# taz.de -- ZLB Berlin am Alexanderplatz: Ein Haus gegen die Leere
       
       > Die Zentral- und Landesbibliothek wird 125 Jahre alt. Seit ihrer Gründung
       > sucht sie den richtigen Ort. Die Galeria Kaufhof am Alex könnte ihn
       > bieten.
       
 (IMG) Bild: So könnte sie aussehen, die ZLB in der Galeria Kaufhof am Alex
       
       Wer am Alexanderplatz stehen bleibt, merkt schnell, dass hier schon lange
       vieles nicht mehr stimmt. Hunderttausende kommen jeden Tag vorbei. Sie
       steigen um, kaufen ein, flüchten schnell wieder. Müden Tourist*innen ist
       der Rand des Brunnens der Völkerfreundschaft zu dreckig, um sich zu setzen.
       Berliner*innen warten mit dem Rücken zur Weltzeituhr und sagen, dass
       sie nur der Freundin zuliebe hier seien, die sich eine billige Jeans kaufen
       muss.
       
       Selbst den Straßenkindern, die den Platz vor zehn Jahren noch auf ihre
       Weise belebten, ist es hier zu ungemütlich geworden. Der Alex gilt als
       kriminalitätsbelasteter Ort, [1][seit 2017 gehören Kameras, Polizeipräsenz
       und Kontrollen zur Kulisse]. Aus dem geschichtsträchtigen (Ost-)Zentrum
       Berlins ist ein trostloser Ort des Transits und des Billigkonsums geworden.
       Ein berühmter Platz voller Menschen, der trotzdem immer öder wirkt: Das ist
       ein Problem, an dem ausgerechnet eine Bibliothek etwas ändern könnte.
       
       Am 6. Juni feiert die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) ihren 125.
       Geburtstag. Ihre Geschichte ist von Beginn an auch eine der Raumnot: 1901
       aus einer Idee gegründet, die radikal war – und es heute wieder ist:
       Bildung sollte nicht länger Privileg weniger bleiben.
       
       Früh gab es Neubaupläne, doch nach dem Ersten Weltkrieg wurde die
       Bibliothek ins ehemalige Marstallgebäude an der Breiten Straße gerettet.
       1995 wurde die Berliner Stadtbibliothek mit der 1954 eröffneten
       Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) zusammengeführt. Seitdem hat Berlins
       wichtigste Bibliothek zwei Publikumsstandorte – und sucht ein gemeinsames
       Dach.
       
       ## Viele Standortdebatten
       
       Kaum eine Berliner Kulturinstitution hat so viele Standortdebatten erlebt.
       Neubau- und Erweiterungspläne am Marx-Engels-Forum, an der AGB am
       Blücherplatz und auf dem Tempelhofer Flughafen scheiterten. Nebenideen wie
       die Nutzung des ICC verschwanden wieder. Die Nachnutzung der Galéries
       Lafayette wurde diskutiert und verworfen. Nun richtet sich der Blick auf
       den Alexanderplatz, wo die ZLB viel bewirken könnte.
       
       [2][Noch vor wenigen Monaten schien die Sache Schwung zu bekommen.] Die
       Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt machte sich
       dafür stark, die ZLB in die Galeria Kaufhof zu bringen. Ausgerechnet dort,
       wo nicht nur der klassische Warenhausgedanke an sein Ende gekommen ist,
       sondern auch die Vorstellung, Shopping könne eine Stadt nachhaltig kitten,
       könnte öffentliche Infrastruktur entstehen.
       
       Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn es so einfach wäre. Mit dem
       [3][Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson wenige Wochen] vor den Berliner Wahlen
       ist neue Unsicherheit entstanden. Das Kulturressort hat jetzt ausgerechnet
       Stefan Evers (CDU) – Finanzsenator und Gesicht des Sparkurses – mit
       übernommen.
       
       In der Kulturszene wirkt das wie ein Schreckensszenario; der Intendant des
       Berliner Ensembles nannte ihn „Faust und Mephisto in einer Person“.
       [4][Zugleich ist kaum zu erwarten, dass Evers vor der Wahl noch große
       Sprünge macht.] Eher dürfte er verwalten, sortieren, beruhigen.
       
