# taz.de -- Die Wahlkampfkeule: Lieber Boxtraining als Faust
       
       > Wie lässt sich dieser Wahlkampf ertragen? Nur mit der Wahlkampfkeule, dem
       > täglichen Blick der taz auf die Skurrilitäten des Berliner Wahlkampfs.
       
 (IMG) Bild: Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt: Selbst Goethe bleibt im Wahlkampf nicht verschont
       
       25. August: Vier Fäuste für ein Halleluja
       
       „Goethes Faust statt linker Haken“ prangt auf den neuen großformatigen
       Wahlplakaten des CDU-Spitzenkandidaten Stefan Evers. Jawoll! Die
       kulturlosen Berliner Schüler:innen sollen mal lieber ordentlich deutsche
       Dichter pauken, anstatt sich ständig auf dem Schulhof gegenseitig die
       Fresse zu polieren. Oder wie die CDU es ausdrückt: „Sicherheit und Bildung
       hängen eng zusammen“.
       
       Klar, man könnte sich an dieser Stelle über den abermals verfehlten Casus
       der Möchtegern-Bildungsbürger lustig machen (statt linkem Haken). Aber
       vielmehr tut die CDU dem linken Haken zutiefst unrecht. Obwohl ein
       Standardangriff, brauchen Boxer:innen Jahre, um ihn zu perfektionieren:
       Fußstellung, Timing, auch der richtige Winkel des Ellenbogens will gelernt
       sein. Nebenbei senkt Boxtraining nachweislich das Aggressionspotenzial und
       fördert die Selbstkontrolle. Goethes Machwerk über einen sexistischen alten
       Sack, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um eine Minderjährige zu
       schwängern, ist hingegen an einem Tag weggelesen. Jonas Wahmkow
       
       24. August: Saufen mit der Politik
       
       Die Politik sucht nicht ohne Grund die Nähe zum Volk – und wo ließe sich
       das Volk besser antreffen als dort, wo es sich sein Bier schon jetzt kaum
       mehr leisten kann? Grünen-Chef Felix Banaszak setzt deshalb schon länger
       auf „Bier mit Banaszak“ und tingelt nun auch vor der Berlin-Wahl gleich
       noch fünfmal durch die Kneipen der Stadt.
       
       Ein ambitioniertes Pensum, bei dem man sich fast mehr um die Leber des
       netten Mannes als um die Umfragewerte seiner Partei in der Hauptstadt
       Sorgen machen muss. Das Konzept könnte durchaus parteiübergreifend Schule
       machen: Wein mit Wadephul klingt am besten, Eierlikör mit Evers,
       Erdbeerbowle mit Eralp aber auch. Oder doch Cocktails mit Klingbeil? Fehlt
       eigentlich nur noch der passende Name für den Morgen danach: Kater mit
       Koalition wäre vielleicht eine Idee. Susanne Messmer
       
       23. August: Die Hybris der SPD-Granden
       
       Da hat die alte Tante SPD aber ein mächtig scharfes Schwert aus der
       Versenkung gezogen: Die Ex-Regierenden Klaus Wowereit und Michael Müller
       lassen das Wahlvolk via Tagesspiegel wissen, die Linkspartei sei „für eine
       Regierungsverantwortung ganz schlecht geeignet“? So so. Als
       Mehrheitsbeschaffer für ihre Eminenzen war sie weiland gut genug – aber
       nun, wo es umgekehrt laufen könnte, ist die Linke nicht „geeignet“
       (Wowereit) beziehungsweise haben ihre vielen neuen Mitglieder „keine
       Regierungserfahrung“ (Müller)?
       
