# taz.de -- Antisemitismus in der Linkspartei: Wollen wir nicht besser sein?
       
       > Ich will, dass Berlins nächste Regierende Elif Eralp heißt. Gleichzeitig
       > will ich, dass die Ängste von uns jüdischen Menschen ernst genommen
       > werden.
       
 (IMG) Bild: Euphorische Parteispitze: Wahlparty der Linken am Sonntag in Berlin
       
       Seit dem Wahlabend ringe ich mit mir. Ich möchte eine Flasche Sekt öffnen
       und mich freuen, dass in meiner Stadt [1][ein progressives
       Regierungsbündnis möglich ist] – während in anderen Bundesländern reihum
       die [2][extreme Rechte Wahlen gewinnt]. Ich will die [3][Vergesellschaftung
       großer Wohnungskonzerne]. Ich will eine Regierung, die die soziale Frage
       ernsthaft stellt und die Dinge tut, um sie zu lösen. Und ich will eine
       Regierungskoalition, die der Diversität Berlins mit Respekt begegnet, statt
       sie als Problem zu behandeln.
       
       Gleichzeitig will auch ich in dieser Stadt sicher sein. Deswegen bin ich
       nicht in Sektlaune, wenn die Berliner Linke die Wahl gewinnt. Sooft die
       Partei das auch betont, s[4][ie hat keinen konsequenten Stand im Umgang mit
       Antisemitismus]. Schon gar nicht in ihren eigenen Reihen. Mich als linke
       Jüdin zwingt das zu einer Entscheidung, die ich gar nicht treffen müssen
       will. Für eine Partei, deren politische Visionen für eine gerechte Stadt
       ich am überzeugendsten finde. Oder gegen sie, weil ich ihr in einer
       zentralen Frage nicht vertraue.
       
       Kurz nach der Wahl in Berlin beschrieb [5][Sascha Chaimowicz] in der Zeit
       was es für ihn als Juden bedeute, dass über 40 Prozent der Menschen in
       seinem Wahlkreis die Linke gewählt haben. Er erzählt, dass sein Sohn
       nächstes Jahr eingeschult wird und er sich fragt, ob er ihn auf eine
       öffentliche Kreuzberger Schule schicken kann. Ich konnte das beim Lesen
       mehr nachfühlen, als mir lieb ist. Auch meine Kinder kommen nächstes Jahr
       in die Schule. Auch wir beschäftigen uns mit dieser Frage. Und es ist eine
       schmerzhafte Erkenntnis, dass die Schule im Kiez, über die eine Freundin so
       viel Gutes gehört hat, für ihr Kind bestimmt prima ist – für meine aber
       vielleicht nicht sicher.
       
       Seit die Linke die Wahl gewonnen hat, ist Berlin nicht gefährlicher für
       Jüdinnen und Juden geworden, als die Stadt es letzte Woche war. Aber:
       Berlin ist in den vergangenen Jahren unsicherer geworden für Jüdinnen und
       Juden. Das ganze Land ist es.
       
       ## Sich gegen die Kampagne zu wehren ist wichtig, aber…
       
       Das liegt an dem massiven Rechtsruck und dem Zulauf für eine
       [6][rechtsextreme Partei wie die AfD], die in Sachsen-Anhalt gerade kurz
       davor steht, erstmals eine Landesregierung zu bilden. Aber eben auch an
       antisemitischen und gewaltvollen antiisraelischen Positionen innerhalb
       eines palästinasolidarischen Milieus, zu dem auch die Linke gehört.
       
       Wer der Linken jetzt Antisemitismus vorwerfe, der betreibe eine völlig
       überzogene Kampagne rechter und konservativer Kräfte gegen eine
       rot-grün-rote Koalition in Berlin, heißt es nun. [7][Und ja, es gibt diese
       Kampagne]. Sie ist maßlos, oft rassistisch grundiert, und sie
       instrumentalisiert Antisemitismus für ihre eigenen Zwecke. Wo war denn etwa
       die Empörung der Union, als in Bayern Hubert Aiwanger trotz antisemitischer
       Flugblätter in seiner Vergangenheit einfach im Amt blieb? Sich gegen die
       aktuelle Kampagne gegen die Linke zu wehren, ist wichtig.
       
       Wer solidarisch mit Menschen in Gaza ist, ist nicht automatisch Antisemit.
       Auch wer israelische Kriegsverbrechen benennt und kritisiert, ist kein
       Antisemit. Und die Linke ist keine antisemitische Partei. Nicht im Bund und
       auch nicht in Berlin.
       
       Das ändert nichts daran, dass es ein reales Problem gibt.
       
       „Kann ein Rapper über die Zukunft der Wahl entscheiden“, fragte die taz,
       [8][nachdem auf einer Wahlkampfbühne der Neuköllner Linken der Rapper
       Dahabflex] von „Death to the IDF“ und einer „Intifada wie die PFLP“
       träumte. Für mich ist nicht entscheidend, was irgendein Musiker da gesungen
       hat. Für mich zählt, dass die Veranstalter*innen nicht eingeschritten
       sind. Mehr noch: dass sie den Auftritt mitsamt diesen Zeilen verteidigt
       haben. Zur Erinnerung, was sich hinter diesen Worten verbirgt:
       Selbstmordattentate auf Bushaltestellen und Märkte, Flugzeugentführungen,
       der 7. Oktober. Es war nicht der einzige Vorfall dieser Art.
       