       Offiziell hält der Senat an der Hoffnung fest. Aus der Kulturverwaltung
       heißt es, man befinde sich zum Standort Alexanderplatz in „guten
       Gesprächen“. Leerstand an einem der meistfrequentierten Orte Berlins sei
       nicht zu verantworten, eine ZLB mit mehr als einer Million Besuchen
       jährlich könne „Attraktivität und Vielfalt des Platzes steigern“. Details
       nennt die Verwaltung nicht.
       
       Für die ZLB heißt das: Eine verbindliche Weichenstellung vor der Wahl ist
       kaum zu erwarten. „Die Chance, die sich aktuell am Alexanderplatz ergibt,
       darf nicht wieder verpasst werden“, sagt Jonas Fansa, Direktor der ZLB, zur
       taz. Julian Schwarze von den Grünen meint: „Es ist nicht erkennbar, warum
       die Weichenstellung Richtung Alex nicht längst erfolgt ist.“ Anders gesagt:
       Zwar sprechen viele für das Projekt. Aber die Koalition steht nicht
       stringent genug dahinter.
       
       Dabei drängt die Zeit. Denn die ZLB ist längst keine klassische Bibliothek
       mehr. [5][Wer heute die AGB betritt], die ursprünglich für 500
       Besucher*innen täglich konzipiert wurde und heute 3.000 verdauen muss,
       findet dort Sprachlernangebote, Digitalcafés, Medienwerkstätten, Lesungen,
       Musikangebote. Es können Kunstwerke, Drumcomputer, Nähmaschinen und Laptops
       ausgeliehen werden.
       
       Schüler*innen vom benachbarten Mehringplatz – einem der ärmsten der
       Stadt – lernen für Prüfungen, die jüngeren Geschwister vertrödeln die
       Nachmittage derweil in der Kinderbibliothek. In Berlin wächst nach jüngsten
       Zahlen fast jedes vierte Kind in einem Bürgergeldhaushalt auf – fast
       doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt.
       
       Beim Lesen zeigt sich, was das bedeutet: 27,2 Prozent der Berliner
       Viertklässler*innen verfehlen den Mindeststandard, bundesweit sind es
       ein Drittel weniger. Ein Schulsystem, das schon in der Grundschule solche
       Lücken nicht schließen kann, braucht öffentliche Lernorte wie die
       Bibliothek umso dringender.
       
       Aber die Bibliothek fängt nicht nur auf, was Schule und Elternhaus nicht
       leisten können. In der AGB zeigt sich auch, wie viele Formen von Teilhabe
       in dieser Stadt inzwischen fragil geworden sind. Themen wie Einsamkeit,
       Exil, Armut und Mietenmisere treffen auf engstem Raum zusammen. Besonders
       im Winter nutzen auch Wohnungslose die Bibliothek. Sie werden nicht
       hinauskomplimentiert, vielmehr denkt die ZLB darüber nach, das Team
       perspektivisch mit Sozialarbeiter*innen zu ergänzen. Und das ist in
       einer Stadt, die immer dichter, teurer und kommerzieller wird, kein Zeichen
       des Scheiterns, sondern eins von Relevanz.
       
       ## Was fehlt, ist Raum
       
       Die ZLB ist längst Volkshochschule, Bürgerzentrum, Coworking-Ort und
       öffentliches Wohnzimmer zugleich. [6][Den gefeierten Bibliotheken in
       Helsinki, Aarhus, Gent oder Oslo steht sie im Angebot kaum nach]; mit bis
       zu 5.000 Besuchen am Tag ist sie schon heute die meistbesuchte
       Kultureinrichtung Berlins. Was fehlt, ist Raum. Während die vier
       europäischen Vorbilder im Schnitt auf rund 3,7 Besuche pro Einwohner und
       Jahr kommen, liegt die ZLB bei etwa 0,5 – nicht, weil sie weniger zeitgemäß
       wäre, sondern weil sie in zwei zu kleine, überlastete und marode Häuser
       gezwängt ist.
       
