht
äußern. Er sagte, man werde interne Abläufe nicht kommentieren.
Der verhandelte Gesetzesvorschlag bekam kurz nach dem Treffen der
Abgeordneten im zuständigen Ausschuss des Europaparlaments die notwendige
Mehrheit. Neben Abgeordneten der EVP-Fraktion stimmten die Parlamentarier
der Gruppen aus dem rechten Lager für ihn, unter ihnen die AfD-Politikerin
Mary Khan. Das geplante Gesetz soll unter anderem die Abschiebung von
Asylsuchenden in sogenannte „Return Hubs“ in Staaten außerhalb der EU
ermöglichen.
## Unionspolitikerin bestritt strukturierte Zusammenarbeit
Der CSU-Politiker und EVP-Fraktionsvorsitzende Manfred Weber hatte bislang
immer den Eindruck vermittelt, dass es eine solche Art von Kooperation mit
rechten Parteien nicht gibt. Noch Ende des vergangenen Jahres sagte er den
Zeitungen der Funke-Mediengruppe, ihm sei wichtig, dass es im
Europaparlament „keine strukturierte Zusammenarbeit mit rechtsradikalen
Parteien“ gebe. Er fügte hinzu: „Die Brandmauer steht. Wir wissen, wer
unsere Feinde sind.“ Die AfD sei eine antieuropäische Partei.
Die im zuständigen Ausschuss sitzende CDU-Europaabgeordnete Lena Düpont
sagte vor wenigen Tagen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu der
Abstimmung über das Migrationsgesetz: „Es hat dazu keine strukturelle
Zusammenarbeit mit der AfD und anderen Kräften von Rechtsaußen gegeben.“
Man könne nicht verhindern, dass sich andere Fraktionen dem eigenen
Vorschlag anschlössen. Düpont war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu
erreichen.
## Wie der Deal zustande kam
Zu der Zusammenarbeit zwischen den Parteien kam es, nachdem das
Gesetzesprojekt monatelang festgesteckt hatte, weil sich EVP,
Sozialdemokraten und Liberale nicht einigen konnten. Diese drei
Parteienfamilien haben eigentlich eine Art informelle Koalition, die eine
Zusammenarbeit der EVP mit Rechtsaußenparteien überflüssig machen soll.
Im konkreten Fall hatte die Allianz Anfang März keine Einigung gefunden.
Nachdem die Sozialdemokraten dem Konzept der „Return Hubs“ in der
vorliegenden Form weiter nicht zustimmen wollten, wurde den Informationen
zufolge eine WhatsApp-Gruppe gegründet, in der die EVP ihren Vorschlag den
rechten Fraktionen unterbreitete.
Diese sind die konservativ-rechtspopulistische EKR um die
Europaabgeordneten der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni,
die Patrioten für Europa (PfE) mit den Politikern der Partei Rassemblement
National (RN) von Frankreichs Rechtspopulistin Marine Le Pen sowie die
Parlamentarier der Parteienfamilie Europa der souveränen Nationen (ESN) mit
den AfD-Europaabgeordneten.
## Zustimmung für AfD-Vorschlag
Mitarbeiter der Gruppe antworteten auf den Vorschlag mit Änderungswünschen.
Die EVP berücksichtigte dabei nach Informationen der dpa auch vom
Abgeordnetenbüro der AfD-Politikerin Khan eingebrachte Vorschläge. Zu einem
heißt es in der WhatsApp-Gruppe von der EVP etwa: „Wir können das
unterstützen.“
Konkret setzte sich Khan etwa für zusätzliche Befugnisse der Behörden bei
der Überprüfung des Alters von Asylsuchenden ein. Sie forderte, im Zweifel
auch medizinische Tests heranzuziehen, um festzustellen, ob Schutzsuchende
wirklich minderjährig sind.
Rechte Politiker hatten nach eigenen Angaben früh deutlich gemacht, dass es
für ihre Unterstützung Bedingungen gibt. Die rechtspopulistische
Abgeordnete Marieke Ehlers sagte der dpa, sie habe wissen lassen, dass sie
nur mitmache, wenn sie sich aktiv in den Prozess einbringen könne. „Ich
werde nicht einfach auf der gepunkteten Linie unterzeichnen“, sagte die
Politikerin der vom radikal-rechten Populisten Geert Wilders gegründeten
niederländischen Freiheitspartei (Partij voor de Vrijheid).
Zu vertraulichen Chats wolle sie sich nicht äußern, sagte Ehlers. Auch die
AfD-Politikerin Khan sowie der EKR-Politiker Charlie Weimers teilten auf
dpa-Anfrage mit, interne Kommunikation nicht kommentieren zu wollen.
