# taz.de -- Lost in Salzwasser und Räucherstäbchen: Das Leben passiert gerade woanders
> Nach einer Nacht im Club wächst das Bedürfnis nach Ruhe und
> Schwerelosigkeit. Diese in Berlin zu finden, ist jedoch komplizierter als
> gedacht.
(IMG) Bild: Schwerelos trieben: Menschen im Liquidrom einer Therme in Berlin-Kreuzberg
Grün, Blau und Grau ziehen langsam an meinem Augenwinkel vorbei. Dazwischen
schwerelos treibende Körper im Wasser, die gelegentlich zusammenstoßen. Die
Atmosphäre hält, was das Liquidrom verspricht: „Mitten in Berlin, aber wie
auf einem anderen Planeten.“ Und doch wäre es nicht eine Therme in
Kreuzberg, würde nicht unter der Wasseroberfläche ein dumpfer,
gleichmäßiger Technobeat pulsieren, der mich unweigerlich an den Beginn
dieses Wochenendes zurückträgt.
Zwischen Rauchschwaden und elektronischen Klängen lösen sich am
Freitagabend in einem [1][Berliner Club] oben und unten zunehmend auf. Mein
Körper wird leicht, beinahe schwerelos. Die Vergeltung für diesen zu langen
Abend folgt am nächsten Morgen. Nicht der Beat wummert nun, sondern mein
Kopf. Die Tauben gurren zu laut, der Himmel ist zu grau und wenn die Sonne
gelegentlich durchbricht, ist sie zu hell. Es ist, als hätte die Welt ihre
Lautstärke gezielt gegen mich aufgedreht.
Sehnsucht nach mehr Leichtigkeit, nach weniger Gewicht. Also tippe ich
„Orte der Schwerelosigkeit in Berlin“ in Google ein. Das Internet antwortet
prompt. „Fünf Lost Places, die du gesehen haben musst.“ Die Beschreibungen
klingen erwartungsgemäß dramatisch: „lebensgefährlich“ und „streng
bewacht“. Vielleicht will ich ja doch nicht so schwerelos sein?
## Entrückt vor dem Gemälde
Also die Suche nach etwas Anderem. Die Wahl fällt schließlich auf
Berlin-Mitte. Zwischen überteuertem Cappuccino und perfekt arrangierter
Wolle in einem Strickladen liegt das Museum der Stille, verborgen in einem
grauen Gründerzeithaus. Dort sitzt bereits eine ältere Besucherin, die ein
[2][Gemälde] des deutsch-russischen Künstlers Nikolai Makarov betrachtet,
tief versunken, beinahe entrückt. Mit meinen klackernden Schuhen
durchbreche ich ihre Kontemplation. Für einen Moment bin ich der Elefant im
Ruheraum. Sie geht. Ich bleibe und nehme Platz im benachbarten Gulag-Raum
mit torfverkleideten Wänden, der an die Opfer des Stalinismus erinnert.
Doch auch hier: keine reine Stille. Schritte von oben, Kinderstimmen.
Geräusche, die ansonsten untergehen, geraten hier auf einmal in den
Mittelpunkt. Alles, was von draußen hereinsickert, wiegt schwer. Zu schwer.
Es ist, als würde mir ständig jemand zuflüstern: Das Leben passiert gerade
woanders. Jeder Laut wird zum Beweis: Absolute Ruhe existiert nicht. Nicht
in dieser Stadt. Vielleicht auch nicht in mir. Als schließlich die
Türklingel die fragile Stille endgültig zerlegt, stehe ich auf und gehe.
Draußen ist die Welt überraschend mild geworden. Die Tauben klingen nicht
mehr aufdringlich, sondern vertraut, fast tröstlich.
Sonntagmorgen dann das Gegenteil von Stille: [3][Flohmarkt am Maybachufer]
in Berlin-Neukölln. Räucherstäbchen, japanische Pfannkuchen, nach
Materialien geordnete Secondhandkleidung. Alles ist etwas zu teuer und in
ständiger Bewegung. Wir lassen uns treiben, von Stand zu Stand und von
Geruch zu Geruch. Auf dem Landwehrkanal gleitet ein Boot mit dem Namen
„Brasilien“ vorbei. Ein merkwürdiges Versprechen von Wärme, Ferne und
Unbeschwertheit.
## Blühende Blumen, flirrendes Licht
Noch immer von der ungesättigten Sehnsucht nach Stille erfüllt, mache ich
mich auf den Weg an die Ränder Berlins, in den Botanischen Garten. Zwischen
blühenden Blumen und flirrendem Licht finde ich schließlich etwas, das ihr
erstaunlich nahekommt.
Später, im salzigen Wasser, bei der langsamen Auflösung der eigenen
Konturen, beim leisen Auseinanderdriften von allem, was eben noch fest
scheint, der Gedanke: Das Problem mit der Schwerelosigkeit und der Stille
ist vielleicht, dass ich sie an Orten suche, an denen sie versprochen
werden, statt die Momente wahrzunehmen, in denen sie einfach geschehen.
18 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rahel Bueb
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