# taz.de -- Charisma in Krisenzeiten: Wie man die Massen gewinnt
       
       > Elif Eralp und Ulrich Siegmund sind grundverschieden. Ihre jüngsten
       > Erfolge hatten aber eine gleiche Zutat: Charisma. Was wir daraus für die
       > Zukunft lernen können.
       
 (IMG) Bild: Verwandelte die Unzufriedenheit der zur Miete wohnenden Multitude Berlins in Aufbruchstimmung: Elif Eralp, Linkspartei
       
       Elif Eralp war vor etwas mehr als einem Jahr noch eine kaum sichtbare
       Fachpolitikerin, in Berlin und darüber hinaus weitgehend unbekannt. Jetzt
       hat sie plötzlich beste Karten, erste linke Regierende Bürgermeisterin der
       Bundeshauptstadt zu werden.
       
       Und Ulrich Siegmund, Gewinner der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, kannten
       vor nicht allzu langer Zeit nur ausgewiesene Expert*innen der radikalen
       Rechten. Jetzt könnte der AfDler Sachsen-Anhalts erster Ministerpräsident
       werden.
       
       Eralp und Siegmund sind grundverschieden. Links und rechts sind nicht zwei
       gleichermaßen problematische Ränder einer vermeintlich neutralen Mitte.
       [1][Die Hufeisentheorie ist Bullshit.] Eralps und Siegmunds Erfolge haben
       jedoch eine gleiche Zutat und die sollte kennen, wer sich um die Zukunft
       sorgt.
       
       Sie heißt: Charisma. Der Apostel Paulus hielt sie einst für ein
       Gottesgeschenk, das allen wahrhaft Gläubigen zuteilwird. Gnadengabe lautet
       das aus dem Altgriechischen stammende Wort übersetzt. Heute, in unserer
       halbwegs aufgeklärten Welt, gilt Charisma gemeinhin nicht mehr als
       himmlische Gabe. Sondern als etwas, das man zu großen Teilen trainieren
       kann.
       
       ## Von Jürgen Klopp bis Taylor Swift
       
       Der Schweizer Ökonom John Antonakis etwa sagt, charismatisch wirkenden
       Menschen gelänge es, Nähe zu ihren Mitmenschen herzustellen, sie emotional
       zu berühren und sie glaubhaft für ihre Werte und Visionen zu begeistern.
       Dafür benutzten sie bestimmte Techniken: das Sprechen in kontrastreichen
       Bildern oder das Erzählen persönlicher Anekdoten. Das hat er in
       wissenschaftlichen Studien nachgewiesen.
       
       Eralp und Siegmund, sie könnten ein Seminar bei Antonakis absolviert haben.
       Will Elif Eralp in Interviews die Probleme am Berliner Wohnungsmarkt
       erklären, erzählt sie etwa von der „Alleinerziehenden, die an der
       Supermarktkasse stand mit drei Kindern und deren Einkauf wegen einer
       Mieterhöhung nicht mehr abgebucht werden konnte“.
       
       Ulrich Siegmund unterscheidet in Youtube-Videos gerne zwischen jenen, „die
       Deutschland lieben“ und denen, „die Deutschland hassen“. Oder erzählt
       davon, dass ihm besonders morgens in deutschen Städten Menschen begegneten,
       die schlecht Deutsch sprächen. „Weil diejenigen, die fleißig sind, da nicht
       unterwegs sind.“
       
       Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Charisma Menschen individuell
       zugeschrieben, als wäre es eine persönliche, wenn auch womöglich
       antrainierte Eigenschaft. Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp: „Was für ein
       charismatischer Typ!“, Taylor Swift: „Wow, how charismatic!“ Für die
       politische Analyse taugen solche Zuschreibungen wenig bis gar nichts.
       
