# taz.de -- Wahl in Armenien: 42 Kilometer Fragezeichen
       
       > In Armenien soll ein Transitkorridor gebaut werden, um das verfeindete
       > Aserbaidschan mit der Exklave Nachitschewan zu verbinden. Sorgt das für
       > Frieden?
       
 (IMG) Bild: Wahlkampf in Armenien: Vom Fußgängertunnel bis zum Plattenbau, überall prangt das Plakat von Premier Nikol Paschinjan
       
       Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan formt seine Hände zu
       einem Herz und hält sie vor die Brust, seine Finger umrahmen den Umriss
       Armeniens, der auf seinem Jackett prangt. Im ganzen Land hängt dieses Bild
       von ihm, an den Fassaden der Plattenbauten, an Bushaltestellen, hoch über
       den Fernstraßen. Es ist Wahlkampf, [1][am 7. Juni stimmen die
       Armenier:innen über ein neues Parlament] ab. Mit dem Slogan „Für
       Frieden sorgen“ wirbt Paschinjan für seine Wiederwahl – und die Bestätigung
       seiner Friedenspolitik.
       
       Der ehemalige Journalist regiert seit 2018. Unter ihm näherte sich das Land
       mit seinen 3 Millionen Einwohner:innen der EU an, löst sich von
       Russland und setzt auf Frieden mit Aserbaidschan. Notgedrungen: Seit der
       Unabhängigkeit der beiden Postsowjetrepubliken wurde um das zu
       Aserbaidschan gehörende, aber von Armenier:innen bewohnte
       [2][Bergkarabach] erbittert gekämpft – mit zahlreichen Toten und
       Vertriebenen.
       
       Spätestens seit 2020 war Aserbaidschan in einer militärisch überlegenen
       Position, 2023 wurden auch die letzten Armenier:innen aus Bergkarabach
       vertrieben. Die aserbaidschanischen Aggressionen gegen seinen unterlegenen
       Nachbarn hörten aber nicht auf.
       
       Im vergangenen Jahr einigten sich [3][Jerewan und Baku, vermittelt von
       US-Präsident Donald Trump], auf ein noch nicht unterzeichnetes
       Friedensabkommen – und auf die Einrichtung eines Transportkorridors im
       Süden Armeniens, um das aserbaidschanische Kernland mit seiner Exklave
       Nachitschewan zu verbinden.
       
       ## Die Trump-Route
       
       Der Name: „Tripp“, das Akronym von „Trump Route for International Peace and
       Prosperity“ (Deutsch: Trump-Route für internationalen Frieden und
       Wohlstand). Dieser rund 42 Kilometer lange Transitkorridor – geplant sind
       Straßen, Eisenbahn, Glasfaserkabel und Pipelines – soll für 49 Jahre an die
       USA verpachtet werden, mit der Möglichkeit einer Verlängerung für weitere
       50 Jahre. 74 Prozent der Mauteinnahmen gehen an die USA, 26 Prozent an
       Armenien. Der armenische Journalist Boris Navasardjan bezeichnet Tripp als
       „Kern des Friedensabkommens“.
       
       Denn Hauptgrund der jüngsten aserbaidschanischen Aggressionen gegen
       Armenien ist ein Korridor nach Nachitschewan, das bislang vor allem über
       die mit Baku verbündete [4][Türkei] versorgt wird.
       
       Das Vorhaben ist auch über den Südkaukasus hinaus [5][geopolitisch
       relevant:] Man würde eine weitere Verbindung von Zentralasien nach Europa
       schaffen und dabei Russland und Iran als Transitländer umgehen. „Armenien
       kann ein regionaler Knotenpunkt für neue Handelsrouten werden“, sagte
       dementsprechend EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Für die EU
       ist Armenien der neue politische Schlüsselpartner in der Region.
       
       In der südarmenischen Stadt Meghri im Grenzgebiet zu Iran lächelt
       Paschinjan von der Hauswand neben einem Fußgängertunnel. Um die Ecke führt
       die 61-jährige Satik Harutyunyan seit 2008 das Women’s Resource Center. Sie
       hilft Frauen, sich wirtschaftlich zu emanzipieren: durch Schulungen,
       Networking und Beratungen.
       
