# taz.de -- Berliner Jusos zu Rot-Grün-Rot: „Ich halte diese Absage an Enteignungen für einen Fehler“
       
       > Die Berliner Juso-Vorsitzende Svenja Diedrich fordert ihren Parteichef
       > dazu auf, den Wählerwillen umzusetzen. Das bedeutet Enteignung.
       
 (IMG) Bild: Da war die Welt noch in Ordnung: Steffen Krach zu Gast bei den Jusos im März 2026
       
       taz: Frau Diedrich, wären Sie als Jungsozialistin angesichts des
       Wahlergebnisses nicht lieber Mitglied der Linken?
       
       Svenja Diedrich: Die Zeiten sind gerade nicht leicht für die SPD. Ich bin
       aber auch treuer Fan vom 1. FC Nürnberg, der nur noch in der zweiten Liga
       spielt, und nicht vom FC Bayern München. Am Ende kommt es darauf an, wofür
       das eigene Herz schlägt und an welche Inhalte man glaubt: Ich persönlich
       glaube voll an die Sozialdemokratie.
       
       taz: Sie würden aber gerne mit dem FC Bayern München – also den Linken –
       koalieren?
       
       Diedrich: Auf jeden Fall. Ich glaube, Rot-Grün-Rot wäre das Beste für diese
       Stadt. Wir als Jusos waren von der abgewählten schwarz-roten Regierung nie
       begeistert, für die wir jetzt die Quittung bekommen haben. Ich würde es
       schwierig finden, eine Kenia-Koalition aus drei Wahlverlierern zu bilden.
       Wir haben eine klare Wahlsiegerin mit Regierungsauftrag, und das ist die
       Linke.
       
       taz: Ihr Spitzenkandidat Steffen Krach hat eine klare rote Linie gezogen:
       Keine Enteignungen mit der SPD. Wie geht das mit Ihren Überzeugungen als
       Jungsozialistin zusammen?
       
       Diedrich: Ich halte diese Absage an Enteignungen für einen Fehler, und sie
       steht so auch nicht im SPD-Wahlprogramm. Die Linke hat nicht trotz, sondern
       gerade weil sie Vergesellschaftung zum Thema gemacht hat, die Wahl
       gewonnen: Wir können den Wählerwillen nicht einfach ignorieren. Der
       Wahlkampf ist jetzt vorbei und ich erwarte, dass von allen Seiten
       Kompromisse gemacht werden.
       
       taz: Rote Linien zeichnen sich dadurch aus, dass sie kompromisslos sind …
       
       Diedrich: Ich bin jetzt lange genug in der Politik, um zu wissen, dass sich
       rote Linien durchaus verschieben können. Wenn wir als SPD eine Wahl mit
       12,1 Prozent verlieren, dann müssen wir uns fragen, welche Ansprüche wir
       noch stellen können.
       
       taz: Trotzdem hat sich Ihre Juso-Co-Vorsitzende [1][Kari Lenke] für Krach
       an der Berliner SPD-Spitze ausgesprochen. Wie passt das zusammen? 
       
       Diedrich: Das passt insofern zusammen, dass wir an einen Kompromiss beim
       Thema Enteignung glauben. Steffen Krach hat letztes Jahr zusammen mit
       Bettina König in einer extrem schwierigen Lage den SPD-Vorsitz in Berlin
       übernommen. Er hat den Wahlkampf in einer ebenfalls schwierigen Situation
       für uns bestritten. Ich bin optimistisch, was seine Rolle in der Zukunft
       angeht.
       
       taz: Der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus,
       Raed Saleh, hat nach der Wahlniederlage Konsequenzen gezogen und tritt
       nicht mehr an. Warum übernimmt nicht Krach die Verantwortung für seine
       Niederlage?
       
