# taz.de -- Debatte um Antisemitismus: Wie Jüdinnen und Juden auf die Linke schauen
       
       > Deutschland streitet um echten und vermeintlichen Antisemitismus in der
       > Berliner Linkspartei. Hier erzählen Juden*Jüdinnen aus der Hauptstadt,
       > wie sie dazu stehen.
       
 (IMG) Bild: Wie sicher ist jüdisches Leben in Berlin? Die Kuppel der Neuen Synagoge in Berlin-Mitte
       
       Vered Berman, Sozialwissenschaftlerin und Friedensaktivistin
       
       Ich mache mir Sorgen wegen zunehmendem Antisemitismus – aber vor einer
       rot-grün-roten Regierung habe ich keine Angst. Soziale Politik ist genau
       das, was Berlin braucht. Juden*Jüdinnen geht es schließlich wie allen
       anderen auch: Sie finden in dieser Stadt kaum noch eine Wohnung und zahlen
       viel zu viel für ihre Miete.
       
       Hier passiert gerade etwas sehr Ähnliches wie vor rund einem Jahr, als
       [1][Zohran Mamdani] in New York zum Bürgermeister gewählt wurde: eine
       Empörungswelle von Konservativen, die eigentlich nur Angst vor linker
       Politik haben. Sie nutzen den Vorwurf des Antisemitismus als unschlagbares
       Argument.
       
       Die Debatte wird so auf dem Rücken der Juden*Jüdinnen geführt. Deshalb
       habe ich mich zusammen mit anderen Berliner Juden*Jüdinnen am Tag nach
       der Wahl [2][in einem offenen Brief hinter die Linkspartei gestellt]. Wenn
       es den Kritiker*innen um uns ginge, dann würden wir über anderes reden.
       Zum Beispiel darüber, dass die AfD gerade in zwei Bundesländern stärkste
       Kraft geworden ist. Oder dass antisemitische Vorfälle statistisch meistens
       von rechts kommen.
       
       Es ist auch nicht die Linkspartei, [3][die das Förderprogramm Demokratie
       leben gekürzt] hat und so zivilgesellschaftliche Projekte gegen
       Antisemitismus gefährdet. Genauso wenig hat sie in Berlin Fördermittel
       veruntreut, die für den Kampf gegen Antisemitismus gedacht waren. Und sie
       koaliert in Bayern auch nicht mit Hubert Aiwanger, der in seiner Jugend ein
       Flugblatt verbreitet hat, in dem er vom Freiflug durch den Schornstein von
       Auschwitz fabuliert. Das war die Union.
       
       Das heißt nicht, dass es in der Linken nicht auch antisemitische Vorfälle
       gibt und diese nicht ernstzunehmen sind. Wenn Politiker Kontakte zur
       organisierten Kriminalität oder zu Terrororganisationen haben, dann ist das
       natürlich ein Problem. Außerdem fehlt mir in der Linkspartei manchmal die
       Differenzierung. Es ist richtig, sich klar gegen die Verbrechen Israels
       auszusprechen. Aber einige in der Linken schaffen das nicht, ohne dabei
       Gewalt zu verherrlichen. Oder sie trennen dabei nicht klar zwischen
       Judentum, Zionismus und Israel.
       
       Aber Antisemitismus ist ein gesamtdeutsches Problem und ganz sicher kein
       neues, linkes oder importiertes. Die Spitzen der Linkspartei gehen in
       meiner Wahrnehmung sehr differenziert mit dem Thema um. Ines Schwerdtner
       hat mich in den letzten Tagen da sehr beeindruckt. Ich glaube, linke
       Politik ist am Ende selbst ein gutes Mittel gegen Antisemitismus. Mehr
       Investitionen in Sozialstaat und Bildung helfen, Menschenfeindlichkeit
       zurückzudrängen. (Protokoll: Frederik Eikmanns)
       
       Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion JSDU
       
       Es geht nicht mehr darum, Jüdinnen und Juden wirklich zu helfen, sondern
       politisches Kapital aus ihnen zu schlagen. Dabei spreche ich von der
       Linkspartei, die einen offensichtlichen Versprecher von Friedrich Merz
       kritisiert, aber nur, um vom eigenen Antisemitismus abzulenken. Aber auch
       von der Union, die sich gerade in Brandmauer-Debatten verheddert, obwohl es
       offensichtlich problematisch für Jüdinnen und Juden wäre, wenn die
       Brandmauer fällt.
       
