# taz.de -- Alles ein Bild: Durchfahrene Leben in Pastell
> Die Haut spannt und überall knirscht es, Menschen wirken wie in einem
> 3D-Programm multipliziert. Am ersten Maiwochenende schmiegen sich die
> Paralleluniversen aneinander.
(IMG) Bild: Ratlose Füchse von Malte Urbschat im Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz
Es knirscht im Neuköllner O Tannenbaum: Körper knirschen weich, als sich
die Menschentraube durch die Tür in die schlauchige Kneipe schiebt, der
kalte Rauch in den Wandritzen und der lauwarme Schawarma in der Hand eines
Studenten knirschen drinnen sogar mächtig gewaltig in der Nase und
natürlich knirschts auch erstmal im Ohr bei der Anmoderation: Hallo, wir
sind [1][Kollektiv Knirschen].
Die Literaturkollegin J. ist daran beteiligt, es ist die erste
Veranstaltung einer Reihe, die nun regelmäßig stattfinden soll: Literatur
und Musik an Orten der Nacht. Nun ist es noch nicht so richtig Nacht, von
der Herrmannstraße suppt das Nachmittagslicht durchs Fenster, während
Andrej Schulz, ein sympathischer Naturschützer oder Computernerd oder
Germanist eine lange Geschichte über Bärengehege mit Live-Stream-Kameras,
über Krieg, über Arbeit, über das Menschsein und das Alleinsein vorliest.
Fell wächst in die Ohrmuscheln und dann wird der Autor der Bär. Während das
passiert, passiert es dann doch wiederum nicht oder nicht richtig oder nur
kurz. Ich verliere den Text und bestelle noch ein Bier. Mit glitzernden
Augen beobachte ich J. Mittlerweile liest Ken Keseys Übersetzerin [2][aus
ihrer deutschen Version seines „Seemannslieds“.] Später spielt ein Junge
mit Topfhaarschnitt neurotisch-gute Altmänner-Songs auf einer Gitarre und
nennt sich Abrißbirne: „Sometimes when I look at you, I'd like to press
delete.“ Härter wird’s nicht heute Abend, die Stahlkugel ist aus Plüsch und
tatsächlich einfach auch niemand hier, den man löschen wollen könnte.
## Aquariumfisch mit Computer
Zwei Tage später erwache ich in einem Paralleluniversum. Weiche neue
Blätter malen blaue Schatten an die Zimmerdecke. Es ist heiß, alle
milchigen Töne von draußen gedämpft. Der Mai hat mich in einen
Aquariumfisch verwandelt. Einen Aquariumfisch mit Computer. Erst am frühen
Abend verlasse ich die Wohnung, steuere mich und mein Fahrrad in Richtung
Mitte.
In [3][Kreuzberg] fordert man Straßen aus Zucker, findet aber lediglich
feingesplittertes Glas auf dem Asphalt. Die Menschenmassen, die mir vom
Mariannenplatz entgegenströmen sind die gleichen fünf Menschen, in einem
3D-Programm multipliziert: gepanzerte Polizisten,
Spaghetti-Haare-bauchfrei-Jeans-Mädchen, Baggy-Pants-Base-Cap-Vape-Boys,
Postautonome-Radkuriere und Kristen-Stewart-VoKuHiLa-Fans. Zwischen zwei
Demoblöcken hindurch schlüpfe ich in die Dresdener Straße, zwei Blöcke
weiter beginnt der nächste Kosmos. Die Schlange am KitKatClub wartet brav
bis hinter auf die Köpernicker, in praller Antizipation der kontrollierten
Entgleisung spannt sich die Haut mittlerer Angestellter in Nylon-, Leder-,
Latexlücken, geredet wird wenig.
Die leere Frankfurter Allee dehnt sich unter dem hellrosa Horizont und auch
vor der [4][Volksbühne] treiben sich nur wenige Grüppchen in der Dämmerung
des begonnenen [5][Gallery Weekends] herum. In der Galerie Schlechtriem hat
der Goldzahnglitzermaler Bernhard Martin fünfundzwanzig wahnwitzige Meter
Leinwand installiert. In pastelligen Ölfarben findet sich hier
feinaufgetragen das eben durchfahrene Leben: die spannende Haut und
fliegende Gurken, DNA-Helixe, Faultiere, Hände Demonstrierender, Fische
gefangen im verwaschenen Wahnsinn aus Münzen, Zigaretten, Abnehmspritzen.
Eine Meise dirigiert die Menschenmassen, im Hintergrund die zerschmetterte
Badezimmertür aus „Shining“. Ich will raus aus dem Bild. In Ungarn sollen
die kleinen Vögel dabei beobachtet worden sein Zwergfledermäuse im
Winterschlaf gefressen zu haben.
Zurück am Platz blicken im Kunstverein drei Füchse von Malte Urbschat
ratlos durch die Scheibe. Ein paar der 3D-Polizisten erscheinen im
Bildausschnitt, leise knirschen ihre Panzer. „Sometimes when I look at you,
I'd like to press delete.“
4 May 2026
## LINKS
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(DIR) [2] /Ken-Keseys-Roman-Seemannslied/!6157245
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## AUTOREN
(DIR) Hilka Dirks
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