# taz.de -- Abhängigkeit von Big Tech: Was bedeutet „Digitale Souveränität“?
       
       > Selbständig zu werden, ist immer gut. Doch Europa sollte nicht dem
       > Nationalismus verfallen, sondern digitale Souveränität schon in der
       > Schule einüben.
       
 (IMG) Bild: Querschnitt eines Glasfaserkabels das zur Übertragung von Daten genutzt wird
       
       Als die ersten Unterseekabel Mitte des 19. Jahrhunderts gelegt wurden, war
       sich die Wissenschaft nicht sicher, ob sie den Meeresgrund erreichen
       würden. Heute rätseln wir nicht mehr über die Tiefe der See, sondern über
       die des Digitalen. Das Netz der neuen Kabel verbindet die Welt. Doch die
       Macht der Datenströme hat Schlagseite Richtung USA.
       
       Seit Monaten halten Politiker*innen deswegen Digitalgipfel ab, um die
       EU unabhängiger zu machen. Dass im Zuge dessen die EU nun WhatsApp als so
       groß einstuft, dass es sich an strengere Regeln des Digital Services Act
       (DSA) halten muss, ist gut; ebenso, dass sie ein [1][Verfahren gegen die
       Social-Media-Plattform X eingeleitet] hat, deren [2][KI Grok sexualisierte
       Bilder von realen Menschen erstellt hat].
       
       Beide Maßnahmen können als Schritt zur sogenannten „digitalen Souveränität“
       betrachtet werden, auch wenn unklar ist, worum es dabei überhaupt geht.
       Denn der selbstbestimmte Umgang mit Digitalem kann für Politik, Wirtschaft,
       zivilgesellschaftliche Gruppen und Individuen etwas sehr Unterschiedliches
       sein.
       
       Groß ist die [3][Angst vor dem Kill Switch, dem Totalausfall,] der drohen
       würde, wenn die Dienste von IT-Konzernen aus den USA – Trump hat teils die
       Möglichkeit, das zu befehlen – plötzlich nicht mehr in Europa zugänglich
       wären. [4][Rund 70 Prozent der Cloud-Infrastruktur], die wir in Europa
       nutzen, gehören US-amerikanischen Anbietern wie Amazon, Microsoft und
       Google. Aus dieser Abhängigkeit von Big Tech muss sich die EU lösen, nicht
       aus der Abhängigkeit von den USA, so nationalistisch müssen wir gar nicht
       denken.
       
       ## Nicht mehr über Epstein chatten
       
       Unterseekabel sind stabil, weil sie aus gebündelten Lichtleitern bestehen.
       Auch digitale Souveränität lässt sich nur erreichen, wenn mehrere Fasern
       zusammenkommen. Da sind wir Einzelpersonen, unsere zivilgesellschaftlichen
       Gruppen, Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Medien, Behörden und so viel
       mehr. Sie alle müssen sich um digitale Souveränität bemühen, weil sie eine
       jeweils andere Definition davon haben.
       
       [5][In Russland zwingt Putin die Bürger*innen ganz souverän zu einer
       Kreml-App], ohne die sie nicht studieren oder ein Auto anmelden können. Die
       USA zwingen Tiktok ganz souverän zu einem Joint Venture mit US-Unternehmen,
       kurz darauf können User*innen nicht mehr über Epstein chatten und
       [6][ICE-kritische Beiträge werden schlechter ausgespielt].
       
       Digitale Souveränität zuhause für Privatpersonen bedeutet: Ich entscheide,
       wo meine Daten sind und wo sie hingehen. Deswegen ist es wichtig, [7][sich
       Sammelklagen gegen Meta und Co anzuschließen], wenn der Schutz unserer
       Daten nicht gewährleistet wurde. Es sollte aber auch bedeuten: Ich
       entscheide, welche Inhalte der Algorithmus mir zeigt, womit mich die
       Plattform beeinflusst.
       
       Es sollte auch bedeuten, dass ich eine Plattform nutzen und mich dort
       dennoch gegen schädliche Mechanismen entscheiden kann, die psychische
       Erkrankungen wie Essstörungen oder Sucht auslösen. Diese Möglichkeiten
       werden uns aber erst gegeben, wenn die Gesetzgeber*innen dafür sorgen.
       