       Fest machen die Herren das zum einen (natürlich) an der angeblichen
       „Uneindeutigkeit“ der Linken in Sachen Antisemitismus – ein Argument aus
       der Mottenkiste, das durch Wiederholung nicht besser wird. Zum anderen
       beklagen sie, früher habe man mit Linken ja noch reden können, „die waren
       auch bereit, mal ihre eigenen Positionen infrage zu stellen“, weiß
       Wowereit. Will sagen: Dass es umgekehrt laufen könnte und die SPD womöglich
       eigene Positionen, etwa zum Thema Enteignen, infrage stellt, ist natürlich
       vollkommen ausgeschlossen. Mehr Überheblichkeit geht eigentlich nicht.
       Susanne Memarnia
       
       20. August: Plagiatsvorwurf gegen Justizsenatorin
       
       Die CDU hat's gerade wirklich nicht leicht: Kaum hat man die albernen Lügen
       von Kai Wegner um seinen Tennis-Tag vergessen, bahnt sich der nächste
       „Schummel-Skandal“ an: Justizsenatorin Felor Badenberg soll in ihrer
       Doktorarbeit kräftig abgeschrieben haben. 83 „schwerwiegende
       Plagiatsfragmente“ will der bekannte Jäger solcher verborgenen Schätze,
       Stefan Weber, gefunden haben. Besonders peinlich: Badenberg hat als
       Juristin promoviert – ein Berufszweig, der von Hause aus eigentlich zu
       besonderer Redlichkeit verpflichtet sein müsste.
       
       Sie selbst ist sich keiner Schuld bewusst: „Die Dissertation wurde nach
       bestem Wissen und Gewissen angefertigt“, ließ sie mitteilen. Klar, kann man
       schon mal vergessen, dass man abschreibt – wie auch Wegner wohl nur
       entfallen war, dass er am Vormittag des großen Stromausfalls – anders als
       mehrfach behauptet – kein bisschen telefoniert hatte.
       
       Zu Badenbergs Ehrenrettung sei daran erinnert, dass plagiieren im aktuellen
       Senat fast schon Usus ist: Kollegin Franziska Giffey (SPD) hat's
       vorgemacht, dass man damit vielleicht als Bundesministerin untragbar ist,
       aber für Regierende Bürgermeisterin und Senatorin durchaus qualifiziert
       bleibt. Und Manja Schreiner (auch CDU) musste zwar 2024 wegen verlorenem
       Schummel-Doktor gehen, aber die war wohl allgemein nicht so beliebt.
       
       So peinlich die Sache also sein müsste: Dass Badenberg – CDU-Kandidatin
       fürs Abgeordnentenhaus in Charlottenburg-Wilmersdorf – jetzt gleich die
       Segel streicht, ist daher nicht gesagt. Es ist ja nur noch ein Monat bis
       zur Wahl. Und so schnell wird ihre alte Uni das Fallbeil sicher nicht
       senken. Susanne Memarnia
       
       19. August: Die AfD plakatiert geschichtsbewusst
       
       Es gibt keine passenden Orte für AfD-Wahlplakate, dafür abertausend
       unpassende. Zum Beispiel in der Nähe des Bebelplatzes in Mitte, auf dem am
       10. Mai 1933 Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen
       Studentenschaft bei einer Bücherverbrennung bedeutende Werke der
       Weltliteratur ins Feuer warfen. Dort hängen jetzt in einer Parallelstraße,
       der Behrenstraße, Laterne für Laterne peinlich penibel, auf gleicher Höhe
       aufgereiht, die Plakate der AfD. Zumindest am Dienstagabend hat sich keine
       demokratische Partei mit einem Wahlplakat dazugesellt.
       
       Ein dystopisches Bild, das sich da zwischen den pompösen preußischen
       Gebäuden darbietet. Aus der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität
       kann man sogar auf die Laternen in der Behrenstraße blicken.
       Ironischerweise hatten sich noch im Juli Professor*innen dieser
       Fakultät über ein Gutachten auf einer Podiumsdiskussion unterhalten, das
       die Verfassungswidrigkeit der AfD prüfte. Laut Gutachten ist sie das.
       Dessen Projektleiter Bijan Moini sagte bei der Diskussion: „Es kommt gerade
       in Zeiten wie diesen sehr viel auf Jurist*innen an.“ Sie könnten ja zum
       Beispiel nahe der eigenen Fakulät ein Zeichen gegen rechts setzen. Nur so
       als Idee. Laura Mies
       