       Die beiden bestehenden Standorte verfügen zusammen über rund 7.500
       Quadratmeter Publikumsfläche. Im Kaufhof am Alexanderplatz stünden rund
       17.000 Quadratmeter zur Verfügung, berichtet Jonas Fansa. Hinzu kommt, dass
       der neue Ort auch baulich drängt. Im Sommer 2024 kam es am Standort Breite
       Straße zu einem massiven Wassereinbruch. In einem Magazin stand das Wasser
       zehn Zentimeter hoch, sagt Fansa. In den Magazinen lagert das kulturelle
       Gedächtnis der Stadt: Handschriften, Karten, Zeitungen, Nachlässe, Drucke.
       
       Eine Sanierung der bestehenden Standorte oder ein Neubau würde enorme
       Summen verschlingen, so Fansa. Der Umbau des Kaufhofs sei trotz der
       geschätzten 600 Millionen Euro wirtschaftlicher. Die Eigentümerin des
       Gebäudes Commerz Real, Immobilientochter der Commerzbank-Gruppe,
       befürwortet den Einzug der ZLB selbst. Sie würde nicht ins entstehende
       Bürohochhaus überm Kaufhof-Gebäude einziehen, sondern in Teile der
       Räumlichkeiten, die das Warenhaus heute noch nutzt. Wie gut das
       funktionieren würde zeigt ein Entwurf des Architekturbüros Atelier Oslo und
       lundhagem für Commerz Real.
       
       Die offenen Geschossflächen, das zentrale Atrium und die robuste
       Warenhausstruktur eignen sich wunderbar für eine moderne Bibliothek. Ein
       eigener Eingang zum Stadtplatz könnte die Bibliothek von den Zugängen einer
       geschrumpften Galeria trennen. Große Fenster, geöffnete Fassaden und eine
       Dachterrasse könnten Innenraum und Stadtraum verschalten. Die AGB stellt im
       Sommer längst Liegestühle und Sonnenschirme auf die Wiese. Warum nicht auch
       am Alex?
       
       Aus einem Kaufhaus würde ein öffentliches Haus. Rasmus Duong-Grunnet von
       Gehl Architects aus Kopenhagen hat den Alexanderplatz im Auftrag von
       Commerz Real untersucht. Bislang sei er vor allem eine überdimensionale
       Verkehrsinsel, sagt er der taz, umstellt von Einzelhandel, der sich nach
       innen wendet. Auch von den geplanten Wohn- und Bürohochhäusern sei kaum zu
       erwarten, dass sie dem Platz jene Urbanität schenken, die ihm fehlt.
       
       ## Mehr als ein Frequenzbringer
       
       Genau darin läge die eigentliche Kraft des ZLB-Projekts. Die Bibliothek
       wäre am Alexanderplatz nicht bloß neuer Nutzer, nicht bloß Frequenzbringer,
       nicht bloß Rettungsanker für ein Warenhaus. Sie könnte dem Platz etwas
       geben, was er seit Langem vermissen lässt: ein Innenleben, eine Adresse,
       einen Anlass zu bleiben. Sie könnte Stadtreparatur betreiben.
       
       Wie stark so etwas wirken kann, zeigt Birmingham. Dort wurde die neue
       Zentralbibliothek zum Anker einer größeren Reparatur eines beschädigten
       Stadtraums: Verkehrsschneisen, Betonarchitektur und dunkle Unterführungen
       wichen besseren Wegebeziehungen, einem neuen Platz, Bäumen, Sitzkanten und
       einem flachen Wasserfeld. Die Bibliothek stand nicht einfach an diesem
       Platz. Sie half, ihn wieder zu einem Ort zu machen.
       
       An einem gewöhnlichen Frühsommerabend in der Amerika-Gedenkbibliothek ist
       fast jeder Platz besetzt. Zwei junge Frauen beugen sich über dicke grüne
       Wörterbücher und sprechen Russisch. Drei Abiturientinnen suchen Literatur
       für die Deutschklausur. Niemand muss etwas kaufen. Niemand muss etwas
       bestellen. Niemand muss etwas beweisen. Das ist die knappste Ressource der
       Stadt geworden.
       
       Und es wäre das schönste Geschenk, das die ZLB zu ihrem Geburtstag verdient
       hätte: endlich ein Haus, das groß genug ist für diese großartige Stadt.
       
       5 Jun 2026
       
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