       ## ICE-Gehilfe Palantir
       
       Digitale Souveränität im Privaten (aber nicht nur) bedeutet auch Boykott.
       Wir können unsere Fotos auf kleineren Clouds parken – vielleicht sogar auf
       nachhaltigen! Wir müssen auch nicht Paypal nutzen oder andere von einem
       Antidemokraten gegründeten Zahlungsdienste. Und wie links kann ein Beitrag
       eigentlich sein, wenn er auf Plattformen von Ultrarechten oder
       Trump-Schmeichlern stattfindet, [8][die auch mal schnell Informationen zu
       Abtreibungen zensieren].
       
       Solche Entscheidungen treffen zu können, sich im digitalen Raum souverän
       bewegen zu können, das muss schon an Schulen gelehrt werden. Dafür müssen
       sie selbst digital unabhängig von Programmen großer Unternehmen sein und
       Alternativen aufzeigen. Die bräuchten auch Staat und Behörden.
       [9][Mindestens die Hälfte der Verwaltungen in Europa arbeitet mit Diensten
       von Microsoft].
       
       Stattdessen sollten sie auf freie, einsehbare, anpassbare Software setzen.
       Damit umgeht man dann im Idealfall auch, [10][dass ein Unternehmen, das
       sensibelste Daten von Bürger*innen hat, plötzlich an einen Zweig eines
       US-Unternehmens verkauft wird], wie es in den Niederlanden geschehen
       könnte.
       
       ## Plötzlich kein Zugriff mehr auf Microsoft-Mails
       
       Die Bundesregierung hat sogar das Start-up [11][ZenDis] gegründet, das
       deutsche Unternehmen und Verwaltung mit sicherer Software ausstatten soll.
       Der Internationale Strafgerichtshof prüft gerade, ob er ein ZenDis-Programm
       einsetzt, um sich von Microsoft zu trennen. Man fürchtet Sanktionen durch
       die Trump-Regierung. Und vielleicht hat man auch Vertrauen verloren,
       nachdem [12][Chefankläger Karim Khan im Mai 2025 nicht mehr auf seine Mails
       zugreifen konnte].
       
       Besonders Frankreich tut gerade große Schritte in die digitale
       Souveränität. Und Schleswig-Holstein. Warum machen die anderen Bundesländer
       nicht mit? Stattdessen schmeißen manche Strafverfolgungsbehörden
       ausgerechnet dem [13][ICE-Gehilfen Palantir] Geld und
       Bürger*innendaten in den Rachen.
       
       Die EU und die Mitgliedsstaaten müssen umdenken. Bei ihrer Ausstattung,
       dabei, wie sie digitale Souveränität in der Gesellschaft fördern können.
       Und auch bei der Gesetzgebung. AI-Act und DSA sind keine Wirtschaftshemmer.
       Sie sind ein Werkzeug, um Technologie ethisch und menschenfreundlich zu
       gestalten. Sie müssen der Mantel sein, in dem die einzelnen Stränge der
       Gesellschaft geschützt werden, um digitale Souveränität zu erreichen.
       
       2 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /EU-Verfahren-gegen-X/!6148790
 (DIR) [2] /KI-Grok-von-Elon-Musk/!6145544
 (DIR) [3] /Digitale-Abhaengigkeit-von-den-USA/!6129800
 (DIR) [4] /Abhaengigkeit-von-US-Techfirmen/!6123685
 (DIR) [5] /Internetzensur-in-Russland/!6147387
 (DIR) [6] https://www.fr.de/politik/stoerungen-bei-ice-videos-auf-tiktok-spekulationen-um-trumps-einfluss-nehmen-zu-zr-94146001.html
 (DIR) [7] /Sammelklagen-gegen-Meta/!6149284
 (DIR) [8] /Zensur-von-Abtreibungscontent-in-den-USA/!6140928
 (DIR) [9] /Weg-von-Google-Microsoft-und-Whatsapp/!6129810
 (DIR) [10] /Digitale-Souveraenitaet/!6148419
 (DIR) [11] https://www.zendis.de/
 (DIR) [12] https://netzpolitik.org/2025/sorge-vor-us-sanktionen-internationaler-strafgerichtshof-kickt-microsoft-aus-seiner-verwaltung/
 (DIR) [13] https://www.heise.de/hintergrund/USA-Die-Architektur-der-Abschiebung-und-Palantirs-Rolle-im-neuen-ICE-System-11152960.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johannes Drosdowski
       
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