# taz.de -- Linken-Mitglied zu Antisemitismus: „Die Partei ist keine antisemitische Partei“
> Die queer-jüdische Aktivistin Rosa Jellinek verteidigt die Linke –
> fordert aber von Genoss*innen, die Sorgen jüdischer Menschen ernster zu
> nehmen.
(IMG) Bild: „In der Partei gibt es starke antisemitismuskritische Strömungen“: Stand der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Shalom
Frau Jellinek, wie ging es Ihnen nach der Wahl?
Rosa Jellinek: Erst mal war ich ziemlich erleichtert und froh darüber, dass
die Linke so ein starkes Ergebnis bekommen hat. Denn die Stadt hat unter
der CDU-SPD-Regierung gelitten. Die Linke hat es geschafft, mit linken
Themen und vor allem mit dem Fokus auf Mieten durchzudringen – mit dem, was
so gut wie alle Menschen in Berlin krass beschäftigt. Ich war auch deswegen
froh über das Ergebnis, weil ich denke, dass Elif Eralp eine hervorragende
Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin ist.
taz: … aber?
Jellinek: Dann kamen die Berichte über den Bezirksverband Neukölln und
deren Wahlparty und dann kam die riesige Antisemitismus-Debatte.
taz: Die Vorwürfe, dass es in der Linken und insbesondere im Bezirksverband
Neukölln ein Problem mit Antisemitismus gibt, sind ja aber nicht neu.
Jellinek: Ich bin selbst seit einigen Jahren Mitglied in der Linken und ich
bin Jüdin, und klar habe ich mich schon vorher intensiv damit
auseinandergesetzt, was das für mich bedeutet, wenn einzelne Personen oder
Gruppierungen sich antisemitisch äußern oder positionieren. Diese Situation
hat sich seit dem 7. Oktober 2023 noch verschlimmert und viele gerade linke
oder progressive Jüdinnen*Juden fühlen sich von der Partei im Stich
gelassen. Es ist ein Gefühl der politischen Heimatlosigkeit, wenn das
eigene, linke politische Lager die Belange von Jüdinnen*Juden nicht
mehr ernst zu nehmen scheint. Was mir jetzt nach der Wahl aber auch
aufstößt, ist der große Doppelstandard.
taz: Doppelstandard? Inwiefern?
Jellinek: Man tut so, als sei Antisemitismus das große Problem der Linken.
[1][Obwohl der Bundeskanzler vor ein paar Tagen Antisemitismus als
„perfideste Form von Ausländerfeindlichkeit“ bezeichnet hat] und damit
Jüdinnen*Juden zu den „anderen“ macht, die nicht zur deutschen
Gesellschaft gehören, ein ganz altes antisemitisches Stereotyp. Scheinbar
hat sich nicht mal der Bundeskanzler ernsthaft mit Antisemitismus
auseinandergesetzt. Die Debatte zeigt: Die CDU sieht den Antisemitismus
immer nur bei den anderen. Und natürlich möchte die CDU die Linke auf
Antisemitismus reduzieren, weil sie selbst weiter regieren will und die
Linke so diskreditieren kann.
taz: Ist es nicht trotzdem mehr als das? Schließlich gibt es durchaus auch
konkrete antisemitische Vorfälle und Äußerungen aus der Linkspartei, etwa
den [2][Auftritt des Rappers Dahabflex mit Aufruf zur Intifada].
Jellinek: Absolut. Ich will damit auf keinen Fall den Antisemitismus bei
Gruppierungen und Einzelpersonen in der Linken kleinreden. Wie Teile der
Partei sich mit islamistischen Personen zusammentun, das ist ein Tritt in
den Rücken für jüdische Menschen in Berlin, aber auch für andere vom
Islamismus betroffene Communities. Es kann nicht sein, das ein Rapper, der
zur Intifada aufruft, bei den Linken auftritt. Das muss Konsequenzen haben.
Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass es in der Vergangenheit bei
SPD, Grünen und CDU ebenso Verbindungen gab zu rechten Burschenschaften,
Treffen mit Ditib-Gemeinden oder Kontakte zu Gruppierungen, die den grauen
Wölfen nahestehen. Die Sorgen und Ängste von hier lebenden
Jüdinnen*Juden nehme ich ernst und teile sie auch in großen Teilen.
