# taz.de -- Gallery Weekend Berlin: Nach der Party kommt das Kümmern
       
       > Beim Berliner Gallery Weekend geht es nicht mehr ohne Sponsoren und
       > Investoren. Manchmal pinkelt die Kunst dann aber doch in den lauwarmen
       > Prosecco.
       
 (IMG) Bild: Der Himmel über New York von Anita Steckel. Wem gehören die Körper, die auf jüdische Geschichte und Gegenwart verweisen?
       
       ## Die radikalen Zeiten sind vorbei
       
       Es ist eine wahre Wohltat, im Hinterhofflachbau der Galerie Neu auf die
       satten Urinstrahlen zu blicken, mit denen Sophy Rickett und ihre
       Freundinnen im 90er-Jahre-Office-Chic an Londoner Brücken, Geländer und
       Mauern pissten. 1995 war das schon, die angepullerten Orte sind aufgeladene
       Symbole der kapitalistischen Stadt, MI5, Old Street, Vauxhall Bridge. Auch
       in Berlin könnte man mittlerweile mal gehörig an ein paar Ecken pinkeln,
       das Spektakel des Kapitals ist auch an dieser 22. Ausgabe des Berliner
       Gallery Weekends sehr nah.
       
       Beim [1][Eröffnungsempfang in der sechsten Etage des KaDeWe wurde wie jedes
       Jahr] der Untergang der Stadt diskutiert (Dysfunktionale Fördersysteme!
       Peinliche Kulturpolitik! Nicht mehr cool! Ryan Air zieht seine Flotte vom
       BER zurück!), während der lauwarme Prosecco aus den Mundwinkeln sprudelte.
       Die mehrheitlichen Einzelausstellungen der fünfzig partizipierenden
       Galerien wirkten größtenteils investmentorientiert und risikoarm, die
       Zeiten der politischen, gar radikalen Kunst sind vorbei.
       
       Stattdessen gab’s Flachware, dick gemalte Schinken und echte Männer, so wie
       [2][Markus Lüpertz (*1941)] bei Galerie Michael Werner, der seine neusten
       pastosen Riesenformate neben nackigen Frauenkörpern mit Soldatenhelmen und
       klobigen Stiefeln versah oder [3][den albanischen Ministerpräsidenten Edi
       Rama], der im oberen Stockwerk bei Societé seine Kugelschreiber-Scribbles
       in massive Bronzen hat gießen lassen. Dem Meloni-Freund zu Ehren schmiss
       die italienische Botschaft einen Empfang.
       
       Ganz schön viel Mann gab es auch in einer der anderen wenigen
       Gruppenschauen des Wochenendes, der vom Kritiker Cornelius Tittel
       kuratierten Auseinandersetzung mit dem Selbstportrait bei Max Hetzler: Jeff
       Koons explizit sexuelles Frühwerk überstrahlte dabei leider auch subtilere
       Arbeiten Cindy Shermans oder Oliver Baks. Überhaupt trafen hier große,
       große Namen auf recht mittelmäßige Arbeiten wie eine enttäuschend
       [4][lustlose Tracy-Emin-Malerei]. Mit dem ganzen Ich im Zentrum bildete
       „The Self Assessed“ tatsächlich so was wie den Gegenpol zur Schau bei Neu.
       
       Neben Sophy Rickett hatte die Kuratorin Juliette Desorgues dort noch Werke
       von unter anderem Cosima von Bonin, Jana Euler, Pippa Garner, Klara Liden
       und Anita Steckel versammelt, Letztere vertreten mit Arbeiten aus den
       1960er und 70ern: Phalli in New Yorks Skyline und Gefilte Fisch im Hudson
       River in Mischtechnik gedrängt auf Leinwand, überhaupt Sex, Identität und
       die Frage, wem diese verdammte Stadt und die Körper darin eigentlich
       gehören.
       
