# taz.de -- Berliner Kulturpolitik: Kultur könn'se nich
       
       > Die CDU pflegt ein Kulturverständnis, das nicht zur Stadt passt, wie der
       > Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson beweist. Die Berliner Szene ist entsetzt.
       
 (IMG) Bild: Das konnte sie gut: Sarah Wedl-Wilson spielt Akkordeon
       
       Elf Monate: In der Berliner Kulturpolitik ist das keine Amtszeit, es ist
       eine Übergangsphase, die schon vergessen ist, während sie noch läuft. Kaum
       hatte man sich an [1][Joe Chialo] gewöhnt, ist er wieder weg, und mit dem
       Rücktritt von [2][Sarah Wedl-Wilson] als Kultursenatorin folgt die nächste
       Personalie, die sich kaum festsetzen konnte. Zwei Namen, wenig Nachhall –
       und das Gefühl, dass dieses Amt gerade niemandem gehört, sondern alle
       verschleißt.
       
       Dabei fällt die Bilanz von Wedl-Wilson gar nicht so schlecht aus, im
       Gegenteil: Viele aus der Szene beschreiben sie als fachlich versiert, als
       jemand, die die Mechaniken des Betriebs kannte. Katharina Schultens vom
       Haus für Poesie lobt in der taz, Wedl-Wilson sei „in einen strukturierten
       Dialog mit der Kulturszene gegangen“.
       
       Auch Carolin Bitzer, Sprecherin der Staatsoper Unter den Linden, versichert
       der Zeitung, man habe „vertrauensvoll mit der Senatorin
       zusammengearbeitet“. Und Jonas Fansa, Direktor der [3][Zentral- und
       Landesbibliothek,] hatte ebenfalls auf das Verhandlungsgeschick von
       Wedl-Wilson gehofft, was einen „würdigen neuen Standort“ am Alexanderplatz
       angeht. Das sind alles keine kleinen Sätze in einem Feld, das sonst auch
       gern mal mit Lob spart.
       
       Und doch bleibt ein schaler Nachgeschmack. Denn parallel dazu ist immer
       wieder von etwas anderem die Rede: von Blässe, von fehlender
       Entschlossenheit. [4][Wibke Behrens von der Berliner Kulturkonferenz] sagt
       es der taz zugespitzt: Wedl-Wilson habe sich nicht ausreichend „schützend
       vor die Kultur geschmissen“. Eine Formulierung, die nach höherer Erwartung
       und wie ein unausgesprochenes Berliner Grundgesetz klingt: Wer dieses Amt
       übernimmt, darf nicht nur moderieren. Er oder sie muss notfalls auch mal
       auf die Bühne hechten und den Vorhang wenigstens an einem Zipfel
       festhalten, damit er nicht zu früh fällt, auch auf die Gefahr hin, dass es
       vielleicht lächerlich oder kläglich wirkt. Er oder sie muss auch mal
       kämpfen.
       
       ## Wer entscheidet eigentlich – und nach welchen Regeln?
       
       Genau daran entzündete sich die Kritik, als die [5][Fördergeldaffäre
       eskalierte]. Denn auch in dieser ging es nicht um inhaltliche
       Auseinandersetzung, sondern um Macht, also um die Frage, wer hier
       eigentlich entscheidet – und nach welchen Regeln. Namen wie Christian Goiny
       und Dirk Stettner tauchten auf, begleitet von dem Eindruck, dass hier
       breitbeinige Buddystrukturen nach Gutsherrenart mehr bedeuten als
       demokratische Prozesse. Und Wedl-Wilson? Hat nicht gegengehalten. Sie hat
       stattdessen mit Staatssekretär [6][Oliver Friederici] denjenigen entlassen,
       der intern als Einziger den Mumm hatte, sich gegen die rechtswidrige
       Vergabe von Fördermitteln aufzulehnen.
       
       Und trotzdem: Es wäre zu einfach, daraus nur eine Personalgeschichte zu
       machen. Denn eigentlich geht es gar nicht in erster Linie um Wedl-Wilson.
       Eigentlich geht es um ein Amt, das beschädigt ist. Die Position der
       Senatorin für Kultur gilt bei Kulturproduzent*innen inzwischen als
       „stark belastet“. Und Katharina Schultens formuliert einen Satz, der über
       den Einzelfall hinausweist: „Generell bleibt der Eindruck, dass die unguten
       parteipolitischen Prozesse in der Berliner CDU in keiner Weise
       aufgearbeitet werden.“
       
       Das ist der eigentliche Befund: Es geht nicht um eine einzelne
       Fehlentscheidung, sondern um ein [7][strukturelles Problem], das immer
       wieder an derselben Stelle sichtbar wird.
       
