# taz.de -- Die gefährlichste Frau Deutschlands: Wer hat Angst vor Elif Eralp?
       
       > Seit dem Sieg der Linken in Berlin bebt die politische Landschaft. Die
       > Furcht vor Enteignungen geht um – und die Hoffnung, dass die Partei
       > scheitert.
       
 (IMG) Bild: „Hallo, ich bin Elif“ – die Gewinnerin tanzt auf der Wahlparty der Linken in Berlin
       
       Der Sinkflug hält an. Auch noch Tage nach der Wahl gibt die Aktie von
       Vonovia nach. Deutschlands größter Wohnungskonzern zittert vor einer Frau,
       die vor einem Jahr noch kaum einer kannte. Elif Eralp heißt sie, 45 Jahre
       alt, Mutter zweier Kinder und bald vielleicht Regierende Bürgermeisterin
       von Berlin.
       
       Die Autorität dieses Amts allein hat bislang noch niemanden das Fürchten
       gelehrt. Doch Elif Eralp hat die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am
       vergangenen Sonntag als Spitzenkandidatin der Linkspartei gewonnen. Das gab
       es noch nie. Vor allem aber will sie große private Immobilienkonzerne wie
       Vonovia vergesellschaften. Die Angst der Aktionäre von Vonovia ist
       berechtigt.
       
       Es geht wieder ein Gespenst um, nicht in ganz Europa, in Deutschland aber
       schon. Mit der Vergesellschaftung will Eralp ihr wichtigstes
       Wahlversprechen einlösen und „Berlin bezahlbar machen“. Seit Jahren
       explodieren die Mieten in der Hauptstadt, die Politik war nicht untätig,
       blieb aber letztlich machtlos. Mit der [1][Vergesellschaftung, für die bei
       einem Volksentscheid 2021] fast 60 Prozent der Berlinerinnen und Berliner
       stimmten, stellen Eralp und die Linkspartei die Eigentumsfrage. Das hat
       vorher noch kein Regierender getan. Und keine Regierende.
       
       Seit Eralps Wahlsieg fürchtet nicht nur der Vonovia-Konzern den Untergang
       des Abendlands, sondern auch das politische Deutschland von SPD bis AfD.
       SPD-Chefin Bärbel Bas warnt ihre Parteifreunde in Berlin, ein Bündnis mit
       der Linkspartei und den Grünen einzugehen. AfD-Chefin Alice Weidel
       schwadronierte von einem „knalllinken Bündnis mit Reiche erschießen,
       Kapitalisten weg, enteignen, Mietpreisdeckel“.
       
       ## Die Amerikaner helfen
       
       Ist Elif Eralp also die gefährlichste Frau Deutschlands? Der Wahlsieg
       gewordene Albtraum aller rechtschaffenen und um ihr Eigentum besorgten
       Bürgerinnen und Bürger – weit über die Berliner Stadtgrenzen hinaus?
       
       Rückblick: Auf ihrem Parteitag im April beschließt die Berliner Linke nicht
       nur ihr Wahlprogramm. Er ist auch die Bühne für eine Krönungsmesse. Elif
       Eralp, [2][geboren nach der Flucht ihrer sozialistischen Eltern aus der
       Türkei], aufgewachsen in Hamburg, studierte Juristin und seit 2021
       Abgeordnete in Berlin, wirbt für eine „rote Metropole“ und hat dabei auch
       keine Angst vor Pathos. „Wir wollen Licht und Leuchtfeuer sein für alle
       Menschen“, ruft sie am Ende ihrer Rede den 175 Delegierten zu. „Es geht
       darum, ein neues Kapitel in Berlin aufzuschlagen und gemeinsam Geschichte
       zu schreiben.“
       
       Fast amerikanisch mutet dieser Auftritt an. Zu Beginn ihrer Rede läuft
       Eralp zu Hildegard Knefs Ohrwurm von „[3][Berlin, Berlin, der Perle an der
       Spree]“ auf die Bühne, am Ende wird eine Konfettikanone abgeschossen, und
       Dutzende Genossinnen und Genossen defilieren an ihrer Frontfrau vorbei.
       
       Amerikanisch war auch das Vorbild für Eralps Wahlkampf. Gleich nach dem
       Wahlsieg des sozialistischen Kandidaten [4][Zohran Mamdani] als
       Bürgermeister der Millionenmetropole New York war eine Delegation der
       Berliner Linken an den Hudson River gereist. Die Frage, die sie im Gepäck
       hatten: Lässt sich Mamdanis Erfolgsrezept auf Berlin übertragen? Kann der
       Mann, der von Donald Trump zum gefährlichsten Mann Amerikas stilisiert
       wurde, ein Vorbild sein für den Wahlkampf der Linken in Berlin?
       
