# taz.de -- Die Wahlkampfkeule: Lieber Boxtraining als Faust
> Wie lässt sich dieser Wahlkampf ertragen? Nur mit der Wahlkampfkeule, dem
> täglichen Blick der taz auf die Skurrilitäten des Berliner Wahlkampfs.
(IMG) Bild: Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt: Selbst Goethe bleibt im Wahlkampf nicht verschont
25. August: Vier Fäuste für ein Halleluja
„Goethes Faust statt linker Haken“ prangt auf den neuen großformatigen
Wahlplakaten des CDU-Spitzenkandidaten Stefan Evers. Jawoll! Die
kulturlosen Berliner Schüler:innen sollen mal lieber ordentlich deutsche
Dichter pauken, anstatt sich ständig auf dem Schulhof gegenseitig die
Fresse zu polieren. Oder wie die CDU es ausdrückt: „Sicherheit und Bildung
hängen eng zusammen“.
Klar, man könnte sich an dieser Stelle über den abermals verfehlten Casus
der Möchtegern-Bildungsbürger lustig machen (statt linkem Haken). Aber
vielmehr tut die CDU dem linken Haken zutiefst unrecht. Obwohl ein
Standardangriff, brauchen Boxer:innen Jahre, um ihn zu perfektionieren:
Fußstellung, Timing, auch der richtige Winkel des Ellenbogens will gelernt
sein. Nebenbei senkt Boxtraining nachweislich das Aggressionspotenzial und
fördert die Selbstkontrolle. Goethes Machwerk über einen sexistischen alten
Sack, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um eine Minderjährige zu
schwängern, ist hingegen an einem Tag weggelesen. Jonas Wahmkow
24. August: Saufen mit der Politik
Die Politik sucht nicht ohne Grund die Nähe zum Volk – und wo ließe sich
das Volk besser antreffen als dort, wo es sich sein Bier schon jetzt kaum
mehr leisten kann? Grünen-Chef Felix Banaszak setzt deshalb schon länger
auf „Bier mit Banaszak“ und tingelt nun auch vor der Berlin-Wahl gleich
noch fünfmal durch die Kneipen der Stadt.
Ein ambitioniertes Pensum, bei dem man sich fast mehr um die Leber des
netten Mannes als um die Umfragewerte seiner Partei in der Hauptstadt
Sorgen machen muss. Das Konzept könnte durchaus parteiübergreifend Schule
machen: Wein mit Wadephul klingt am besten, Eierlikör mit Evers,
Erdbeerbowle mit Eralp aber auch. Oder doch Cocktails mit Klingbeil? Fehlt
eigentlich nur noch der passende Name für den Morgen danach: Kater mit
Koalition wäre vielleicht eine Idee. Susanne Messmer
23. August: Die Hybris der SPD-Granden
Da hat die alte Tante SPD aber ein mächtig scharfes Schwert aus der
Versenkung gezogen: Die Ex-Regierenden Klaus Wowereit und Michael Müller
lassen das Wahlvolk via Tagesspiegel wissen, die Linkspartei sei „für eine
Regierungsverantwortung ganz schlecht geeignet“? So so. Als
Mehrheitsbeschaffer für ihre Eminenzen war sie weiland gut genug – aber
nun, wo es umgekehrt laufen könnte, ist die Linke nicht „geeignet“
(Wowereit) beziehungsweise haben ihre vielen neuen Mitglieder „keine
Regierungserfahrung“ (Müller)?
Fest machen die Herren das zum einen (natürlich) an der angeblichen
„Uneindeutigkeit“ der Linken in Sachen Antisemitismus – ein Argument aus
der Mottenkiste, das durch Wiederholung nicht besser wird. Zum anderen
beklagen sie, früher habe man mit Linken ja noch reden können, „die waren
auch bereit, mal ihre eigenen Positionen infrage zu stellen“, weiß
Wowereit. Will sagen: Dass es umgekehrt laufen könnte und die SPD womöglich
eigene Positionen, etwa zum Thema Enteignen, infrage stellt, ist natürlich
vollkommen ausgeschlossen. Mehr Überheblichkeit geht eigentlich nicht.