       Und dann stellt sich unweigerlich eine größere Frage: Kann diese CDU
       eigentlich Kulturpolitik? Oder, genauer gesagt: Kann sie Politik in einem
       Feld, das ganz besonders wenig Ordnung, sondern maximale Offenheit
       verlangt? Der Blick auf Berlin weckt Zweifel. Und der auf die Bundesebene
       macht es nicht besser. Denn [8][wenn ein Kulturstaatsminister wie Wolfram
       Weimer in die Kritik gerät], weil er in Juryentscheidungen zum Deutschen
       Buchhandlungspreis eingegriffen hat, dann geht es eben auch um den Verdacht
       politischer Einflussnahme auf kulturelle Angelegenheiten. Ob es sich
       hierbei um Zensur handelt oder nicht: Es scheint, als werde Kultur bei der
       CDU nicht als autonomer Raum begriffen, sondern als etwas, das man wie eine
       Schuhfabrik managen kann.
       
       ## Kultur ist in Berlin keine Deko
       
       Das passt schlecht zur Kulturpolitik auf Bundesebene – und noch schlechter
       zu Berlin. Denn wie kaum eine andere Stadt lebt Berlin noch immer von
       seiner Unordnung, von seiner Vielfalt, von seiner Fähigkeit, Widersprüche
       auszuhalten – und demokratisch auszuhandeln. Kultur ist hier keine Deko,
       sondern der Kern, der die Stadt zusammenhält, antreibt und aussöhnt und
       darüber hinaus weiterhin zum internationalen Anziehungspunkt nicht nur für
       Kreative, sondern auch für Tourist*innen macht. Und doch wird die Kultur
       unter der aktuellen Regierung politisch behandelt, als sei sie das fünfte
       Rad am Wagen. [9][Zwei Prozent des Haushalts – mehr nicht.] Und selbst
       daran wird noch gesägt. Während Hamburg fast doppelt so viel investiert und
       damit glasklar zeigt, dass es auch anders geht.
       
       Dabei ist die Rechnung längst gemacht. Kultur lohnt sich besonders in
       Zeiten wie diesen – sozial, politisch und auch ökonomisch. Die
       [10][„Umwegrentabilität“ mag Beamtendeutsch sein], beschreibt aber sehr
       gut, was Fakt ist: Jeder Euro, der in Kultur fließt, kommt über Umwege
       vielfach zurück. Wer hier kürzt, spart nicht, sondern haut sich mit der Axt
       ins Bein. Und man riskiert, etwas zu zerstören, das Berlin einmal
       unverwechselbar gemacht hat: niedrige Schwellen, Möglichkeiten, einfach
       anzufangen. Diese DIY-Kultur, die aus einer Zeit stammt, als man sich noch
       leisten konnte, Künstler*in zu sein – für einen Abend oder für ein paar
       Jahre. Ganz im Sinne von Andy Warhol, der prophezeite, dass jeder einmal
       seine 15 Minuten Berühmtheit haben werde. Berlin hat daraus ein
       Lebensmodell gemacht.
       
       Heute steht dieses Modell unter Hochdruck. Die Stadt wird teurer, Wohnungen
       und [11][Arbeitsräume werden unerschwinglicher]. Und genau deshalb müsste
       Politik schützen. Tut sie aber nicht. Kein Wunder, dass viele beginnen,
       sich nach Klaus Lederer zurückzusehnen, der von 2016 bis 2023 für die
       Linkspartei als Senator für Kultur agierte. Nicht, dass damals immer alles
       ausgeklügelter gewesen wäre – Lederer hatte schlicht auch viel mehr Gelder
       zur Verfügung als seine Nachfolger*innen –, aber man hatte trotzdem das
       Gefühl: Da versteht jemand, worum es geht. Da wird nicht nur verwaltet, da
       wird verteidigt.
       
       Der Rücktritt von Wedl-Wilson ist deshalb mehr als ein persönliches
       Scheitern. Er ist ein Indiz dafür, dass es hier um ein Amt geht, das
       systematisch zerbröselt wird. Die nächste Person wird kommen, wird sich
       einarbeiten – und vermutlich entweder an denselben Strukturen scheitern
       oder nach den Wahlen im Herbst wieder verschwinden. Am Ende bleibt die
       unangenehme Erkenntnis, dass hier Politik gemacht wird, die einfach nicht
       begreifen will, was Kultur in dieser Stadt eigentlich ist.
       
       27 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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