# taz.de -- Kontroverse Kunstbiennale in Venedig: Wo die Blumen welken
> Es sollte eine Biennale der leisen Töne werden. Im Vorfeld drängelte sich
> jedoch die Politik hinein. Wie kann sich die Kunst in Venedig behaupten?
(IMG) Bild: Nazibau, überformt zum Plattenbau: Sung Tieus Installation „Human Dignity Shall Be Inviolable“ am Deutschen Pavillon in Venedig
Die Kunstbiennale von Venedig ist doch ein ziemliches Gerangel von Staaten
und Institutionen um Geltungsdrang. Wie viel Irrwitz ging der nun
eröffneten 61. Ausgabe der Weltkunstschau voraus: Russland nimmt erstmals
seit Beginn des Angriffskrieges in der Ukraine wieder teil, Israel wird mal
still, mal laut boykottiert, Trump will „Amerikas Exzellenz“ propagieren
und engagiert dafür eine Luxushundefutterverkäuferin als
Kunstbotschafterin, Iran sagte zu und dann wieder ab, stattdessen tritt
Syrien erstmals unter der politischen Führung des Ex-Islamistenführers
Ahmed al-Scharaa wieder auf.
Mit der Kunst drängt sich in den nächsten Ausstellungsmonaten auch die
Weltpolitik teils überraschend verquer in die verschlungene Lagunenstadt,
deren Palazzi und Kuppelkirchen an den Tagen der Voreröffnung in einem
schweren Regen versunken waren.
Dabei ist es nicht unbedingt die Kunst selbst, die hier so politisch ist.
Die ist geradezu unschuldig, von dem Aktivismus der letzten Ausgabe ist
hier wenig zu sehen. Stattdessen gibt es viel Handwerkliches.
In der Hauptausstellung im Arsenale hängen große Stoffgebilde von der
Decke, weibliche Gottheiten aus Ton zeigen ihre Zungen. Man kann sich in
die karge Welt der gezimmerten Miniaturbehausungen der 2015 verstorbenen
US-Amerikanerin [1][Beverly Buchanan] hineinversetzen, und Daniel
Lind-Ramos aus Puerto Rico moduliert Paddelreste, Schläuche und ausgediente
Plastikplanen zu riesigen Gestalten um. Wie gutmütige Geister wachen sie
über die überfüllte Schau.
## Es duftet hier viel
In dieser Kunst geht es um den globalen Fluss des Materials, manchmal
driftet sie ins Folkloristische ab, manchmal verschafft sie sich auch eine
ruhige Präsenz: Im ägyptischen Pavillon kann man ein Stein-Hyperboloid in
eine träge Bewegung versetzen. Es gibt Blumen. Als monumentale Gestecke
lässt Dan Lie sie von der Decke des Arsenale hängen, Abbas Akhavan wandelt
die gläserne Architektur des kanadischen Pavillons in ein schwül-tropisches
Terrarium für Wasserlilien um.
Es duftet auch viel auf dieser Biennale. Der in Ghana und Schweden lebende
Carsten Höller hat gar das Odeur seiner Eltern in ein Raumparfum überführt.
Man weiß gar nicht, ob der herbe Altmännergeruch an einer Stelle von den
dicht durch die Arsenale-Hallen drängenden VIPs stammt oder vielleicht vom
Hemdkragen seines Vaters abgeschöpft wurde.
Das sind alles die „leisen Töne und niedrigen Frequenzen“, die die
künstlerische Leiterin, die aus Kamerun kommende Koyo Kouoh, noch vor ihrem
tragischen Krebstod im letzten Frühjahr für ihre Biennale wünschte. „In
Minor Keys“ – nannte sie ihre Ausstellung. Ihr Kurator:innenteam hat
die Schau in diesem Sinne weitergeführt.
Es ist also nicht die Kunst selbst, vielmehr der Umgang mit ihr, der in den
letzten Monaten vor Biennale-Eröffnung so politisch geworden ist. Der
Biennale-Präsident, Pietrangelo Buttafuoco, setzte stur auf die Neutralität
seiner Stiftung, wollte selbst das kriegstreibende Russland nicht
ausschließen.
## Die Muskeln spielen lassen
Die kritisierende EU wies der sich in den letzten Monaten immer
anarchistischer gebärende rechte Populist Buttafuoco noch bei seiner
Eröffnungsrede als „Brutstätte der Intoleranz“ zurück. Hingegen schwang
sich die Biennale-Jury zum politischen Akteur auf und wollte Russland wie
auch Israel bei der Prämierung des Länderpavillons ausschließen.
Begründung: Die Regierungen beider Länder stünden in einem laufenden
Verfahren des Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Damit schlug die
Jury über die Bande, trat zurück, jetzt gibt es auf dieser Biennale keinen
Goldenen Löwen einer Jury mehr.
Wenn der Kunst eine derart politische Rolle beigemessen wird, müssten dann
nicht die Player in diesem Wettstreit der Nationen besonders die Muskeln
spielen lassen? Doch schaut man auf den Pavillon Russlands oder der USA,
werden dort überraschend schräge Töne angeschlagen. [2][MAGA-Propaganda ist
der US-Pavillon] wider Erwarten nicht. Ziemlich gleichgültig sogar hat der
Bildhauer Alma Allen dort seine Kringelwürste aus hochpolierter Bronze
abgelegt und seine massiven Quartz- oder Bronzebrocken, deren Andeutung
einer geometrischen Figur sogleich von einer Masse überformt wird, die
wahlweise nach Softeis oder Nacktschnecke aussieht.