       18. August: Schattenboxen Wagenknecht vs. Merz
       
       Sahra Wagenknecht ist eine geborene Systemsprengerin. Ihre neueste Mission:
       Bei den Landtagswahlen den Bundestag abwählen. Unter dem Motto [1][„Weg mit
       Merz“] mobilisiert das BSW von Magdeburg über Schwerin bis nach Berlin
       gegen CDU-Kanzler Friedrich Merz. Die Selbstinszenierung Wagenknechts
       findet ausgerechnet im Vorfeld der Landtagswahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt
       und Mecklenburg Vorpommern statt – Wahlen, bei denen weder Wagenknecht noch
       Merz kandidieren.
       
       Den Bundeskanzler bei den Landtagswahlen abwählen zu wollen, ist, als würde
       man sich bei der Fahrschule über die überteuerte Deutsche Bahn aufregen,
       oder beim Bäcker Essen für das Thai-Restaurant nebenan bestellen. Aber
       vielleicht liegt genau darin Wagenknechts Spezialität: die falsche Bühne
       mit maximaler Lautstärke zu bespielen. Das System sprengt die Politikerin
       damit allerdings nicht. Lilly Schröder
       
       17. August: Die eigene Logik des Steffen Krach
       
       Steffen Krach hat ein „Ungerechtigkeitsempfinden“, so sehr, dass er den
       Begriff im [2][Interview bei Jung & Naiv] gleich drei Mal wiederholt. Das
       Gefühl entsteht für den SPD-Spitzenkandidaten bei der Vorstellung, das
       Wohnungseigentum großer Konzerne und der Milliardäre dahinter zu
       vergesellschaften. Dem Sozialdemokraten geht es dabei nicht um Mitleid mit
       dem Großkapital – er ist ja nicht Lars Klingbeil. Ungerecht ist für Krach
       nur die Vorstellung, jenen eine Entschädigung zu zahlen, die „über viele
       Jahre die Mieterinnen und Mieter abgezockt haben und das ganze 2009 für
       wirklich wenig Geld bekommen haben“.
       
       Krach könnte damit fast das Programm der Deutschen Kommunistischen Partei
       vertreten, die für eine Enteignung ohne Entschädigung plädiert. Wäre da
       nicht eine andere politische Forderung, die er im selben Atemzug vertritt:
       „Ich werde dafür kämpfen, dass wir nach und nach Wohnraum zurückkaufen.“
       Übersetzt heißt das also: Den Konzernen Geld zu geben, löst nicht per se
       ein schlechtes Gefühl bei Steffen Krach aus, es darf nur nicht weniger als
       der aktuelle Spekulationswert sein. Wen er mit diesem Programm überzeugen
       will? Vermutlich nur Lars Klingbeil. Erik Peter
       
       13. August: Hat die FDP geschummelt?
       
       Wirtschaftsliberale predigen bekanntlich gerne das Leistungsprinzip, nach
       dem jede:r das bekommt, was er:sie verdient. Aber wer Marx ganz genau
       gelesen hat, weiß: Eigentlich erntet im Kapitalismus Profit, wer sich die
       Arbeitskraft von anderen aneignet. Die FDP als Kapitalistenpartei
       schlechthin hat das womöglich als Lehrsatz missverstanden. [3][Wie der
       Tagesspiegel schreibt], gleicht das Suchtpolitik-Kapitel im Wahlprogramm
       der FDP fast wortgleich jenem der Grünen – die ihr Wahlprogramm allerdings
       um einiges früher veröffentlicht haben, als die FDP.
       
