# taz.de -- Pressefreiheit in Ungarn: Orbáns Feinde
> In Ungarn kontrolliert die Regierung die meisten Medien. Doch einige
> Häuser berichten weiterhin kritisch. Zwei Redaktionsbesuche kurz vor der
> alles entscheidenden Wahl.
(IMG) Bild: Besuch im Studio von Klubrádió in Budapest
Im Großraumbüro des ungarischen Magazins HVG herrscht an diesem
Mittwochvormittag konzentriertes Schweigen. Bildschirme leuchten, Telefone
klingeln, kaum jemand hebt den Kopf. Alle sind hochbeschäftigt, denn es ist
kurz vor Redaktionsschluss der neuen Ausgabe und wenige Wochen vor der
Parlamentswahl am 12. April.
András Földes, 55, nimmt sich dennoch Zeit für ein Gespräch. Als
langjähriger Reporter kennt er den Verfall der Medienlandschaft von innen.
Er gehört zu jenen Journalisten, die 2020 bei Index, dem damals größten
unabhängigen Medium Ungarns, gemeinsam kündigten und ein neues Medium,
Telex, eröffneten. Davon erzählt er in seinem Dokumentarfilm, der derzeit
in Ungarn zu sehen ist.
2022 wechselte Földes zu HVG, gegründet 1979 noch zu Zeiten des
Sozialismus. Heute ist es eines der wenigen verbliebenen unabhängigen
Leitmedien Ungarns. Das Wochenmagazin behandelt Wirtschaft, Politik und
Kultur und wird häufig mit dem britischen Economist verglichen.
Kritischer Journalismus ist in Viktor Orbáns Ungarn mittlerweile die
Ausnahme. Längst werden fast alle ungarischen Medien vom Staat
kontrolliert. Antal Rogán, Orbáns Kabinettschef, hat die letzten Jahre
Milliarden an Steuergeld in regierungsnahe Medien gepumpt. Unabhängige
Häuser wurden aufgekauft, Chefredaktionen wurden mit Strohmännern besetzt,
Werbegelder entfielen.
## Propaganda per App
Hinzu kommt, was Földes als „Propagandaökosystem“ bezeichnet:
Plakatkampagnen, bezahlt von NGOs ohne formelle Verbindung zu Fidesz. Und
Propaganda, die sogar über die offizielle Steuer-App auf den Handys der
Bürger landet. Dieses System ist allgegenwärtig. „Wer diese Inhalte nicht
kritisch analysiert, beginnt sie irgendwann zu glauben“, sagt Földes.
Aktuell dreht der Reporter eine Videoserie in Kneipen auf dem Land. Was er
hört, macht ihm Sorgen. Er spricht von „freundlichen, guten Menschen“, die
ihm erklären, aus Angst vor dem Krieg Fidesz zu wählen. Wer würde Ungarn
angreifen? Die Russen? Die Ukrainer? Auf solche Fragen wissen sie keine
Antwort. Die Botschaft kam an, der Kontext nicht, sagt Földes: „Bei der
letzten Wahl hieß es noch: Ohne Fidesz kommen Migranten und vergewaltigen
eure Töchter. Ich habe das wortwörtlich von Leuten auf dem Land gehört. In
Gegenden, in denen nie ein Migrant auftaucht.“
Seine eigene Arbeit habe sich durch den Druck von oben kaum verändert, sagt
Földes. „Der Druck kommt nie direkt. Kein Verbot, kein Anruf“, sagt Földes.
Stattdessen gebe es Eigentümerstrukturen, die sich im Verborgenen
verschieben. Chefredakteure, die gehen müssen. Und Werbekunden, die
plötzlich keine Anzeigen mehr schalten, weil die Regierung im Hintergrund
Druck auf sie ausübt.
Auch Klubrádió-Eigentümer András Arató spürt den Druck. Der 72-Jährige lädt
eine Gruppe von Journalisten aus mehreren Ländern zum Gespräch. Der
Ingenieur und Unternehmer kaufte den Sender 2001 aus Frustration über das
staatliche Propagandaradio und baute ihn zum einzigen unabhängigen
Radiosender Ungarns um.
