# taz.de -- Desinformation vor den Landtagswahlen: Gefälschte Videos, erfundene Skandale
       
       > In den sozialen Netzwerken versucht mutmaßlich Russland, die Wahlen im
       > Herbst zu beeinflussen. Eine bekannte Strategie – aber nicht in dem
       > Ausmaß.
       
 (IMG) Bild: Anzeige ist raus: Lügenvideo über Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) in gefälschter taz-Optik
       
       Die erfundenen Vorwürfe sind derart absurd, dass sie beinahe lustig wären –
       wenn die Sache nicht so ernst wäre: Berlins Regierender Bürgermeister Kai
       Wegner werde des versuchten Mordes an einem Tennisprofi verdächtigt,
       behauptet eine künstlich generierte Stimme in einem Video auf X. Der
       CDU-Politiker soll den Spieler mit einem Tennisschläger attackiert und auch
       noch dessen Bremsen am Auto manipuliert haben, geht das Märchen weiter. Am
       Ende heißt es: „Dieser Skandal wird die Position der CDU in den kommenden
       Wahlen schwächen.“
       
       Der Clip ist gestaltet wie ein Beitrag der taz in den sozialen Medien –
       weiße Schrift, rot hinterlegt, taz-Logo. Und ist eine offensichtliche
       Fälschung. Die taz hat rechtliche Schritte eingeleitet.
       
       Aber die Masche hat System. Seit Wochen werden X, Bluesky und Tiktok mit
       Lügenvideos und Fake-News über Kandidat*innen für die anstehenden
       [1][Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern] und
       [2][Berlin] sowie die Kommunalwahl in Niedersachsen geflutet. Betroffen
       sind nach bisherigen Informationen alle etablierten Parteien – außer AfD
       und BSW.
       
       Die Videos sind allesamt in englischer Sprache, immer im Design seriöser
       Medien gehalten und erfinden Vorwürfe über namentlich genannte
       Politiker*innen. In Berlin sind neben Wegner auch alle Spitzenkandidaten
       betroffen: Stefan Evers (CDU), das Grünen-Duo Werner Graf und Bettina
       Jarasch, die Linke Elif Eralp und Steffen Krach (SPD) sowie weitere
       Abgeordnete und Kandidat*innen. Das geht aus Screenshots hervor, die der
       taz vorliegen.
       
       ## Eine neue Qualität
       
       „Die aktuelle Kampagne weist viele Muster auf, die bei der russischen
       Einflussoperation ‚Matrjoschka‘ seit Jahren beobachtet werden“, sagt
       [3][Julia Smirnova vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie]
       (Cemas). Die Forscherin analysiert bei dem Thinktank seit Langem
       Desinformationskampagnen wie diese. Auch in Moldau, Armenien, der Ukraine
       und Frankreich habe sie Versuche festgestellt, Politiker*innen mit
       gefälschten Videos mit Logos bekannter Medien zu diskreditieren.
       
       Aber die aktuelle Welle habe eine neue Qualität: „Neu ist das Ausmaß, in
       dem diese Strategie jetzt auch in Deutschland und bei Landtagswahlen, also
       auf regionaler Ebene, angewendet wird“, sagt Smirnova. Cemas hat Videos zu
       mehr als 40 Politiker*innen in den vier Bundesländern, in denen bald
       gewählt wird, dokumentiert. Der Fokus sei klar, betont sie: Konflikte
       anheizen, polarisierende Themen verbreiten und Spaltungen vertiefen – etwa
       zwischen Ost- und Westdeutschland.
       
       Tatsächlich läuft die aktuelle Kampagne mindestens seit Ende Juni, wie
       Recherchen der [4][Zeit], des [5][Spiegel] und der [6][Deutschen Welle]
       zeigen. Es ging los mit gefälschten Titelseiten deutscher Zeitungen. Dann
       kamen die Videos, zunächst oft mit erfundenen Korruptionsvorwürfen. Mit der
       Zeit wurden die Verleumdungen immer heftiger: Mord, Missbrauch,
       Menschenhandel.
       