Aber in dieser Debatte werden wir als Jüdinnen*Juden zum Spielball
gemacht.
taz: Wie müssten Konsequenzen aus Ihrer Sicht aussehen?
Jellinek: Angemessen wäre, dass Beteiligte zurücktreten und ihre Posten
räumen. Die Linke darf Mitgliedern, die die Partei nach außen und im
Bundestag vertreten, das nicht durchgehen lassen. Außerdem erwarte ich eine
angemessene Aufarbeitung insbesondere auch im Neuköllner Verband, nicht nur
rein intern, sondern auch mit Menschen von außerhalb. So eine Aufarbeitung
würde ich übrigens genauso erwarten, wenn jemand eingeladen worden wäre,
der*die sich bei einer Parteiveranstaltung rassistisch oder misogyn oder
queerfeindlich geäußert hätte. Dabei geht es darum, die antifaschistischen
und solidarischen Werte, die die Partei meiner Meinung nach vertritt, auch
umzusetzen. Eine solche Auseinandersetzung besteht übrigens auch darin,
jüdischen Communities zuzuhören und zu glauben, wenn sie Antisemitismus
benennen, anstatt sich immer wieder in Definitionsdebatten zu verlieren,
die letztlich das Ziel haben, sich von Antisemitismus freizusprechen.
taz: Wie groß ist das Problem Antisemitismus in der Linkspartei?
Jellinek: Ich würde sagen, dass das Problem da ist, aber nicht die Politik
dieser Partei leitet oder bestimmt. Es ist schon so, dass beispielsweise
die Gruppe Marx21 und andere trotzkistische Untergruppen versuchen,
Einfluss zu erlangen. Und es ist ein Problem, dass sich immer wieder
Menschen in der Partei schützend vor bestimmte Personen stellen. Wäre ich
nicht in der Partei, und würde nicht mitbekommen, wie vielen Mitgliedern
dort der Kampf gegen Antisemitismus ein großes Anliegen ist, dann wäre ich
auch enttäuscht. Und ich bin es ja auch trotzdem, das will ich gar nicht
verhehlen.
taz: Wovon genau sind Sie enttäuscht?
Jellinek: Von dem Mangel an wirklicher Aufarbeitung. Die Partei müsste dazu
viel mehr auch jüdische Gruppen, Einzelpersonen und Communities einbeziehen
und sie dazu befragen, was ihre Bedürfnisse sind. Vor allem muss die
Auseinandersetzung in den eigenen Reihen auch ergebnisoffen sein. Aktuell
ist mein Eindruck, dass es vor allem darum geht, sich vom Vorwurf des
Antisemitismus reinzuwaschen und zu befreien, anstatt sich kritisch damit
auseinanderzusetzen. Ich bin enttäuscht, gerade weil es nachvollziehbar
ist, an eine Partei wie die Linke, die sich für Menschenrechte starkmacht,
einen höheren Anspruch als an alle anderen Parteien zu legen.
taz: Trotz aller Kritik sind Sie weiterhin Parteimitglied. Warum?
Jellinek: Es gibt antisemitische Haltungen in der Partei, aber die Partei
ist in keinster Weise eine antisemitische Partei. Es ist ein Unding, wenn
einige hier die Linke mit der AfD gleichsetzen, das verharmlost komplett
den Antisemitismus der AfD. Und während jetzt alle über Antisemitismus bei
der Linken reden, redet niemand mehr über die Wahlerfolge in
Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen-Anhalt. Die AfD ist eine
rassistische, antisemitische, rechtsextreme Partei. Die Linke ist eine
Partei wie der Rest der Gesellschaft und wie andere Parteien auch, in denen
Antisemitismus vorkommt und in der diese Vorfälle nicht angemessen
bearbeitet werden.
taz: Andersrum gefragt: Was ist Ihre Motivation, sich in der Linkspartei zu
engagieren, was macht Ihnen Hoffnung?
Jellinek: Ich bin in der Partei, weil ich viele der politischen Positionen
teile und der Meinung bin, dass die sozialen Fragen in Berlin und ganz
Deutschland gerade an erster Stelle stehen. In der Partei gibt es starke
antisemitismuskritische Strömungen. Bei Elif Eralp sehe ich diese Haltung,
und auch in der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Shalom, die sich mit dem
Problem ernsthaft auseinandersetzen.
taz: Was ist Ihr Eindruck von Elif Eralp?
