# taz.de -- Waschen und abschalten: Zeit der Schleuderträume
       
       > Die Maschine zentrifugiert, der Trockner wirbelt. Ein Ausflug in den
       > Waschsalon bietet Raum für Schleuder- und Gedankengänge.
       
 (IMG) Bild: Als ich bei der Nummer 11 auf Start drücke, macht sie klick und lügt dann, sie würde für den Waschgang nur 37 Minuten brauchen
       
       Verstreut und unsortiert: Am Freitagnachmittag ähnelt mein Zustand dem
       meiner aufgehäuften Wäsche. Als ich nach Hause komme, lasse ich mich müde
       zu ihr auf den Zimmerboden sinken. Nur für einen Augenblick will ich hier
       unten leicht zerknittert verweilen, ein paar Nachrichten beantworten, kurz
       scrollen.
       
       Schließlich raffe ich mich auf. Zeit für einen Ausflug an einen Ort der
       Wiederherstellung und Besinnung. Ich sammle meine Klamotten ein und mache
       mich auf den Weg über die breiten Bürgersteige des Afrikanischen Viertels.
       
       Als ich in die tropische Hitze des Waschsalons trete, stelle ich meinen
       Kram auf der Bank in der Ecke ab. Ihre Füße sind in großen Klötzen
       einzementiert, damit sie keine Beine bekommt. Setzt man sich seitwärts mit
       angewinkelten Knien auf sie drauf, kann man den ganzen Aufenthalt lang
       verträumt aus dem Fenster gucken.
       
       Als ich bei der Nummer 11 auf Start drücke, macht sie klick und lügt dann,
       sie würde für den Waschgang nur 37 Minuten brauchen. Waschmaschinen haben
       ihre eigene Zeiteinheit, die nur in Ausnahmefällen mit unserer
       übereinstimmt. Mensch gegen Maschine. Wer kann schon sagen, wer recht hat?
       Zeit ist eh ein Konstrukt.
       
       ## Gevierteiltes Miteinander
       
       Der Salon wird gevierteilt von dem Bildschirm an der Decke. Durch die
       Kachel oben rechts schiebt eine junge Frau einen Kinderwagen. Oben links
       sitze ich auf der Bank. Unten links faltet jemand Bettlaken. Ein
       funktionales, angenehmes Nebeneinander mit Routine.
       
       Manchmal wird dieses Neben- zum Miteinander. Zum Beispiel, wenn der
       Münzautomat Probleme macht. Oder wenn jemand unaufgefordert wertvolle Tipps
       gibt: „Wenn Sie das so vollstopfen, wird das nie sauber.“ Bei meinem
       letzten Besuch war ein erschöpfter Gast auf einer Bank eingeschlafen. Wir
       anderen senkten unsere Stimmen.
       
       In meiner Ecke lausche ich dem Surren der Maschinen. Ist eine fertig, macht
       sie zehnmal piep. Jemand schaut Tiktoks, dann [1][Bad Bunnys Superbowl
       Show]. Ein Kind fragt seine Mutter etwas in einer Sprache, die ich nicht
       spreche.
       
       Das Wort Salon geht mir durch den Kopf. Ohne das Präfix „wasch“ lässt es
       vor meinem geistigen Auge drei verschiedene Bilder entstehen: ein Ort voll
       von Porzellan und bauschenden Röcken. Ein Nagelstudio voller Azeton und
       Akryl. Zuletzt eine Kneipe mit schwingenden Türen und Stiefelsporen, wo der
       Whiskey fließt, die Fäuste fliegen und die Pferde buckeln.
       
       Mein Buch liegt unberührt neben mir. [2][Entschuldige, Margaret Atwood].
       Manchmal möchte ich mich lieber meinen Schleuderträumen hingeben, als deine
       klugen Gedanken zu lesen. Dein Kopf ist eine Universität, meiner eine
       Waschtrommel.
       
       ## Fenster nach Nigeria
       
       Nach der 11 kommt alles in die 20, einen der umkämpften Trockner. Als ich
       kurz vor die Tür trete, um mein Gesicht in die Sonne zu halten, erzählt mir
       ein anderer Gast aus seinem Leben. Nach zehn Jahren Europa verträgt er die
       Hitze seiner Heimat [3][Nigeria] nicht mehr. Er würde gerne öfter
       zurückreisen, denn er leitet dort soziale Projekte.
       
       Auf seinem Handy zeigt er mir Fotos von dem Kinderheim, das er gebaut hat.
       Mit einem Klick wechselt er zu einer Live-Übertragung von der
       Überwachungskamera im Hof. Damit kann er sehen, ob alles in Ordnung ist.
       Ein blauer Truck parkt unten im Bild. Die Schatten sind lang, die Kinder
       wohl im Haus.
       
       24 Stunden später wieder ein Schleudergang. Ich starre aus dem Fenster des
       ICEs, der mich aus Berlin katapultiert. Bei 177 km/h verschwimmen das
       Innerhalb und Außerhalb des Zuges miteinander. Störche auf den Feldern, ein
       Heißluftballon am Himmel, [4][Lutz van der Horst im Bordbistro]. Die Bilder
       ziehen in einem Mahlstrom vorbei, während die Ankunftszeit heimlich immer
       weiter nach hinten rückt. Auch Bahnminuten sind ihre eigene Zeiteinheit.
       
       1 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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