Susanne Memarnia
20. August: Plagiatsvorwurf gegen Justizsenatorin
Die CDU hat's gerade wirklich nicht leicht: Kaum hat man die albernen Lügen
von Kai Wegner um seinen Tennis-Tag vergessen, bahnt sich der nächste
„Schummel-Skandal“ an: Justizsenatorin Felor Badenberg soll in ihrer
Doktorarbeit kräftig abgeschrieben haben. 83 „schwerwiegende
Plagiatsfragmente“ will der bekannte Jäger solcher verborgenen Schätze,
Stefan Weber, gefunden haben. Besonders peinlich: Badenberg hat als
Juristin promoviert – ein Berufszweig, der von Hause aus eigentlich zu
besonderer Redlichkeit verpflichtet sein müsste.
Sie selbst ist sich keiner Schuld bewusst: „Die Dissertation wurde nach
bestem Wissen und Gewissen angefertigt“, ließ sie mitteilen. Klar, kann man
schon mal vergessen, dass man abschreibt – wie auch Wegner wohl nur
entfallen war, dass er am Vormittag des großen Stromausfalls – anders als
mehrfach behauptet – kein bisschen telefoniert hatte.
Zu Badenbergs Ehrenrettung sei daran erinnert, dass plagiieren im aktuellen
Senat fast schon Usus ist: Kollegin Franziska Giffey (SPD) hat's
vorgemacht, dass man damit vielleicht als Bundesministerin untragbar ist,
aber für Regierende Bürgermeisterin und Senatorin durchaus qualifiziert
bleibt. Und Manja Schreiner (auch CDU) musste zwar 2024 wegen verlorenem
Schummel-Doktor gehen, aber die war wohl allgemein nicht so beliebt.
So peinlich die Sache also sein müsste: Dass Badenberg – CDU-Kandidatin
fürs Abgeordnentenhaus in Charlottenburg-Wilmersdorf – jetzt gleich die
Segel streicht, ist daher nicht gesagt. Es ist ja nur noch ein Monat bis
zur Wahl. Und so schnell wird ihre alte Uni das Fallbeil sicher nicht
senken. Susanne Memarnia
19. August: Die AfD plakatiert geschichtsbewusst
Es gibt keine passenden Orte für AfD-Wahlplakate, dafür abertausend
unpassende. Zum Beispiel in der Nähe des Bebelplatzes in Mitte, auf dem am
10. Mai 1933 Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen
Studentenschaft bei einer Bücherverbrennung bedeutende Werke der
Weltliteratur ins Feuer warfen. Dort hängen jetzt in einer Parallelstraße,
der Behrenstraße, Laterne für Laterne peinlich penibel, auf gleicher Höhe
aufgereiht, die Plakate der AfD. Zumindest am Dienstagabend hat sich keine
demokratische Partei mit einem Wahlplakat dazugesellt.
Ein dystopisches Bild, das sich da zwischen den pompösen preußischen
Gebäuden darbietet. Aus der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität
kann man sogar auf die Laternen in der Behrenstraße blicken.
Ironischerweise hatten sich noch im Juli Professor*innen dieser
Fakultät über ein Gutachten auf einer Podiumsdiskussion unterhalten, das
die Verfassungswidrigkeit der AfD prüfte. Laut Gutachten ist sie das.
Dessen Projektleiter Bijan Moini sagte bei der Diskussion: „Es kommt gerade
in Zeiten wie diesen sehr viel auf Jurist*innen an.“ Sie könnten ja zum
Beispiel nahe der eigenen Fakulät ein Zeichen gegen rechts setzen. Nur so
als Idee. Laura Mies
18. August: Schattenboxen Wagenknecht vs. Merz
Sahra Wagenknecht ist eine geborene Systemsprengerin. Ihre neueste Mission:
Bei den Landtagswahlen den Bundestag abwählen. Unter dem Motto [1][„Weg mit
Merz“] mobilisiert das BSW von Magdeburg über Schwerin bis nach Berlin
gegen CDU-Kanzler Friedrich Merz. Die Selbstinszenierung Wagenknechts
findet ausgerechnet im Vorfeld der Landtagswahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt
und Mecklenburg Vorpommern statt – Wahlen, bei denen weder Wagenknecht noch
Merz kandidieren.
