# taz.de -- Geopolitik im Kaukasus: Zwischen allen Stühlen
> Armenien strebt nach Westen, doch wird bisher fest von Russland
> umklammert. Es bahnt sich ein Machtspiel zwischen Washington, Brüssel und
> Moskau an.
(IMG) Bild: Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan erklärt sich zum Sieger der Parlamentswahlen
Armenien ist erst sehr spät auf dem Radarschirm der Europäischen Union
erschienen – aufgeschreckt von Donald Trump. Im August 2025 lud der
US-Präsident die Regierungschefs der verfeindeten Nachbarn, des einst armen
Armenien und des öl- und gasreichen Aserbaidschan, ins Weiße Haus ein. Dort
brachte er sie einem Friedensvertrag näher.
Ergebnis war die „Trump Route for International Peace and Prosperity“
(TRIPP). Diese neue Transitroute soll die aserbaidschanische Exklave
Nachitschewan erstmals seit dem Zerfall der Sowjetunion durch Armenien
[1][mit dem Kernland Aserbaidschan verbinden und den Verkehr weiter nach
Westen lenken.]
Am 9. Februar reiste JD Vance dann als erster US-Vizepräsident nach
Armenien. Er brachte ein [2][Abkommen zur zivilen Nuklearzusammenarbeit]
mit – ein Bereich, den Russland bisher dominierte. Zudem versprach er
Lieferungen von Nvidia-Chips und US-Drohnentechnologie.
Seither herrscht ein Gerangel um Macht und Einfluss im Kaukasus. Und vor
allem [3][der Kreml reagierte mit Handelskrieg und massiven Drohungen].
## Putins Drohungen vor der Wahl
Amanda Paul vom industrienahen European Policy Centre sprach von einem
„amerikanischen Power Play im Kaukasus“. Denn Vance war auch in
Aserbaidschan, um dort ebenso eine vertiefte wirtschaftliche Zusammenarbeit
und strategische Partnerschaft zu etablieren.
Im Mai fand in Jerewan dann der Gipfel der Europäischen Politischen
Gemeinschaft statt, ein Zusammenschluss von EU- und Nicht-EU-Ländern.
Gleichzeitig trafen sich erstmals Vertreter der EU und Armeniens zu einem
Gipfel. Die EU signalisierte damit ihre Unterstützung für den prowestlichen
Kurs von Premierminister Paschinjan.
„Der wachsende Einfluss des Westens stellt eine Herausforderung für die
traditionelle Vorherrschaft Russlands in Armenien und der gesamten Region
dar“, so Analystin Paul. Russland habe darauf mit „massiven Maßnahmen,
darunter Desinformationskampagnen“, reagiert. Präsident Putin forderte
Paschinjan auf, die Wahl zu einem Referendum über die EU oder die
Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) zu machen.
Die EAWU, ein Binnenmarkt mit Zollfreiheit, umfasst Russland, Kasachstan,
Belarus, Kirgisistan und Armenien. Für Armenien bleibt die Mitgliedschaft
wichtig, da 35,3 Prozent der Exporte und 36 Prozent der Importe mit
Russland abgewickelt werden. Doch Moskau erhöhte den Druck: Russische
Behörden blockierten wegen angeblicher „Hygienemängel“ die Einfuhr von
Mineralwasser, Wein, Blumen und Obst.
## Verbindungsstraße unter Umgehung Russlands geplant
„Die jüngsten Beschränkungen Russlands gegen Armenien sind nichts anderes
als wirtschaftliche Nötigung, und das ist inakzeptabel“, sagte
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen noch vor der Wahl. „Wir
kennen dieses Vorgehen nur zu gut.“ Brüssel stellte ein Soforthilfeprogramm
über 50 Millionen Euro bereit und versprach neue Märkte für armenische
Produkte, vor allem Blumen.
Bis zur 2018 vom gerade wiedergewählten Paschinjan angetriebenen „Samtenen
Revolution“ war Armenien fest an Russland gekoppelt – durch eine russische
Militärbasis dort und die nahezu vollständige Energieabhängigkeit.
Russische Truppen griffen bei der Eroberung der armenisch besiedelten
Exklave Bergkarabach durch Aserbaidschan 2023 nicht ein. Und Moskau droht
mit einem Lieferstopp von Öl und Gas im Falle von Jerewans weiterer
EU-Annäherung.
Das westliche Werben hat einen strategischen Grund: den Mittleren Korridor.
So wird eine geplante Verbindungslinie zu Wasser, auf Schiene und Straße
von Asien über den Kaukasus bis Europa (über die Türkei und Georgien)
genannt – unter Umgehung Russlands. „Das von den USA vermittelte
Friedensabkommen mit Aserbaidschan eröffnet Armenien als Brückenland am
Mittleren Transportkorridor große wirtschaftliche Chancen“, sagte Katrin
Kossorz von der deutschen Außenwirtschaftsagentur gtai.
Armenien, reich an Rohstoffen und wachsend im IT-Sektor, zieht nicht nur EU
und USA an, sondern auch China und die Vereinigten Arabischen Emirate. Seit
der „Samtenen Revolution“ wächst die Wirtschaft – mit Ausnahme des
Coronajahres 2020 – stark. 2022 erreichte das Wachstum 12,6 Prozent. Die
vor Putins Krieg in der Ukraine aus Russland geflohenen Menschen brachten
nach Armenien Geld und gute Jobs im Homeoffice oder eigene Unternehmen mit.
Auch 2025 brachte mit 7,2 Prozent ein stärkeres Wachstum als
prognostiziert.
8 Jun 2026
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(DIR) Mathias Brüggmann
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