# taz.de -- Tagebuch aus Armenien: Als ob Russland auf dem Wahlzettel stünde
       
       > Im armenischen Wahlkampf gibt es nur ein Thema: Die einen dämonisieren
       > den großen Nachbarn, die anderen werben mit ihren guten Kontakten in den
       > Kreml.
       
 (IMG) Bild: Straßenwahlkampf: Armeniens Ministerpräsident Nikol Paschinjan kämpft um Unterstützung
       
       Am 7. Juni 2026 finden in [1][Armenien] Parlamentswahlen statt. Der Ausgang
       der Abstimmung wird auch darüber entscheiden, wer künftig das Amt des
       Ministerpräsidenten übernimmt. Derzeit stehen sich zwei zentrale politische
       Lager gegenüber: das des amtierenden Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan
       und das einer bislang nicht geeinten Opposition.
       
       Armenien hat den Krieg gegen Aserbaidschan verloren, rund 120.000
       Geflüchtete aus Bergkarabach aufgenommen und etwa ein Viertel der
       Bevölkerung lebt in Armut. Zugleich bleibt die Region instabil. Auch im
       Nachbarland Iran kann sich die Lage jederzeit zuspitzen.
       
       Man könnte also erwarten, dass im Wahlkampf vor allem Sicherheitsfragen im
       Mittelpunkt stehen. Ebenso gibt es drängende Themen wie die soziale
       Situation, Bildung oder Renten, und auch die Abwanderung – viele Menschen
       verlassen das Land, weil sie keine Arbeit finden – wäre ein wichtiges
       Thema. Doch all das spielt kaum eine Rolle. Der gesamte Wahlkampf
       konzentriert sich im Kern auf ein einziges Thema: [2][Russland].
       
       Die Kampagne des amtierenden Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan folgt
       einer Erzählung, die eher politisches Narrativ als überprüfbare Realität
       ist. Die Regierungspartei zeichnet das Bild eines Landes, das in den
       vergangenen hundert Jahren – während der Zeit der Sowjetunion und in den
       ersten drei Jahrzehnten der Unabhängigkeit – faktisch unter russischem
       Einfluss gestanden habe, als eine Art abhängiger Staat – er sei nichts
       anderes als eine russische Kolonie gewesen. Die Führung stellt sich nun als
       jene Kraft dar, die diese Kette der Abhängigkeit durchbrochen habe und das
       Land in Richtung wirklicher Unabhängigkeit führe.
       
       Einige Nichtregierungsorganisationen tragen zu diesem Narrativ bei. Sie
       warnen vor einem „hybriden Krieg“, den Russland angeblich gegen Armenien
       führe – so lautet die Argumentation. Eine Werbekampagne auf Social Media
       zeigt, wie die Zukunft Armeniens aussehen könnte, sollte Russland stärkeren
       Einfluss gewinnen: Die Armenier könnten im [3][Donbass] in den Krieg
       gezogen werden, heißt es in einem Spot.
       
       Auch für die Opposition spielt Russland in ihrem Wahlkampf eine zentrale
       Rolle. Ihr wichtigstes Narrativ lautet, dass sich die Lage in Armenien
       verschlechtert habe, seit die [4][Beziehungen] zu Russland in eine
       Sackgasse geraten sind.
       
       Die Opposition tritt jedoch nicht geschlossen auf. Eine wichtige Kraft wird
       von einem ehemaligen Präsidenten geführt, eine andere politische Kraft von
       einem in Russland lebenden armenischen Oligarchen. In beiden Lagern wird
       immer wieder betont, dass die jeweiligen Führungspersönlichkeiten über
       persönliche, ja freundschaftliche Beziehungen zu Wladimir Putin verfüge.
       Davon, so die Argumentation, hänge auch die wohlwollende Haltung Russlands
       gegenüber Armenien ab.
       
       Der eine Ansatz, der in diesem Wahlkampf verfolgt wird, betreibt eine
       Dämonisierung Russlands. Und auf der anderen Seite wird Russlands Bedeutung
       für Armenien dramatisch überhöht. Immer geht es bei allen bedeutenden
       politischen Kräften Armeniens darum, die Wähler vor eine grundlegende
       Entscheidung zu stellen: für oder gegen Russland.
       
       So entsteht der falsche Eindruck, die Zukunft des Landes hänge maßgeblich
       von genau dieser Entscheidung ab. Und das ist traurig.
       
       [5][Sona Martirosyan] ist Journalistin und lebt in Jerewan (Armenien). Sie
       war Teilnehmerin eines [6][Osteuropa-Workshops der taz panterstiftung].
       
       Aus dem Armenischen von [7][Tigran Petrosyan.] 
       
       Durch Spenden an die [8][taz panterstiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       15 May 2026
       
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