Den Bundeskanzler bei den Landtagswahlen abwählen zu wollen, ist, als würde
man sich bei der Fahrschule über die überteuerte Deutsche Bahn aufregen,
oder beim Bäcker Essen für das Thai-Restaurant nebenan bestellen. Aber
vielleicht liegt genau darin Wagenknechts Spezialität: die falsche Bühne
mit maximaler Lautstärke zu bespielen. Das System sprengt die Politikerin
damit allerdings nicht. Lilly Schröder
17. August: Die eigene Logik des Steffen Krach
Steffen Krach hat ein „Ungerechtigkeitsempfinden“, so sehr, dass er den
Begriff im [2][Interview bei Jung & Naiv] gleich drei Mal wiederholt. Das
Gefühl entsteht für den SPD-Spitzenkandidaten bei der Vorstellung, das
Wohnungseigentum großer Konzerne und der Milliardäre dahinter zu
vergesellschaften. Dem Sozialdemokraten geht es dabei nicht um Mitleid mit
dem Großkapital – er ist ja nicht Lars Klingbeil. Ungerecht ist für Krach
nur die Vorstellung, jenen eine Entschädigung zu zahlen, die „über viele
Jahre die Mieterinnen und Mieter abgezockt haben und das ganze 2009 für
wirklich wenig Geld bekommen haben“.
Krach könnte damit fast das Programm der Deutschen Kommunistischen Partei
vertreten, die für eine Enteignung ohne Entschädigung plädiert. Wäre da
nicht eine andere politische Forderung, die er im selben Atemzug vertritt:
„Ich werde dafür kämpfen, dass wir nach und nach Wohnraum zurückkaufen.“
Übersetzt heißt das also: Den Konzernen Geld zu geben, löst nicht per se
ein schlechtes Gefühl bei Steffen Krach aus, es darf nur nicht weniger als
der aktuelle Spekulationswert sein. Wen er mit diesem Programm überzeugen
will? Vermutlich nur Lars Klingbeil. Erik Peter
13. August: Hat die FDP geschummelt?
Wirtschaftsliberale predigen bekanntlich gerne das Leistungsprinzip, nach
dem jede:r das bekommt, was er:sie verdient. Aber wer Marx ganz genau
gelesen hat, weiß: Eigentlich erntet im Kapitalismus Profit, wer sich die
Arbeitskraft von anderen aneignet. Die FDP als Kapitalistenpartei
schlechthin hat das womöglich als Lehrsatz missverstanden. [3][Wie der
Tagesspiegel schreibt], gleicht das Suchtpolitik-Kapitel im Wahlprogramm
der FDP fast wortgleich jenem der Grünen – die ihr Wahlprogramm allerdings
um einiges früher veröffentlicht haben, als die FDP.
Die Erklärung der Wirtschaftsliberalen: Die Passagen seien in einem Prozess
dazu gekommen, in dem ein Entwurf des FDP-Programms für Eingaben von
Parteimitgliedern offen war. Die dann noch einmal zu überprüfen, kam der
FDP offensichtlich nicht in den Sinn. Da habe man es sich „an der einen
oder anderen Stelle vielleicht etwas zu einfach gemacht“, gibt die Partei
dem Tagesspiegel gegenüber offenmütig zu. Auch auf die Frage der Zeitung,
ob man dem denn nachgehen wolle, kam demnach ein klares „Nein“ – zumindest
nicht vor der Wahl. Bleibt zu hoffen, dass die FDP von ihrer Abkupferei
nicht noch politisch profitiert. Sie wissen schon, wegen dem
Leistungsprinzip. Timm Kühn
12. August: Der Endgegner der CDU, die Arbeiterklasse
Es sagt wohl viel über die Verhältnisse des Klassenkampfes aus, dass die
CDU mit ihrer Verachtung für die arbeitenden Schichten auch noch Werbung
macht: „Der Endgegner vom Schlendrian“, steht auf Großplakaten des
Spitzenkandidaten Stefan Evers. Ein Spruch, der mit seiner Verachtung für
den Genitiv und der unsäglichen Vermischung aus Jugendsprech und
Altherrendeutsch nicht nur dem guten Stil den Kampf ansagt.
