# taz.de -- Rechtsextremer Landtagspräsident: Die Union schaut lieber nach links
> Friedrich Merz spielt die Rolle der CDU für die Landtagspräsidenten-Wahl
> herunter. Die SPD gibt sich zumindest nach außen hin kämpferisch.
(IMG) Bild: Vielen Dank für die Blumen aus der CDU? Der neu gewählte Landtagspräsident Tobias Rausch am Dienstag in Magdeburg
Mehr als 24 Stunden fand er keine Worte, doch am Mittwochnachmittag äußerte
sich CDU-Chef und Bundeskanzler Friedrich Merz schließlich [1][zur Wahl des
neuen AfD- Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt.] Auf einer Veranstaltung
des Handelsblatts sagte Merz, wer seine Stimme der AfD gebe, zerstöre
Glaubwürdigkeit. „Mit den Werten meiner Partei, der CDU, verträgt sich das
nicht.“
Gleichzeitig betonte Merz, dass die Wahl geheim gewesen sei und man nicht
wisse, wer dem AfD-Kandidaten Tobias Rausch zur absoluten Mehrheit
verholfen habe. Die Annahme, die Stimmen stammten von CDU-Abgeordneten, sei
eine unbelegte Unterstellung. Und er spielte den Ball nach Magdeburg: Die
Aufklärung sei dort zu leisten.
Auf Nachfrage wagte sich Merz sogar an Verschwörungsmythen:
False-Flag-Operationen, also verdeckte Manöver, die man einem Gegner
anlastet, gebe es nicht nur im militärischen Bereich. Merz sprach von
„mindestens zwei Fraktionen“, die die Demokratie unterminierten – und
versuchte so auch die Linkspartei in Mithaftung zu nehmen, der er offenen
Antisemitismus vorwarf. Grüne und SPD rief der Kanzler dazu auf, eine
Bürgermeisterin der Linken in Berlin zu verhindern. Eine deutliche Ansage,
die er an die Adresse seiner eigenen Partei in Sachsen-Anhalt vermied.
## Vier Stimmen zu viel
Dabei gibt es starke Indizien dafür, dass die AfD-Kandidaten in Magdeburg
auch mit Stimmen der CDU gewählt wurden. Rausch erhielt in geheimer Wahl 48
Stimmen und damit 4 mehr, als die Fraktionen von AfD und BSW zusammen
aufbringen. Der rechtsextreme Ideologe Hans-Thomas Tillschneider, der zum
Vizepräsidenten gewählt wurde, erhielt 5 Stimmen, die rein rechnerisch
nicht von der eigenen Fraktion stammen können.
Das BSW bestreitet, ihn gewählt zu haben. Neben Rausch und Tillschneider
erhielt nur der CDU-Kandidat Carsten Borchert die nötigen Stimmen für das
Amt des Vizepräsidenten. Der SPD-Kandidat Armin Willingmann fiel durch.
Borcherts Wahlergebnis lässt nur den Schluss zu, dass er von AfD-Politikern
mitgetragen wurde. Wäscht hier eine Hand die andere? [2][Die Zeit berichtet
von Absprachen zwischen CDU und AfD-Abgeordneten.]
Merz hatte als designierter Vorsitzender einst angekündigt, wer in seiner
Partei mit der AfD zusammenarbeite, müsse mit einem Ausschlussverfahren
rechnen. Diese Drohung wiederholte er nun nicht – vermutlich auch deshalb,
weil er sie kaum noch durchsetzen könnte.
Merz’ heimlicher Rivale, der nordrhein-westfälische Ministerpräsidendt
Hendrik Wüst, bezeichnete die Wahl des AfD-Landtagspräsidenten als tiefen
Einschnitt. Er zeige, „dass in unserem Land etwas ins Rutschen gekommen
ist“. Für die Christdemokraten komme es „auf Klarheit und Geschlossenheit
an. Wir stellen uns der AfD und ihren radikalen Positionen mit aller Kraft
entgegen, setzen aber gleichzeitig alles daran, ihre Wähler für die
politische Mitte zurückzugewinnen.“ Die Wahl in Sachsen-Anhalt werde nicht
der letzte Spannungstest der parlamentarischen Auseinandersetzung mit den
extremen Rändern sein, so Wüst.
## Bedrückt, fassungslos – und dann?
Auf Anfrage der taz äußerte sich dagegen die stellvertretende
CDU-Bundesvorsitzende und Bildungsministerin Karin Prien. „Dass 85 Jahre
nach dem Massaker von Babyn Jar das Mitglied einer gesichert rechtsextremen
Partei zum Präsidenten eines Landtags gewählt wird, hätte ich lange nicht
für möglich gehalten und, ja, es bedrückt mich sehr“, schreibt Prien auf
der Rückfahrt aus der Ukraine. „Es ist eine weitere Normalisierung dessen,
was niemals normal sein darf.“ Die Grundwerte unserer demokratischen
Gesellschaft dürften nie wieder infrage gestellt werden.
Dass diese Grundwerte bereits infrage gestellt werden und es der AfD in
Sachsen-Anhalt auch in Zukunft gelingen könnte, Mehrheiten zusammen mit der
CDU zu organisieren, dazu äußert sich Prien nicht. Deutlicher wird der
schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther. Auf Facebook
schreibt er, das Wahlergebnis mache ihn „fassungslos“. „Sollte jemand aus
den Reihen der Union daran mitgewirkt haben, hat er oder sie nicht nach den
Werten der Union gehandelt.“
Und welche Konsequenzen hätte das? Anfragen der taz an die vier
sachsen-anhaltischen CSU-Bundestagsabgeordneten blieben bis
Redaktionsschluss unbeantwortet. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann
verwies wie der Kanzler auf Magdeburg. Die Aufklärung müsse in den
Landtagsfraktionen erfolgen, so Hoppermann in einer Stellungnahme.
## Thema beim Koalitionsausschuss
Bei der SPD versuchte man, zumindest etwas Druck auf den Koalitionspartner
auszuüben. Parteichef Lars Klingbeil forderte sowohl vom BSW als auch von
der CDU Aufklärung darüber, wie es zu so vielen Stimmen für die AfD in
Magdeburg habe kommen können.
Auch symbolisch setzten die Sozialdemokraten ein Zeichen. Mit einem
spontanen Spaziergang zu dem nach August Bebel benannten Platz unweit des
Bundestags machte die Fraktion am Dienstagabend ihrem Ärger Luft.
Verteidigungsminister Boris Pistorius schimpfte über die „Steigbügelhalter“
von Magdeburg, die sich mit der Wahl des AfD-Parlamentspräsidenten an „dem
Land vergangen hätten“. Union und BSW nannte er dabei nicht beim Namen.
Der SPD-Fraktionsvorsitzende Matthias Miersch sagte vor seinen
Abgeordneten, man dürfe nach diesen Ereignissen „niemals zur Tagesordnung
übergehen“ dürfe. Am Abend sollte zudem der Koalitionsausschuss tagen, in
dem Spitzen von Union und SPD über die Streitpunkte der kommenden
Reformvorhaben beraten wollten. Die Wahl der AfD-Landtagspräsidenten dürfte
die Agenda dabei zusätzlich belasten.
7 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /AfD-Landtagspraesident-in-Sachsen-Anhalt/!6219334
(DIR) [2] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-10/cdu-afd-sachsen-anhalt-landtag-absprachen-deal
## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
(DIR) Cem-Odos Güler
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