       ## Wie kollektive Wirkmacht wächst
       
       Charisma hat aber noch eine weitere Bedeutung. Diese wiederum kann uns sehr
       wohl helfen, die politischen Probleme unserer Zeit besser zu verstehen. Und
       Lösungen dafür zu entwickeln. In der Soziologie beschreibt Charisma eine
       soziale Beziehung, ein Band zwischen führenden Akteuren und ihrer
       Gefolgschaft. Dieses Verständnis geht auf Max Weber zurück. Er begriff
       Charisma allerdings vor allem als affektives Herrschaftsverhältnis von
       Befehl und Gehorsam.
       
       Der Soziologe Max Lill hat dazu geforscht. Er sagt, Charisma entstehe
       wechselseitig und keineswegs nur durch irrationale Unterwerfung. Die
       Anhängerschaft sichere jenen Akteuren ihre Unterstützung zu, von denen sie
       überzeugt ist und sich repräsentiert fühlt. Die Repräsentanz wiederum
       greife die Erfahrungen, Emotionen und Ansprüche ihrer Anhänger*innen
       auf, verdichte sie in sich, verkörpere sie leidenschaftlich in ihrer
       Sprache, ihren Gesten. Und verleihe diesen so öffentlichen Ausdruck. Für
       die Anhängerschaft wirke das aktivierend, mobilisierend. Das befeuere die
       kollektive Wirkmacht.
       
       Elif Eralp und die Berliner Linkspartei wurden [2][nicht einfach so von
       Hunderttausenden Berliner*innen gewählt]. Unzählige Freiwillige haben
       im Wahlkampf an eine viertel Million Haustüren geklopft. Haben mit Menschen
       gesprochen, auch mit vielen, die politisch ganz anders tickten, und
       versucht, sie von der Linken zu überzeugen.
       
       Auch in Sachsen-Anhalt haben Hunderttausende Menschen Ulrich Siegmund und
       der AfD nicht einfach so ihre Stimmen gegeben. Die AfD hatte zuvor in
       zahlreichen sachsen-anhaltinischen Kleinstädten sogenannte Familienfeste
       veranstaltet. Manche ihrer Helfer*innen sind extra aus anderen
       Bundesländern angereist, um Hüpfburgen aufzubauen und am Grill Bratwürste
       zu drehen.
       
       „Exemplarisches Charisma“, so nennt Lill diese Beziehung in Anlehnung an
       Webers späte Religionsstudien. Ausgangspunkt dafür seien in der Geschichte
       häufig Momente gewesen, „in denen Außenseiter bestimmte Stigmata umwerteten
       und gegen den Status Quo wendeten.“ Greta Thunberg etwa verkörperte 2019
       eine globale, ums Klima besorgte, verzweifelte Jugend exemplarisch. Martin
       Luther King war der charismatische Repräsentant der Schwarzen
       Bürgerrechtsbewegung in den USA.
       
       Ulrich Siegmund steht heute [3][für „das einfache Volk“ in Ostdeutschland].
       Elif Eralp für die postmigrantische, kosmopolitische und zur Miete wohnende
       Multitude Berlins.
       
       ## Wenn die Mitte zur Sackgasse wird
       
       Hier wird deutlich: Welche spezifischen Eigenschaften und Handlungen einer
       Person charismatische Wirkung entfalten, hängt von ihrer Zielgruppe ab. Ob
       Repräsentanz und Gefolgschaft schließlich zusammenfinden, ist eine Frage
       der Inszenierung, der Ressourcen – und vor allem auch der Umstände.
       Besonders in Krisenzeiten könne exemplarisches Charisma gut geknüpft
       werden, sagt Lill. „Tragen Menschen eine grundlegende Unzufriedenheit in
       sich, sind sie offener für Angebote, die ihre Ängste, Wünsche und
       Sehnsüchte adressieren – und den richtigen Ton treffen.“
       
       Die Krise ist heute Alltag. Wer vor den zurückliegenden Wahlen
       grundlegender Unzufriedenheit in der Gesellschaft nachspüren wollte, der
       brauchte sich nur in Halle-Neustadt oder Berlin-Neukölln umzuhören. „So,
       wie es ist, kann es nicht bleiben!“ – sinngemäß formulierten
       AfD-Wähler*innen das vor allem migrations- und wirtschaftspolitisch. Und
       Wähler*innen der Linkspartei besonders mit Blick auf explodierende
       Mieten und Sozialkürzungen.
       
