# taz.de -- Künstlerförderung in Berlin: Viel gebaut und viel geraucht
> Von 1951 bis 2004 gab es die Soziale Künstlerförderung in Berlin. Ihr
> Depot umfasst 15.000 Arbeiten, die jetzt erforscht werden.
(IMG) Bild: Wilhelm Thielbeer, „Kongreßhalle“, 1957
Als Berlin wieder aufgebaut wurde, nach dem Zweiten Weltkrieg, war das
Stadtbild ein Motiv für viele Maler, die das Ungewöhnliche, den Bruch mit
den Traditionen in der Architektur betonten. So malte Wilhelm Thielbeer
1957 die Baustelle der Kongresshalle mit einem Kran auf dem geschwungenen
Dach. Erich Philipp übernahm in seinem blaugrünen Bild der „Kirche am
Lietzensee“ (1959) die avantgardistische Aufteilung des Dachs – von Paul
Baumgarten gebaut – in schräge Dreiecksflächen in die Malweise der
Landschaft.
Beide Bilder konnte man mit weiteren Motiven neu gebauter Straßen und
Hochhäuser an einem Tag des Open House (27. Juni) im [1][Depot der Sozialen
Künstlerförderung Berlin] sehen. Heute ist der Blick dieser
Künstlergeneration, deren Namen man kaum noch kennt, nicht nur
stadthistorisch interessant, sondern auch, da sie ästhetisch nach Harmonie
in dem suchte, was Krieg und Zerstörung folgte. Die Bilder waren im Auftrag
des Westberliner Senats entstanden, der 1951 ein „Notstandsprogramm für
Bildende Künstler“ ins Leben gerufen hatte. Mit dem Programm wollte
Westberlin auch dem Wegzug von Künstlern vorbeugen.
Die Geschichte dieses Programms, das 1972 in „Soziale Künstlerförderung
Berlins“ umbenannt wurde, ist eng mit den Lebens- und
Produktionsbedingungen von Künstler:innen in Berlin verbunden, von 1951
bis zum Ende der Förderung 2004.
Gleich im zweiten Raum begegne ich den Arbeiten von mehreren
Künstler:innen, die ich in den 1980er Jahren in Berlin kennengelernt und
über deren Ausstellungen ich für die taz geschrieben habe, wie die
Fotografin Birgit Kleber, [2][die umtriebige Fluxus-nahe Künstlerin Gisela
Weimann], die Bildhauergruppe Odious. Tatsächlich sind 40 Prozent der
geförderten Künstler:innen weiblich. Das kommt einer Abbildung des
großen Anteils von Frauen in der Berliner Kunstszene viel näher als jeder
Museumsbestand.
## Förderung als existenzieller Baustein
War die Vergabe der Förderung zunächst mit einem konkreten Auftrag
verbunden, konnten die Künstler:innen später frei entscheiden, was für
eine Arbeit sie abgeben wollten für eine Förderung von zwei oder drei
Monaten. Nachweisen mussten sie ihre berufliche Qualifikation und ihre
finanzielle Bedürftigkeit. Das war manchmal auch schambehaftet, obwohl die
[3][Förderung durch das Programm oft ein existenzieller Baustein] für das
Weitermachen als Künstler:in war.
15.000 Arbeiten befinden sich heute im Depot, von 2.000 Künstler:innen.
Porträtbüsten füllen mehrere Regalmeter, Leinwände lehnen aneinander, nur
die Ecken der größeren Bilder sind sichtbar. Einiges befindet sich in
Kisten, andere Skulpturen lagern offen, mit Schildchen von Autor, Titel,
Jahr.
Kunst wird hier auch zur Masse, die eine beträchtliche konservatorische und
archivalische Herausforderung darstellt. Farbige Markierungen wie Grün für
ausstellungsfähig, Rot für stark restaurierungsbedürftig bezeugen die
Arbeit, die jetzt im Depot in Berlin Mariendorf stattfindet. 2022 wurde
unter dem Dach des Stadtmuseums Berlin die Stiftung Archiv der Sozialen
Künstlerförderung gegründet, die den Bestand jetzt erschließt, digital
zugänglich macht und nach Wegen seiner Sichtbarmachung sucht. Der Tag des
Open House gab Einblick in diese Arbeit. Nicht zuletzt sucht das Team der
Stiftung den Kontakt zu den Künstler:innen oder ihren Familien.
Viele der Werke, die der Senat über dieses Förderprogramm erhielt, gingen
an öffentliche Einrichtungen, zierten Büros der Bezirksbürgermeister,
Bürgerämter oder Krankenhäuser. Die Kunstwerke sollten genutzt werden, Teil
eines Alltags werden, jenseits von musealen Schwellen. Das hatte aber auch
den Effekt, das nicht alles mehr auffindbar ist. In einer Chronik, die das
Stadtmuseum geschrieben hat, wird eine „Verleih-Aktion“ Ende der 1970er
Jahre an das Klinikum Steglitz erwähnt, mindestens 400 Arbeiten, von denen
die meisten irgendwie verschwunden sind.
## Das triggert die Fantasie
Die Chronik weiß noch andere Details. Anfangs wurde auch angewandte Kunst
gefördert. Zwischen 1951 und 1962 sind so 356 Bodenvasen und 44
Bodenaschenbecher an den Senat gegangen. Das triggert die Fantasie, man
sieht sie rauchen, in den Amtsstuben der Zeit.
Eine Bildhauerin, die ich im Depot treffe, zeigt mir die Skulptur eines
Kollegen, den sie noch aus Studienzeiten kennt und schätzt. Seine Spur hat
sich verloren, sie fragt sich, ob er die Kunst wohl aufgegeben habe, ob der
prekären Lebenssituation. Jede Arbeit ist mit einer Biografie verbunden,
nicht jede davon ist bekannt. So stecken viele Geschichten in dem Depot.
Ihre Entdeckung und Erzählung ist eine Arbeit, mit der jetzt begonnen
wurde.
29 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.stadtmuseum.de/archiv-der-sozialen-kuenstlerfoerderung
(DIR) [2] /BILDER-AUF-DER-FLUCHT/!1835270/
(DIR) [3] /Freiheitmacht-arm/!1246399&s=Katrin+Bettina+M%C3%BCller+Soziale+K%C3%BCnstlerf%C3%B6rderung&SuchRahmen=Print/
## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
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