       Mit großer Euphorie setzen die Wahlkämpfer der Partei die Strategie ihres
       Vorbilds in Berlin um – Konzentration auf wenige Kernthemen, eine nahbare
       Kandidatin mit einer verbindenden Geschichte, hochprofessionelle
       Social-Media-Arbeit. Und die Parteimitglieder, deren Zahl sich in der Stadt
       binnen kürzester Zeit auf mehr als 19.000 verdoppelt hat, strömen in den
       Wahlkampfwochen an mehr als eine Viertelmillion Haustüren in allen Bezirken
       der Hauptstadt.
       
       ## Die Ökonomen helfen
       
       Der Kandidatin Elif Eralp gelingt es, glaubwürdig wie keinen anderen die
       große Hoffnung zu verkörpern, wirklich etwas tun zu können gegen den
       Mietenwahnsinn. Ein Erfolgsbogen führt von der Krönungsmesse im April zur
       Wahl am vergangenen Sonntag. Mit nahezu 26 Prozent sichert sich die Linke
       den Sieg – mit sieben Prozentpunkten Vorsprung zur CDU.
       
       Die linke Euphorie aber ist schon wenige Tage später gewichen. Angst haben
       inzwischen nicht mehr nur die börsennotierten [5][Wohnungskonzerne] wie
       Vonovia, sondern auch Bundespolitiker wie Friedrich Merz und Markus Söder,
       die Berlin eine Vergesellschaftung per Gesetz verbieten wollen.
       
       Dabei hat eine vom Senat eingesetzte Expertenkommission längst
       festgestellt, dass die Vergesellschaftung der großen privaten
       Immobilienbestände, insgesamt etwa 220.000 Wohnungen, rechtlich zulässig
       ist. Offen ist dennoch, ob sie vor dem Bundesverfassungsgericht Bestand
       haben würde. Viel hängt wohl an der Frage der Entschädigung. Die Initiative
       Deutsche Wohnen & Co enteignen (DWE) und die Linkspartei pochen auf einen
       Passus im Grundgesetz, wonach sich diese aus der „Abwägung der Interessen
       der Allgemeinheit und der Beteiligten“ bemisst. Heißt: Entschädigt werden
       kann unter Marktwert.
       
       Unterstützung gab es dafür am Freitag durch eine Studie des Instituts für
       Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen
       Hans-Böckler-Stiftung. Die Autoren um den Ökonomen Sebastian Dullien
       rechnen darin mit einer Entschädigungshöhe von 13,5 Milliarden Euro,
       [6][die Berlin ohne Zuschüsse aus dem Haushalt zahlen könnte.] Die Gegner
       der Vergesellschaftung dagegen machen pauschal Angst vor einer Pleite der
       Stadt. Und nun droht der Bund vorzuschreiben, dass eine Vergesellschaftung
       zum Marktwert erfolgen muss; dabei sind auch die Pläne für eine solche
       Vorschrift rechtlich höchst umstritten. In jedem Fall wird die Sache
       dauern.
       
       Als akutere Maßnahme will die Linke den sieben landeseigenen
       Wohnungsbaugesellschaften einen Mietendeckel verpassen. Außerdem will sie
       private Vermieter per Gesetz dazu zwingen, einen Teil ihrer Wohnungen
       bezahlbar zu vermieten – und sie hat, als einzige Partei, konkrete
       Vorschläge gemacht, wie die städtischen Wohnungsunternehmen ihre
       Neubauzahlen erhöhen könnten. Die Machbarkeit dieser Vorhaben hat
       grundsätzlich niemand infrage gestellt, sie wären wohl auch mit SPD und
       Grünen möglich.
       
       ## Die Thüringer helfen
       
       Doch bei den potenziellen Koalitionspartnern ist in der Woche die Angst vor
       Eralps Linker zum Teil größer geworden. Und gerade auf Bundesebene mehren
       sich die Stimmen gegen eine Zusammenarbeit.
       
       In einer Aktuellen Stunde im Bundestag mit dem Titel „Fälle von
       Antisemitismus, Polizeifeindlichkeit sowie Nähe zu Islamisten,
       Linksextremisten und Clans bei den Linken Berlin“, beantragt von der AfD,
       verbreiten die Rechtsextremen am Mittwoch die Erzählung, dass die Linke
       gezielt Antisemitismus verbreite, um mithilfe muslimischer Wähler
       Demokratie und Rechtsstaat abzuschaffen. Auch die Vertreter der
       demokratischen Parteien im Bundestag jenseits der Linken sind sich
       weitgehend einig, dass eine Regierung unter linker Führung eine Gefahr für
       die innere Sicherheit darstelle – und für Jüdinnen und Juden.
       
       Kann Elif Eralp das alles noch einfangen? Ist ihre Autorität groß genug, um
       nicht nur den Kreisverband in Neukölln auf Distanz zu halten, sondern auch
       diejenigen in ihrer Partei, die gar nicht erst regieren wollen? Aus Sorge
       nämlich, wegen des Milliardenlochs im Berliner Haushalt in den nächsten
       Jahren einen Sparsenat aus dem Roten Rathaus heraus anführen zu müssen.
       