       Grundlegende Unzufriedenheit: Das Gefühl ist ein Ausdruck [4][gescheiterter
       Politik der „Mitte“]. Und das gleich in mehrfachem Sinn. Wirtschafts- und
       vor allem migrationspolitisch haben sich die selbsterklärten Mitteparteien
       in eine Sackgasse manövriert. Lange haben sie – allen voran die Union, in
       der Hoffnung, so den Rechtsextremen Stimmen streitig zu machen – auf eine
       negative Stimmung eingezahlt, die ihnen jetzt zum Verhängnis wird: die
       Lösungen, die sie auf die eigens mitkonstruierten Probleme anbieten, können
       das damit verbundene schlechte Gefühl nicht mehr nachhaltig wenden.
       Umstrittene Grenzkontrollen, GEAS-Reform, all das hilft nicht mehr gegen
       die neue deutsche Nichtwillkommenskultur.
       
       Mieten- und sozialpolitisch steckt die Mitte in einer ideologischen
       Sackgasse. Wollte sie die Unzufriedenheit einhegen, die angesichts
       steigender Lebenshaltungskosten und schrumpfender Aufstiegschancen immer
       tiefer in die Gesellschaft einsickert, müsste sie mit ihrer neoliberalen
       Programmatik brechen. Ihr Versprechen, wenn man jetzt ein wenig kürze,
       mache man den Sozialstaat zukunftsfest, zieht immer weniger.
       
       Immer mehr Sogwirkung hingegen erzeugt [5][eine glaubwürdig vermittelte
       Aufbruchstimmung]. Das Gegengift zur lähmenden Zukunftsangst. „Ab heute
       verändern wir unser Berlin und machen es zu einem besseren Ort – alle
       zusammen!“, rief Elif Eralp bei ihrer ersten Ansprache an ihre
       Anhängerschaft am Wahlabend ins Mikrofon. In Sachsen-Anhalt kündigte Ulrich
       Siegmund vor der Wahl immer wieder an: „Wir schreiben Geschichte.“ Seine
       Partei gab sich ein passendes, neues Motto: „Alles ist möglich.“
       
       ## Für ein radikal progressives Zukunftsprojekt
       
       In radikalen Angeboten, sagt Lill, sei „ein Versprechen auf ein
       substanziell besseres Leben spürbar. Ob als Illusion oder wirkliche
       Perspektive“. Das könne Menschen charismatisch ergreifen und magnetisch auf
       sie wirken. Ohnmachts- oder Entfremdungsgefühle, die sie zuvor noch
       plagten, könnten sich dann wandeln in einen Glauben daran, dass alles auch
       ganz anders sein könnte. Und dass sie daran mitwirken, ja, Geschichte
       schreiben können.
       
       In den 1930er-Jahren formierten sich die Nazis als charismatisches
       Massenprojekt mit Adolf Hitler an der Spitze, der Erlösung versprach. Bis
       1945 ermordeten sie Millionen von Menschen. Heute ist mit der AfD eine neue
       nationalrevolutionäre, in Teilen faschistische Bewegung auf dem Vormarsch.
       Um sie aufzuhalten, sagte die Publizistin Carolin Amlinger [6][kürzlich im
       taz-Interview], brauche es eine soziale Erneuerung der Demokratie: Ausbau
       des Sozialstaats und der öffentlichen Infrastruktur, bessere Chancen für
       alle, finanziert vor allem über höhere Steuern für die obersten Einkommen,
       Erbschaften und Vermögen.
       
       Das sind ein paar der essenziellen Zutaten für ein radikal progressives
       Zukunftsprojekt. Wie sich dafür charismatisch Mehrheiten mobilisieren
       lassen, hat die Linkspartei in Berlin beeindruckend vorgemacht. Die Tage
       danach offenbaren, dass dann Herausforderungen warten, innere wie äußere.
       Widerständen trotzen, aus Kritik lernen. Und dann: liefern.
       
       27 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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