       Die Erklärung der Wirtschaftsliberalen: Die Passagen seien in einem Prozess
       dazu gekommen, in dem ein Entwurf des FDP-Programms für Eingaben von
       Parteimitgliedern offen war. Die dann noch einmal zu überprüfen, kam der
       FDP offensichtlich nicht in den Sinn. Da habe man es sich „an der einen
       oder anderen Stelle vielleicht etwas zu einfach gemacht“, gibt die Partei
       dem Tagesspiegel gegenüber offenmütig zu. Auch auf die Frage der Zeitung,
       ob man dem denn nachgehen wolle, kam demnach ein klares „Nein“ – zumindest
       nicht vor der Wahl. Bleibt zu hoffen, dass die FDP von ihrer Abkupferei
       nicht noch politisch profitiert. Sie wissen schon, wegen dem
       Leistungsprinzip. Timm Kühn
       
       12. August: Der Endgegner der CDU, die Arbeiterklasse
       
       Es sagt wohl viel über die Verhältnisse des Klassenkampfes aus, dass die
       CDU mit ihrer Verachtung für die arbeitenden Schichten auch noch Werbung
       macht: „Der Endgegner vom Schlendrian“, steht auf Großplakaten des
       Spitzenkandidaten Stefan Evers. Ein Spruch, der mit seiner Verachtung für
       den Genitiv und der unsäglichen Vermischung aus Jugendsprech und
       Altherrendeutsch nicht nur dem guten Stil den Kampf ansagt.
       
       Denn die CDU zeichnet in ihrem Plakat das Bild faulenzender Arbeiter:innen,
       die der deutsche Wirtschaft auf der Tasche liegen und deshalb von
       Politikern quasi mit der Peitsche angetrieben werden müssen. Sie hofft
       damit, die Leute zum Nach-unten-Treten anzustacheln, will aber eigentlich
       nur die Daumenschrauben aller arbeitenden Menschen enger ziehen. Bleibt zu
       hoffen, dass die vielen Menschen, die sich in dieser Stadt täglich kaputt
       machen, um sich das Leben noch leisten zu können, diesen Schwindel als das
       erkennen, was er ist: Ein Schlag in ihr Gesicht durch die CDU. Timm Kühn
       
       11. August: Heul nicht. Geh wählen (du Opfer)
       
       Wenn politische Institutionen cool rüberkommen wollen, endet das oft
       peinlich. Auf dieses dünne Eis begibt sich jetzt das Berliner
       Abgeordnetenhaus mit seiner [4][Kampagne „Wähl dir dein Berlin“]. Mit der
       will das Parlament vor allem 16- und 17-Jährige ansprechen, die in diesem
       Jahr erstmals wählen dürfen. Auf Plakaten, Bildschirmen, Stromkästen,
       Dönertüten und auch Kameraufklebern in Clubs lauern künftig pfiffige
       Sprüche wie „Wählen ist wie nörgeln, nur schlauer“ oder „Heul nicht. Geh
       wählen“. Klingt fast so, als hätte das hohe Haus bei der „PARTEI“
       abgeguckt, die plakatiert nämlich „Geh Wahl du Opfer“.
       
       Auch in den sozialen Netzwerken soll die staatstragende Wahl-Werbung des
       Parlaments ausgespielt werden. Die hauseigene Influencerin „Paula“ etwa
       verkündet in einem Reel: „Wenn du nicht wählst, dann bestimmen andere, was
       mit deiner Stadt passiert.“ Und: „Lass dir nicht einreden, dass du keine
       Stimme hast.“ Wie die Leute nur auf die Idee kommen, dass ihre Stimme
       nichts zählt? Das könnte das Parlament ja mal die 1.035.950
       Berliner*innen fragen, die 2021 für den Volksentscheid Deutsche Wohnen
       & Co enteignen gestimmt haben. Hanno Fleckenstein
       
       10. August: Muss ein Bürgermeister auch regieren?
       
       Warum diese Plakatschlacht, wo das Ergebnis schon jetzt festzustehen
       scheint? Zumindest dann, wenn man den Claims folgt, die die
       Spitzenkandidaten und die Spitzenkandidatin auf ihren Plakaten
       hinterlassen. Steffen Krach jedenfalls (das ist der von der SPD, falls Sie
       ihn nicht kennen), schreibt auf sein Plakat „Der nächste Regierende“.
       
