# taz.de -- Digitale Unabhängigkeit: Ausziehen bei Mama Meta
> Einmal monatlich zeigen europäische Hacker, wie sich Normalsterbliche von
> Whatsapp, Paypal und Co. befreien können. Zu Besuch bei einem
> Umzugsworkshop.
(IMG) Bild: Tüftler:innen und Datenschützer:innen bei einer Versammlung des Chaos Computer Clubs
An einer Baracke am Hafen von Stralsund hängt ein graues Schild: Port39,
Hackerspace. Anfang Februar ist es so kalt, dass selbst drinnen am Fenster
Eisblumen wachsen. Blass spiegeln sich darin die Lichter der an den Wänden
befestigten LED-Streifen – abwechselnd orange, blau, grün.
Florian Becker, der ein schwarzes T-Shirt und Brille trägt, sitzt am Tisch
vor seinem aufgeklappten Laptop. Darauf ein Sticker: „May contain Hackers“.
Aus einer Flasche trinkt er einen Schluck Mate und tippt schnell etwas auf
seiner Tastatur. Becker hat den Port39 im Jahr 2019 ins Leben gerufen.
Normalerweise treffen sich hier Computernerds wie er, um gemeinsam zu
programmieren, Sicherheitslücken in Software aufzuspüren oder mit dem
Lötkolben kaputte Microchips zu reparieren.
Heute nicht. Es ist der erste Sonntag des Monats und der Hackerclub öffnet
seine Türen speziell für Menschen, die weniger Ahnung von Technik haben.
Denen wollen Becker und seine Kolleg:innen an diesem Tag beim Umzug helfen.
Nicht etwa in eine neue Wohnung, sondern in die digitale Unabhängigkeit.
Was das bedeutet? „Kurz gesagt: Nicht auf Big-Tech-Ami-Konzerne angewiesen
zu sein“, sagt Becker.
Port39 trägt damit zum Digitalen Unabhängigkeitstag bei, dem „Digital
Independence Day“, kurz „Di.Day“. Dazu hatte der Chaos Computer Club (CCC),
die größte Hackervereinigung Europas, gemeinsam mit weiteren Organisationen
[1][auf seiner Jahreskonferenz Ende 2025] aufgerufen. Die Ankündigung
übernahm dabei kein Geringerer als Autor Marc-Uwe Kling – beziehungsweise
seine beliebte Romanfigur: das Känguru.
## Milliardäre kontrollieren die digitale Welt
„Jeden ersten Sonntag auf die gute Seite wechseln“, lautet das Motto des
Digitalen Unabhängigkeitstages. Gründe dafür gibt es zur Genüge:
Mehrheitlich US-amerikanische Tech-Unternehmen, mit Milliardären wie Elon
Musk, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos an der Spitze, kontrollieren weite
Teile der digitalen Welt.
Ihre Quasi-Monopolstellung nutzen sie immer stärker für ihre politischen
Interessen, die seit Jahren immer enger mit denen der MAGA-Bewegung und von
US-Präsident Donald Trump verwoben sind. Bei X, ehemals Twitter, werden
Hass-Kommentare seit der Übernahme des Dienstes durch Musk 2022 nicht mehr
gelöscht, [2][extrem rechte Accounts stattdessen hervorgehoben.] Instagram,
ein Dienst von Zuckerbergs Konzern Meta, zeigte den Hashtag #democrat am
Tag der zweiten Amtseinführung Trumps zeitweise nicht mehr an.
[3][Begründung: „sensibler Inhalt“.]
Am Di.Day sollen Menschen also dazu befähigt werden, sich von Whatsapp,
Instagram und X, aber auch von Google, Microsoft und Co. zu lösen. Termine
dafür gibt es von Lissabon bis Stralsund. Allein an diesem Tag finden 161
Veranstaltungen statt.
## Das am dünnsten besiedelte Chaos in Deutschland
In Stralsund klingelt es an der Tür. Statt aufzustehen, drückt Becker auf
einen roten Knopf in der Mitte seines Tisches, der aussieht wie ein Buzzer
in einer Fernsehshow. Die Eingangstür öffnet sich automatisch. Herein kommt
Anja Dobrint. Es ist ihr erstes Mal in einem Hackerspace, obwohl sie den
Port39 schon seit einer Weile auf Instagram verfolgt. Außerdem ist sie
großer Fan von Marc-Uwe Kling. Auch vom Di.Day hat sie über Instagram
erfahren. „Das ist natürlich etwas ironisch“, sagt sie und lächelt. Denn
von der Plattform wolle sie eigentlich loskommen.
Becker kennt das Dilemma: „Es ist nicht optimal“, sagt er, „aber irgendwie
müssen wir die Leute ja erreichen.“ Das sei an der Küste gar nicht so
leicht. Der Port39 sei „das am dünnsten besiedelte Chaos in Deutschland“.
