# taz.de -- Effekte des Klimawandels: Alles ist vergeben
       
       > In kühlender Schwimmbadumgebung werden heißlaufende Männchen zum
       > Kunstgegenstand. Und im Straßenrandbaum sitzt ungeahnt Exotisches auf dem
       > Geäst.
       
 (IMG) Bild: Innerhalb von Minuten wird der Baum zum Menschenmagnet: Grüner Ara in Berliner Straße
       
       Frau sein ist etwas ganz Besonderes. Um regelmäßig daran erinnert zu
       werden, reicht es, die eigene Wohnung zu verlassen und sich, zum Beispiel,
       in ein Auto zu setzen. Auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier am Tegeler See
       stehe ich als Rechtsabbiegerin blinkend an der Ampel. Der Dude – es ist
       immer ein Dude – im Wagen hinter mir hupt aggressiv. Offenbar möchte er,
       dass ich die Fußgänger*innen, die bei Grün die Straße überqueren, schlicht
       niedermähe.
       
       Kommt mir das nur so vor oder ist diese irre unangemessene Wut gegenüber
       dem [1][StVG] ein um sich greifender Trend? Himmel hilf, wenn es wirklich
       stimmt, dass das allgemeine Aggressionslevel mit den Außentemperaturen
       ansteigt.
       
       Kurz hinter der überwundenen Kreuzung beschleunigt der Dude auf meine Höhe
       und brüllt mir durchs offene Fenster verschiedene misogyne Beleidigungen
       zu. Umso unflätiger, je öfter ich ihm die Frage stelle, ob er die
       Verkehrsregeln kennt. Als ich beschleunige, auf seine Spur wechsle und
       direkt vor ihm fahrend zweimal ohne Vorwarnung auf die Bremse trete,
       bezichtigt er mich brüllend der Nötigung. LOL.
       
       ## Cis-Hetero-Männer, künstlerisch verarbeitet
       
       Passend zum Road-Rage-Vorfall zeigt die Künstlerin Ileana Farabani in der
       am Samstag eröffneten, zehnten Sommerausstellung des [2][Tropez im
       Humboldtbad] eine Videoarbeit. Für „They Can Chop Wood“ hat sie junge
       Frauen über ihre Erfahrungen mit Cis-Hetero-Männern interviewt. „Wenn man
       ihnen einen Fehler nachweist“, sagt eine, „können sie nur beleidigen oder
       heulen.“
       
       Schon beim Betreten des Bades weht mich ungewöhnlich starker
       Sonnencreme-Duft an. Auf halbem Weg zwischen Eingang und Schwimmbecken
       steht neuerdings ein solarbetriebener Automat in Gestalt einer großen
       blauen Sonnencremeflasche, der kostenlos [3][Lichtschutzfaktor 50+]
       ausgibt. Das Display warnt vor „massigem UV“ an diesem Nachmittag und rät
       zu SPF, Schatten und Hut. Selbst mir, die beim Anblick von Fremden mit
       Sonnenbrand körperliche Schmerzen erleidet, kommt das exzessiv vor. Solange
       wir sie haben, lasst uns doch bitte ein wenig von der Sonne grillen.
       
       Es ist wirklich nicht alles schlecht am Klimawandel. In Brandenburg, hieß
       es anderntags im Radio, bauen sie jetzt Artischocken an. Mittelmeergemüse!
       Auch die Fauna verändert sich auf fantastische Art. In meiner Straße wohnt
       einer, der sich seine Wohnung mit drei Papageien teilt. Mehrmals die Woche
       setzt er sich die Tiere auf die Schultern, einen grünen Ara und zwei graue
       Papageien mit rotem Schwanz. Er läuft dann zu einer kleinen Grünfläche
       gegenüber dem Eisladen, setzt die Vögel in eine Linde und sich selbst
       darunter.
       
       Innerhalb von Minuten wird der Baum zum Menschenmagnet. Manchmal gibt der
       Papageienmann Kürbiskerne aus, die einem die Vögel vorsichtig aus der Hand
       fressen. Als K. und ich auf einer Spazierrunde an der Linde vorbeikommen,
       schauen wir den Tieren eine Weile zu. Der Ara plappert irgendetwas für uns
       Unverständliches. Auf die Frage, was der Vogel da sagt, antwortet der
       Papageienmann: „Er spricht Arabisch.“ Die beiden Grauen seien aber
       zweisprachig.
       
       In Schweden, das las ich neulich irgendwo, kommentieren die Menschen in
       diesen Wochen traditionell jede kleine Freude, die mit dem endlich
       eingetroffenen Sommer in Zusammenhang steht, mit den Worten „allt är
       förlåtet“, alles ist vergeben. All das – die Freibad-Nachmittage, die
       Abende am See und die Quackelpapageien – sind Entschädigung für die Härten
       der bleiernen Monate von November bis Februar, all das oppressive Grau und
       die kriechende Kälte. Vergeben und vergessen.
       
       9 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.gesetze-im-internet.de/stvg/
 (DIR) [2] https://tropeztropez.de/about/
 (DIR) [3] /Hautaerztin-ueber-Sonnencreme/!5510288
       
       ## AUTOREN
       
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