       ## Darf ich als linke Jüdin nicht Solidarität erwarten?
       
       Das macht mir Angst. Mein Anspruch an linke Politik ist, dass sie
       solidarisch und empathisch an der Seite der Menschen steht und ein besseres
       Leben für alle will. Ich möchte von einer gesellschaftlichen wie
       politischen Linken erwarten können, dass sie mit „alle“ auch alle meint.
       Dass sie die Zerstörung und den Tod Zehntausender Menschen in Gaza
       kritisiert, dass sie für Meinungsfreiheit und gegen überzogene Repression
       in Deutschland protestiert – und gegen Antisemitismus und
       Gewaltverherrlichung gegenüber Jüdinnen*Juden und Israelis.
       
       Darf ich als linke Jüdin von einer politischen Linken nicht erwarten, dass
       ihr Kampf gegen Menschenfeindlichkeit auch für mich ist?
       
       Ich wünsche mir, nicht darüber diskutieren zu müssen, ob die Verharmlosung
       oder gar Verherrlichung von Terror akzeptabel ist. Ist das zu viel
       verlangt?
       
       So steht es in Beschlüssen der Linken selbst. Nur fühlen sich offenbar
       nicht alle daran gebunden. Und die Partei lässt sie einfach machen. Das
       Spitzenpersonal distanziert sich und kündigt Aufklärung an. Und dann
       passiert: nichts. Die Linke sitzt das Problem aus. Und macht sich so erst
       recht angreifbar.
       
       ## Ich habe lange gehadert mit diesem Text
       
       Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der ich mich nicht entscheiden muss.
       In der die Linke und ihre Unterstützer*innen sich den teils grotesken
       Diffamierungen widersetzen. Und gleichzeitig Bedrohungsgefühle wie meine
       anerkennen und ernst nehmen. In dieser Gesellschaft wäre es Linken von
       selbst ein Anliegen, Jüdinnen und Juden keinen Anlass zu geben, sich bei
       ihnen unsicher zu fühlen. Aber leider leben wir in einer anderen
       Gesellschaft. In einer, in der ich befürchte, eigentlich sogar erwarte, für
       meine Kritik in die rechte Kampagne eingruppiert zu werden.
       
       Das sind keine hypothetischen Sorgen. Nach dem Dahabflex-Auftritt schrieben
       eine Kollegin und ich einen [9][Text, der einfach nur aufreihte], für
       welche Morde die PFLP verantwortlich ist. Nachdem er erschien, wollte ich
       mein Handy am liebsten mehrere Tage weglegen. Die Kommentare hagelten im
       Minutentakt, mir wurde unterstellt, mich an die Seite von Mördern und
       Besatzern zu stellen, ich wurde als „proisraelische Sprachpolizei“
       bezeichnet und der 7. Oktober legitimiert.
       
       Auch deswegen schreibe ich als Journalistin zu diesem Thema ausgesprochen
       selten. Und immer mit Bauchschmerzen. Auch mit diesem Text hier habe ich
       lange gehadert, musste von Kolleg:innen überzeugt werden, ihn zu
       schreiben. Denn hier geht es nicht um unterschiedliche Positionen. Hier
       geht es um mich.
       
       Längst nicht alle, die die Linke in Schutz nehmen, finden Gewalt legitim.
       Aber Geschlossenheit zu demonstrieren, scheint wichtiger als die realen
       Ängste von Jüdinnen und Juden. Es klingt für mich wie: Seid still – oder
       ihr spielt das Spiel der Rechten.
       
       ## Berlin hat nicht noch fünf Jahre CDU verdient
       
       Einer dieser Abwehrsätze: Antisemitismus sei ein gesamtgesellschaftliches
       Problem und sowieso in anderen Teilen der Bevölkerung viel stärker. Und es
       stimmt: Antisemitismus ist etwa für die extreme Rechte ein zentrales
       ideologisches Element. Aber nur weil es anderswo noch schlimmer ist –
       müssen wir uns deswegen mit linkem Antisemitismus zufriedengeben?
       
       Zum Glück lassen viele Menschen solche Argumente in anderen Bereichen nicht
       gelten. Auch wenn es um Rassismus in den Sicherheitsbehörden geht, wird oft
       betont, er sei ein gesamtgesellschaftliches Problem und entsprechend eben
       auch eines der Polizei. Ich bin froh, dass linke Aktivist*innen
       trotzdem nicht müde werden, das anzuprangern und entschiedene
       Gegenmaßnahmen einzufordern.
       
       Ich bin froh, dass niemand gesagt hat: „Na ja, Rassismus gibt es eben
       überall, also auch bei den Grünen“, wann immer Boris [10][Palmer als damals
       noch grüner Oberbürgermeister von Tübingen rassistische Takes in die
       Öffentlichkeit] blies. Oder dass man sich nicht einfach damit abgefunden
       hat, dass eine nach ganz rechts liebäugelnde Sahra Wagenknecht nun mal in
       der Linken gewesen ist. Nur beim Antisemitismus soll das eben leider in der
       Natur der Sache liegen, unabänderlich?
       
       Wollen wir nicht besser sein? Ich kann mich nicht von ganzem Herzen über
       dieses Wahlergebnis freuen. Und doch hoffe ich, dass Grüne und SPD sich dem
       Druck nicht beugen. Dass die Linke sich zusammenreißt und klarmacht, dass
       für Antisemit*innen in ihren Reihen kein Platz ist. Und dass sie das
       auch durchsetzt. Dass Berlins nächste Regierende Bürgermeisterin Elif Eralp
       heißt. Ich hoffe es für diese Stadt, die nicht noch fünf Jahre unter einem
       CDU-Regierungschef verdient hat. Und ich hoffe es für mich und meine
       Familie, die wir in dieser Stadt nun mal leben.
       
       25 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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