Heißt: Der Hackerclub ist ein regionaler Ableger des CCC – der einzige
sogenannte Erfahrungsaustauschkreis in Mecklenburg-Vorpommern. Und dazu
der, in dessen Stadt- und Landkreis am wenigsten Menschen wohnen.
Mittlerweile hat der Verein dennoch 30 feste Mitglieder. „Beständigkeit ist
hier oben wichtig“, sagt Becker.
Einige seiner Kollegen bieten heute zum Di.Day ihre Expertise an. Auf die
drei Port39er kommen drei Interessierte. Quasi Eins-zu-eins-Beratung. Neben
Mate gibt es schwarzen Tee, und wer Fragen hat, darf sie stellen. Ein
Teilnehmer lässt sich dabei helfen, der Nachrichten-App Telegram sämtliche
Berechtigungen zu nehmen: kein Zugriff mehr auf Kontakte, Fotos und auch
auf den Standort nicht.
## Weiter geht es in die Welt alternativer Betriebssysteme
„Ist Telegram denn gut?“, will er wissen. Er ist vor allem um sichere
Kommunikation besorgt. Telegram sei so eine Sache, ganz transparent gehe
das Unternehmen nicht mit seinen Zielen um, sagt ein Port39er. Immer wieder
wird der Dienst dafür kritisiert, [4][Raum für extremistische Inhalte zu
bieten]. Stattdessen empfehle er Signal, da die App open source ist – also
auf einem öffentlich einsehbaren Code basiert. Und weil das Unternehmen,
das sie anbietet, als Nonprofitorganisation nicht auf Gewinn ausgelegt ist.
Wer statt anderer Messengerdienste schon Signal nutzt und die herkömmlichen
sozialen Medien hinter sich gelassen hat, wird in die Welt der alternativen
Betriebssysteme eingeweiht. Becker zeigt auf sein Handy. „Hier ist zum
Beispiel Graphene OS drauf“. OS steht für „Operating System“ –
Betriebssystem. Wie Signal ist auch Graphene OS ein Open-Source-Projekt.
Das Besondere hier: Es unterstützt keine Google-Anwendungen, sie
funktionieren damit erst einmal nicht. Folglich kann das US-Unternehmen
keine Daten über ein Gerät sammeln, das mit Graphene OS betrieben wird –
und auch über seine:n Besitzer:in nicht. „Letztlich sind Daten Macht,
deswegen sollten wir genau prüfen, mit wem wir sie teilen“, sagt Becker in
die Runde.
Anja Dobrint hat noch eine Mission: sich von Paypal freimachen. Einst unter
anderem von Tech-Milliardär Peter Thiel gegründet, ist das Unternehmen zum
Gigant unter den Online-Bezahldiensten geworden. Eigenen Angaben zufolge
mit 35 Millionen aktiven Kundenkonten in Deutschland – und über 400
Millionen weltweit.
Becker klickt sich mit Dobrint durch die [5][Webseite des Di.Days]. Hier
gibt es „Rezepte“, die Schritt für Schritt erklären, wie man Big-Tech
hinter sich lässt. Mit Zeitangabe und Schwierigkeitsgrad wird der Wechsel
von Whatsapp zu Signal, von X zum alternativen Kurznachrichtendienst
Mastodon oder von Google zur Öko-Suchmaschine Ecosia schmackhaft gemacht.
Als Alternative zu Paypal wird Wero vorgeschlagen. Anders als Paypal ist
Wero ein europäisches Bezahlsystem. Das einzige Problem: Es ist noch nicht
so weit verbreitet. Gerade beim Online-Shopping akzeptieren es viele
Webseiten noch nicht.
## App laden, Nummer eingeben, los geht's
Dobrint kennt das schon von Signal. Der Wechsel sei keine technische
Herausforderung gewesen, sagt sie. App herunterladen, Telefonnummer
eingeben und los geht’s. „Aber ich hatte dann nur einen weiteren Kontakt“,
erinnert sie sich. Becker hat auch dafür einen praktischen Tipp: „Man muss
anderen Leuten vom Wechsel erzählen“, sagt er. Man könne zum Beispiel sein
Profilbild auf Whatsapp zu einem Text ändern: „Ich bin jetzt auf Signal.“
So wüssten die Kontakte, wo man am liebsten kommunizieren möchte.
Wie groß die Herausforderung ist, die Machtmonopole der Tech-Konzerne zu
überwinden, erklärt Becker den Teilnehmer:innen anhand weiterer Beispiele:
Amazon, Microsoft und Google dominierten gemeinsam [6][70 Prozent der
Cloudservices in der Europäischen Union], sagt er. Das bedeute, dass die
hier gespeicherten Daten auf Servern der US-Unternehmen liegen.