## Rein digitaler Sender
Der Sender hat seinen Sitz in Budapest. 2021 entzog ihm die ungarische
Medienbehörde die UKW-Frequenz – offiziell wegen zweier verspätet
eingereichter Verwaltungsberichte. Der Europäische Gerichtshof urteilte
kürzlich, dass dies illegal war und dass das ungarische Mediengesetz selbst
gegen europäisches Recht verstößt. Folgen hatte das Urteil jedoch keine.
„Der ungarische Staat wird sein Gesetz nicht ändern. Vor der Wahl werden
wir auch garantiert keine Antwort der Medienbehörde mehr erhalten“, sagt
Arató. Doch er fügt hinzu: „Es ist dennoch ein großer moralischer Sieg: Wir
hatten recht.“
Der Sender strahlt also weiterhin nur digital aus, nach eigenen Angaben mit
150.000 bis 200.000 Hörern täglich, mehr als in der UKW-Zeit. Zweimal im
Jahr sammelt er Spenden, 12.000 bis 15.000 Unterstützer halten ihn am
Leben.
Wie gefährlich die Lage werden kann, zeigt auch das Souveränitätsgesetz,
das seit Ende 2023 in Kraft ist. Es kann jedes Medium, das auch nur einen
Cent aus dem Ausland erhält, zum „ausländischen Agenten“ erklären – ohne
Widerspruchsmöglichkeit. Klubrádió stand auf der Vorabliste der dafür neu
geschaffenen Behörde, weil es einmal eine Unterstützung der US-Botschaft
erhalten hatte. Am Ende kam es nicht zu einer Verfolgung und Strafen, doch
die Gefahr besteht jederzeit.
Vergangene Woche zeigte sich, wie auch einzelne unabhängige Journalisten
ins Visier geraten: Szabolcs Panyi, der für die Investigativmedien Direkt36
und Vsquare schreibt, recherchierte zu den ungarisch-russischen
Beziehungen. Nun veröffentlichte er das Protokoll eines abgehörten
Telefonats zwischen Außenminister Péter Szijjártó und seinem russischen
Kollegen Sergej Lawrow, das im Februar 2020 stattfand. Darin bat Szijjártó,
dem slowakischen Politiker Pellegrini einen Moskau-Besuch als
Wahlkampfhilfe zu ermöglichen. Budapest reagierte auf die Enthüllungen aber
nicht mit Aufklärung, sondern mit einer Kampagne gegen Panyi, den
Regierungssprecher Zoltan Kovacs [1][als „ausländischen Agenten“
bezeichnete.]
Welche Rolle spielt der Ausgang der Wahl für die unabhängige Presse? Die
Umfragen führt seit Monaten Péter Magyar an. Auch Földes und Arató sehen
erstmals Chancen auf einen Regierungswechsel, trauen Magyar aber nur
bedingt. „Er greift durchaus auch Redaktionen an, wenn Berichte über ihn
ungünstig ausfallen“, sagt Földes. Der Klubrádió-Gründer teilt diesen
Eindruck und sagt: „Magyar hat meine Stimme. Aber um mein Vertrauen muss er
noch kämpfen.“
## Fast schon Euphorie
Klar ist: Auch in der Opposition würde Fidesz ein schweres Gegenüber sein,
denn Orbáns Leute sitzen in allen wichtigen Institutionen und Behörden.
Umso wichtiger sind die verbliebenen ungarischen Medien. HVG steht
vergleichsweise gut da: Das Haus finanziert sich nicht allein durch
Journalismus, sondern auch durch Buchvertrieb und Veranstaltungen.
Földes schätzt die Chancen auf einen Machtwechsel auf 50:50 ein. Für einen
ungarischen Journalisten ist das, nach 16 Jahren Orbán, fast schon
Euphorie. Doch die unabhängigen Medien, die fast ausschließlich von
Lesergeldern leben, treibt auch eine andere Sorge um: dass die
Unterstützung nachlässt, sobald Fidesz weg ist. Weil die Leute aufatmen und
denken, die Arbeit sei getan. Doch das ist ein Trugschluss.
31 Mar 2026
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