       Die Linke mag zwar noch keine inhärent antisemitische Partei sein,
       Antisemitismus wird dort aber toleriert und hat Struktur. Gerade versucht
       die Partei, Israelkritik und Antisemitismus gleichzusetzen. Hier spricht
       aber gerade niemand darüber, dass die Linke Israel zu sehr kritisiert. Das
       ist nicht der Vorwurf. Der Vorwurf ist, dass wir es mit handfesten
       antisemitischen Vorfällen zu tun haben.
       
       Wenn [4][ein PFLP-Mitglied bei einer Wahlkampfparty auftaucht], haben wir
       ein Problem. Wenn ein linker Bundestagsabgeordneter, der in der
       Vergangenheit schon aufgefallen ist, Fotos macht mit PFLP-Anhängern, dann
       haben wir ein Problem. Diesen Montag haben wir Yom Kippur gefeiert, das ist
       der höchste jüdische Feiertag. Zwei Tage vorher gab es einen Brandanschlag
       auf die Synagoge in Wuppertal, im Januar einen Brandanschlag auf die
       Synagoge in Gießen. Wir haben keinen jüdischen Feiertag, an dem wir nicht
       mit irgendwelchen Schreckensmeldungen auf unseren Handys konfrontiert
       werden – versuchte Anschläge oder auch tatsächliche, wie letztens in
       England in Golders Green. In so einer Phase sich mit Terrorverherrlichern
       abzulichten, spricht eine deutliche Sprache.
       
       Wir leben auch in einer Zeit, in der die Hamas sich internationaler
       aufstellt. Und dann gibt es einen Rapper, der auf einer
       Wahlkampfveranstaltung der Linken von „Intifada“ spricht und einen
       Listenkandidaten, der zur „Wahl-Intifada“ aufruft. Niemand griff ein. Jetzt
       ist der Aufschrei groß, weil die anderen Parteien sonst nicht mit der
       Linken in Berlin koalieren wollen. Elif Eralps Fünfpunkteplan halte ich
       aber nicht für konkret.
       
       Ich trage seit einem Dreivierteljahr draußen die Kippa. Das kann man
       wunderbar machen, wenn man damit einverstanden ist, fortlaufend
       antisemitisch angegangen zu werden. Das sehen wir auch an den Universitäten
       oder jüngst bei einem Vorfall, bei dem ein junger Mann vor einer Synagoge
       den Hitlergruß gezeigt hat. So etwas passiert fortlaufend, aber nur in den
       seltensten Fällen läuft eine Kamera, und dann wird darüber gesprochen. Die
       Lebensrealität von Jüdinnen und Juden hierzulande ist: Wenn man sich nicht
       versteckt, muss man damit rechnen, antisemitisch angegangen zu werden.
       (Protokoll: Konstantin Nowotny)
       
       Noy Katsman, Studentin aus Israel
       
       Mein Bruder wurde am 7. Oktober 2023 getötet. Danach bin ich dem
       [5][„Parents Circle Families Forum, bereaved Israeli and Palestinian
       families for peace“] beigetreten. Früher war ich Friedensaktivistin in
       Israel, aber ich bin links und in Israel hassen mich die Leute, deshalb
       lebe ich seit einigen Jahren in Berlin. Hier fühle ich mich sehr sicher –
       als linke, jüdische Transperson. Ich spreche ständig Hebräisch, auch in
       arabischen Restaurants in Neukölln, sage den Kellnern, dass ich aus Israel
       komme – ohne jegliche Probleme. Seit Kurzem habe ich den deutschen Pass,
       und bei den Wahlen habe ich die Linke gewählt, Mitglied bin ich nicht.
       
       Zur aktuellen Debatte über die Partei möchte ich anmerken, dass Neukölln
       der Ort mit der größten palästinensischen Diaspora Deutschlands ist.
       Natürlich kann ich nicht alles verstehen, was die Leute sagen, aber jeder
       betrauert etwas anderes. Ich weiß, manche Arten des Trauerns können sehr
       radikal wirken. Aber ich verstehe viele Menschen, auch wenn ich ihre Worte
       selbst nicht verwenden würde. Zum Beispiel „Death to the IDF“, was der
       Rapper Dahabflex bei einer Wahlveranstaltung der Linkspartei in Neukölln
       gesungen hat. Wenn jemand Familienangehörige durch die IDF verloren hat und
       sieht, dass Deutschland Israel weiterhin unterstützt, kann ich verstehen,
       warum er das sagt. Ich halte das nicht für antisemitisch.
       