       Diedrich: Weil wir unsere Wahlniederlage nicht allein Steffen Krach
       zuschieben können. Niemand glaubt mehr, dass die SPD etwas verbessern kann.
       Und der Hauptgrund dafür ist, dass wir 2023 in eine Koalition mit der CDU
       gegangen sind, obwohl es eine linke Mehrheit gab. Dafür war Raed Saleh als
       Partei- und Fraktionsvorsitzender mitverantwortlich und eben nicht Steffen
       Krach. Deswegen finde ich es auch richtig, dass Raed Saleh jetzt die
       Verantwortung dafür übernommen hat.
       
       taz: Steht Steffen Krach nicht auch für eine eher konservative
       Sozialdemokratie?
       
       Diedrich: Ich glaube nicht, dass Steffen Krach so konservativ ist, wie er
       manchmal rüberkommt. Wenn er von einer starken Wirtschaft spricht, finde
       ich das auch links – die Wirtschaft ist in Deutschland nicht sozial
       organisiert. Aber als Arbeiter:innen-Partei müssen wir uns darum kümmern,
       dass die Leute gute Arbeit finden und das gehört eben auch zu einer starken
       Wirtschaft.
       
       taz: Gibt es beim Thema Antisemitismus eine rote Linie, die Sie selbst vor
       eine Koalition mit den Linken ziehen würden?
       
       Diedrich: Ja, nicht nur bei den Linken. Jüdinnen und Juden müssen sich in
       Berlin und ganz Deutschland sicher fühlen, und Menschen, die das gefährden,
       haben in einer möglichen Koalition keinen Platz. Ich glaube aber,
       Antisemitismus gibt es auch in jeder anderen Partei. Es ist eine
       gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sich dagegen zu stellen.
       
       taz: Bei welcher anderen Partei kann ein Künstler „Yalla, yalla, Intifada“
       skandieren? 
       
       Diedrich: Bei keiner anderen, aber Antisemitismus kann auf verschiedenen
       Ebenen stattfinden. Wir dürfen es uns als Gesellschaft auch nicht zu
       einfach machen und sagen: „Die sind Antisemiten, und wir sind alle toll.“
       
       24 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.inforadio.de/rubriken/interviews/2026/09/23/berlin-spd-wahl-verluste-krise.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pascal Maier
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
 (DIR) SPD
 (DIR) Jusos
 (DIR) Abgeordnetenhauswahl 2026
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Richtungsstreit nach der Wahl in Berlin: Jüdische Unterstützung für Linksbündnis
       
       In einem offenen Brief fordern 150 Berliner Jüdinnen und Juden eine
       rot-rot-grüne Koalition in der Hauptstadt. Sie widersprechen damit dem
       Zentralrat der Juden.
       
 (DIR) Vor dem Start von Sondierungen: Jetzt warnen Ex-SPD-Größen vor der Linkspartei
       
       Frühere Senatoren und Parteichefs der SPD melden sich zu Wort. Eine
       Koalition mit der Elif-Eralp-Partei halten sie für unvereinbar mit „roten
       Linien sozialdemokratischer Werte“.
       
 (DIR) Grüne Jugend Berlin zu Rot-Grün-Rot: „Ein Bündnis mit der CDU werden wir nicht unterstützen“
       
       Die Grünen haben sich zu wenig positioniert bei Themen, die jungen Menschen
       wichtig sind, sagt Elina Schumacher, Abgeordnete der Grünen Jugend Berlin.
       
 (DIR) Berlin-Wahl am 20. September: Krach zeigt Linksbündnis die Rote Karte
       
       In der Hauptstadt liegt die CDU wieder knapp vor der Linken. Die SPD
       rutscht weiter ab, aber bei zwei Themen punktet ihr Kandidat Steffen Krach.
       
 (DIR) SPD-Spitzenkandidat über Enteignungen: Steffen Krach sieht eine rote Linie
       
       Die Linken-Bundesvorsitzende erklärt die Enteignung von Immobilienkonzernen
       zur Bedingung für die Regierungsbeteiligung in Berlin. Das sieht die SPD
       anders.