# taz.de -- Trend zum Linksbündnis in Berlin: SPD-„Ahnengalerie des Abstiegs“ bekommt Gegenwind
> Immer mehr Stimmen in der SPD machen sich für eine rot-grün-rote
> Koalition in Berlin stark. Nun melden sich auch SPD-Bundestagsabgeordnete
> zu Wort.
(IMG) Bild: Die Berliner SPD-Vizechefin Cansel Kiziltepe im Wrangelkiez in Berlin-Kreuzberg. Sie macht den Weg zu Gesprächen frei
Der SPD-Bundestagsbgeordnete Jan Dieren spricht von einer [1][„Kampagne“
gegen ein rot-grün-rotes Bündnis in Berlin]. So ein Bündnis mache „Hoffnung
auf eine echte linke Alternative“, sagt der 35-jährige. Gerade davor aber
fürchteten sich manche, zum Beispiel Wohnungskonzerne. [2][Dieren ist
Vorsitzender des „Forum Demokratische Linke 21“ (DL21)], einer linken
Strömung innerhalb der SPD. In dieser Funktion unterstützt er deren
Berliner Mitglieder, die sich für Verhandlungen mit Linken und Grünen
aussprechen, sagt er der taz. Die SPD dürfe nicht mitmachen „bei
Sozialabbau und dem Angriff auf Beschäftigtenrechte“, sagt Dieren.
Sein [3][SPD-Genosse Hakan Demir] hat noch einen Verdacht. Die Vehemenz,
mit der gerade gegen ein Linksbündnis in Berlin Stimmung gemacht werde, sei
nicht nur darauf zurück zu führen, „dass es antisemitische Vorfälle in
Teilen der Linkspartei gibt und offenbar Kontake zur organisierten
Kriminalität“, sagt der 41-jährige Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis
Berlin-Neukölln der taz. Es liege auch nicht nur daran, dass manche eine
Vergesellschaftung von großen Wohnungsunternehmen fürchten. „Es gibt
vielmehr Kräfte im Land, die kein AfD-Verbot durch Karlsruhe wollen“, meint
Demir. Ganz vorne dabei sei die AfD selbst und „ihr Vorfeld“.
Demir weist auf einen wenig beachteten Aspekt hin: „Eine Veränderung der
Berliner Landesregierung kann die Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat
verändern, und damit auch die Chancen eines Bundesratsbeschlusses zu einem
Parteiverbotsantrag “, sagt Demir. „Die vier Stimmen aus Berlin könnten
dabei wichtig werden und für eine Mehrheit reichen, um ein
AfD-Prüfverfahren voranzutreiben.“ Dann müste das Bundesverfassungsgericht
aktiv werden.
## Die SPD-Spitze ist skeptisch
Derya Türk-Nachbaur, die Parlamentarische Geschäftsführerin der
SPD-Fraktion im Bundestag, betont: Koalitionsgespräche auf Landesebene
führe die Landes-SPD. Sie habe aber „Vertrauen in die Entscheidungen der
Sozialdemokrat:innen in Berlin“, erklärt die 53-jährige und fügt
hinzu: „Was ich von jedem Bündnis erwarte, an dem die SPD beteiligt ist:
eine glasklare und kompromisslose Haltung gegen jede Form von
Antisemitismus“. Sie sagt aber auch: „Dass es dabei keinen
Verhandlungsspielraum gibt, hat die Berliner SPD mehr als deutlich
gemacht.“
Die Linke wurde bei der Abgeordnetenhauswahl am vergangenen Sonntag
stärkste Kraft und könnte mit Grünen und SPD eine Dreierkoalition eingehen.
Die Berliner Linke steht aber wegen Antisemitismus-Vorwürfen, insbesondere
gegen ihren Neuköllner Bezirksverband, im Kreuzfeuer. Die Parteispitze der
Linken weist die Vorwürfe zwar zurück. Innerhalb der SPD gibt es deshalb
aber starke Vorbehalte, sich einer möglichen Linke-geführten Regierung
anzuschließen. Die SPD-Bundesvorsitzende Bärbel Bas bezeichnete es etwa als
„ganz schwierig, mit einer Partei zusammenzuarbeiten, die in großen Teilen
antisemitisch ist“. Lars Klingbeil äußerte sich etwas zurückhaltender, aber
auch skeptisch.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori sieht das anders. „Es gab
in Berlin schon oft Koalitionen der SPD mit den Linken“, erinnert sie
gegenüber der taz. Die bisherige Stadtregierung sei abgewählt worden, die
Linke habe die Wahl in Berlin „sehr klar gewonnen“ und somit den Auftrag,
Gespräche zu führen. Die SPD in Berlin sollte sich „nicht von dieser völlig
überhitzten, medialen Debatte der letzten Tage treiben lassen, die
jegliches Maß verloren hat und zunehmend politisch motiviert zu sein
scheint“, rät die 38-jährige.