Man läuft an Allens Dingern vorbei wie an einem Supermarktregal, dessen
Ware man nicht will. „Not Yet Titled“ heißen alle 25. Sie stünden für
Freiheit, 250 Jahre nach der Unabhängigkeit der USA, heißt es denkfaul im
kuratorischen Statement.
Im russischen Pavillon wird es noch seltsamer: Nachdem am Mittwochvormittag
Pussy Riot mit Farbbomben und Punkmusik gegen Russlands Präsenz auf der
Biennale protestierte, sorgte eine venezianische Polizeistaffel für Ruhe.
Drinnen, umgeben von wuchtiger Blumendeko, führte ein einsamer Musiker aus
Sibirien seinen Kehlkopfgesang auf. In der oberen Etage welken noch mehr
Blumen in einfachen Plastikkübeln vor sich hin, von einer
zusammengezimmerten Bar aus werden Drinks mit billigem Finsbury-Gin
ausgeteilt. Zwei Langhaarige holen auf unwillig mit Handtüchern bedeckten
Pappkartons einen dunklen Ambient-Sound aus ihren Laptops.
## Der russische Pavillon ist perfide
[3][Das soll also das berüchtigte Performance-Programm sein], verantwortet
von Anastasia Karneeva, der kompromittierten Tochter eines russischen
Rüstungsunternehmers? Man hatte vielleicht putinistische Propaganda und
Oligarchenprunk vermutet, aber doch nicht so einen Trash. Videoaufnahmen
davon sollen nach den Eröffnungstagen auf der Fassade des russischen
Pavillons abgespielt werden, die Räume hingegen bleiben geschlossen. Das
ist nicht feige, wird einem an diesem desolaten Ort mit gintonicbeklebtem
Boden klar, das ist perfide. They don’t give a shit.
Buttafuocos streitbare „Diplomatie der Schönheit“, mit der er Russlands
Teilnahme verteidigte, oder Kouohs Worte über eine Kunst „als Katalysator
für neue Beziehungen und Möglichkeiten“, das kärchern Russland und die USA
auf dieser Biennale einfach nur noch als naive Schöngeistigkeit weg. Ihr
Beitrag in diesem ganzen Ländergerangel: Zynismus.
Dagegen kann sich Zhanna Kadyrovas Origami-Hirsch aus Beton kaum behaupten.
Mahnend hängt er von einem Kran über den Giardini. Die ukrainische
Künstlerin hat die Skulptur aus dem umkämfpten ostukrainischen Pokrowsk
evakuiert und auf einem Lastwagen quer durch Europas Städte bis nach
Venedig transportieren lassen. Im ukrainischen Pavillon sind auf
Flachbildschirmen Video-Mitschnitte davon zu sehen, unterlegt mit einem
scharfen Technosound. An diesen Tagen scheint das aber keiner zu hören.
Übertönt von der Kakophonie der Länderpavillons.
## Katar kauft sich den besten Spot
Direkt daneben denkt sich nämlich Künstlerin Aline Bouvy für den
luxemburgischen Pavillon in die Psyche einer Kackwurst. Und Katar, das sich
kürzlich den besten Spot mitten in den Giardini erkauft hat, feiert unter
einem Zeltdach des [4][prominenten Aktionskünstlers Rirkrit Tiravanija]
die, wie es heißt, „Gastfreundschaft der arabischen Welt“ mit Koch- und
Musikperformances, um gleichsam in einem punkig-verschrobenen Animations-
und Found-Footage-Film der Künstlerin Sophia Al-Maria mit den Konflikten
des Nahen Ostens medial überschüttet zu werden. Am Ende geht darin doch
alles um Öl.
Und dann ist da der deutsche Pavillon. Er ist in dieser wilden Gemengelage
ein ruhiges, souveränes Statement. Und eine strenge Befragung Deutschlands
der beiden präzise arbeitenden Künstlerinnen Sung Tieu und Henrike Naumann.
Durch den überraschenden Tod der gerade erst 41-jährigen Henrike Naumann in
diesem Februar ist er auch ein trauriges Manifest.
Erstmals geht es in diesem Pavillon um ostdeutsche Geschichte. Mit
Millionen Mosaiksteinchen hat Sung Tieu den Nazibau zu dem trist-beigen
Ostberliner Plattenbau umgeformt, in dem sie selbst als Kind
vietnamesischer Eltern aufwuchs. Innen hängen gläserne Arme, es sind die
Abformungen von Tieus in der Wäscherei schuftenden Mutter – da sein und
trotzdem unsichtbar als Migrantin. Sung Tieus Kunst ist so hart und kühl,
wie sich wohl auch ihr Aufwachsen in Deutschland angefühlt haben muss.
## Henrike Naumanns Dioramen
Henrike Naumann hingegen dringt mit originalen Möbeln und Interieurs in den
intimsten und gleichsam politischen Bereich der deutschen Gesellschaft vor.
Ihr Konzept für den Pavillon konnte sie noch ausarbeiten. Den Mittelsaal
ließ sie in ein fieses Grün tauchen, es ist die typische Wandfarbe
sowjetischer Kasernen in der DDR. Davor sind Dioramen gehängt, die einmal
den spätpostmodernen Einrichtungsstil wiedergeben, der Ostdeutschland in
den frühen 1990ern überflutete, und den sozialistischen Realismus der
DDR-Staatskunst vor der Wende.
Das ganze spukt, entwickelten sich doch in genau dieser zwischen den
Regimen verhangenen Materialwelt die Baseballschlägerjahre. Und da ist sie
doch, die politische Kunst, als Echo einer verdrängten Zeit.
8 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sophie Jung
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Prosecco.