       Eine Ansage, die Elif Eralp (das ist die von der Linkspartei, falls Sie sie
       nicht kennen), derartig zu erschrecken scheint, dass sie selbst auf das Amt
       der Regierenden verzichtet und stattdessen nur Bürgermeisterin werden will.
       Bürgermeister, das sind im politischen Berlin die Stellvertreter des
       Regierenden. Und Werner Graf (das ist der von den Grünen, den kennt
       wirklich keiner)? Will nichts von beidem, nur irgendwie ins Rote Rathaus.
       Alles klar? Uwe Rada
       
       10. August: Lieber gar nicht regiert werden
       
       Bäm! Umfragehammer für Stefan Evers (das ist der von der CDU, falls Sie ihn
       nicht kennen). In einer aktuellen Umfrage, würden ihn 20 Prozent direkt ins
       Amt des Regierenden Bürgermeisters wählen. Damit liegt er vor der
       AfD-Kandidatin (müssen Sie nicht kennen), vor Steffen Krach und Elif Eralp
       (siehe oben). Kaufen kann sich Evers davon nichts, denn sein Problem wird
       er nicht los: Es heißt CDU.
       
       Zweifel sind auch angebracht, wie belastbar die Zahlen sind. Denn: Kaum
       einer kennt die Kandidat:innen, wie aus anderen Erhebungen hervorgeht.
       Noch-Finanzsenator Evers schneidet da mit 40 Prozent Bekanntheitsgrad noch
       am besten ab, während nicht einmal jeder Dritte seine Konkurrent:innen
       kennt. Wenn wir davon ausgehen, dass nur die Wähler:innen Evers als
       Bürgermeister wollen, die ihn auch kennen, hat er ganze 8 Prozent der
       Berliner:innen hinter sich. Die Mehrheit wünscht sich offenbar eh eine
       anarchistisch-führerlose Stadt: 24 Prozent der Befragten sagten, sie
       wünschen sich keinen der Kandidierenden als Regierenden Bürgermeister. Erik
       Peter
       
       10. August: Den inneren Ströbele entdeckt
       
       Wer hätte das gedacht: dass Kurt Wansner, dieses Urgestein der CDU, dieser
       Methusalem des Abgeordnetenhauses, dieser, man möchte sagen: Stegosaurus
       der Berliner Rechten, dass dieser Kurt Wansner also, dem bei Einzug ins
       Landesparlament über die Bezirksliste Friedrichshain-Kreuzberg mit fast 79
       Jahren der Posten des Alterspräsidenten sicher ist, in der Abenddämmerung
       seiner politischen Karriere den Ströbele in sich entdeckt?
       
       Jenen Christian Ströbele, Marx hab ihn selig, der seine grünen
       Bundestagsdirektmandate im selben Bezirk mit schrägen
       Gerhard-Seyfried-Wimmelbildern errang? Ist es eine Hommage an den
       verblichenen politischen Feind, dass Wansner nun auch mit einem Wimmelbild
       für sich wirbt? Auf dem ein vorbildlich diverses Kreuzberger Publikum
       picknickt, Rad fährt und Fußball spielt, während ein kleiner Kurt Wansner
       zufrieden im „Kiezcafé“ seinen Kaffee schlürft? Oder ist es nur ein
       perfider Trick? Was meinen Sie? Claudius Prößer
       
       10. August: Stinkefinger an die Berlinhasser
       
       Man kann von Volt halten, was man will. Den besten Slogan haben sie auf
       jeden Fall. Hat Peter Fox mit „Schwarz zu Blau“ Berlin einst die
       musikalische Hymne verpasst, hat nun auch der Berliner Wahlkampf einen
       hymnischen Moment. Es ist ein Claim, der sich an alle richtet, die zuletzt
       nur noch schulterzuckend und von der Seitenlinie das überbordende
       Berlinbashing beobachtet haben.
       