       Trost finden in dem üppigen Irrsinn konnte man bei Sweetwater: Hanna
       Stiegeler zeigte verrauschte Aufnahmen ihrer zerwühlten Laken. Je nach
       Abstand entfalteten sich dort zwischen Lo-Fi-Nitrofrottage und abstrakter
       Malerei Gefühle von Haut, Gewicht und Körper. Entstanden sind die Aufnahmen
       durch den Bildschirm des Babyphons der Künstlerin. „Brutes des Nuits“ – die
       wilden Nächte. Nach der Party kommt das Kümmern, die Stadt kann es
       gebrauchen. Hilka Dirks
       
       ## Was machen die Museen?
       
       Mit welcher Kunst treten die öffentlichen Museen auf während des Gallery
       Weekends? Die kriegen in Berlin nicht nur die stetig an- und abtretenden
       Kultursenator:innen zu spüren, sie müssen angesichts knapper
       öffentlicher Kassen und kulturpolitischer Stimmungsschwankungen neue
       Finanzierungsstrategien entwickeln. In Frankfurt am Main will sich das
       Städel als Endowment Museum gar von der öffentlichen Förderung
       weitestgehend unabhängig machen und muss dafür wie eine Investmentbank
       agieren. In Berlin hingegen wollen sich die öffentlichen Häuser für
       Sponsoren und Mäzene attraktiv zeigen.
       
       [5][Im Museum Hamburger Bahnhof] etwa, wo „sämtliche Ausstellungen entweder
       gänzlich durch externe Mittel realisiert“ oder „nur durch zusätzliche
       externe Mittel ermöglicht werden“, wie es einmal auf taz-Anfrage hieß,
       setzt man dafür auf Glamour. Erst kürzlich gab es dort eine Promi-Gala, zum
       Gallery Weekend eröffnete in der monumentalen alten Bahnhofshalle des
       Museums eine Kunstinstallation, bezahlt von der Mode- und Kosmetikmarke
       Chanel. Wie in einer Trümmerlandschaft türmen sich nun dort 400.000
       Holzwürfel zu Stapeln, hügelartigen Strukturen oder Mauerfragmenten.
       Performer:innen und Besucher:innen können dazwischen herumlaufen,
       sie weiterbauen oder vielleicht auch zum Einsturz bringen.
       
       Eine sinnliche, intensiv nach Harz duftende Metapher für das
       gesellschaftliche Zusammenleben hat die litauische Künstlerin Lina Lapelytė
       hier gefunden. Die von den Performer:innen manchmal eingesungenen
       Gedichtzeilen über Liebe, Verlust und Gemeinschaft wären gar nicht mehr
       nötig gewesen. [6][In Lapelytės bekannter Opernperformance „Sun & Sea“],
       2019 mit dem Goldenen Löwen der Venedig-Kunstbiennale ausgezeichnet, war
       noch etwas mehr Ironie im Spiel. Vielleicht passt solch Sentimentalität
       auch einfach besser zu Chanel. Der Sponsor soll Künstlerin und Museum zwar
       freie Hand gelassen haben, aber wer weiß, wie sich die Geldquelle eben doch
       subtil auf die Kunst auswirken kann.
       
       Der [7][Neuen Nationalgalerie] muss es allein um die viral gehenden Bilder
       gegangen sein, warum sonst sollte sie Beeples Roboterhunde mit ihren ulkig
       zappelnden Elon-Musk- oder Kim-Jong-un-Masken während des Gallery Weekends
       durch ihr Foyer laufen lassen? Die KI-gesteuerten, aber nicht sehr schlauen
       Maschinen fotografieren mit einer eingebauten Kamera das Publikum und
       scheißen gelegentlich Ausdrucke davon wieder aus. Ihr Erschaffer, der
       US-Amerikaner Mike Winkelmann alias Beeple, war unbekannt, bis er 2021 eine
       NFT-codierte Collage aus 5.000 Digitalbildern bei Christie’s für 69,3
       Millionen US-Dollar versteigerte und damit einen irrwitzigen Höhepunkt des
       NFT-Hypes markierte.
       