       Um Fragen wie diese gar nicht erst aufkommen zu lassen, haben sich Elif
       Eralp und ihr Landesvorstand professionelle Hilfe geholt: aus Thüringen, wo
       die Linkspartei unter Bodo Ramelow zehn Jahre lang erfolgreich und
       bemerkenswert geräuschlos regierte. Offenbar weiß auch Eralp, dass auf den
       Wahlkampf nun die nächste harte Etappe folgt. Mit Grünen und SPD müssen
       erste Gespräche geführt, Kompromisse ausgelotet, muss Vertrauen geschaffen
       werden. Die Profis aus Thüringen sind da bestimmt auch Türöffner in
       Richtung der Grünen und der Berliner SPD, die nach ihrem historisch
       schlechtesten Berliner Ergebnis von 12 Prozent auch laut darüber nachdenkt,
       in die Opposition zu gehen. Darüber hinaus hat der SPD-Spitzenkandidat
       Steffen Krach bereits eine rote Linie gezogen. Mit ihm, sagt er, werde es
       keine Vergesellschaftung geben.
       
       Elif Eralp ist zurzeit wohl nicht nur die gefährlichste Frau Deutschlands.
       Sie ist auch eine, auf deren Schultern wohl die größte Last ruht. Scheitern
       kann sie nicht nur an der Antisemitismusdebatte. Scheitern kann sie auch am
       Unwillen der eigenen Partei, Kompromisse einzugehen. Vor allem aber kann
       sie an der Kampagne scheitern, die gerade gegen ein Linksbündnis in Berlin
       gefahren wird.
       
       Doch aufgeben, das ist ihre Sache nicht. Zur Erfolgsgeschichte von Elif
       Eralp gehört ihr Ehrgeiz – und die Fähigkeit, andere Menschen zu
       begeistern. Denn zum Bild der gefährlichsten Frau Deutschlands gehört ja
       auch die andere Seite: Als erste Politikerin der Linken und als erste Frau
       mit Migrationsgeschichte könnte sie jetzt selbst Geschichte schreiben. Und
       sie könnte die Parteipolitik wieder mit den Wählerinnen und Wählern
       versöhnen.
       
       Wird Berlin unter Rot-Grün-Rot dagegen nicht bezahlbar, dürfte die
       Enttäuschung groß sein – und die Entfremdung zwischen Politik und
       Bevölkerung noch wachsen.
       
       26 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Deutsche-Wohnen-und-Co-enteignen/!t5562213
 (DIR) [2] /Linke-Spitzenkandidatin-in-Berlin/!6211544
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=SmucHdItBgs
 (DIR) [4] /Demokratische-Vorwahlen-in-New-York/!6190193
 (DIR) [5] /Kampagne-gegen-Vergesellschaftung/!6193994
 (DIR) [6] https://www.boeckler.de/de/pressemitteilungen-2675-vergesellschaftung-von-wohnbestaenden-79118.htm
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
 (DIR) Erik Peter
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Elif Eralp
 (DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
 (DIR) Die Linke Berlin
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Sondierungen in Berlin: SPD und Grüne mit Vorabsprachen
       
       Am Donnerstag wollen SPD und Grüne erstmals mit der Linken sondieren, vor
       allem über das Thema Antisemitismus reden. Steffen Krach schließt Posten im
       Senat für sich aus.
       
 (DIR) Sondierungsgespräche in Berlin: Zurück auf dem Boden der Realpolitik
       
       In der Hauptstadt nehmen Linke, Grüne und SPD jetzt Kurs auf ein
       Linksbündnis. Leicht wird es nicht.
       
 (DIR) Charisma in Krisenzeiten: Wie man die Massen gewinnt
       
       Elif Eralp und Ulrich Siegmund sind grundverschieden. Ihre jüngsten Erfolge
       hatten aber eine gleiche Zutat: Charisma. Was wir daraus für die Zukunft
       lernen können.
       
 (DIR) Antisemitismus in der Linkspartei: Wollen wir nicht besser sein?
       
       Ich will, dass Berlins nächste Regierende Elif Eralp heißt. Gleichzeitig
       will ich, dass die Ängste von uns jüdischen Menschen ernst genommen werden.
       
 (DIR) Linke Spitzenkandidatin in Berlin: „Hallo, ich bin Elif“
       
       Die Linke Elif Eralp könnte Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden –
       wenn ihr nicht ihre Partei in die Quere kommt.
       
 (DIR) Wochentaz-Podcast: Es ist nicht alles Magdeburg
       
       Wegen des politischen Erdbebens in Sachsen-Anhalt drohen die Wahlen in
       Berlin und Mecklenburg-Vorpommern aus dem Blick zu geraten. Dort gibt es
       Hoffnung.