       Zögerlich, geradezu ängstlich haben sie es vermieden, den Hatern der Stadt
       etwas entgegenzusetzen, weil ja auch was dran sein könnte am ewigen Vorwurf
       der dysfunktionalen Metropole. Vielleicht haben sie aber auch geschwiegen,
       weil sie keine griffige Parole zur Hand hatten. Die aber gibt es nun.
       Unf*ck Berlin. Danke, Volt! Uwe Rada
       
       10. August: Und das ist auch gut so …
       
       Schöne Posse mitten im Wahlkampf: Erst klaut CDU-Spitzenkandidat Stefan
       Evers der SPD einen Spruch und dichtet ihn um. Gleich kontert
       SPD-Spitzenkandidat und klaut erneut und setzt noch einen drauf. Und Klaus
       Wowereit ist der lachende Dritte. Sein Bekenntnis „Ich bin schwul, und das
       ist auch gut so“ ist nun auch schon 25 Jahre her. Stefan Evers münzt das
       frech um: „Ich bin konservativ. Und das ist auch gut so“, steht auf seinen
       Wahlplakaten.
       
       Darüber kann man sich aufregen. Muss man aber nicht. Das Wording lässt sich
       eher als Hinweis auf die Tatsache lesen, dass sich da ein offen schwules
       CDU-Mitglied um den Job als Regierender Bürgermeister bewirbt. Das mag
       heterosexuelle Wählerschichten in Steglitz-Zehlendorf abholen und zudem
       konservativ tickende Queers, von denen es gar nicht so wenige gibt.
       
       Spitzenkandidat Steffen Krach hat schnell und witzig reagiert. Auf einem
       Post auf X im Stile eines Wahlplakates steht: „Berlin ist nicht
       konservativ. Und das ist auch gut so.“ Gut so: Die Chose bringt Stimmung in
       den bisher mauen Wahlkampf. Und Wowereit? Der ist am entspanntesten von
       allen Beteiligten, er steht ja auch nicht mehr zu Wahl. „Dass Stefan Evers
       konservativ ist, das wissen wir“, hat er dem Tagesspiegel gesagt. „Ob das
       auch gut ist, sei dahingestellt.“ Andreas Hergeth
       
       10. August: Her mit den Wahlversprechen
       
       Vergangenen Freitag [5][veröffentlichte die Clubcommission Berlin eine neue
       Studie zur Lage der Clubkultur] in der Stadt. Kurzfassung: geht so. Wäre
       cool, politisch ernst genommen zu werden. Wie das funktionieren könnte, das
       steht auch in der Studie. Zum Beispiel durch Spielstättenförderungen oder
       Soli-Aktionen beim Kartenkauf zugunsten kleinerer Spielstätten.
       
       Also gut, Letzteres würden dann zwar im Wesentlichen die BesucherInnen
       schultern, aber die könne man „sicher“ dazu motivieren. Das sagte zumindest
       Michael Biel (SPD), der sich auf der Pressekonferenz zur Studie nicht als
       Wirtschaftsstaatssekretär, sondern als „Staatssekretär für Clubwirtschaft“
       verstanden wissen wollte. Da fühlt man sich dem Staatsmann doch gleich
       näher.
       
       „Sicher“ ist er sich auch, dass es zumindest das Thema
       Spielstättenförderung in den Koalitionsvertrag des künftigen Senats
       schafft, um den ausgehungerten Clubs ein kleines Unterstützungszuckerl
       entgegenzuwerfen. Politisch hat man da bis jetzt zwar noch nicht wirklich
       drüber diskutiert, aber das kommt jetzt. Sicher. Laura Mies
       
       10. August: Marktradikales Hitbingo
       
       Wer so etwas druckt, hat nichts zu verlieren: „Wirtschaft gut, alles gut“,
       prangt von Wahlplakaten der Berliner FDP. Der Berliner was? Doch, es gibt
       sie noch, die Liberalen hier auf Landesebene, die nach der
       Wiederholungswahl 2023 und dem erneut verpassten Einzug ins
       Abgeordnetenhaus fast in Vergessenheit geraten wären. Der einzige Aufreger
       in Zeiten der außerparlamentarischen Opposition: der Parteiaustritt von
       Ex-Landeschef Sebastian Czaja, der jetzt doch wieder lieber die CDU
       unterstützt.
       