       Harutyunyan erzählt, dass am Vortag Verwandte aus Jerewan angerufen und
       gefragt hätten, ob die Menschen Meghri verlassen würden. „Es kursieren
       viele Geschichten rund um den geplanten Korridor, über mögliche
       aserbaidschanische Angriffe, dass Meghri aufgegeben werde. Aber all das
       wird auch schon seit Mitte der 1990er erzählt“, sagt sie. In dem
       5.000-Seelen-Ort kenne jeder jeden, viele Einwohner:innen bauten Häuser
       und glaubten an eine positive Zukunft. „Aber letztlich wissen wir nicht,
       was hier passiert“, so Harutyunyan. „Sollte Tripp tatsächlich Frieden
       bringen, kenne ich niemanden, der dagegen wäre“, fügt sie hinzu.
       
       ## Aussichtspunkt am Grenzfluss
       
       Rund zwei Kilometer südöstlich schlängelt sich der schlammbraune Grenzfluss
       Aras durch ein Tal. Auf armenischer Seite gibt es einen öffentlich
       zugänglichen Aussichtspunkt. Auf zahlreichen Bänken kann man Platz nehmen,
       sich Kaffee am Automaten holen, eine große armenische Flagge flattert im
       Wind. Unten am Hang überwuchert Gras die Reste der einstigen
       Sowjet-Bahnstrecke. Neben dem Aussichtspunkt verläuft eine schmale Straße,
       die, je näher man sich Aserbaidschan oder Nachitschewan nähert, nur noch
       aus Asphaltresten und Schotter besteht. Hier soll Tripp entstehen.
       
       Doch wie soll das Ganze aussehen? Ein Transitkorridor als isoliertes Areal,
       abgetrennt durch eine Mauer? Was ist mit Armenier:innen, die diese Straße
       nutzen wollen, um in die Nachbarorte zu gelangen? Was, wenn Aserbaidschan
       Militär über die Straße nach Nachitschewan verlegen will? Und überhaupt:
       Wer soll für den Bau bezahlen? US-amerikanische Investoren? Die Europäer?
       Die Chinesen? Auf all das gibt es bislang keine Antworten.
       
       Dementsprechend äußert sich in Umfragen rund die Hälfte der
       Armenier:innen ablehnend zu dem Korridor. Nur ein Fünftel glaubt, dass
       Tripp den lang ersehnten Frieden bringen könnte.
       
       Das macht sich die Opposition zunutze. Der größte Kontrahent von
       Paschinjans Partei Zivilvertrag ist das 2025 gegründete Starke Armenien von
       Samwel Karapetjan, der [6][als Gefolgsmann von Russlands Präsidenten
       Wladimir Putin gilt]. Der Geschäftsmann, der sich öffentlich skeptisch zu
       Tripp äußert, besitzt laut Forbes ein Vermögen von 4,1 Milliarden Dollar.
       
       ## Der Oligarch und seine Leute
       
       Seine Tashir Group ist einer der größten Immobilienbesitzer in Russland,
       auch Energiebeteiligungen am armenischen Stromnetz gehören zu seinem
       Portfolio. Der Oligarch hat neben der armenischen auch die russische und
       die zyprische Staatsbürgerschaft. Deshalb kann er in Armenien nicht Premier
       werden, noch nicht einmal Abgeordneter, denn das dürfen nur
       Politiker:innen mit ausschließlich armenischer Staatsangehörigkeit.
       
       Aber er hat seine Leute. Drei von ihnen empfangen in der Parteizentrale in
       Jerewan – im dritten Stock der armenischen Firmenzentrale der Tashir Group.
       Weiße Treppen in Marmoroptik führen nach oben, es geht vorbei an Fluren mit
       goldumrandeten Glastüren.
       
       „Wir stehen nicht unter dem Einfluss eines anderen Landes“, versuchen sie
       gleich zu Beginn des Gesprächs das Thema Russlandnähe vom Tisch zu wischen.
       „Tripp als reines Infrastrukturprojekt ist zu begrüßen, aber jedweder
       Souveränitätsverlust ist nicht akzeptabel“, sagt Lilia Shushanyan, eine von
       den dreien. Prinzipiell bräuchte man noch mehr Details darüber, was Tripp
       eigentlich bedeute.
       