Denn die CDU zeichnet in ihrem Plakat das Bild faulenzender Arbeiter:innen,
die der deutsche Wirtschaft auf der Tasche liegen und deshalb von
Politikern quasi mit der Peitsche angetrieben werden müssen. Sie hofft
damit, die Leute zum Nach-unten-Treten anzustacheln, will aber eigentlich
nur die Daumenschrauben aller arbeitenden Menschen enger ziehen. Bleibt zu
hoffen, dass die vielen Menschen, die sich in dieser Stadt täglich kaputt
machen, um sich das Leben noch leisten zu können, diesen Schwindel als das
erkennen, was er ist: Ein Schlag in ihr Gesicht durch die CDU. Timm Kühn
11. August: Heul nicht. Geh wählen (du Opfer)
Wenn politische Institutionen cool rüberkommen wollen, endet das oft
peinlich. Auf dieses dünne Eis begibt sich jetzt das Berliner
Abgeordnetenhaus mit seiner [4][Kampagne „Wähl dir dein Berlin“]. Mit der
will das Parlament vor allem 16- und 17-Jährige ansprechen, die in diesem
Jahr erstmals wählen dürfen. Auf Plakaten, Bildschirmen, Stromkästen,
Dönertüten und auch Kameraufklebern in Clubs lauern künftig pfiffige
Sprüche wie „Wählen ist wie nörgeln, nur schlauer“ oder „Heul nicht. Geh
wählen“. Klingt fast so, als hätte das hohe Haus bei der „PARTEI“
abgeguckt, die plakatiert nämlich „Geh Wahl du Opfer“.
Auch in den sozialen Netzwerken soll die staatstragende Wahl-Werbung des
Parlaments ausgespielt werden. Die hauseigene Influencerin „Paula“ etwa
verkündet in einem Reel: „Wenn du nicht wählst, dann bestimmen andere, was
mit deiner Stadt passiert.“ Und: „Lass dir nicht einreden, dass du keine
Stimme hast.“ Wie die Leute nur auf die Idee kommen, dass ihre Stimme
nichts zählt? Das könnte das Parlament ja mal die 1.035.950
Berliner*innen fragen, die 2021 für den Volksentscheid Deutsche Wohnen
& Co enteignen gestimmt haben. Hanno Fleckenstein
10. August: Muss ein Bürgermeister auch regieren?
Warum diese Plakatschlacht, wo das Ergebnis schon jetzt festzustehen
scheint? Zumindest dann, wenn man den Claims folgt, die die
Spitzenkandidaten und die Spitzenkandidatin auf ihren Plakaten
hinterlassen. Steffen Krach jedenfalls (das ist der von der SPD, falls Sie
ihn nicht kennen), schreibt auf sein Plakat „Der nächste Regierende“.
Eine Ansage, die Elif Eralp (das ist die von der Linkspartei, falls Sie sie
nicht kennen), derartig zu erschrecken scheint, dass sie selbst auf das Amt
der Regierenden verzichtet und stattdessen nur Bürgermeisterin werden will.
Bürgermeister, das sind im politischen Berlin die Stellvertreter des
Regierenden. Und Werner Graf (das ist der von den Grünen, den kennt
wirklich keiner)? Will nichts von beidem, nur irgendwie ins Rote Rathaus.
Alles klar? Uwe Rada
10. August: Lieber gar nicht regiert werden
Bäm! Umfragehammer für Stefan Evers (das ist der von der CDU, falls Sie ihn
nicht kennen). In einer aktuellen Umfrage, würden ihn 20 Prozent direkt ins
Amt des Regierenden Bürgermeisters wählen. Damit liegt er vor der
AfD-Kandidatin (müssen Sie nicht kennen), vor Steffen Krach und Elif Eralp
(siehe oben). Kaufen kann sich Evers davon nichts, denn sein Problem wird
er nicht los: Es heißt CDU.
Zweifel sind auch angebracht, wie belastbar die Zahlen sind. Denn: Kaum
einer kennt die Kandidat:innen, wie aus anderen Erhebungen hervorgeht.
