# taz.de -- Parlamentswahl in Armenien: Armenien bleibt auf Kurs Richtung Westen
> Nikol Paschinjan wurde bei den Parlamentswahlen in Armenien im Amt
> bestätigt, er will das Land nach Europa führen. Doch die Spannungen mit
> Russland bleiben.
(IMG) Bild: Unterstützer des Regierungschefs Nikol Paschinjan: Nach Angaben der Zentralen Wahlkommission stimmten 49,8 Prozent der Armenier für Paschinjans Partei Zivilvertrag
dpa | In der Südkaukasusrepublik Armenien hat der prowestliche
Regierungschef Nikol Paschinjan [1][die Parlamentswahl] gewonnen. Nach
Angaben der Zentralen Wahlkommission stimmten 49,8 Prozent der Armenier für
Paschinjans Partei Zivilvertrag. Stärkste oppositionelle Kraft wurde der
prorussische Parteiblock Starkes Armenien von Milliardär Samwel Karapetjan
mit 23,3 Prozent.
Auf Rang drei landete Ex-Präsident Robert Kotscharjan mit seinem
Parteienbündnis Armenien, das 9,9 Prozent der Stimmen auf sich vereinigte.
Kotscharjan werden beste Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin
nachgesagt. Mit der Partei Blühendes Armenien zieht dem vorläufigen
Endergebnis nach eine dritte prorussische Kraft mit genau vier Prozent der
Stimmen ebenfalls ins Parlament ein. Für eine Mehrheit der moskautreuen
Kräfte reicht dies aber nicht. Paschinjans Partei erhält 61 der insgesamt
105 Sitze in der Nationalversammlung.
## Höhere Wahlbeteiligung als bei der letzten Wahl
Die Wahlbeteiligung lag mit 59 Prozent deutlich höher als bei der
vorangegangenen Parlamentswahl 2021. Damals waren es nur 49 Prozent.
Die hohe Aktivität der Wähler ist auch auf die Bedeutung des Urnengangs
zurückzuführen, der von Regierung und Opposition als Richtungswahl
verstanden wurde. Unter Paschinjan, der seit 2018 regiert, nähert sich
Armenien dem Westen an und strebt nach einem EU-Beitritt. Dies geschieht
auf Kosten der Beziehungen zum langjährigen Verbündeten Russland.
## Verlust von Bergkarabach als Krise und Wendepunkt
Paschinjan musste dabei in den vergangenen Jahren bereits einige Krisen
durchstehen. Besonders der [2][lange Konflikt mit dem Erzfeind
Aserbaidschan] machte Armenien zu schaffen. In zwei kurzen, aber blutigen
Auseinandersetzungen eroberte Aserbaidschan zwischen 2020 und 2023 das
damals mehrheitlich von ethnischen Armeniern bewohnte Bergkarabach.
100.000 Armenier mussten aus der Region ins Kernland fliehen. In der
armenischen Hauptstadt Jerewan gingen die Menschen auf die Straße – auch
gegen Paschinjan, dem sie Unfähigkeit vorwarfen. Bis heute herrscht in
Teilen der Bevölkerung große Wut auf den Regierungschef, der nicht in der
Lage war, Bergkarabach gegen den durch Öl reich gewordenen und
hochgerüsteten Nachbarn zu verteidigen.
Aber zugleich erschütterte der Verlust des Gebiets auch den Glauben vieler
Menschen im Land an die traditionelle Schutzmacht Russland. Die russische
Führung, die ihrerseits zu der Zeit in der Ukraine Krieg führte, half den
Armeniern nicht und blieb beim Konflikt um Bergkarabach passiv.
## Paschinjan: Landesverräter oder Friedensstifter?
Auch deswegen hat Paschinjan seinen Westkurs in den letzten Jahren nur noch
verstärkt. Eingeklemmt zwischen Aserbaidschan und dessen großem Verbündeten
Türkei ist Armenien auf einen Ausgleich mit den stärkeren Nachbarn
angewiesen. Um einen stabilen Frieden mit Aserbaidschan abzusichern, setzte
Paschinjan auf Europäer und die USA als Vermittler.
Während die Opposition ihm wegen der Niederlage im Krieg und anschließenden
Verhandlungen Landesverrat vorwarf, betonte der Regierungschef die
Bedeutung von Frieden in der Region. Tatsächlich sprachen viele Armenier
Paschinjan zuletzt Verdienste bei der Schaffung von Frieden und Sicherheit
zu. „Es wird nicht mehr dauernd geschossen an der Grenze, das ist gut“,
sagte Lilith, eine Reiseführerin aus Jerewan, die sich als Anhängerin
Paschinjans zu erkennen gibt. Deswegen und weil sie die korrupte alte
Elite, die sich mit Moskau verbündet habe, nicht wiederhaben wolle, habe
sie Paschinjan gewählt, erklärte sie.
