# taz.de -- AfD-Landtagspräsident in Sachsen-Anhalt: Rechtsextremer Durchmarsch
> Tobias Rausch ist der erste rechtsextreme Landtagspräsident der Republik.
> Das lässt erste Schlüsse zu, wer künftig in Sachsen-Anhalt regiert.
(IMG) Bild: Tobias Rausch (l.), AfD, bekommt als neuer Landtagspräsident Glückwünsche seines Vorgängers Gunnar Schellenberger, CDU
Siegesgewiss liegen die Blumen für Tobias Rausch auf dem Tisch der
AfD-Fraktion bereit. Dann das Ergebnis: 48 Abgeordnete des Landtags in
Sachsen-Anhalt haben für ihn gestimmt. Genug für Rausch, er ist ab diesem
Dienstag bundesweit der erste Landtagspräsident der AfD. Dabei sind die 48
Stimmen mehr als vorab erwartet. Von seiner Fraktion erhält Rausch stehend
Applaus. Auch das BSW klatscht. Ansonsten herrscht Ruhe.
In der ersten Reihe der CDU-Fraktion greift Sven Schulze wenig später neben
sich, hebt einen Blumenstrauß auf und steht auf. Der geschäftsführende
Ministerpräsident ist an diesem Tag als Fraktionsvorsitzender der CDU im
Plenarsaal. Als solcher geht er die Schritte zu Rausch, überreicht ihm den
Strauß und drängt sich an den Fotografen rasch vorbei. Die SPD dagegen
überreichte Rausch zur Wahl ein Grundgesetz und eine weiße Rose.
Vor der geheimen Wahl hatte nur das [1][BSW angekündigt,] den
AfD-Kandidaten zu wählen. Gemeinsam kommen die beiden Parteien auf 44
Stimmen. Nachdem vier weitere Abgeordnete für die AfD stimmten, rückt nun
Schulzes CDU-Fraktion in den Fokus. Die hatte vorab angekündigt, sie werde
sich bei der Wahl enthalten. Nach Informationen der taz gaben zwei
Abgeordnete in der Fraktion an, abweichend davon gegen Rausch zu stimmen.
Demnach hätte es 12 Enthaltungen geben müssen. Am Ende waren es nur fünf.
Aus anderen Fraktionen heißt es, die CDU sei offensichtlich zerrissen.
Schulze habe als Vorsitzender keine Kontrolle. Das ist auch deshalb
relevant, weil die AfD seit der Landtagswahl behauptet, mit einzelnen
CDU-Abgeordneten zu sprechen, um sie zum Überlaufen zu überreden.
## Belastungsprobe für die AfD
In der AfD rieb man sich angesichts der Stimmen die Hände. Die Abstimmung
wird intern als Belastungstest für die Ministerpräsidentenwahl angesehen,
die der designierte [2][AfD-Regierungschef Ulrich Siegmund] für Dezember
angekündigt hatte. Er wolle nur mit einer „nennenswerten Mehrheit“ in einen
ersten Wahlgang gehen. So gut, wie es heute für die Rechtsextremen lief,
hoffen sie, gemeinsam mit dem steigbügelhaltenden BSW bereits bis
Weihnachten den Rundfunkstaatsvertrag kündigen zu können.
Rausch hat als Landtagspräsident für die Machtergreifung der AfD nun eine
Schlüsselposition inne. Er besetzt formal das höchste Amt des Landes. Damit
steuert er die Landtagsverwaltung, kann Personalpolitik nach Gutdünken
betreiben, ins Ausland reisen, [3][setzt das Hausrecht durch] und ist für
reibungslose Abläufe bei der Kontrolle der Regierung zuständig. Und seine
zentrale Rolle im AfD-Vetternwirtschaftsskandal stimmt nicht unbedingt
optimistisch, dass er das mit der demokratischen Kontrolle ernst meint. Ein
Landtagspräsident ist ein entscheidender Hebel, wenn man die Demokratie
aushöhlen will.
Vor der Sitzung hatten rund 300 Menschen mit einem großen roten Transparent
auf dem Domplatz vor dem Landtag protestiert, darauf stand: „Keine
Zusammenarbeit mit der extremen Rechten“. Sie lasen gerade die Artikel des
Grundgesetzes zum Parteiverbot vor, als plötzlich der wie immer grinsende
Rechtsextremismus-Vermarkter Ulrich Siegmund und weitere AfD-Abgeordnete
vor dem Protest in Begleitung von rechtsextremen Streamern an der
Polizeiabsperrung auftauchten, ernten sie Pfiffe und Buh-Rufe. Skurril wird
die Medientraube um Siegmund schließlich vollends, als der Protestbus des
Zentrums für Politische Schönheit seinen „Scheiß-AfD-Choral“ anschmeißt.
