# taz.de -- Berliner Kulturpolitik: Mut allein reicht nicht
> Bei einer Debatte warben die Spitzenkandidat*innen um das Vertrauen
> der Kulturszene. Dabei zeigte sich: Berlin braucht jetzt jemanden, der
> kämpft.
(IMG) Bild: Werner Graf, Stefan Evers, Moderatorin Anne Schneider, Steffen Krach und Elif Eralp auf dem Podium
Dass [1][Stefan Evers] an diesem Abend überhaupt auf dem Podium sitzt, ist
mutig. Man könnte auch sagen: Es ist bemerkenswert schmerzfrei. Denn der
CDU-Politiker tritt in der Akademie der Künste vor genau jenes Publikum,
das in den vergangenen Monaten die Folgen seiner Politik zu spüren bekommen
hat. Vor Intendant*innen, Theatermacher*innen, Künstler*innen und
Kulturfunktionär*innen muss der Berliner Finanz- und Kultursenator
einen [2][Sparkurs verteidigen, der die Kulturszene erschüttert hat]. Die
Reihen sind voll besetzt, die Stimmung ist angespannt. Evers weiß, dass er
hier kaum auf Applaus hoffen kann. Trotzdem ist er da – und der Abend
sofort bei seinem Thema.
Unter dem Titel „Was ist die Kultur wert?“ haben am Donnerstagabend der Rat
der Künste und das Literaturhaus Berlin wenige Monate vor der
Abgeordnetenhauswahl zu einer Podiumsdiskussion mit den
Spitzenkandidat*innen der demokratischen Berliner Parteien
eingeladen. Neben Evers sitzen Steffen Krach für die SPD, Werner Graf für
die Grünen und Elif Eralp für die Linke auf der Bühne. Die Ausgangslage
könnte kaum ernster sein. Nach der [3][Fördergeldaffäre], zwei
[4][Rücktritten an der Spitze] der Kulturverwaltung und den drastischen
Kürzungen steckt die Berliner Kulturpolitik in einer tiefen Krise. Man
sieht es auch an der gerade laufenden [5][Aktionswoche
#DeineStimmeFuerKultur]: Es fehlt nicht nur Geld. Es fehlt auch Vertrauen.
Das wird schnell deutlich. Die Debatte kreist zwar immer wieder um
Haushalte und Prozente, eigentlich geht es aber um mehr: um Transparenz, um
politische Glaubwürdigkeit und um die Frage, wie Entscheidungen künftig
getroffen werden sollen. Zu oft, so der Vorwurf aus der Szene, wurde über
Kultur gesprochen statt mit ihr. Zu oft wurden Entscheidungen verkündet,
ohne die Betroffenen einzubeziehen.
[6][Steffen Krach] versucht sich an diesem Abend vor allem in der Kunst des
Eingeständnisses. Immerhin: Er räumt ein, dass die vergangenen Jahre keine
guten für die Kultur gewesen seien. Das ist bemerkenswert. Während viele
Politiker Krisen am liebsten wegmoderieren, erkennt Krach zumindest an,
dass die Kulturpolitik der aktuellen Koalition erheblichen Schaden
angerichtet hat. Dagegen bleibt die Aufzählung seiner Schwerpunkte –
bezahlbare Räume, bessere Arbeitsbedingungen und das Kulturfördergesetz –
fast blass.
## Grüne setzen Schwerpunkte
[7][Werner Graf von den Grünen] setzt dagegen echte Schwerpunkte. Ihm geht
es neben den Räumen, der Bezahlung und dem [8][Kulturfördergesetz] vor
allem um die Freiheit der Kunst. Immer wieder spricht er über unabhängige
Jurys, transparente Verfahren und die Notwendigkeit, politische
Einflussnahme zurückzudrängen. Das wirkt zunächst technisch, ist aber
brisant. Denn die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell
Kulturförderung und Kulturpolitik zum Gegenstand ideologischer
Auseinandersetzungen werden.
Graf verweist darauf, dass rechte Parteien Kultur zunehmend als politisches
Hauptkampffeld entdecken. Und tatsächlich häufen sich die Fälle, in denen
die Politik versucht, Einfluss auf kulturelle Entscheidungen zu nehmen: Man
denke nicht nur an die Fördergeldaffäre, sondern auch an
[9][Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und seine Einmischung rund um die
Berlinale und die Vergabe des Deutschen Buchhandlungspreises]. Graf hat
recht, wenn er sagt, dass hier bislang nicht genug Brandmauern stehen. Die
Verteidigung der Kunstfreiheit müsste längst viel lauter sein.
[10][Elif Eralp] wiederum spricht weniger über Verfahren als über
Prioritäten. Für die Linke ist Kulturpolitik vor allem eine soziale Frage.
Sie fordert bessere Arbeitsbedingungen, eine stärkere freie Szene,
Tarifbindung und mehr öffentliche Investitionen. Während andere über
Sachzwänge sprechen, redet Eralp über politische Entscheidungen. [11][Geld
sei vorhanden, lautet ihre Botschaft, und erwähnt Luxusvillasteuern und
andere angedachte Werkzeuge der Umverteilung.] Die Frage sei lediglich,
wofür es ausgegeben werde.
Und dann ist da immer wieder Stefan Evers, der an diesem Abend vor allem
als Finanzsenator spricht. Die Haushaltslage sei dramatisch, die Spielräume
seien gering, die Erwartungen unrealistisch. Kultur müsse resilient werden.
Es ist ein Wort, das an diesem Abend immer wieder fällt und das doch vor
allem eines signalisiert: Anpassung an die Verhältnisse.
Man kann Evers seine Ehrlichkeit kaum vorwerfen. Er verspricht nichts, was
er nicht halten kann. Aber das ist auch das Problem. Wer Kulturpolitik
ausschließlich aus der Perspektive eines Finanzsenators betrachtet, der hat
nicht im Blick, warum Kultur überhaupt politisch verteidigt werden muss.
Deshalb bleibt am Ende ausgerechnet ein Satz von Krach hängen. Kultur
brauche Menschen, die für sie brennen und für sie kämpfen.
Berlins Kulturszene kann nach dieser desaströsen Legislaturperiode keinen
weiteren Verwalter vertragen. Sie braucht jemanden, der zuhört, erklärt,
einbindet, streitet und Kultur innerhalb der Regierung zur Priorität macht.
Jemanden, der nicht nur Haushaltsrealitäten beschreibt, sondern politische
Möglichkeiten eröffnet. Sie braucht eine Person, der mehr ist als mutig
genug, um sich auf ein Podium zu setzen.
12 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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