# taz.de -- Richtungsstreit nach der Wahl in Berlin: Jüdische Unterstützung für Linksbündnis
> In einem offenen Brief fordern 150 Berliner Jüdinnen und Juden eine
> rot-rot-grüne Koalition in der Hauptstadt. Sie widersprechen damit dem
> Zentralrat der Juden.
(IMG) Bild: Publizistin Deborah Feldman gehört zu den 150 Berliner Jüdinnen und Juden, die den offenen Brief unterzeichnet haben
Mehr als 150 Berliner Jüdinnen und Juden haben sich [1][in einem offenen
Brief, der am Donnerstag veröffentlicht wurde und der taz exklusiv
vorliegt], hinter die Berliner Linkspartei gestellt. Ihr Aufruf trägt den
Titel „Für eine soziale und sichere Stadt“. Die Unterzeichnerinnen und
Unterzeichner widersprechen darin der Behauptung, die Linke sei eine Gefahr
für Jüdinnen und Juden und eine Regierung mit ihr stelle ein
Sicherheitsrisiko für jüdische Gemeinden dar.
Unterzeichnet haben ihn 150 Einzelpersonen, darunter die Schriftstellerin
und ehemalige Vorsitzende des PEN Berlin, Eva Menasse, die Musikerin
Merrill Nisker alias [2][Peaches], die Lyrikerin und Essayistin Esther
Dischereit, die Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums,
[3][Susan Neiman], der US-amerikanische Videograph Arun Chaudhary, der
Filmemacher Udi Aloni, die Schriftstellerin Irene Dische, die Historiker
Adam Raz und Ben Miller, der Völkerrechtler Itamar Mann, die Politologin
Emilia Zenzile Roig, die Publizistin Deborah Feldman und die
Sozialwissenschaftlerin Vered Berman. Sie alle leben in Berlin.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte sich noch am Wahlabend
„besorgt“ angesichts des Wahlsiegs der Linken gezeigt. Bereits davor hatte
er die Partei [4][als „für Juden unwählbar“ bezeichnet]. Nach dem Wahlsieg
der Linken in Berlin appellierte er an SPD und Grüne, keine Koalition mit
ihr zu bilden: Wer ihr in Berlin den Weg in eine Landesregierung ebne,
„gefährdet unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und das jüdische Leben
in der Hauptstadt“, sagte Schuster am Montag. Israels Botschafter Ron
Prosor bezeichnete den Wahlsieg der Linken in Berlin sogar als „eine
konkrete und unmittelbare Existenzgefahr“ für die jüdische Gemeinschaft in
der Hauptstadt.
## Was Antisemitismus gefährlich mache
Dem widersprechen die Unterzeichnenden: „Wir sind Berliner Jüdinnen und
Juden und kommen aus unterschiedlichen Milieus; wir beten in
unterschiedlichen Synagogen oder gar nicht; wir wählen unterschiedliche
Parteien“, heißt es in dem offenen Brief. Sie werfen reichweitenstarken
Medien und wichtigen Teilen „unserer eigenen jüdischen Gemeinschaft“ vor,
sich ihrer Verantwortung zu entziehen, „wenn sie weiterhin so tun, als
würde die Linke die größte Gefahr für jüdische Sicherheit darstellen“ – in
einer Zeit, „in der eine teilweise offen faschistische Partei quer durch
Deutschland auf dem Weg zur Macht ist“.
Antisemitismus sei, wie andere Ressentiments und Vorurteile, in allen
Teilen der Gesellschaft verbreitet und „dort am gefährlichsten, wo er mit
rechtsextremer Ideologie und mit den antidemokratischen Tendenzen und
Konflikten zusammenfällt, die sich manchmal auch gewaltsam auf unseren
Straßen Bahn brechen“. Ausgerechnet die Linkspartei ständig des
Antisemitismus zu beschuldigen sei „eine zynische politische
Instrumentalisierung“, mit der „beinahe jede Kritik an der israelischen
Politik mit Antisemitismus“ gleichgesetzt werde. Die „Flut an
Anschuldigungen“ ziele darauf ab, „andere Meinungen zu unterdrücken und das
internationale Völkerrecht auszuhöhlen“. Damit werde von anderen Gefahren
abgelenkt.
Wie alle anderen Berlinerinnen und Berliner seien auch jüdische Familien
von steigenden Mieten, prekären Beschäftigungen, überlasteten Schulen und
einem überforderten Gesundheitssystem sowie einer wachsenden soziale
Spaltung betroffen. Diese erzeugten „genau jene gesellschaftlichen
Spannungen, die auch den Judenhass fördern“. Wer soziale Missstände
ignoriere, überlasse das Feld denen, „die immer als erstes nach
Sündenböcken suchen“.
## Heikle Koalitionssuche in Berlin
Die Unterzeichnenden appellieren deshalb an „die künftige Regierende
Bürgermeisterin und ihre Koalitionspartner“, diese Sorge „ebenso ernst wie
die aller anderen Berlinerinnen und Berliner“ zu nehmen. Sie plädieren für
eine rot-rot-grüne Koalition, von der sie sich erhoffen, „die materiellen
Ursachen gesellschaftlicher Spannungen anzugehen.“ Nicht, weil sie alle
Positionen in der Linken oder einer anderen Partei teilen würden. Sondern,
weil „eine Fortsetzung des Status quo oder ein Rechtsruck diese Spannungen
nur verschärfen würde“, heißt es in dem Appell.
Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus wurde die Linke am Sonntagabend
[5][mit 25,7 Prozent stärkste Kraft]. Sie könnte mit Grünen und SPD eine
Regierung bilden und die Regierende Bürgermeisterin stellen, zusammen
hätten sie eine breite Mehrheit im Parlament. In beiden Parteien gibt es
aber [6][starke Vorbehalte gegen eine solche Koalition], auch [7][von
Grünen und SPD im Bund kommt scharfe Kritik] daran. Ein Bündnis aus CDU,
Grünen und SPD wäre alternativ auch möglich, es hätte allerdings nur eine
vergleichsweise knappe Mehrheit im Berliner Abgeordnetenhaus.
24 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://docs.google.com/document/d/1S68jVIW24xBefy90cmeRGFcMhCimb22RedGnr7sQYk0/edit?tab=t.0#heading=h.5kih09uvxa96
(DIR) [2] /Peaches-Sie-benoetigen-eimerweise-Gleitmittel/!6151041
(DIR) [3] /Susan-Neiman-ueber-Moral-und-Bosheit/!6123508
(DIR) [4] /Linkspartei-und-Antisemitismus/!6189592
(DIR) [5] /Wahl-der-Bezirksverordnetenversammlungen/!6214964
(DIR) [6] /Rot-Rot-Gruen-im-Bund/!6215033
(DIR) [7] /Debatte-ueber-Antisemitismus/!6215294
## AUTOREN
(DIR) Daniel Bax
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