       Der beste Weg, Antisemitismus zu bekämpfen, besteht nicht darin, die
       Menschen zum Schweigen zu bringen. Natürlich ist es antisemitisch, wenn
       jemand alle Juden über einen Kamm schert und sagt, sie sollten alle
       sterben, oder den Tod unschuldiger Menschen rechtfertigt. Aber es gibt auch
       Menschen, die einfach nicht genug über Juden und das Judentum wissen. Wir
       sollten sie aufklären.
       
       Ich bin dagegen, dass Ferat Koçak sein Mandat im Bundestag oder eine seiner
       anderen Positionen niederlegt. Mit der PFLP, zu deren Anhängern die
       Linkspartei angeblich Kontakte unterhält, kenne ich mich nicht aus.
       Natürlich sollten wir genau hinschauen, wer wen in welchen Punkten
       unterstützt. Aber ich bin gegen Cancel Culture. Dann könnte man genauso
       sagen: Juden, die die israelische Regierung unterstützen, sollten
       „gecancelt“ werden.
       
       Ich habe durchaus Verständnis, wenn jüdische Menschen sich an Orten wie dem
       Dahabflex-Konzert nicht sicher fühlen, zugleich sollten Palästinenser nicht
       zum Schweigen gebracht werden. Ich weiß, das ist verzwickt. Aber anstatt
       einen Rapper wie ihn nicht einzuladen, fände ich es besser, sich im Vorfeld
       mit jemandem aus dieser Gruppe jüdischer Menschen und dem Künstler
       zusammenzusetzen, um eine gemeinsame Basis für eine Aufführung zu finden,
       bei der sich dann alle willkommen und sicher fühlen – auch wenn man nicht
       mit allem einverstanden ist, was gesagt wird. Das muss man eben auch
       aushalten. Auch wir als jüdische Menschen müssen uns der palästinensischen
       Perspektive öffnen. Zu Frieden kommen wir nicht über eine Einbahnstraße.
       (Protokoll: Lotte Laloire)
       
       Sigmount A. Königsberg, Beauftragter gegen Antisemitismus der Jüdischen
       Gemeinde Berlin
       
       Ich blicke mit großer Skepsis auf die Entwicklung der letzten Tage. Das
       ging schon im Wahlkampf los. Wer die Plakate der Linken in den Stadtteilen
       Neukölln oder Gesundbrunnen gesehen hat, musste glauben, die großen
       Probleme Berlins lägen in Gaza. Da erkenne ich schon eine übertriebene
       Fixierung auf Israel.
       
       Elif Eralp hatte nach den Vorfällen in Neukölln Konsequenzen angekündigt.
       Aber der Bezirk Neukölln verweigert sich diesen. Dort sind Parteimitglieder
       stolz darauf, dass man einen Rapper auftreten ließ, der die Intifada
       glorifiziert. Dieser Teil der Linken ruft zu Hass auf. Ich glaube nicht,
       dass so eine Partei regierungsfähig ist.
       
       Die Linke meint, selbst definieren zu können, was als antisemitisch
       anzusehen ist und was nicht. Ich glaube nicht, dass sie sich das anmaßen
       würde, wenn es um Rassismus gegen Menschen mit Migrationshintergrund geht.
       Von dem 5-Punkte-Plan gegen Antisemitismus, den die Linke im Wahlkampf
       präsentiert hat, haben wir als Jüdische Gemeinde Berlins jedenfalls erst
       nachträglich aus den Medien erfahren.
       
       Es heißt jetzt aus der Linkspartei oft, das sei eine Kampagne der Rechten.
       Antisemitismus würde hier instrumentalisiert, um die Linke anzugreifen. Das
       stimmt nicht. Die Warnungen kommen von großen Teilen der jüdischen
       Communitys in Deutschland.
       