## EVP-Politiker treffen rechte Fraktionen
Kurze Zeit nach der Gründung der WhatsApp-Gruppe fand dann am 4. März ein
persönliches Treffen der vier Abgeordneten von ESN, EKR, PfE und EVP statt,
die über das Gesetz verhandelten. Dies sind der französische EVP-Politiker
François-Xavier Bellamy, die AfD-Europaabgeordnete Khan sowie Ehlers von
den PfE und Weimers von der EKR. Gemeinsam erarbeiteten sie einen
Gesetzesvorschlag für die kommende Abstimmung.
Nach der Einigung heißt es in der WhatsApp-Gruppe: „Vielen Dank für diese
hervorragende Zusammenarbeit.“ Mitarbeiter der EVP reagieren mit dem Emoji
für Klatschen.
Ein EVP-Sprecher sagte auf Anfrage der dpa, an dem von der EVP
eingebrachten Text habe es keine wesentlichen Änderungen gegeben. Er
basiere auf dem Vorschlag der Europäischen Kommission und sei um wichtige
Aspekte der Position der Regierungen der Mitgliedstaaten erweitert worden.
„AfD-Abgeordnete spielen weder für die Mehrheit noch für die Positionierung
irgendeine Rolle. Sie sind irrelevant“, fügte er hinzu.
## Dobrindt warb für Gesetzesvorschlag
Dass im Ausschuss eine Mehrheit gefunden werden konnte, gilt als Durchbruch
bei der Frage, ob die EU-Staaten bald „Return Hubs“ in Drittstaaten
einrichten könnten. Die Abstimmung im gesamten EU-Parlament voraussichtlich
in wenigen Wochen gilt nun als Formsache – ebenso wie die noch notwendigen
Gespräche mit dem Rat der Mitgliedstaaten. Die vorgeschlagene
Rückführungsverordnung sieht vor, dass ausreisepflichtige Asylbewerber, die
nicht direkt in ihre Heimat- oder Herkunftsländer abgeschoben werden
können, stattdessen in Auffangzentren außerhalb der EU gebracht werden
sollen.
Besonders Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) wirbt für das
Konzept. Es soll das europäische Asylsystem entlasten. Die Bundesregierung
hat für die Einrichtung von „Return Hubs“ nach eigenen Angaben mit vier
weiteren EU-Ländern einen groben Fahrplan erarbeitet. Kritiker sehen durch
das Vorhaben die Grundrechte von Flüchtlingen gefährdet.
## Deutsche Brandmauer-Debatte
Das Bekanntwerden der Zusammenarbeit mit den Rechten könnte das Projekt nun
belasten. CSU-Chef Markus Söder und CDU-Chef Friedrich Merz hatten sich in
der Vergangenheit wiederholt gegen [2][jegliche Zusammenarbeit mit der AfD]
ausgesprochen. Zuvor hatte es mehrfach heftige Debatten gegeben, unter
anderem, nachdem die Union im Bundestag Anfang 2025 versucht hatte, eine
Verschärfung der Migrationspolitik durchzudrücken. Ein Antrag erlangte
dabei nur eine Mehrheit, weil auch die AfD zustimmte.
Die SPD verlangte nach der Enthüllung über die Kontakte zwischen
EVP-Fraktion und rechten Parteien im Europaparlament Aufklärung. Das
Vorgehen der EVP wäre ein skandalöser Vorgang, teilte SPD-Generalsekretär
Tim Klüssendorf mit. Weber müsse sich erklären.
## EU-Abgeordnete aus Deutschland kritisieren scharf
Auch EU-Abgeordnete reagierten empört. Der Delegationsleiter der deutschen
Grünen im Europaparlament, Erik Marquardt, sagte der dpa: „Rechtsextreme in
demokratische Prozesse einzubinden, wird der Anfang vom Ende der liberalen
Demokratien in Europa sein.“ Die FDP-Europaabgeordnete Marie-Agnes
Strack-Zimmermann sprach von einem schweren politischen Fehler.
Unklar ist, ob die EVP bereits in der Vergangenheit so eng mit den rechten
Fraktionen kooperierte. In der Migrationspolitik gab es Ende des
vergangenen Jahres eine Abstimmung zur Auslagerung von Asylverfahren – auch
hier stimmte eine rechte Mehrheit dafür. [3][Mit der Unterstützung rechter
und rechtsextremer Parteien ebnete die EVP zudem den Weg für eine
Abschwächung des Lieferkettengesetzes.]
15 Mar 2026
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