# taz.de -- Landtagspräsidentenwahl in Magdeburg: Die CDU ist nur noch einen Schritt vom Abgrund entfernt
       
       > Abgeordnete der Union haben wohl einen AfD-Politiker in ein hohes
       > Staatsamt gewählt. Wenn die CDU nicht klärt, wo sie steht, wird es sie
       > zerreißen.
       
 (IMG) Bild: Sven Schulze (r., CDU) gratuliert Tobias Rausch (AfD) zur Wahl zum Landtagspräsidenten
       
       Die Wahl des Landtagspräsidenten in Magdeburg am 6. Oktober 2026 ist ein
       historisches Ereignis. Für Sachsen-Anhalt, für den Aufstieg der extremen
       Rechten. Und für den drohenden Zerfall der konservativen Volkspartei, der
       CDU Deutschlands. Abgeordnete der Union haben zum ersten Mal den Vertreter
       einer rechtsextremen Partei in ein hohes Staatsamt gewählt – wohl gewählt,
       das muss man dazu schreiben.
       
       Vermutlich wird man nie erfahren, wer die vier Fragezeichen waren. Die Wahl
       war geheim, und die Abgeordneten, die für den AfD-Mann [1][Tobias Rausch]
       gestimmt haben, werden sich vermutlich nicht offenbaren. Aber die
       mathematische und politische Logik, Aussagen vor der Wahl und
       Medienberichte lassen keinen anderen Schluss zu.
       
       Rausch bekam bei seiner Wahl vier Stimmen mehr, als AfD und BSW Abgeordnete
       zusammen haben. Die Union hatte als einzige Fraktion angekündigt, sich zu
       enthalten. Das taten dann aber nur vier Abgeordnete. SPD, Grüne und Linke
       waren in ihrer Ablehnung dagegen immer klar. Zudem berichtet die Zeit, dass
       es Absprachen der AfD mit Vertretern der CDU gegeben habe.
       
       Alles spricht also dafür, dass die vier Stimmen für den AfD-Mann von der
       Union kamen.
       
       ## Schlimmer als Kemmerich
       
       Erschreckend ist die Stille an der Spitze der CDU. Kaum jemand äußerte sich
       zum Tabubruch in Sachsen-Anhalt. Und wenn, dann stellte man sich dumm und
       verwies darauf, dass die Wahl schließlich geheim gewesen sei. Bundeskanzler
       [2][Friedrich Merz] äußert sich mal wieder nicht. Aber damit werden Merz
       und die Union nicht durchkommen.
       
       Die laute Stille zeigt, wie viel kaputtgegangen ist in den vergangenen
       sechs Jahren. 2020 wurde [3][Thomas Kemmerich] überraschend mit Stimmen von
       CDU und AfD zum Ministerpräsidenten von Thüringen gewählt. Annegret
       Kramp-Karrenbauer als Parteivorsitzende und Angela Merkel als Kanzlerin
       mussten ihre ganze politische Kraft aufbringen, um die störrische
       Landes-CDU zu überzeugen, dass die Wahl ein Fehler war. Kramp-Karrenbauer
       bezahlte dafür mit ihrem Amt.
       
       Diesmal geht es nicht um einen FDP-Mann in Cowboy-Stiefeln. Es gab keine
       Not und keinen Trick der AfD. Sechs Jahre nach Kemmerich lässt die
       Parteispitze es geschehen, dass einige ihrer Abgeordneten offenbar einen
       AfD-Mann ins höchste Staatsamt eines Bundeslandes gewählt haben. Merz weiß,
       dass er nicht das politische Gewicht von Merkel hat. Würde er sich in
       Magdeburg einmischen, könnte das nach hinten losgehen.
       
       Wie kaputt die CDU ist, zeigt auch ihr völlig disparates
       Abstimmungsverhalten. Der geschäftsführende Ministerpräsident [4][Sven
       Schulze] hatte sich mit Ach und Krach zum Chef der geschrumpften Fraktion
       wählen lassen. Für die Wahl des Landtagspräsidenten empfahl er seinen
       Abgeordneten, sich zu enthalten. Was der Fraktionschef sagt, bedeutet aber
       offenbar nichts mehr.
       
       ## Demokratie oder Autoritarismus?
       
       Auch wenn sich die CDU in den vergangenen Wochen gern an diesem Lagerfeuer
       gewärmt hat: Die liberale Demokratie wird nicht von der Berliner Linken
       gefährdet. Es sind Konservative, die Rechtsextreme wählen und gewähren
       lassen.
       
       Im Dezember tritt Ulrich Siegmund im Landtag von Magdeburg an, um
       Ministerpräsident zu werden. Bis dahin muss die Union klären, wo sie steht:
       auf der Seite der liberalen Demokratie oder auf der Seite der Autoritären?
       Beides wird nicht funktionieren.
       
       Die CDU ist nur noch einen Schritt vom Abgrund entfernt. Vielleicht hat sie
       sich bereits entschieden, weiterzugehen. Wenn sie noch umdrehen will, sind
       die nächsten Wochen ihre letzte Chance, sonst könnte es die Partei
       zerreißen. Sollte der Kanzler und Parteivorsitzende dafür keine Autorität
       mehr haben, braucht die CDU einen neuen.
       
       7 Oct 2026
       
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