# taz.de -- Koalitionsstreit um Energiepreise: Autoindustrie stellt sich hinter Reiche
> Kanzler Merz hat Erwartungen an schnelle Entlastungen gedämpft. Der
> Bauernverband warnt vor steigenden Lebensmittelpreisen, die Autolobby
> stützt die Wirschaftsministerin.
(IMG) Bild: Und jetzt, Deutschland? Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Katherina Reiche (CDU)
afp/dpa/rtr | Bauernpräsident Joachim Rukwied hat die Bundesregierung wegen
der jüngsten rasanten Preissteigerungen zum Handeln aufgefordert.
„Angesichts der dramatischen Preisentwicklung bei Diesel und Düngemitteln
brauchen wir zwingend schnelle Entscheidungen für eine Entlastung der
Landwirtschaft“, sagte Rukwied der Deutschen Presse-Agentur. „Diese enormen
Kosten schnüren unseren Betrieben die Luft ab. Wenn keine schnelle
Entscheidung fällt, kann es sein, dass die Erntemengen zurückgehen und die
Lebensmittelpreise ab dem Sommer deutlich ansteigen.“
Spitzenvertreter von Union und SPD wollen am Wochenende [1][über die hohen
Energiepreise], aber auch über die anstehenden Reformen beraten.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat angekündigt, dass
dazu am Sonntag auch der Koalitionsausschuss zusammenkommen wird – neben
dem Kabinett das wichtigste Entscheidungsgremium des schwarz-roten
Regierungsbündnisses. Seitens der Koalitionsparteien und aus dem Kanzleramt
gab es dazu aber keine offizielle Bestätigung.
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte die Hoffnung [2][auf schnelle
Entlastungen wegen der hohen Spritpreise] gedämpft. Die Bundesregierung sei
„in engstem Dialog“, man solle aber nicht mit kurzfristigen Entscheidungen
rechnen, sagte der CDU-Chef am Donnerstag in Berlin. Zwischen
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Reiche gibt es Streit über mögliche
Maßnahmen.
## Bauernpräsident fordert Steuerentlastungen
Die Bundesregierung müsse beim Diesel die CO2-Besteuerung aussetzen und die
Energiesteuer zeitweise reduzieren, forderte Rukwied, Präsident des
Deutschen Bauernverbandes. Zudem brauche es eine Preisbeobachtung für
Düngemittel und eine zeitweise Aussetzung des CO2-Grenzausgleichs für
Dünger.
„Besonders Stickstoffdünger hat sich seit Jahresbeginn auf den Weltmärkten
um 30 bis 40 Prozent verteuert, die Abgabepreise an deutsche Landwirte
liegen mittlerweile bis zu 30 Prozent über dem Vorjahr“, sagte Rukwied. Auf
das Düngen zu verzichten, sei keine Option. „Ohne Stickstoff sinken Ertrag
und Qualität unmittelbar.“
## Foodwatch übt Kritik
Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisierte, der Krieg im Iran dürfe
nicht als Vorwand dienen, die Wunschliste der Lebensmittelindustrie
durchzudrücken. Anstatt jetzt nach Staatshilfen zu rufen, müsse sich diese
von Öl und Gas unabhängiger machen, sagte Foodwatch-Geschäftsführer Chris
Methmann. „Bio-Betriebe haben gerade die Nase vorn: Sie benötigen keinen
energieintensiven Kunstdünger, der in großen Mengen durch die Straße von
Hormus transportiert wird.“ Die Bundesregierung müsse zudem
Verbraucherinnen und Verbraucher entlasten – etwa mit einer Nullsteuer auf
Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte.
Die SPD-Energieexpertin Nina Scheer hat angesichts der hohen
Energiepreise einen „Energiewende-Gutschein“ für Geringverdiener sowie ein
hartes Vorgehen gegen Mineralölkonzerne bis hin zur Entflechtung gefordert.
In einem am Sonntag veröffentlichten Positionspapier kritisierte sie zudem
eine mangelnde Initiative der Bundesregierung in der Energiekrise und
Führung in der EU. So gebe es einen „innereuropäischen
Überbietungswettbewerb im Umgang mit steigenden Spritpreisen, der dringend
gestoppt werden muss“.
Der von Scheer vorgeschlagene „Energiewende-Gutschein“ solle unterhalb
einer bestimmten Einkommensgrenze gewährt werden. Er könne wahlweise „für
Elektromobilität, für weitere Sanierungsmaßnahmen, für Energiegewinnungs-
und Speichertechnologien oder für etwa fünf Jahre für eine Verbilligung
von ÖPNV und Bahnfahrten eingesetzt werden“, heißt es in dem Papier der
energiepolitischen Sprecherin der Fraktion. Dies greife unterschiedliche
Lebensbereiche auf und beziehe eine soziale Staffelung ein. Zudem schlug
die SPD-Politikerin eine sofortige Senkung der Stromsteuer auf das
europäische Mindestmaß sowie eine Finanzierung des Stromnetzausbaus aus
Steuermitteln statt über Netzentgelte vor.
## Autoindustrie stellt sich in Koalitionsstreit hinter
Wirtschaftsministerin Reiche
Im Koalitionsstreit um die Reformpolitik hat sich der Verband der
Automobilindustrie (VDA) hinter [3][Bundeswirtschaftsministerin Katherina
Reiche (CDU)] gestellt. „Bundeswirtschaftsministerin Reiche argumentiert zu
Recht, dass Wachstum die Grundlage für unsere soziale Marktwirtschaft ist
und dass dafür eine strukturelle Neuaufstellung notwendig ist – ohne
weitere Belastungen des Haushalts“, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller
der „Bild am Sonntag“. „Die Vorschläge, wie beispielsweise das Vorziehen
der Senkung der Körperschaftssteuer, die pragmatische Energiepolitik und
die ehrliche Kommunikation gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, dass mehr
und länger arbeiten Realität werden wird – sind daher folgerichtig und
notwendig“, sagte Müller weiter. Deutschland habe einen gewaltigen
Reformbedarf in allen Bereichen.
„Hier reichen keine kleinen Schritte, hier braucht es den großen Wurf, ein
Um- und Neudenken und vor allem den Mut, Veränderungen durchzusetzen“,
sagte die VDA-Chefin. Nur so ließen sich „Wachstum, Wohlstand und
Arbeitsplätze“ sichern. Reiche war zuletzt offen auf Konfrontationskurs zu
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) gegangen – und hatte damit den Missmut
von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) provoziert. Die SPD warf Reiche
koalitionsschädigendes Verhalten vor. In dem Streit geht es neben der
Reformpolitik auch um Entlastungen in der Energiepreiskrise.
## BSW-Gründerin Wagenknecht fordert Ablösung von Reiche und Klingbeil
BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht hat die Regierung scharf für ihr
Krisenmanagement kritisiert und eine Ablösung von Wirtschaftsministerin
Katherina Reiche (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) gefordert.
Von beiden sei bislang „kein vernünftiger Vorschlag“ gekommen, um die
Spritpreise zu senken, sagte sie am Sonntag der Nachrichtenagentur AFP. Die
Regierung sei in einem „erbärmlichen Zustand“ und „nicht nur die
Wirtschaftsministerin, sondern auch der Finanzminister müsste ausgetauscht
werden“. Das BSW fordere einen Spritpreisdeckel von 1,50 Euro, fuhr
Wagenknecht fort. Das sei möglich, wenn die Bundesregierung Steuern und
Abgaben auf Energie senke und eine Preisobergrenze per Gesetz wie in
anderen Ländern festlege.
12 Apr 2026
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