## SPD-Senioren heizen die Stimmung an
Zu dieser Überhitzung tragen auch einige SPD-Granden bei. Der frühere
SPD-Chef Sigmar Gabrel warnt etwa, die SPD dürfe „mit keiner
antisemitischen Partei koalieren“. In der Linken gebe es Leute, „die mit
diesem Staat nichts gemein haben“, so der 67-jährige. Auch Brandenburgs
SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke, 67, sprach mit Blick auf die Linke
von einem „Sicherheitsrisiko für Berlin“ und wandte sich auch gegen die
Vergesellschaftung von Berliner Immobilienkonzernen.
Am Mittwoch meldeten sich dann noch [4][mehrere frühere Berliner
SPD-Chefszu Wort], darunter der ehemalige Regierende Bürgermeister Michael
Müller, 61, und sein Vorgänger Walter Momper, 81. In einem Aufruf mit dem
Titel „Erneuerung SPD“ schrieben sie, es gebe „gegenwärtig keine Basis für
Gespräche mit der Linkspartei“, die SPD dürfe nicht mit „Antisemiten“ und
„Terroristen“ zusammen arbeiten. In ihrem Schreiben heißt es, die Linke
habe „mit dem Boss eines kriminellen Clans gefeiert und getanzt“, manche
würden zudem „die „Auslöschung“ Israels propagieren.
Mark Rackles, SPD-Senator in Bremen und ehemals Staatsekretär in Berlin,
ist deswegen die Hutschnur geplatzt. In einem Wut-Posting auf Facebook
bezeichnet er am Freitag die altgedienten Genossen, die sich gegen ein
Linksbündnis in Berlin aussprechen, als „Ahnengalerie des Abstiegs der
Berliner SPD“. Sie stünden für den „Ausverkauf der Stadt in den
90er-Jahren“ und die „vergeigte Wohnungsbaupolitik der 2000er“. Ihr Aufruf
sei „unseriös“ und „so unfassbar nah an der Tonspur der Rechtspopulisten,
dass man sich als SPD-Mitglied dafür nur schämen kann“, zürnt der
59-jährige. In Bremen, wo er als Senator wirkt, arbeitet eine Koalition aus
SPD, Grünen und Linken schon seit Jahren zusammen.
## Berliner SPD-Vize Kiziltepe für Rot-Grün-Rot
Auch der [5][Bundesvorsitzende der SPD-Jugendorganisation Jusos, Philipp
Türmer], teilt die Bedenken gegen eine mögliches Linksbündnis in Berlin
nicht. „Berlin ist eine progressive Stadt und braucht auch eine progressive
Koalition“, sagt Türmer der taz. „Die Weltuntergangsszenarien, die jetzt
überall beschworen werden, wenn Rot-Grün-Rot regieren würde, erscheinen mir
stark übertrieben.“
Eine rot-grün-rote Koalition könnte genauso gut „eine Chance“ sein“, glaubt
er. Antisemitismus sei in allen Parteien ein Problem, fügt Türmer hinzu und
erinnert daran, das der aktuelle Berliner CDU-Generalsekretär Lukas Krieger
„in seiner Jugend durch Nazi-Sprüche und ein Hakenkreuzabzeichen auffiel“.
Für alle Parteien gelte, „dass sie eine Verantwortung für jüdisches Leben
tragen und klar machen müssen, wo sie stehen“, so der 30-jährige.
In Berlin scheint man das ähnlich zu sehen. Dort hat sich die Berliner
SPD-Vize-Vorsitzende Cansel Kiziltepe am Freitag für
Koalitionsverhandlungen ihrer Partei mit der Wahlsiegerin, der Linkspartei,
und den Grünen ausgesprochen. „Die Berlinerinnen und Berliner haben sich am
Wahltag für eine linke Politik entschieden“, sagte Kiziltepe. „Unsere
Schnittmengen zur Linken und Grünen sind offensichtlich“, so die
Politikerin, [6][die Senatorin für Arbeit und Soziales im aktuellen
schwarz-roten Senat]. Kiziltepe ist die erste führende SPD-Politikerin in
Berlin, die sich in dieser Frage klar positioniert. Sie gehört zum linken
Flügel der Partei.
Rechnerisch möglich wäre neben Rot-Grün-Rot auch eine Koalition zwischen
CDU, Grünen und SPD. Die wird aber zunehmend unwahrscheinlicher.
25 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kampagne-gegen-die-Linkspartei/!6211025
(DIR) [2] /Forderungen-an-den-Koalitionsausschuss/!6192125
(DIR) [3] /Hakan-Demir-kaempft-fuer-die-SPD/!5749926
(DIR) [4] /Vor-dem-Start-von-Sondierungen/!6215886
(DIR) [5] /Neuer-Juso-Vorsitzender-Tuermer/!5971125
(DIR) [6] /Berlins-Sozialsenatorin-Cansel-Kiziltepe/!6109927
## AUTOREN
(DIR) Cem-Odos Güler
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