       Dschermuk, ein Kurort 170 Kilometer südöstlich von Jerewan: Hier bedeutet
       Tripp für die Einwohner:innen, dass sie in Sicherheit sind. Im September
       2022 wurde die Stadt von aserbaidschanischen Streitkräften massiv
       beschossen. Zum Ersten griff Baku souveränes armenisches Staatsgebiet an.
       
       Dadurch wurde deutlich: Aserbaidschan ging es nicht nur um eine komplette
       Rückeroberung Bergkarabachs, sondern auch um eine Verbindung nach
       Nachitschewan. Denn Dschermuk liegt dort, wo die Distanz zwischen dem
       aserbaidschanischen Kernland und seiner Exklave am geringsten ist: rund 25
       Kilometer. Mit einem Durchbruch könnte Aserbaidschan dort die südliche
       armenische Region Sjunik vom Rest des Landes abspalten.
       
       ## Zwischen Furcht und Hoffnung
       
       Im Sommer 2024, rund zwei Jahre nach dem aserbaidschanischen Angriff,
       wirkte Dschermuk trotz Hauptsaison wie eine Geisterstadt. Niemand auf den
       Straßen, die Seilbahn außer Betrieb, die Einschusslöcher an der Station
       noch immer erkennbar, die Hotels allein von Diplomat:innen gebucht.
       Nun, wiederum zwei Jahre später, sind die Einschusslöcher verschwunden, die
       Seilbahn fährt wieder, Tourist:innen posieren an Aussichtspunkten für
       Selfies. Die Lage habe sich beruhigt, heißt es vor Ort. Durch Tripp sei
       Dschermuk nicht mehr im militärischen Fokus Aserbaidschans.
       
       Rund 50 Kilometer Fahrstrecke entfernt in der Stadt Jeghegnadsor: Der
       Mitarbeiter eines Barbershops steht für eine Raucherpause vor dem Laden.
       Seinen Namen möchte er nicht nennen. 2020 zog er freiwillig mit in den
       [7][44-Tage-Krieg um Bergkarabach]. Er wolle keinen Frieden, sagt er. „So
       viele sind gestorben, für was? Damit Aserbaidschan am Ende doch der
       Gewinner ist?“ Er glaubt nicht daran, dass sich Aserbaidschan an einen
       Friedensvertrag halten würde. Diese Befürchtung teilen viele
       Armenier:innen, aber auch internationale Expert:innen: Dass Tripp am Ende
       das Einfallstor Bakus sein könnte, um Armenien vom Süden aus einzunehmen.
       
       Ein paar Tage später: Panzerwagen rollen durch die Straßen von Jerewan,
       Raketenwerfer sind zu sehen, Luftabwehrraketen, Kampfdrohnen. Armenien hält
       zum ersten Mal seit zehn Jahren eine Militärparade ab und präsentiert, was
       es sich aus Russland, Frankreich, Indien und Iran zusammengekauft hat. An
       jenem Tag postet Paschinjan auf Instagram ein Reel, wie er zwischen
       Militärfahrzeugen hindurchläuft, mit Soldat:innen redet und den
       jubelnden Zuschauer:innen ein mit den Händen geformtes Herz
       entgegenstreckt.
       
       Laut jüngster Umfragen gilt es als sicher, dass er wiedergewählt wird. Er
       wird seinen Friedenskurs fortsetzen, die ersten Baumaßnahmen für Tripp
       sollen bereits in diesem Jahr beginnen. Trotz all der Fragezeichen geben
       sich Kenner der Region zuversichtlich, dass Tripp tatsächlich einen seit
       Dekaden andauernden Konflikt beenden könnte. Und die Menschen aus Meghri?
       Satik Harutyunyan fasst es so in Worte: „In jedem Fall ist eine Straße eine
       gute Sache.“
       
       Transparenzhinweis: Die Recherche zu diesem Artikel wurde durch die
       Friedrich-Ebert-Stiftung ermöglicht.
       
       7 Jun 2026
       
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