       Alternativ weist die Linke auf den Antisemitismus der anderen Parteien hin.
       Besser wäre, anzuerkennen, das man ein Problem hat und sich darum zu
       kümmern, ungeachtet von den Problemen der anderen. Meine Erwartung an alle
       Parteien ist, dass sie beim Thema Antisemitismus einen 360-Grad-Blick
       haben, also gegen Judenhass aus jeder politischen Richtung stehen. Die
       Linke guckt aber weg, wenn es um Antisemitismus von Linken oder Muslimen
       geht. Das wird ja nicht mal benannt.
       
       Die Chansoniere Sharon Brauner hat zuletzt das Lied „Kind dieser Stadt“
       veröffentlicht, in dem sie sich von Berlin verabschiedet. Das spiegelt die
       Gemütslage vieler Menschen in der Gemeinde sehr gut wider. Insbesondere die
       jüngeren, die Kinder haben, überlegen sich, ob es hier noch eine Zukunft
       für sie gibt. Die Verunsicherung ist nicht neu, aber sie ist zuletzt rasant
       gewachsen. Das muss man zur Kenntnis nehmen. (Protokoll Frederik Eikmanns)
       
       Nimrod Flaschenberg, Aktivist und Mitglied von Israelis for Peace
       
       Dass es nach der Wahl eine Kampagne gegen die Linkspartei geben würde, war
       abzusehen. Es geht dabei nicht wirklich um Antisemitismus sondern schlicht
       darum, dass eine linke Partei in der deutschen Hauptstadt die
       Bürgermeisterin stellen könnte. Indem die Linke als antisemitisch
       hingestelt wird, bekommt die SPD eine einfache Ausrede, um eine Koalition
       abzulehnen und die Enteignung der Wohnungskonzerne zu verhindern. Ein
       großer Teil der Medien und des gesellschaftlichen Mainstream macht mit. Das
       ist zynisch.
       
       Wie wenig Substanz die Vorwürfe haben, sieht man schon daran, dass
       verschiedene Themen miteinander vermischt werden. Antisemitismus mit
       legitimer Kritik an Israel zum Beispiel. Oder es wird so getan, als
       gehörten organisierte Kriminalität und Antisemitismus irgendwie zusammen.
       Islamismus soll auch noch mit im Spiel gewesen sein. Dabei war es doch ein
       Mann mit Verbindungen zur PFLP, der auf der Wahlparty in Neukölln war. Das
       ist eine säkulare Gruppe, die mit religiösem Extremismus nichts zutun hat.
       Hinter diesen wirren Vorwürfen steckt rassistisches Ressentiment.
       
       In der Linken gibt es auf jeden Fall Menschen mit Einstellungen, die einer
       linken Partei nicht angemessen sind. Aber da geht es um Aktivisten und
       einfache Parteimitglieder. Von gewählten Linkenpolitiker*innen oder
       der Parteiführung habe ich noch nie etwas gehört, was die Grenze des
       Zulässigen überschreitet.
       
       Es ist klar, dass es Juden*Jüdinnen gibt, die sich in Deutschland nicht
       sicher fühlen. Aber dass manche sich vor der Linkspartei fürchten hat mehr
       mit dem Diskurs zutun, als mit der tatsächlichen Partei. Wenn der
       Zentralrat warnt, Juden seien in Deutschland wegen der Linkspartei nicht
       sicher, dann führt dass dazu, dass sich viele wirklich bedroht fühlen. Aber
       es hat nichts mit der Linken zutun.
       
       Umgekehrt bedeutet das aber nicht, dass die Linke in der Berliner Regierung
       nicht noch mehr dafür tun sollte, dass Juden*Jüdinnen und alle anderen
       Menschen sich sicher fühlen. Das gilt ganz unabhängig von all den aktuellen
       Vorwürfen gegen die Partei. (Protokoll: Frederik Eikmanns)
       
       Channah, DJ aus Berlin
       
       Ich habe das erste Mal die Linke gewählt, weil ich bei deren Wahlprogramm
       am meisten mitgehe. Aber damit hatte ich natürlich Bauchschmerzen. Wegen
       des Antisemitismusproblems in der Partei. Andere Parteien haben damit auch
       ein Problem, aber die würde ich eh nicht wählen. Dass ich mit der Linken
       hadere, liegt nur daran, dass ich sie überhaupt in Erwägung ziehe. Vor
       dieser Wahl sah es für mich dann aber so aus, als ob sie inzwischen einen
       Plan haben und sich damit auseinandersetzen, statt das zu leugnen. Zum
       Beispiel bei Elif Eralp, die eine umarmende Politik machen will, statt den
       unnötig polarisierenden Sprech, der diese Debatte beherrscht.
       