Noch-Finanzsenator Evers schneidet da mit 40 Prozent Bekanntheitsgrad noch
am besten ab, während nicht einmal jeder Dritte seine Konkurrent:innen
kennt. Wenn wir davon ausgehen, dass nur die Wähler:innen Evers als
Bürgermeister wollen, die ihn auch kennen, hat er ganze 8 Prozent der
Berliner:innen hinter sich. Die Mehrheit wünscht sich offenbar eh eine
anarchistisch-führerlose Stadt: 24 Prozent der Befragten sagten, sie
wünschen sich keinen der Kandidierenden als Regierenden Bürgermeister. Erik
Peter
10. August: Den inneren Ströbele entdeckt
Wer hätte das gedacht: dass Kurt Wansner, dieses Urgestein der CDU, dieser
Methusalem des Abgeordnetenhauses, dieser, man möchte sagen: Stegosaurus
der Berliner Rechten, dass dieser Kurt Wansner also, dem bei Einzug ins
Landesparlament über die Bezirksliste Friedrichshain-Kreuzberg mit fast 79
Jahren der Posten des Alterspräsidenten sicher ist, in der Abenddämmerung
seiner politischen Karriere den Ströbele in sich entdeckt?
Jenen Christian Ströbele, Marx hab ihn selig, der seine grünen
Bundestagsdirektmandate im selben Bezirk mit schrägen
Gerhard-Seyfried-Wimmelbildern errang? Ist es eine Hommage an den
verblichenen politischen Feind, dass Wansner nun auch mit einem Wimmelbild
für sich wirbt? Auf dem ein vorbildlich diverses Kreuzberger Publikum
picknickt, Rad fährt und Fußball spielt, während ein kleiner Kurt Wansner
zufrieden im „Kiezcafé“ seinen Kaffee schlürft? Oder ist es nur ein
perfider Trick? Was meinen Sie? Claudius Prößer
10. August: Stinkefinger an die Berlinhasser
Man kann von Volt halten, was man will. Den besten Slogan haben sie auf
jeden Fall. Hat Peter Fox mit „Schwarz zu Blau“ Berlin einst die
musikalische Hymne verpasst, hat nun auch der Berliner Wahlkampf einen
hymnischen Moment. Es ist ein Claim, der sich an alle richtet, die zuletzt
nur noch schulterzuckend und von der Seitenlinie das überbordende
Berlinbashing beobachtet haben.
Zögerlich, geradezu ängstlich haben sie es vermieden, den Hatern der Stadt
etwas entgegenzusetzen, weil ja auch was dran sein könnte am ewigen Vorwurf
der dysfunktionalen Metropole. Vielleicht haben sie aber auch geschwiegen,
weil sie keine griffige Parole zur Hand hatten. Die aber gibt es nun.
Unf*ck Berlin. Danke, Volt! Uwe Rada
10. August: Und das ist auch gut so …
Schöne Posse mitten im Wahlkampf: Erst klaut CDU-Spitzenkandidat Stefan
Evers der SPD einen Spruch und dichtet ihn um. Gleich kontert
SPD-Spitzenkandidat und klaut erneut und setzt noch einen drauf. Und Klaus
Wowereit ist der lachende Dritte. Sein Bekenntnis „Ich bin schwul, und das
ist auch gut so“ ist nun auch schon 25 Jahre her. Stefan Evers münzt das
frech um: „Ich bin konservativ. Und das ist auch gut so“, steht auf seinen
Wahlplakaten.
Darüber kann man sich aufregen. Muss man aber nicht. Das Wording lässt sich
eher als Hinweis auf die Tatsache lesen, dass sich da ein offen schwules
CDU-Mitglied um den Job als Regierender Bürgermeister bewirbt. Das mag
heterosexuelle Wählerschichten in Steglitz-Zehlendorf abholen und zudem
konservativ tickende Queers, von denen es gar nicht so wenige gibt.
Spitzenkandidat Steffen Krach hat schnell und witzig reagiert. Auf einem
Post auf X im Stile eines Wahlplakates steht: „Berlin ist nicht
konservativ. Und das ist auch gut so.“ Gut so: Die Chose bringt Stimmung in
den bisher mauen Wahlkampf. Und Wowereit? Der ist am entspanntesten von
allen Beteiligten, er steht ja auch nicht mehr zu Wahl. „Dass Stefan Evers
konservativ ist, das wissen wir“, hat er dem Tagesspiegel gesagt. „Ob das
auch gut ist, sei dahingestellt.“ Andreas Hergeth
10. August: Her mit den Wahlversprechen
Vergangenen Freitag [5][veröffentlichte die Clubcommission Berlin eine neue
Studie zur Lage der Clubkultur] in der Stadt. Kurzfassung: geht so. Wäre
cool, politisch ernst genommen zu werden. Wie das funktionieren könnte, das
steht auch in der Studie. Zum Beispiel durch Spielstättenförderungen oder
Soli-Aktionen beim Kartenkauf zugunsten kleinerer Spielstätten.