Jellinek: Elif hat sich mit ihrem 5-Punkte-Plan schon intensiv mit
Antisemitismus auseinandergesetzt, und sie hat sich zu Vorfällen und
Übergriffen deutlich geäußert, etwa als in Mitte eine Frau, die sichtbar
einen Davidstern trug, mit einer zerbrochenen Flasche attackiert wurde. Sie
hat ihre Solidarität ausgesprochen, sie zeigt es in Worten und in Taten,
dass ihr die Sicherheit von jüdischen Menschen in Berlin ein wichtiges
Anliegen ist und dass sie Antisemitismus nicht relativiert.
taz: Was brauchen Jüdinnen und Juden, um in Berlin sicher zu sein?
Jellinek: Antisemitismus gab es immer und wird es immer geben. Doch das
sollten wir so nicht einfach hinnehmen. Die Frage ist also, was und wie
viel gegen Antisemitismus unternommen wird. Dass Gelder für
Demokratie-Projekte und Bildung gegen Antisemitismus gekürzt werden, ist
schon mal eine ganz schlechte und falsche Entscheidung. Genauso hat uns die
Förderungsaffäre für antisemitismuskritische Projekte durch den CDU-Senat
geschadet. Gleichzeitig braucht es einen verlässlichen Schutz, der auch
sicher finanziert ist. Natürlich wünsche ich mir ein Berlin, in dem es
nicht notwendig ist, dass Kinder von der Polizei und Sicherheitsdiensten
geschützt werden und hinter Zäunen zur Schule gehen müssen. Aber das ist ja
kein Ergebnis von Antisemitismus bei der Linken.
taz: Von einigen jüdischen Eltern habe ich in den letzten Jahren auch
gehört, dass das einseitige Pochen auf die Staatsräson das Leben für ihre
Kinder in Berlin nicht sicherer mache, im Gegenteil, es kann sie auch in
Gefahr bringen, weil es am Ende polarisiert zwischen zwei vermeintlichen
Seiten. Inwieweit ist die Linke eine Partei, die es schaffen könnte,
Polarisierungen entgegenzuwirken?
Jellinek: Die Linke könnte die Partei sein, die gerade bei diesen
Konflikten und Fragen integrierend wirkt. Aber: Dafür bräuchte es eine
größere Auseinandersetzung mit Antisemitismus und mit der Frage, wie dieser
wirkt. Auf der anderen Seite gibt es eine große Offenheit für
palästinasolidarische Gruppen und das ist auch wichtig, auch ihre Kritik an
der Polizeigewalt bei palästinasolidarischen Demonstrationen. Aber genauso,
wie es da Solidarität braucht, braucht es auch Solidarität mit Jüdinnen und
Juden und mit ihren Lebensrealitäten. Und diese Solidarität muss gelten
unabhängig davon, ob diese Jüdinnen*Juden sich als antizionistisch
positionieren.
taz: Was meinen Sie damit genau?
Jellinek: Jüdinnen und Juden werden zurzeit von allen Seiten
instrumentalisiert, um die eigenen Interessen der Parteien zu verfolgen:
Sei es, um doch noch in eine Regierung zu kommen, sei es, um sich von
Antisemitismus freizusprechen, ohne sich damit auseinanderzusetzen. Es geht
gar nicht wirklich um Jüdinnen*Juden oder Antisemitismus.
taz: Wie könnte die Linke es besser machen?
Jellinek: Eine echte emanzipatorische, linke Position wäre es doch, sich
jetzt mit jüdischen Gruppen und Einzelpersonen zusammenzufinden und sich
mit ihnen auseinanderzusetzen, herauszufinden, was sie brauchen.
Emanzipatorisch wäre es auch, sich der Kritik an der Partei selbstkritisch
zu stellen – und es anders zu machen als etwa die CDU, die den
Antisemitismus immer nur woanders sieht und für rassistische Narrative
instrumentalisiert. Dazu gehört auch, Islamismus und islamistischen Terror
beim Namen zu nennen. Das geht nämlich auch, ohne rassistische Narrative zu
verbreiten oder Islamismus zu verharmlosen. Man kann eine differenzierte
Position finden, aber nur, wenn man eigene Positionen hinterfragt und sich
mit eigenen Fehlern auseinandersetzt.
24 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
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