# taz.de -- Zwischen Flohmarkt und Kardamom-Bun: Flucht in die ironische Distanz
       
       > Dass Männer laut rumschreien, ist nichts Ungewöhnliches. Dass andere
       > dagegenhalten, gibt Anlass zur Freude.
       
 (IMG) Bild: Irgendein Mann schreit immer
       
       „Titten raus, es ist Frühling!“, schallt es uns entgegen. Es ist
       Samstagmorgen, als meine Freundin und ich auf dem Fahrrad durch Kreuzberg
       fahren und eine Gruppe Männer findet, dass unser Erscheinen eine
       Aufforderung zum Kommentieren ist. Kurzer Blick zu ihr. Weiterfahren? Mein
       Herz schlägt schneller. Was genau erwartet dieser Mann jetzt? Dass wir im
       Vorbeifahren langsam den Reißverschluss unserer Jacke öffnen, als wären wir
       Statistinnen in einem schlecht gealterten Musikvideo? I doubt it.
       
       Weil wir zu zweit sind, drehen wir um. Angst ist da. Aber der Drang, die
       Wut nicht einfach mit nach Hause zu nehmen, um sie dort allein zu verdauen,
       ist größer. „Was hast du gerade gesagt?“, rufe ich. „Hä, war doch nur 'ne
       Frage“, stammelt er leiser. „War doch nicht böse gemeint.“ Ach so. Na dann,
       haben wir das wohl falsch interpretiert. Er hat es bestimmt nett gemeint.
       So nett, uns daran zu erinnern, dass wir Körper haben, die ihm auffallen.
       So nett, uns einfach mal aufzufordern, ihm unsere Brust zu zeigen. Ich
       verzichte auf eine Grundsatzdiskussion. Einer seiner Kumpels kommt auf uns
       zu: „Ihr habt recht, das war nicht korrekt.“ Ich fühle mich etwas stärker,
       und das reicht mir.
       
       Der Plan war eigentlich die Bahn. Aber wer von Kreuzberg nach Mitte fahren
       will und auf 37 Minuten in der BVG-App starrt, weiß, warum wir uns dann
       doch für die 13 Minuten auf dem Nextbike entschieden haben. Ich lebe seit
       einem Monat aus einem Koffer. Darunter platzfressende Kitten Heels, ein
       Kleid für besondere Anlässe (dieser besondere Anlass ist tatsächlich bisher
       nicht eingetreten) und viel zu vielen Sommeroutfits, denen das Berliner
       Wetter bisher ihren großen Auftritt verweigert.
       
       Das Ziel: ein „Archive Sale“. Anscheinend ein cooleres Wort für Flohmarkt
       und laut Rausgegangen ein Event, das ich auf keinen Fall verpassen darf.
       Turns out der Archive Sale entpuppt sich als ein kleiner Raum mit
       überteuerten Klamotten, gebrauchten Lippenstiften und Antipickelmasken. Ob
       man handeln dürfe, frage ich. Die Verkäuferin lacht verdutzt, als hätte ich
       nach ihrem Erstgeborenen gefragt: „No, sorry, this is not possible.“ Alles
       klar.
       
       Frustriert laufe ich über den Alex zurück nach Hause. Vorbei an
       Junggesell:innenabschieden, „Jesus loves you“-Brüllern und einer Pianistin,
       die „Für Elise“ in die Reizüberflutung hämmert. Das reicht für heute.
       
       ## In ironischer Distanz
       
       Am Sonntag bin ich umgeben von frischen Kardamom-Buns, dem Klappern von
       Laptops, die mit FCK-NZS-Stickern beklebt sind, und Menschen, die aussehen,
       als hätten sie heute Morgen ihren ersten Sauerteig angesetzt. Ich pflege
       zwar eine ironische Distanz zu dieser Spezies, erfülle ihre ästhetischen
       Anforderungen aber sehr präzise.
       
       Neben uns: ein Mann, Mitte 50 und AirPods in den Ohren. Er telefoniert
       laut. Als der Kellner die Tür öffnet, um das Kardamom-Aroma durch
       Frischluft zu ersetzen, unterbricht der Mann sein Telefonat: „I’m freezing,
       close the fucking door!“ Der Kellner erklärt ihm das Konzept des Lüftens,
       woraufhin sich der Ami vor dem Kellner aufbaut: „I am the customer! Close
       the door, dickhead!“
       
       Die Stimme des Kellners zittert, er bleibt aber hart: „You have to go raus
       now.“ Ich muss schmunzeln. In dem denglischen Rausschmiss liegt mehr
       Souveränität als in dem ganzen Gebrülle davor. Der Mann geht, ohne zu
       zahlen. So wie das Wochenende angefangen hat, endet es also auch wieder –
       mit einem Mann, der laut ist, und jemandem, der trotzdem standhält.
       
       27 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilli Messer
       
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