Also gut, Letzteres würden dann zwar im Wesentlichen die BesucherInnen
schultern, aber die könne man „sicher“ dazu motivieren. Das sagte zumindest
Michael Biel (SPD), der sich auf der Pressekonferenz zur Studie nicht als
Wirtschaftsstaatssekretär, sondern als „Staatssekretär für Clubwirtschaft“
verstanden wissen wollte. Da fühlt man sich dem Staatsmann doch gleich
näher.
„Sicher“ ist er sich auch, dass es zumindest das Thema
Spielstättenförderung in den Koalitionsvertrag des künftigen Senats
schafft, um den ausgehungerten Clubs ein kleines Unterstützungszuckerl
entgegenzuwerfen. Politisch hat man da bis jetzt zwar noch nicht wirklich
drüber diskutiert, aber das kommt jetzt. Sicher. Laura Mies
10. August: Marktradikales Hitbingo
Wer so etwas druckt, hat nichts zu verlieren: „Wirtschaft gut, alles gut“,
prangt von Wahlplakaten der Berliner FDP. Der Berliner was? Doch, es gibt
sie noch, die Liberalen hier auf Landesebene, die nach der
Wiederholungswahl 2023 und dem erneut verpassten Einzug ins
Abgeordnetenhaus fast in Vergessenheit geraten wären. Der einzige Aufreger
in Zeiten der außerparlamentarischen Opposition: der Parteiaustritt von
Ex-Landeschef Sebastian Czaja, der jetzt doch wieder lieber die CDU
unterstützt.
Aber auch schlechte Nachrichten bringen Aufmerksamkeit. Das dürfte auch das
Motto bei der aktuellen Kampagne gewesen sein, deren Botschaften wie ein
Hitbingo des Neoliberalismus daherkommen. Etwa: „Make Start-ups, not
Socialism“, oder „Von der Miete zum Eigentum“. Ob das zur Wahl motiviert
oder einfach nur provoziert? Unklar. Klar ist aber, die FDP steht zu ihrem
marktradikalen Markenkern. Das ist, um es mit dem Slogan einer anderen
verzweifelten Kleinpartei auszudrücken: gefährlich ehrlich. Hanno
Fleckenstein
10. August: Autos machen die Stadt attraktiv
Wer schon mal auf dem Tempelhofer Damm unterwegs war, wird wissen: Für
alle, außer für Autofahrer:innen, ist diese Einflugschneise in die Stadt
mit direktem Autobahnanschluss kein erträglicher Ort. Während 24 Stunden am
Tag Pkw und Lkw über die Straße donnern, kann man die Fußgänger:innen
an einer Hand abzählen. Warum auch, attraktive Ladengeschäfte oder Orte zum
Verweilen sucht man hier vergebens. Der Damm, er ist ein Musterbeispiel für
eine durch Autopolitik verödete Stadt.
Jetzt könnte man natürlich den Platz für Autos beschneiden, die Straße
begrünen, aktiv dafür sorgen, dass Leerstand beseitigt wird und sich die
Infrastruktur diversifiziert (mehr als Döner-Läden und Spätis). „Verödung
des Tempelhofer Damms verhindern“, ist dann auch der vollkommen richtige
Claim des örtlichen CDU-Kandidaten Frank Luhmann. Die ergänzende Forderung
auf seinem Plakat „Kurzzeitparkplätze für eine attraktive Einkaufsstraße“
kann man dagegen wohl nur durch Ideologie und Realitätsverweigerung
erklären. Wer spendiert Frank Luhmann ein BVG-Ticket hoch zur
Friedrichstraße? Erik Peter
Bis zur Wahl am 20. September gibt es täglich eine weitere Wahlkampfkeule
[6][auf taz.de].
24 Aug 2026
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wegen des Russischen Hauses.
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In den sozialen Netzwerken versucht mutmaßlich Russland, die Wahlen im
Herbst zu beeinflussen. Eine bekannte Strategie – aber nicht in dem Ausmaß.
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Linke vorn, CDU dahinter, SPD ist Schlusslicht: In den Umfragen in Berlin
bewegt sich wenig. Möglich bleiben eine Keniakoalition und ein
Linksbündnis.