# taz.de -- Nachruf auf Georg Baselitz: Der Maler der Antihelden
> Georg Baselitz galt als „Malerfürst“. Doch seine Malerei, deren Motive er
> auf den Kopf stellte, war kein Ausdruck einer auftrumpfenden Attitüde.
(IMG) Bild: Georg Baselitz vor seinem Gemälde „Schlafzimmer“
Irgendwann kam das Wort von den Malerfürsten wieder auf, ein aus dem 19.
Jahrhundert geliehener Begriff für großmäulige Aufsteiger, die als Maler in
der Mitte ihres Lebens unumstößliche Wertschätzung erreicht hatten. Zu
diesen zählte in den protzigen 1980er Jahren Georg Baselitz, der sich als
stärker erwies als das Ressentiment, das ihm lange entgegenschlug, weil er
seine „Bilder auf dem Kopf“ malte.
Was natürlich Unsinn war: Baselitz malte nicht seine Bilder auf dem Kopf,
sondern betrachtete seine Motive um 180 Grad gewendet. Begonnen hatte er
das 1969, und als Prinzip hat es alle bekannten Werkphasen überlebt. Dass
die Bildträger auf keinen Fall erst bemalt und dann umgedreht worden waren,
sah man an den Tropfspuren, die seinen Motiven eine solide Erdung gaben.
Gelegentlich fühlte er sich genötigt, die Aussage zu verschärfen: Ein
Adler, umgekehrt betrachtet, wird immer ein stürzender Adler sein.
Überhaupt war seine Malerei keineswegs Ausdruck einer auftrumpfenden
Attitüde.
Im Gegenteil, seine müde aus dem Dickicht der Geschichte glotzenden
Männchen [1][waren von vornherein Antihelden]. „Die große Nacht im Eimer“
(1962/63) zeigt einen alterslosen Wicht in kurzer Hose, aus deren Schlitz
ein langer, rötlicher Stengel horizontal herausragt, durch die Drehung der
Figur aber ist es fast eine Diagonale. Die entstellte Figur, mit
Requisiten, steht vor einem dunklen Hintergrund wie auf einer Bühne. Es
wurde als „Masturbationsbild“ bezeichnet; dass es von tiefster Frustration
handelt, ist unübersehbar. Das Gemälde, 250 mal 180 Zentimeter groß, ist im
Museum Ludwig zu sehen und hat seine verstörende Energie bis heute nicht
verschossen. Manche Interpreten erkannten in der libidogestörten
Nachtgestalt eine Hitlerkarikatur.
## Dürerfiguren, irrlichternd
Eine Variante sind „Die großen Freunde“ (Städel, 1965), als Hünengestalten
in eine apokalyptische Landschaft gestellt. Schon hier entwickelte Baselitz
seinen Stil, in dem sich das Flickenhafte des Gegenstands mit einer Lust am
malerischen Klein-Klein verbündeten. Die Freunde haben die Köpfe zueinander
gewandt, aber die Köpfe sind winzig im Vergleich mit den männlichen
Körpern, die in Lumpen gekleidet sind. Auch hier sind die Schlitze der
kurzen Hosen nicht ganz zu. Es sind Dürerfiguren, irrlichternd, die noch
längst nicht begriffen, was sie verloren haben.
Aufgewachsen in der Oberlausitz als Hans-Georg Kern, Kind von Lehrern, ging
er mit achtzehn Jahren nach Weißensee, um Malerei zu lernen. Von der
sozialistischen Hochschule in der Hauptstadt der DDR wurde er nach zwei
Semestern wegen „gesellschaftlicher Unreife“ verwiesen. Er studierte
sogleich weiter an der Hochschule der Künste (HdK) in Westberlin. Die
stilisierte Wolkigkeit seine Lehrers Hann Trier ist nicht ohne Einfluss auf
sein Frühwerk geblieben.
## Gegen den neuen Mainstream
Nach seinem Geburtsort Deutschbaselitz nannte er sich früh Georg Baselitz.
[2][Wie Gerhard Richter und Sigmar Polke brachte er eine Biografie mit, in
der sich Erfahrungen in der Nazizeit und im Krieg mit denen im Stalinismus
unproduktiv vermischten]. Sie alle mussten westdeutsche Künstler werden, um
erfolgreich gegen etwas zu sein.
Noch in Westberlin verfasste Baselitz mit dem ebenfalls sächsischstämmigen
Maler Eugen Schönebeck ein „1. Pandämonisches Manifest“ als
Text-Bild-Collage in Postergröße. Es war eine von morbiden Artaud'schen
Theorien getriebene Streitschrift, gerichtet gegen den neuen Mainstream von
Informel und Abstraktem Expressionismus. Da hatten Polke und Richter mit
ihrem „kapitalistischen Realismus“ in Düsseldorf mehr Glück, es war das
spitze Ende desselben Speers.
Schönebeck gab 1967 auf, Baselitz blieb übrig. Er wurde düsterer und
kühner, blies die Formate auf, begann mit Holzskulpturen, die er mit der
Kettensäge in Unform brachte. Eine schwebende, nackte Leserin im Foyer der
Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt ist ein gutes, problematisches
Beispiel. Sehr raffiniert löffelte er den deutschen Expressionismus aus, um
sich in malerischer Entgrenzung auszutoben.
## Es wuchs ein Kult um Baselitz
Als er im Herbst 2014 das von Okwui Enwezor geleitete Haus der Kunst in
München bespielte, ließ er eigens für sich einen Eingang einrichten. Im
„Remix“ wurden alte Motive auf schwarzem Grund variiert und tatsächlich
wieder auf die Füße gestellt. Die späte Schau hatte etwas von Bodybuilding
auf einem Nagelbrett.
Als größte Ehrung bekam er schon 1986 in Goslar den Kaiserring. Er war 20
Jahre lang Kunstprofessor, zuerst in Karlsruhe, dann lange in Berlin. Am
Ammersee ließ er sich ein Atelier von Herzog & de Meuron bauen. In den
letzten Jahren war ein Kult um Baselitz gewachsen, weit über
Kritiklosigkeit hinaus, und er versuchte, seine Biografie aus
diktaturbedingten Beschädigungen zu erklären. Unterwegs in den Medienruhm
fiel ihm ein, dass Frauen nicht malen könnten. So endete er als
Doppelwesen: der sensible Mann als Riese, der Patriarch als Gnom.
Am Donnerstag ist Georg Baselitz mit 88 Jahren gestorben. Er hinterlässt
seine Frau Elke, die auch sein Modell war, und zwei Söhne, die beide
Galeristen sind.
1 May 2026
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