       ## Aufmerksamkeit, egal wie
       
       Die Inhalte landen zunächst bei Telegram und auf prorussischen Plattformen.
       Später werden sie von sogenannten Seed-Accounts in Netzwerken wie X
       gepostet. „Seeder“ sind Fake-Konten, die oft Jahre inaktiv waren – und auf
       einen Schlag wieder in Erscheinung treten. Auffällig ist dabei, dass diese
       nur werktags operieren, was dafür spricht, dass sie menschlich gesteuert
       sind.
       
       Diese ersten Postings werden dann von automatisierten Accounts massenhaft
       repostet. Anschließend streuen sogenannte Quoter die Inhalte gezielt als
       Antworten unter Beiträgen von Medien, Politiker*innen oder anderen
       öffentlichen Figuren.
       
       Das Ziel: mit allen Mitteln Aufmerksamkeit generieren – auch wenn das
       bedeutet, dass die Falschbehauptung entlarvt wird. Dieses Kalkül von
       maximaler Reichweite dürfte auch der Grund sein, weshalb die Postings auf
       Englisch verfasst sind. Inzwischen richten sich die Fake-News-Schleudern
       zum Teil sogar direkt an Fact-Checker, damit diese die Behauptung zwar
       entkräften, aber gleichzeitig die Erzählung weiterverbreiten.
       
       Es gebe keine öffentlich bekannten Details dazu, welche Organisation oder
       Unternehmen konkret hinter der Kampagne stecken könnte, sagt Smirnova.
       Aber: „Der Verlauf spricht dafür, dass sie im Auftrag des russischen
       Staates betrieben wird.“ Darauf deuten auch sprachliche Fehler in einigen
       Postings hin, die auf eine Übersetzung aus dem Russischen zurückzuführen
       sind.
       
       Auch die deutschen Behörden sind überzeugt, dass Russland dahintersteckt.
       Die Kampagne reihe sich in die hybride Bedrohung durch Russland ein, der
       sich Deutschland ausgesetzt sieht, hieß es am Dienstag aus
       Sicherheitskreisen. Dahinter stehe „ein ganzes Ökosystem der Desinformation
       mit staatlichen und nicht staatlichen Akteuren“. Es gehe um eine
       langfristige Strategie.
       
       Russland versucht seit Jahren, [7][die öffentliche Meinung in Deutschland
       zu beeinflussen] – vor allem mit der Absicht, die Unterstützung für die
       Ukraine zu schwächen. Vor Wahlen wird Propaganda verbreitet, die der AfD
       und dem BSW nutzt beziehungsweise allen anderen Parteien schadet. Die
       Wahlen im Herbst sind für die politische Führung in Russland von besonderem
       Interesse. Zum einen gelten sie als Stimmungstest für die Bundesregierung,
       zum anderen ist in Sachsen-Anhalt erstmals eine AfD-Alleinregierung
       möglich. Die aktuelle Kampagne zielt vermutlich auch deshalb hauptsächlich
       auf Sachsen-Anhalt.
       
       ## Zweifelhaft, dass die Botschaften verfangen
       
       Aber verfangen diese abstrusen Geschichten und KI-Filmchen überhaupt?
       Cemas-Analystin Smirnova hat Zweifel. „Wir haben keine Hinweise darauf,
       dass die Kampagne wirklich wirkt“, sagt sie. Die Posts der Seed-Accounts
       hätten jeweils rund 200 bis 300 Reposts und 90.000 bis 189.000 Views. Das
       bedeute allerdings nicht, dass besonders viele Menschen sie gesehen hätten
       – die Reposts und Views kämen zu großen Teilen von nichtauthentischen
       Accounts, betont Smirnova.
       
       Trotzdem will man in Berlin wachsam bleiben. „Desinformation über soziale
       Medien hat im Vergleich zu früheren Wahlen eine neue Dimension erreicht“,
       sagt Landeswahlleiter Stephan Bröchler zur taz. Deshalb setze man auf ein
       gemeinsames Vorgehen von staatlichen Stellen, Wissenschaft und
       Zivilgesellschaft, um Desinformation frühzeitig zu erkennen und
       einzudämmen. Bröchler verweist unter anderem auf die Internetanwendung
       „Gretchen AI“, die noch im August fertig werden soll. Sie ermöglicht
       Nutzer*innen selbst zu prüfen, ob Social-Media-Beiträge Fälschungen
       sind.
       