Um 11 Uhr eröffnete pünktlich [4][Eva von Angern] die erste
Landtagssitzung. Sie ist seit 2002 Abgeordnete des Landtags, hat die
längste Erfahrung. In Sachsen-Anhalt macht sie das zur Alterspräsidentin.
In ihrer eröffnenden Rede betonte sie den geringen Frauenanteil von 22
Prozent im Landtag und erinnerte an die „Antifa-Klausel“ in der Verfassung.
Nach der muss sich alle staatliche Gewalt gegen das Wiedererstarken des
Nationalsozialismus richten.
## Zurück zur Tagesordnung
Nach ihrer Rede ging von Angern zur Tagesordnung über. Als wichtigster
Punkt für den Tag stand darauf die Wahl des Landtagspräsidenten. Am
Nachmittag stimmte der Landtag über die Vertreter:innen von Tobias
Rausch ab. Für die AfD kandidierte der Hardliner Hans-Thomas Tillschneider.
Die CDU hatte Carsten Borchert vorgeschlagen, die SPD den bisherigen
Wissenschaftsminister Armin Willingmann. Bis zum Redaktionsschluss waren
die Wahlen noch nicht beendet.
Sobald die Wahl von Tobias Rausch feststand, schritt die
Fraktionsvorsitzende der Grünen, Susan Sziborra-Seidlitz zum Redepult.
Fraktionsvorsitzende dürfen im Landtag von Sachsen-Anhalt immer das Wort
ergreifen. Sziborra-Seidlitz erinnert in einer kurzen Rede daran, dass der
Landtagspräsident die Würde und die Rechte aller Abgeordneten zu wahren
habe. Ob Rausch dem gerecht werde, daran habe sie Zweifel.
Die AfD habe sich zwar in die Mitte gesetzt, aber sie stehe deshalb nicht
in der „Mitte der Gesellschaft“, sagte sie. Die Grünen hätten einen
Wählerauftrag bekommen, den wollten sie erfüllen. „Demokratische
Institutionen schützen sich nicht von selbst“, sagte die Grüne. Sollte der
Landtagspräsident die Rechte im Parlament nicht achten, werde ihre Fraktion
juristische Konsequenzen ziehen.
Zum Schluss schaut sie noch einmal in die fünf Reihen der AfD-Fraktion
direkt vor sich: „Lassen Sie uns, mit Blick auf die Sitzordnung, diese
Fraktion demokratisch in die Zange nehmen.“ Lachen von der AfD. Ulrich
Siegmund krümmt sich auf seinem Sitz. Applaus gibt es von den Grünen.
Am Ende die Rede von Rausch, betont diplomatisch, schlecht vorgelesen,
mehrfach wiederholt. Als hätte man eine KI gebeten, die Rede für einen
Landtagspräsidenten zu schreiben. Rausch sagt: „Die Zeiten von politischen
Brandmauern sollten der Vergangenheit angehören.“ Am Ende klatschte niemand
außer AfD und BSW.
Als Tobias Rausch die Sitzung nach der Mittagspause fortsetzt, wirkt er
zunächst leicht überfordert und etwas unsouverän, liest weiter vom Zettel
ab. Das Problem: Er kann nicht sonderlich gut vorlesen. Entsprechend
holprig trägt er das Wahlverfahren für die Landtagsvizepräsidenten vor.
Erster Vorschlag der AfD: der Putin-Fan und völkische Ideologe Hans-Thomas
Tillschneider. Das BSW hatte angekündigt, Tillschneider nicht mitzuwählen.
Doch in geheimer Wahl wird er tatsächlich mit 44 Stimmen gewählt. Danach
gibt es doch Applaus aus dem BSW, allerdings nur von Michael Reim.
BSW-Fraktionschef Thomas Schulze überreicht Tillschneider einen
Blumenstrauß und schüttelt ihm lange die Hand. Einige CDU-Abgeordnete
wirken regelrecht konsterniert, ebenso Grüne und Linke. Die SPD bittet um
eine 15-minütige Unterbrechung. Während die AfD-Abgeordneten nacheinander
Tillschneider gratulieren, bleibt auf seinem Tisch ein Blumenstrauß zurück.
6 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
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