       Jetzt nach der Wahl finde ich alles nur noch absurd. Besonders, wo die
       Antisemitismusvorwürfe jetzt teilweise herkommen – aus Ecken, von denen ich
       denke: Fasst euch bitte erst mal an die eigene Nase. Etwa von der CDU, die
       selbst Fördergelder zur Prävention von Antisemitismus gestrichen und
       Steuergelder dafür veruntreut hat. Aber auch aus bestimmten Medien: Wo war
       denn deren Panik, dass die AfD gewählt wurde? Diese Doppelmoral macht mich
       fuchsteufelswild. Ich verlange von allen Teilen der Gesellschaft eine
       Auseinandersetzung damit, was Antisemitismus einfach ist. Nämlich mehr als
       Hass auf Juden. Es sind auch ganz viele Verschwörungserzählungen, zum
       Beispiel, dass Juden besonders schlau seien oder gut im Geschäfte machen.
       Genauso nervt mich die unglaubliche Vorsicht von Leuten, wenn sie wissen,
       dass ich Jüdin bin und mit mir reden. Und was mich besonders wütend macht,
       ist, wenn Leute dann extra schlecht über Geflüchtete reden oder besonders
       antimuslimische Standpunkte einnehmen. Denken die, dann seien sie besonders
       antiantisemitisch?
       
       Mir ist wichtig, zu sagen, dass ich keine Angst vor der Partei Die Linke
       habe, nur vor dieser antizionistischen Bubble. Wenn jemand ein
       Palästinensertuch anhat, kann ich nie wissen, was sie damit meint. Das kann
       eine total okaye Person sein, aber auch eine antisemitische. Genauso geht
       es mir, wenn ich Wassermelonen sehe. Ich würde nicht auf eine von deren
       Demos gehen. Ich fühle mich da nicht sicher und willkommen. Da nicht
       hingehen zu können, ist für mich aber richtig schlimm, denn ich würde so
       gerne auf Demos gehen, wo Freiheit für Palästinenser gefordert wird.
       
       Deswegen wollte ich dieses Gespräch dann auch lieber persönlich führen,
       statt, wie zuerst angedacht, eine Sprachnachricht zu schicken, als ich
       gerade in Kreuzberg auf der Straße unterwegs war. Dazu hatte ich mehrfach
       angesetzt, aber dabei war mir einfach nicht wohl. Aber mein
       Sicherheitsempfinden hat überhaupt nichts mit der Wahl jetzt zu tun. Und in
       Berlin-Marzahn würde ich mich genauso unwohl fühlen, auf der Straße zu
       sagen, dass ich Jüdin bin. Ich lebe seit 34 Jahren in Berlin, zu Israel
       habe ich keine Verbindung. Unsicher fühle ich mich erst seit dem 7. Oktober
       2023. Seitdem fällt mir auf, dass auch in linken Kreisen, nicht in der
       Partei, aber in Internetkommentaren Geschichten erzählt werden, die es
       schon im Mittelalter gab, zum Beispiel, dass Juden Kinder essen oder so ein
       Quatsch.
       
       Von der Linken wünsche ich mir jetzt, dass sie nicht bockig reagiert, also
       nicht einfach alles von sich weist und auch nicht, dass sie es bei ein paar
       symbolischen Aktionen belässt und das war’s dann wieder. Sondern, dass sie
       sich ernsthaft mit der Lebensrealität von Jüdinnen und Juden
       auseinandersetzt und uns fragt, wovor wir Angst haben. Ich bin für Dialog.
       Aber eine Partei, die regieren möchte, muss auch Grenzen ziehen. Ferat
       Koçak sollte auf jeden Fall sein Bundestagsmandat abgeben. Leute wie
       Ibrahim Ibrahim, der PFLP-Verbindungen hat, oder Rapper wie dieser
       Dahabflex sollten nicht bei der Linken auftauchen. Wenn man eine umarmende
       Politik machen will, muss man sein Programm auch so machen, dass alle Leute
       sich wohlfühlen. Also auch wir. (Protokoll: Lotte Laloire)
       
       28 Sep 2026
       
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