„Die Stimmung im Land hat sich gedreht“, meint auch Jacob Wöllenstein, der
politische Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung im Südkaukasus. „Selbst
wenn viele Paschinjan nicht mögen, gibt es keine Alternative.“
## Druck aus Russland kommt in Armenien schlecht an
[3][Der Kreml selbst] ist nicht ganz unschuldig an der Niederlage der
prorussischen Kräfte in der Ex-Sowjetrepublik. Denn in den letzten Monaten
hat Moskau bewusst die Spannungen verschärft: So hat die russische
Regierung Einfuhrverbote für armenische Produkte verhängt und mit der
Kündigung eines günstigen Gasliefervertrags gedroht. Kremlchef Putin
erklärte gar, auch der Konflikt mit der Ukraine habe wegen deren Annäherung
an die EU begonnen.
Angesichts des seit mehr als vier Jahren andauernden Ukrainekriegs haben
das viele Armenier als Drohung verstanden. Und so gingen viele Menschen
wählen, die das letzte Mal noch zu Hause geblieben waren.
## Scharfer Wahlkampf
Der Wahlkampf war stark polarisiert, von Skandalen und – teilweise auch
bewusst falschen – Vorwürfen geprägt. Während Paschinjan der Plan
angedichtet wurde, Hunderttausende Aserbaidschaner im Land anzusiedeln,
warf die Regierung Russland und der mit ihr verbandelten Opposition
Stimmenkauf vor.
In Russland lebende Armenier würden speziell zur Wahl in ihre Heimat
geschickt, damit sie dort gegen Entlohnung für prorussische Parteien
stimmten, sagte ein Regierungsvertreter. Die Behörden haben mehrere
Strafverfahren eröffnet, Festnahmen gab es selbst noch am Wahltag.
Handfeste Beweise hat die Regierung für die Anschuldigung aber nicht
präsentiert.
Paschinjan, der 2018 selbst nach Protesten wegen gefälschter Wahlen an die
Macht gekommen war, glaubt nicht an die Wiederholung eines solchen
Szenarios. Dafür sei das Ergebnis zu eindeutig. „Ich schließe aus, dass das
armenische Volk es dieser dreiköpfigen Kriegspartei erlaubt, irgendwie zu
zucken“, sagte er mit Blick auf die drei Oppositionsparteien im Parlament.
Paschinjan hat nun das Mandat für fünf weitere Jahre. Dafür muss er aber
die bestehenden Probleme mit Russland lösen. Der Traum von einem
EU-Beitritt liegt noch in weiter Ferne, im wirtschaftlichen Alltag wird
Armenien vorläufig weiter stark von Russland abhängig sein.
8 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Parlamentswahl-in-Armenien/!6178450
(DIR) [2] /Armenien-und-Aserbaidschan/!6178451
(DIR) [3] /Armenien-und-Russland/!6183180
## TAGS
(DIR) Armenien
(DIR) Aserbaidschan
(DIR) Kaukasus
(DIR) Parlamentswahl
(DIR) Wahlen
(DIR) Russland
(DIR) EU-Erweiterung
(DIR) Armenien
(DIR) Armenien
(DIR) Kolumne Stadtgespräch
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Parlamentswahl in Armenien: Russland verliert an Einfluss, nun ist die EU am Zug
Bei einer Richtungswahl in dem Südkaukasus-Land bestätigt die Bevölkerung
die EU-Politik ihres Premiers Nikol Paschinjan. Das sollte Brüssel nutzen.
(DIR) Wahl in Armenien: 42 Kilometer Fragezeichen
In Armenien soll ein Transitkorridor gebaut werden, um das verfeindete
Aserbaidschan mit der Exklave Nachitschewan zu verbinden. Sorgt das für
Frieden?
(DIR) Parlamentswahl in Armenien: Der lange Arm des Kreml
In Richtung EU oder Russland? Vor der Wahl in Armenien kämpft Moskau in der
Kaukasusrepublik mit allen Mitteln um mehr Einfluss.
(DIR) Armenien verändert Reisepass: Der verschwundene Berg
Die armenische Regierung streicht den Ararat aus Armeniens Reisepass. Warum
ein fehlender Berg den Frieden mit der Türkei bringen soll.