# taz.de -- Wie ein KI-gestütztes 3D-Hologramm: Der Tiktok-Türke
> Wenn die Regierung Tiktok verbietet, werde ich arbeitslos: Seit drei
> Monaten tue ich so, als lese ich Zeitung, und Schulklassen bestaunen mich
> dabei.
(IMG) Bild: Unglaubliches Wissen: Auf Tiktok erfahren Jugendliche viel, von dem andere aus der Zeitung erfahren – und das auch noch auf Papier
Zuerst dachte ich, die Regierung wolle Tictac verbieten, um Zuckersucht zu
bekämpfen. [1][Es ging leider um Tiktok]. Ein Tiktok-Verbot würde mich
arbeitslos machen.
Bei uns in Halle 4 glotzen während der Frühstückspause alle wie verrückt
auf ihre Handys und knabbern geistesabwesend an ihren Stullen. Ahmet
verwechselte sogar die Stulle mit seinem Smartphone und biss in den sauren
Apfel seines Apple. Keine Überraschung, denn Social Media macht aus uns
nicht gerade Intelligenzbestien.
„Ahmet, du glaubst nicht, was in der Zeitung steht“, rief ich und
erschreckte meinen armen Kumpel, der fest eingeschlossen ist im
Handy-Knast.
„Osman, das eigentlich Unglaubliche ist, dass heute noch ein Mensch
[2][Nachrichten auf Papier] liest, so wie du“, konterte er höhnisch.
„Ahmet, du weißt doch, dass ich damit mein Geld verdiene“, entgegnete ich
nicht ganz ohne Stolz.
„Es würde sich auch niemand ohne Geld so ein Stück Papier vor die Nase
halten“, lachte er.
Seit drei Monaten schufte ich nicht mehr am Fließband, sondern sitze acht
Stunden im Pausenraum und tue so, als lese ich die Zeitung.
Täglich bestaunen mich verschiedene Schulklassen, weil ich eine Zeitung
anschauen kann. Meister Viehtreiber hofft so, sein Nachwuchsproblem in
Halle 4 zu lösen.
Es begann damit, dass unsere zwei neuen Lehrlinge mich im Pausenraum mit
einer Zeitung sahen und dachten, ich sei ein KI-gestütztes 3D-Hologramm,
das die Frühstücksräume der Autofabriken vor 3.000 Jahren optisch
darstellt.
„Was hat er denn so Komisches in der Hand, Digga?“, fragte Benjamin-David.
„Was fragst du mich, Digga?“, meinte Kasper-Justin und hämmerte sofort auf
sein Handy. „Es ist eine Zeitung“, jubelte er.
„Zeitung? Was ist das?“, fragte sein Kumpel Digga.
„Eine Erfindung von Jesus.“
„Nein, der ist doch mit einem Kreuzfahrtschiff gegen einen Berg geknallt
und rettete damit zwei Dinosaurier.“
Ich war schwer beeindruckt, dass die Kids Wörter wie Zeitung, Jesus und mit
etwas Glück Arche Noah kannten.
Da entdeckte Benjamin-David die Überwachungskamera links oben an der Decke.
„Krass, das Hologramm wird live gestreamt. Aber ich finde nichts.“ Sofort
tippte er ins Handy und rief stolz: „Ist erledigt, Digga! Die Kamera oben
hab ich gehackt. Jetzt können sich alle das Hologramm reinziehen.“
Am nächsten Tag kamen drei Schulklassen, um mich, den letzten Mohikaner mit
der Zeitung, zu bewundern.
„Kann man das Hologramm anfassen, Digga?“, fragte ein Schüler und schnappte
sich meine Nase.
„Bei Japsen sind Puffs voll mit Hologramm-Braut“, entpuppte sich sein Digga
als internationaler Bordell-Experte.
„Der hier ist ein Ötzi, Digga. Der Ötzi-Türke“, zitierte ein anderer
Schlaumeier aus Tiktok. „Der kam vor 2.000 Jahren mit ’nem Moped nach Wien,
um zu erobern. Den poste ich mal.“
Ich war begeistert, welches unglaubliche Wissen die Jugendlichen dank
Tiktok angehäuft hatten. Nur stimmen Jahreszahlen und Namen nicht immer
ganz.
2 Feb 2026
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## AUTOREN
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