# taz.de -- Digitale Souveränität: Die Niederlande haben Angst um ihre Daten
> Ausgerechnet der Cloud-Anbieter, der für die digitale Identität
> verantwortlich ist, soll an einen US-Konzern verkauft werden. Die
> Besorgnis ist groß.
(IMG) Bild: Ist meine digitale Identität noch sicher?
Bei den [1][niederländischen Behörden] sollen die Bürger:innen des
Landes sich sicher einloggen können. Das verspricht ihnen ihre Regierung.
Denn mit ihrer digitalen Identität, kurz DigiD, können die Menschen
zwischen Groningen und Maastricht Angelegenheiten mit Finanzamt,
Rentenfonds oder Versicherungen regeln, ebenso bei Bildungs- oder
medizinischen Einstellungen. Die Niederländer:innen tun dies
reichlich, denn obwohl ein DigiD-Zugang nicht obligatorisch ist, kommt man
im Alltag kaum noch darum herum. Im Jahr 2023 sorgten knapp 17 Millionen
Bürger:innen für gut 480 Millionen Log-ins. „Ihre persönlichen Daten“,
versichert die Regierung, „sind dabei gut geschützt.“
Genau darum gibt es derzeit jedoch große Sorgen: Der in Amsterdam ansässige
Cloud-Anbieter Solvinity, der spezialisiert auf staatliche Kunden ist,
darunter eben auch DigiD, gab im November bekannt, die Aktionäre hätten
einer Übernahme durch Kyndryl Netherlands zugestimmt. Der hiesige Zweig des
New Yorker IT-Infrastruktur-Giganten Kyndryl entstand im Jahr 2021 aus
einer Abspaltung vom US-Techkonzern IBM.
Nun prüft das Investitions-Prüfungsamt BTI rechtliche Bedenken gegen diese
Pläne, wie eine Nachfrage der taz ergab. Bei dem Amt, das dem
Wirtschaftsministerium unterstellt ist, müssen Investitionen, die
potenzielle Risiken für die nationale und ökonomische Sicherheit
darstellen, gemeldet werden. Eine entsprechende Meldung ist zum
Sovinity-Deal eingegangen, wie ein BTI-Sprecher bestätigte. Wer sie gemacht
hat, wollte er nicht sagen, weil man allgemein keine Informationen zu
laufenden Prozeduren gebe. Die Länge der Prüfverfahren variiere von Fall zu
Fall, so der Sprecher.
In den Niederlanden schrillen seit der Bekanntgabe der Übernahmepläne die
Alarmglocken. Das Gefälle im Datenschutz-Standard zwischen der EU und den
USA, wo Behörden weitreichende Zugriffsmöglichkeiten haben, bereitet dem
Parlament in Den Haag schon länger Sorgen. Entsprechend ist die Forderung
nach weniger Abhängigkeit von US-Techkonzernen keineswegs neu. Die
Erfahrungen seit der [2][Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus] haben sie
aber um einiges dringlicher gemacht. Vor diesem Hintergrund scheint der
Fall Solvinity alle Befürchtungen zu bestätigen.
## Abgeordnete warnen vor dem Deal
Stellvertretend für viele fragt sich Chris Stoffer, Fraktionsvorsitzender
der rechten calvinistischen Partei SGP, was künftig mit den Daten der
Bevölkerung geschieht: „Können wir demnächst noch auf sichere Art unsere
Steuererklärung ausfüllen?“ Barbara Kathmann vom linken Wahlbündnis
GroenLinks-PvdA stellte bereits Anfragen dazu. Sie befürchtet, digitale
Dienstleistungen an Bürger:innen könnten zum geopolitischen Spielball
werden: „Wenn die niederländische Regierung etwas tut, was Trump nicht
gefällt, kann er per Knopfdruck kurz mal unsere Regierung ausschalten. Das
ist wirklich eine große Gefahr“, so die Abgeordnete.
Eine Parlamentsmehrheit fordert von der bald neu antretenden Regierung
unter Rob Jetten, alles zu tun, um die Übernahme zu verhindern. Nach einem
technischen Briefing der Kommission für Digitale Angelegenheiten gestand
Silvio Erkens von der liberal-rechten VVD, seine Sorgen seien „eher größer
als kleiner“ geworden. Das Fazit: An der grundsätzlichen Konstellation,
dass für Solvinity als Kyndryl-Tochtergesellschaft die US-Gesetzeslage
gilt, ist nicht zu rütteln.
„Sehr viele unserer digitalen Systeme wurden in einer anderen
geopolitischen Epoche entwickelt“, zitiert die Tageszeitung Volkskrant Art
de Blaauw, der im Innenministerium die landesweite Digitalisierungspolitik
verantwortet. Diese Erkenntnis erinnert an den Streit um den
niederländischen Chip-Produzenten Nexperia, der inzwischen im Besitz des
chinesischen Unternehmens Wingtech ist. Das Wirtschaftsministerium in Den
Haag hatte Nexperia im Oktober unter Kuratel gestellt, um die Verfügbarkeit
von Chips in Europa zu sichern und zu verhindern, dass essenzielles
Know-How nach China abfließt und niederländische Chips weiterhin in
russischen Waffensystemen landen.
Der Streit um [3][Nexperia] hat den niederländischen Diskurs erheblich
sensibilisiert. Auch darum sorgt der Fall Solvinity seit zwei Monaten für
Schlagzeilen. Das Bedrohungspotential wird dabei vielfach an der Person
Trumps festgemacht. Mehrere Medien entwarfen ein Szenario, in dem der
Präsident höchstselbst in Daten niederländischer Bürger:innen
herumschnüffelt. Dabei ist das Risiko viel struktureller: Zur Kundschaft
Solvinitys gehören das Innenministerium, das Justizministerium, die
niederländische Polizei, die staatliche Inkasso-Behörde für Bußgelder sowie
die Kommune Amsterdam, die damit just ihre Abhängigkeit von Microsoft
reduzieren wollte.
25 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rechtspopulisten-in-den-Niederlanden/!6147531
(DIR) [2] /Streit-um-Groenland/!6146431
(DIR) [3] /Sorge-vor-neuer-Chipkrise/!6125875
## AUTOREN
(DIR) Tobias Müller
## TAGS
(DIR) Donald Trump
(DIR) Niederlande
(DIR) Cloud
(DIR) Digitale Souveränität
(DIR) Datenschutz
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Weltwirtschaftsforum
(DIR) wochentaz
(DIR) Handel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Trump beim Weltwirtschaftsforum: Und morgen die ganze Welt?
Donald Trumps Auftritt in Davos war die Nachhilfestunde eines Wahnsinnigen.
Wer ihm noch entgegenkommen wollte, sollte nun eines Besseren belehrt sein.
(DIR) Deutschland und die USA: Eine ziemlich toxische Beziehung
Deutschlands Wirtschaft hängt vor allem an den USA. Wege aus der
Abhängigkeitsspirale sind mühsam, aber nicht unmöglich.
(DIR) Kurzarbeit bei Bosch: Chipkrieg um niederländisch-chinesischen Konzern eskaliert
Der Konflikt um den Chiphersteller Nexperia weitet sich international aus:
Kurzarbeit bei Bosch, Automobilkonzerne fahnden nach Halbleiter-Ersatz.