       Die prominente Kuratorin und Ex-Documenta-Leiterin Carolyn
       Christov-Bakargiev ist fasziniert, wohl eher vom Phänomen Beeple als von
       der Qualität seiner Kunst. Derart von Christov-Bakargiev geadelt, will nun
       also auch die Neue Nationalgalerie mit Beeples „Regular Animals“ die
       Herausforderung durch KI behandeln, so die flache Begründung. Zum
       Fototermin durfte man ein bisschen schmunzeln, als Christov-Bakargiev auf
       allen vieren zwischen den Hunden herumkrabbelte. Und konnte dabei
       zuschauen, wie das öffentliche Museum ziemlich aus seiner Balance zwischen
       kritischer Instanz und Pop geriet, zugunsten des plumpen Social-Media-Hits.
       Sophie Jung
       
       ## Blaue Körper decodiert
       
       Das Schönste am Gallery Weekend ist, dass man sich durch eine große Menge
       an Ausstellungen wühlen kann, die teilweise höheres Niveau haben als die
       der Institutionen, während draußen der 1. Mai tobt und man immer etwas
       Mitleid mit den Galeriemitarbeiterinnen hat, die am Tag der Arbeit arbeiten
       müssen.
       
       Bei Trautwein Herleth zeigt Stella Zhong Skulpturen, die erst mal groß und
       wenig zugänglich wirken. Wenn man sich darauf einlässt, dann findet man die
       kleinen Gucklöcher und plötzlich eröffnet sich die ganze Welt. Wie durch
       ein Fernrohr verengt sich die Sichtachse und macht das, was man dann als
       kleinen Ausschnitt zu sehen bekommt, umso deutlicher.
       
       Eine der schönsten Gruppenausstellungen kann man in einem kleinen Nebenraum
       bei Neugerriemschneider sehen, wo unter anderem Renata Lucas und Sheila
       Gupta ihre Skulpturen zeigen. Ein großer Kranz aus Glocken, die sich in den
       Raum ausdehnen, ihn einnehmen und dabei klingen, in dem Moment, in dem man
       beginnt, den Kranz zu drehen.
       
       [8][Als die Nachricht vom Tod Georg Baselitz’ die Runde machte], schaute
       man dann noch mal anders auf die Arbeit, die in der Gruppenausstellung bei
       Max Hetzler auf der Potsdamer Straße hängt. Der Künstler, der alles auf den
       Kopf stellte und dessen Werk später doch für das Marktkonforme stand. Aber
       immer wieder erinnert er uns daran, dass man eben nur mal eine Sache anders
       machen muss, um etwas Neues zu erschaffen.
       
       So wie die Performancekünstlerin Göksu Kunank das bei Ebensperger in
       Kreuzberg gemacht hat. Blau angemalt schoben sich dort nackte Körper über
       Autos und erinnerten an Yves Klein, der das schon mal mit Frauen gemacht
       hat. Jetzt waren es starke Männerkörper, auf denen das Kobaltblau prangte
       und die sich durch die Gegend pressten, ihre Abdrücke unter anderem auf
       einem weißen BMW hinterließen und sich darauf räkelten. Kunak macht das
       oft. Sie nutzt Autos und andere Objekte, die Macht und Dominanz ausdrücken,
       und codiert sie neu. Den Körper und seine Fetischisierung bringt Kunak in
       eine neue Form, die man so radikal umgesetzt lange nicht gesehen hat.
       
       In der Neuen Nationalgalerie wie auch im Hamburger Bahnhof gab es ein
       umfangreiches Talk-Programm, nach dem man eigentlich denken sollte, dass
       wirklich alles, was es über und aus der Kunst heraus zu sagen gibt, dann
       auch wirklich endlich mal gesagt ist. Wobei das Schöne ja ist, dass das
       letzte Wort nie gesprochen ist und alles im nächsten Jahr wieder von vorn
       losgeht. Laura Helena Wurth
       
       3 May 2026
       
       ## LINKS
       
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