Dann wäre da noch Microsoft Office, die mit 85 Prozent mit Abstand [7][am
meisten in deutschen Unternehmen genutzte Bürosoftware]. „Noch krasser“ sei
aber Cloudflare. Der Dienst macht Webseiten schneller und sicherer. Zum
Beispiel durch die „Bist du ein Mensch“-Frage, die beim Aufsuchen mancher
Websites aufploppt und per Klick auf ein Kontrollkästchen bestätigt werden
muss. Über den Service des in San Francisco ansässigen Unternehmens laufe
ein großer Teil des weltweiten Internetverkehrs, sagt Becker.
Diese Monopolisierung widerspreche dem Urgedanken eines freien Internets.
Dabei gehe es „nicht nur um Datenhoheit, Privatsphäre und das Ziel,
Big-Tech nicht zu unterstützen“. Eine große Gefahr sei, dass eine Handvoll
Menschen gerade in der Lage wäre, das Internet praktisch großflächig
auszuschalten.
Wie fragil die weltweite digitale Infrastruktur ist, sei vielen gar nicht
bewusst, sagt Becker. „Ein Beispiel dafür ist die xz Library, habt ihr das
mitbekommen?“, fragt er die Teilnehmenden. Mehrheitliches Kopfschütteln.
„Eigentlich macht das Open-Source-Programm nicht viel, es komprimiert
Daten“, erklärt er. Aber es stecke in fast jedem Linux-System. 2024 sei vor
einem Update erst im letzten Moment bemerkt worden, dass jemand versucht
hatte, [8][den Code zu manipulieren.] „Das wäre fatal gewesen“, sagt
Becker. Ein Großteil der weltweiten Computer und Server wäre dann
angreifbar gewesen.
Um die Struktur des Systems Internet und des Digitalen nachhaltig zu
verändern, braucht es politische Maßnahmen und den Aufbau von Alternativen.
Die EU versucht das unter anderem mit dem [9][Digital Services Act] (DAS),
der seit 2024 gültig ist. Hierüber werden Onlineplattformen und soziale
Medien gesetzlich dazu verpflichtet, schneller und konsequenter gegen
illegale Inhalte, wie etwa Hassbotschaften, vorzugehen. Die erste
DSA-Strafe wurde im Dezember 2025 gegen X verhängt. 120 Millionen Euro soll
das Unternehmen [10][aufgrund mangelnder Transparenz zahlen.] Zudem will
die EU über Förderprojekte die europäischen Serverkapazitäten ausbauen.
## „Nicht den Idealismus-Hammer schwingen"
Für Normalsterbliche bleibt derweil vor allem die Wahl, welche Browser,
Nachrichten-Apps oder sozialen Medien sie nutzen. Die eine Lösung gibt es
dabei nicht. Das weiß auch Becker: „Wir dürfen auf keinen Fall den
Idealismus-Hammer schwingen. Das können wir als Nerds machen, aber das ist
nichts für die breite Masse.“
Das Eis an den Fenstern des Port39 ist durch die Wärme der Anwesenden
mittlerweile abgetaut. Im Licht der bunten LEDs packen diese ihre Sachen
zusammen. Der heutige Di.Day geht zu Ende. Im Hintergrund läuft epische
Filmmusik. Auch Anja Dobrint macht sich auf den Weg nach Hause. Dort will
sie das Rezept zum Wechsel von Paypal auf Wero in Ruhe umsetzen. Und sie
hat sich vorgenommen, wiederzukommen. „Spätestens bis zum ersten Sonntag im
März“, sagt sie zum Abschied.
10 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /39-Chaos-Communication-Congress/!6138448
(DIR) [2] https://arxiv.org/html/2503.02888v1#:~:text=This%20study%20examines%20whether%20German,default%20algorithmic%20feed%20of%20X.
(DIR) [3] https://www.zdfheute.de/politik/ausland/meta-instagram-suchanfrage-hashtag-zuckerberg-100.html
(DIR) [4] https://www.splcenter.org/resources/hatewatch/telegrams-toxic-recommendations-perpetuate-extremism/
(DIR) [5] https://di.day/
(DIR) [6] https://www.bertelsmann-stiftung.de/en/publications/publication/did/eurostack-a-european-alternative-for-digital-sovereignty
(DIR) [7] http://de.statista.com/statistik/daten/studie/77226/umfrage/internetnutzer-verbreitung-von-office-software-in-deutschland/#:~:text=Laut%20einer%20Studie%20zur%20Nutzung,in%20Deutschland%20bei%2085%20Prozent.
(DIR) [8] https://www.bsi.bund.de/SharedDocs/Cybersicherheitswarnungen/DE/2024/2024-223608-1032.pdf?__blob=publicationFile
(DIR) [9] https://www.bka.de/DE/DasBKA/OrganisationAufbau/Fachabteilungen/ZentralerInformationsUndFahndungsdienst/Digitale_Eingangsstelle/Digitale_Eingangsstelle_node.html
(DIR) [10] /EU-gegen-Plattformen/!6135652
## AUTOREN
(DIR) Clara Dünkler
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