# taz.de -- Parlamentswahl in Armenien: Der Kompass zeigt nach Westen
> Premier Paschinjan hat Armenien prowestlich ausgerichtet und auf
> Friedenskurs gebracht. Die Wahl bestätigt seinen Kurs.
(IMG) Bild: Drohungen aus Moskau getrotzt: Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan erklärt sich zum Sieger der Parlamentswahlen
Der amtierende Ministerpräsident Nikol Paschinjan hat die Parlamentswahl in
Armenien haushoch gewonnen: Nach Angaben der Zentralen Wahlkommission in
Jerewan gewann seine Partei „Zivilvertrag“ 50 Prozent der Stimmen und damit
64 der 105 Sitze in der Nationalversammlung. Somit hat er die absolute
Mehrheit erzielt.
Die größte Oppositionspartei „Starkes Armenien“, die 2025 von dem
russisch-armenischen Oligarchen Samwel Karapetjan gegründet worden war,
erzielte 23 Prozent und damit 29 Sitze. Karapetjans Unternehmen Tashir
Group ist eines der größten Immobilienunternehmen in Russland. Russlands
Präsident Wladimir Putin trat vor den Wahlen als sein Fürsprecher auf.
Drittstärkste Kraft wurde die ebenfalls prorussische Allianz „Armenien“,
angeführt von dem ehemaligen Präsidenten Robert Kotscharjan. Sie erzielte
diesmal jediglich 10 Prozent – und verlor die Hälfte ihrer Mandate.
Zukünftig wird sie nur noch mit 12 Sitzen im Parlament vertreten sein.
Das prorussische „Wohlhabende Armenien“ schaffte es nicht ins Parlament:
Die Partei scheiterte mit 3,99 Prozent knapp an der Vierprozenthürde.
Insgesamt waren 19 Parteien und Blöcke angetreten.
## Auf Frieden mit Aserbaidschan und der Türkei gesetzt
Damit wurde der politische Kurs von Paschinjan, der seit 2018 im Amt ist,
bestätigt: Er hatte Armenien prowestlich positioniert, die Beziehungen zur
einstigen Schutzmacht Russland – das auch wichtigster Handelspartner und
Energielieferant ist – gelockert und auf Frieden mit den verfeindeten
Nachbarstaaten Aserbaidschan und Türkei gesetzt.
Die Wahlbeteiligung lag bei 59 Prozent, wesentlich höher als bei der
vorangegangenen Parlamentswahl. Damals hatten 49 Prozent der 2,4 Millionen
Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. In den südlichen Regionen
Armeniens, die vom Konflikt mit Aserbaidschan stärker bedroht sind als
nördliche Regionen, waren sowohl die Wahlbeteiligung als auch die
Zustimmung für die Regierungspartei besonders hoch.
## Zweidrittelmehrheit verfehlt
Die Zweidrittelmehrheit (70 Sitze) hat Paschinjan allerdings verfehlt.
Diese benötigt er für eine Verfassungsänderung und ein Referendum, um das
Friedensabkommen mit Aserbaidschan umzusetzen. Zu Beginn des Wahlkampfs
hatte der Premier verlauten lassen, dass es im September Krieg geben würde,
wenn diese Mehrheit nicht erreicht würde.
Nun ist unklar, wie die Forderungen Aserbaidschans umgesetzt werden
könnten: Laut Baku stellt die armenische Verfassung
[1][Territorialansprüche an Bergkarabach. Doch die Region gehört zu
Aserbaidschan.]
Der Konflikt um Bergkarabach eskalierte zum Ende der Sowjetunion. Die
gebirgige Region war Aserbaidschan zugeschlagen worden, war jedoch
überwiegend armenisch besiedelt. Mehrere Kriege mit Zehntausenden Toten und
Vertriebenen auf beiden Seiten waren die Folge.
[2][2023 eroberte Aserbaidschan schließlich Bergkarabach komplett zurück],
die dort stationierten russischen Friedenstruppen griffen nicht ein, die
Armenier:innen mussten fliehen. Russland hatte sich als Schutzmacht
Armeniens zurückgezogen: Weil gute Beziehungen zu Aserbaidschan und seiner
Verbündeten Türkei aufgrund des Ukrainekriegs von strategischer Bedeutung
waren. In der Folge fror Armenien seine Mitgliedschaft in dem von Russland
geführten Verteidigungsbündnis OVKS ein.
## Der Preis ist Bergkarabach
Aserbaidschan nutzte seine militärische Überlegenheit und die armenische
Schutzlosigkeit für weitere Drohungen, sodass Paschinjan nun auf eine
Normalisierung der Beziehungen zu Aserbaidschan und auch zur Türkei als
einzige Möglichkeit setzt. Der Preis dafür ist unter anderem der definitive
Verzicht auf Bergkarabach.
Russland missfällt Armeniens prowestlicher Kurs. Zudem würde ein Frieden
zwischen den beiden Südkaukasusländern seinen geopolitischen Einfluss im
Südkaukasus verringern. Im Vorfeld der Wahlen mischte sich Moskau mit
Desinformations- und Schmutzkampagnen gegen Paschinjan und seinen
Friedenskurs ein und versuchte so, das Ergebnis zu beeinflussen. Zudem übte
es wirtschaftlichen und militärischen Druck auf das Land aus. Die russische
Regierung verhängte Einfuhrverbote für armenische Produkte und drohte,
einen günstigen Gasliefervertrag zu kündigen.
## Putin drohte mit Krieg
Und letztlich drohte Putin höchstpersönlich, Armenien könne mit seinem
prowestlichen Kurs das Gleiche passieren wie der Ukraine, drohte also de
facto mit einer militärischen Eskalation.
Überschattet wurde die Wahl auch von zahlreichen Verhaftungen der
Opposition. Laut der armenischen Nachrichtenagentur Armenpress gab es am
Wahltag 18 Festnahmen. Am Samstag, dem Tag vor der Wahl, waren sechs
Politiker:innen von „Starkes Armenien“ verhaftet worden. Begründet
wurde dies nicht. Parteichef Karapetjan steht bereits seit Längerem unter
Hausarrest. Ihm wird vorgeworfen, zum Sturz der Regierung aufgerufen zu
haben.
Am späten Freitagabend hatte die Wahlkommission eine Klage einer anderen
Oppositionsgruppe abgewiesen, die den Ausschluss von „Starkes Armenien“
gefordert hatte – wegen angeblicher Wählerbestechung und illegaler
Wahlkampffinanzierung. Auch die Regierung wirft „Starkes Armenien“
Stimmenkauf vor, ihr selbst wird das Gleiche vorgeworfen.
Laut der US-amerikanischen NGO Freedom House ist Armenien aktuell das
freieste und pluralistischste Land der Region. Dennoch ordnen verschiedene
Demokratieindizes das Land als „Defizitäre Demokratie“ oder „Hybridregime“
ein. Gründe sind unter anderem die Einflussnahme der Regierung auf Medien
und Justiz und ein hartes Vorgehen gegen Kritiker und Oppositionelle. Auch
hier gibt es also genug Herausforderungen für Paschinjan bei der
angestrebten EU-Mitgliedschaft. Am 12. März hatte das Europäische Parlament
einen Entschließungsantrag verabschiedet, dass Armenien einen
Beitrittsantrag stellen kann – sofern es die Anforderungen unter anderem
zur Rechtsstaatlichkeit erfüllt.
8 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Eva Fischer
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