       Aber auch schlechte Nachrichten bringen Aufmerksamkeit. Das dürfte auch das
       Motto bei der aktuellen Kampagne gewesen sein, deren Botschaften wie ein
       Hitbingo des Neoliberalismus daherkommen. Etwa: „Make Start-ups, not
       Socialism“, oder „Von der Miete zum Eigentum“. Ob das zur Wahl motiviert
       oder einfach nur provoziert? Unklar. Klar ist aber, die FDP steht zu ihrem
       marktradikalen Markenkern. Das ist, um es mit dem Slogan einer anderen
       verzweifelten Kleinpartei auszudrücken: gefährlich ehrlich. Hanno
       Fleckenstein
       
       10. August: Autos machen die Stadt attraktiv
       
       Wer schon mal auf dem Tempelhofer Damm unterwegs war, wird wissen: Für
       alle, außer für Autofahrer:innen, ist diese Einflugschneise in die Stadt
       mit direktem Autobahnanschluss kein erträglicher Ort. Während 24 Stunden am
       Tag Pkw und Lkw über die Straße donnern, kann man die Fußgänger:innen
       an einer Hand abzählen. Warum auch, attraktive Ladengeschäfte oder Orte zum
       Verweilen sucht man hier vergebens. Der Damm, er ist ein Musterbeispiel für
       eine durch Autopolitik verödete Stadt.
       
       Jetzt könnte man natürlich den Platz für Autos beschneiden, die Straße
       begrünen, aktiv dafür sorgen, dass Leerstand beseitigt wird und sich die
       Infrastruktur diversifiziert (mehr als Döner-Läden und Spätis). „Verödung
       des Tempelhofer Damms verhindern“, ist dann auch der vollkommen richtige
       Claim des örtlichen CDU-Kandidaten Frank Luhmann. Die ergänzende Forderung
       auf seinem Plakat „Kurzzeitparkplätze für eine attraktive Einkaufsstraße“
       kann man dagegen wohl nur durch Ideologie und Realitätsverweigerung
       erklären. Wer spendiert Frank Luhmann ein BVG-Ticket hoch zur
       Friedrichstraße? Erik Peter
       
       Bis zur Wahl am 20. September gibt es täglich eine weitere Wahlkampfkeule
       [6][auf taz.de].
       
       24 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://bsw.berlin/termine/kundgebung-weg-mit-merz/
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=hRN5Lwqid48
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 (DIR) [4] https://wahl.berlin/
 (DIR) [5] /Berliner-Clubszene/!6202859
 (DIR) [6] /Wahlkampfkeule/!6203148
       
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 (DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
       
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 (DIR) Wahlkampf in Berlin: Steffen Krach nimmt sich die Linke vor
       
       Nach der Enteignungsansage der Linken-Bundesspitze fragt die SPD, wer in
       der Linkspartei das Sagen hat. Kandidat Steffen Krach macht auch Druck
       wegen des Russischen Hauses.
       
 (DIR) Desinformation vor den Landtagswahlen: Gefälschte Videos, erfundene Skandale
       
       In den sozialen Netzwerken versucht mutmaßlich Russland, die Wahlen im
       Herbst zu beeinflussen. Eine bekannte Strategie – aber nicht in dem Ausmaß.
       
 (DIR) Umfrage sieht Linke in Berlin vorn: Noch ein weiter Weg ins Rote Rathaus
       
       Linke vorn, CDU dahinter, SPD ist Schlusslicht: In den Umfragen in Berlin
       bewegt sich wenig. Möglich bleiben eine Keniakoalition und ein
       Linksbündnis.