       Auch die demokratischen Parteien in Berlin nehmen das Thema ernst. „Wir
       haben all unsere Wahlkämpfenden darauf vorbereitet und gebeten, hier
       wachsam zu sein“, heißt es etwa von den Grünen. „Wir werden jedes
       Fake-Video sofort melden und löschen lassen. Strafrechtlich relevante
       Angriffe bringen wir konsequent zur Anzeige.“ Die Linke erklärt, man kenne
       die Posts und stehe regelmäßig im Austausch mit dem Landeskriminalamt. BSW
       und FDP betonen, man sei für das Thema sensibilisiert, habe aber keine
       Kenntnis von entsprechenden Vorfällen. Von SPD und CDU kam bis
       Redaktionsschluss keine Rückmeldung.
       
       Die AfD wiederum sieht sich nicht als Opfer ausländischer Bots und Agenten,
       sondern von Propaganda, die „von linken NGOs und staatsnahen Organisationen
       aus dem Inland“ erstellt werde.
       
       Julia Smirnova warnt, dass in den kommenden Wochen weitere Kampagnen
       verbreitet werden. Landeswahlleiter Bröchler will deshalb die großen
       Social-Media-Plattformen zu einem Austausch einladen. „Ziel ist es,
       gemeinsam Wege zu finden, Desinformationskampagnen frühzeitig zu erkennen
       und ihre Verbreitung zu begrenzen“, kündigt er an. Bislang löschen Bluesky
       und Tiktok zwar recht zuverlässig Lügenvideos und sperren Accounts, bei X
       hingegen sind die Inhalte oft lange online.
       
       5 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wahlen-in-Ostdeutschland-2026/!t5993946
 (DIR) [2] /Schwerpunkt-Wahlen-in-Berlin/!t5106764
 (DIR) [3] https://cemas.io/team/julia-smirnova
 (DIR) [4] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-07/desinformation-russland-medien-wahl-berlin
 (DIR) [5] https://www.spiegel.de/netzwelt/web/desinformation-aus-russland-neue-kampagne-nimmt-landtagswahlen-ins-visier-a-4d8052de-0795-4f83-b3bc-6c0567bce190#bild-80a696da-802b-41f8-8ef4-371f4f736782
 (DIR) [6] http://www.dw.com/de/operation-overload-matrjoschka-landtagswahlen-kommunalwahl-berliner-abgeordnetenhaus-russland/a-78179238
 (DIR) [7] /Desinformationskampagne-Russlands/!6034158
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hanno Fleckenstein
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
 (DIR) Desinformation
 (DIR) Fake News
 (DIR) Propaganda
 (DIR) Manipulation
 (DIR) Russland
 (DIR) Soziale Netzwerke
 (DIR) Berlin tokt
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Sachsen-Anhalt
 (DIR) Drohnen
 (DIR) Russland
 (DIR) Russland
 (DIR) Desinformation
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Wahl-O-Mat in Sachsen-Anhalt: Unterstützung bei der Landtagswahl
       
       Der Wahl-O-Mat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist online. Das
       Beratungsangebot beinhaltet die Wahlprogramme aller 15 zugelassenen
       Parteien.
       
 (DIR) Kritische Infrastruktur in Deutschland: Die Lage ist bedrohnlich
       
       Wie geschützt ist Deutschlands kritische Infrastruktur? Nach dem
       Drohnenfund am Flughafen Leipzig wird Kritik am Konzept des
       Bundesinnenministers laut.
       
 (DIR) Russische Provokationen: Anklage wegen Bauschaumattacken auf Pkws
       
       Vier Ulmer verstopften vor der Bundestagswahl 2025 Auspuffrohre von 270
       Pkws. Nun wurde gegen sie Anklage erhoben. Offenbar schickte Russland sie
       los.
       
 (DIR) Russische Agenten in Berlin und Paris: Das war keine Kunstaktion, sondern Sabotage
       
       taz-Recherchen zeigen: Agenten Russlands haben Betonskelette vor das
       Brandenburger Tor und Schweineköpfe vor Moscheen in Paris gelegt.
       
 (DIR) Desinformationskampagne Russlands: Die Spin-Docs des Kremls
       
       Die taz analysiert interne Papiere der russischen Propagandafabrik SDA: Mit
       massiver Desinformation will sie die deutsche Öffentlichkeit beeinflussen.